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Gottfried Daniel Krummacher – Die hohepriesterliche Segensformel – Achte Predigt.

03.09.10 (04. 4. Mose, Krummacher, Gottfried Daniel)

4. Mose 6,26.27

Der Herr erhebe sein Angesicht über dich und gebe dir Friede.

Denn ihr sollt meinen Namen auf die Kinder Israel legen, daß ich sie segne.

Wir betrachten denn das Doppelwerk des heiligen Geistes. Jehovah erhebe sein Angesicht über dich und gebe dir Friede und den Schluß des Ganzen.

I.

Erhebet Jehovah, der heilige Geist, sein Angesicht über uns, so bringt das die fröhliche Erhebung unseres Herzens zuwege durch Zueignung des Trostes des Evangeliums.

Das Gesetz, wenn es offenbar wird, drückt uns nieder. Es drückt nieder durch Offenbarung der Sünde, die wir nur aus demselben in ihrer erschrecklichen Bedeutsamkeit kennen lernen, durch sein strenges Gebot, welches sogar die Gedanken und die geringste Neigung zu etwas Ungöttlichem untersagt, leitet es unsere Aufmerksamkeit auf den innersten Zustand unseres Herzens. In seiner früheren Ausgekehrtheit und Zerstreuung blieb der Mensch sich selbst ganz unbekannt, wußte allenfalls besser, was in andern Weltteilen, als was in seinem eigenen Herzen vorgeht, und hatte deswegen eine sehr selbstgefällige Meinung von seinem Seelenzustande, wie elend er auch war. Da rühmt man sich seines guten Herzens und seiner armseligen Tugend. Jetzt aber wird sein Blick, durchs Gesetz erleuchtet, in sein Inneres geleitet. Alles, was er nun in sich gewahr wird, schlägt ihn darnieder. Was er nie von sich gedacht hätte, findet er nun in sich, nämlich ein Gesetz, ja ein Gesetz in seinen Gliedern, das ihn gefangen hält. Die Sünde ist ihm zu mächtig. Sie reißt ihn mit sich fort, indem doch etwas in ihm ist, was das Gute will, aber nicht thut. Die Sünde wird in ihm lebendig, und er ihr Gefangener, obwohl wider Willen; obwohl er gern frei wäre und würde von dieser schmählichen Gebundenheit, deren Absicht der ewige Tod ist, und woraus er kein Entkommen sieht.

Seit ihr auf dieser Station, oder waret ihr da, so wisset ihr auch von der Niedergeschlagenheit zu sagen, die David in den Worten ausdrückt: Meine Sünde ist mir als eine schwere Last zu schwer geworden. Das Gesetz drückt nieder durch die Unmöglichkeit, die Bedingungen zu erfüllen, woran es die Verheißung des ewigen Lebens knüpft. „Du sollst leben, sagt es, aber thue das.“ Was denn? Was im Buche des Gesetzes geschrieben steht. Wie viel? Alles. Wie lange? Allezeit. In welcher Weise? Vollkommen. Aber wie, wenn ich thäte, was ich könnte? Das gilt nichts. Wer an einem fehlet, ist des Gesetzes schuldig. Wer im Geringsten nicht treu ist, ist’s auch im Größten nicht. Wer jemanden ansieht, sein zu begehren, ist nicht besser als ein Ehebrecher, und wer seinen Nächsten haßt, so arg wie ein Todschläger. Arbeite, wie du kannst, du wirst die Erfahrung teilen, die Hiob machte, wenn er sagt: Was arbeite ich so vergeblich, ich werde doch gottlos sein (Cap. 9,30). Setze erst einen guten Baum, so wird die Frucht gut, ein neues Herz, eine neue Natur, so wird der Wandel gut. Doch wozu so viele unnötige Worte? Höret Christum, welcher sagt: Bei den Menschen ist’s unmöglich. Hört seinen Apostel, welcher sagt: Dem Gesetz ist’s unmöglich, denn es ist durch die Sünde geschwächet. Aus solcher zweier Zeugen Munde wird doch die Sache bestehen und bestehen müssen. Sollte das nicht niederschlagen? Nun aber kommt noch der Fluch über jeden, der nicht bleibt und beharret in alle dem, was dazu geschrieben steht, daß wir es nicht blos wissen, sondern thun. Diesen Fluch kann man nicht mehr, wie man früher that, verachten; man entsetzt sich darüber, daß einem die Haut schaudert. Ja, in diesen Umständen fühlt der Mensch etwas davon in seinem Gewissen und leidet die Schrecknisse Gottes schier zum Verzagen. Da gilt kein Geringschätzen mehr. Die Furcht, dieser Zustand möge nie endigen, läßt der Seele keine Ruhe noch Kraft, auch weiß sie keinen Rat, wo aus, noch ein.

So erhebet das Gesetz das Angesicht nicht, sondern schlägt es nieder. Wenn aber das Evangelium fragt: Was seht ihr so traurig und warum weinest du? so thut’s das nur in der Absicht, das Angesicht zu erheben, indem es das Herz erheitert. Dies bewirkt der heilige Geist dadurch, daß er dies Evangelium von der Gnade Gottes in Christo Jesu klar macht. Er öffnet das Verständnis, daß man sie versteht. Der bis dahin so furchtbare Gott erscheint durch das Blut Christi als ein versöhnter Vater, ja als derjenige, welcher Gottlose gerecht spricht. Sein Zorn, der bis in die unterste Hölle brannte, gestaltet sich in eine Liebe um, die allen Verstand übersteigt, die sogar des eingebornen Sohnes nicht verschonte. Der ist zur Sünde, der ist zum Fluch gemacht, das Eine, damit wir gerecht würden, das Andere, damit wir den Segen empfingen. Und das ist der Seele genug, mehr als genug, wie es dem alten Jakob genug war, daß sein Sohn Joseph noch lebte. Der heilige Gesät erhebt sein Angesicht über zerschlagene Herzen, indem er ihnen nun auch Glauben schenkt, dies Evangelium auf sich zu deuten, ihr Jawort, ihr Amen dazu sagen, zu versiegeln, daß Gott wahrhaftig ist, zu bekennen: „Mir auch ist sein Sohn gegeben, durch den Glauben ist er mein!“ zu schwören:: „In dem Herrn Herrn habe ich Gerechtigkeit und Stärke!“ So wird ihr Weg bis zu dem Herzen Gottes gebahnt, um mit Freimütigkeit zum Gnadenthrone hinzutreten, sich da Vergebung der Sünden und alles, was sie bedarf, zu holen. Ach, wie wird alsdann das Joch ihrer Last und die Rute ihrer Schulter und der Stecken ihres Treibers zerbrochen! So wird man stille, so hat man Ruhe, so erquicket man die Müden. O, ein seliger Stand, oder wenigstens, wenn es noch nicht zum bleibenden, befestigten Stand geworden ist, o, seliger Genuß, Vorschmack des Himmels, Ruhen des wiedergefundenen Schafes auf den Schultern des guten Hirten, von seiner starken Hand gehalten! Wer will nun noch anklagen? Welche Sünde darf nun noch herrschen? Welcher Feind noch siegen? Überwinden wir denn nicht weit in allem? Wodurch denn? Durch den, der uns geliebet hat.

II.

Aber freilich, die Anmut des Frühlings ist von kurzer Dauer, und die entzückenden Töne der Nachtigall verhallen bald oder wandeln sich gar in ein häßliches Gekreisch um. Ich will damit sagen: Die Erquickungen gehen und kommen, sie sind unbeständig. Daher setzt der hohepriesterliche Segen noch ein zweites Werk des heiligen Geistes hinzu in den Worten: Und gebe dir Frieden.

Das Wort Friede hat teils eine weitere, teils eine engere Bedeutung. Im weitern Sinne umfaßt dieses Wort alle Glückseligkeit nach Leib und Seele, in Zeit und Ewigkeit. Dies faßte der Herr Jesus zusammen, wenn er nach seiner Auferstehung zu den Jüngern sprach: „Friede sei mit euch!“ und was er meinte, wenn er früher sagte: „Meinen Frieden gebe ich euch.“ Mein nennt er ihn, weil er der einzige und vollkommene Urheber und Ausspender alles Friedens ist. Sehr fein begrüßte sich das hebräische Volk auch im allgemeinen mit dem Worte: Schalom, Friede, weil in diesem einen Worte alles liegt. Was kann uns der hohepriesterliche Segen also auch köstlicheres wünschen als Frieden? Aber dieses Wort deutet nicht nur auf die ganze Fülle alles Guten, sondern zugleich und vornehmlich auch auf die beständige Dauer derselben, ohne welche die höchste Glückseligkeit nur eine Art von Unglück sein würde. Ein geringeres Glück, das dauert, ist von größerem Wert, als ein glänzenderes, das wankt.

Im engeren Sinne bezeichnet das Wort Friede eine köstliche Reihe der herrlichsten Güter. Ihr Grund ist die Rechtfertigung. Denn nun wir sind gerecht geworden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesum Christum, durch welchen wir auch Zugang haben durch den Glauben zu dieser Gnade, darin wir stehen. Friede ist ein Stand der Freundschaft, also der Gnadenstand, in welchen der Sünder vermittelst der Wiedergeburt eingeht. In diesem herrlichsten aller Stände hat der in sich selbst verlorene Mensch Friede mit Gott, von dem er nichts zu fürchten, alles zu hoffen hat, kraft der durch das Blut Christi vollendeten Versöhnung. Welch’ eine unübersehbare Glückseligkeit, Gott wohl fürchten, als einen gnädigen, heiligen Vater, aber sich nicht vor ihm mehr fürchten dürfen, als vor einem gestrengen Richter, ja als vor einem erzürnten, allmächtigen Feinde, ihm dienen ohne Furcht, wozu der Geist der Kindschaft verliehen wird. Welche Ruhe für die Seele, die sich früher fürchtete, alle Tage, da der Geist der Knechtschaft sie zusammenpreßte, nun in Gott ihren allmächtigen Freund zu sehen! Dies Glück läßt sich nicht aussprechen, es ist höher, als alle Vernunft.

Daran reiht sich der Friede im Gewissen; es brannte wie ein Feuer; es schreckte wie ein unheimlich Nachtgesicht; es war wie ein Mord in den Beinen; es beschuldigte, es klagte an; es wollte sich nicht beschwichtigen lassen; es raunte stets ins Ohr: Sünder! Sünder! Und nun, da der heilige Geist Friede giebt, wie wird es durch das Blut Christi so rein gewaschen von den toten Werken, von den Anklagen, von den Beschuldigungen! Da hat die Seele kein Gewissen mehr von den Sünden, weil sie samt dem Verderben, womit ich mein Lebenlang zu streiten habe, einmal gereinigt ist durch das vollkommene Opfer Christi, einmal am kreuz geschehen. Da hat sie einen heitern Blick ins Leben. O, dann ist ihr viel herrlicher zu Mute, als einem im Leiblichen, wenn er sich plötzlich ganz von marterndem Zahnweh oder sonstigem Schmerz erledigt fühlt! O, erfahrt es selbst und urteilt dann selbst!

Hierzu gesellt sich der Friede im Innern. Das ungestüme Meer, das nicht still sein konnte, und dessen Wellen stets Kot und Unflat auswarfen, wird stille und die Stürme legen sich, denn Jesus gebeut’s. Die Gemütsbewegungen werden geordnet, das Herz wird sanft, demütig, versöhnlich, liebreich und milde. Es ist ein ganz anderer Mensch. Die Gottseligkeit, das Glauben und Lieben geht gleichsam wie von selbst, wie ein guter Baum seine Frucht gleichsam wie von selber bringt. Alles, was er macht, gerät wohl.

Es ist ein Friede mit allen Menschen, denen allen er das wahrhaftige Heil herzlich gönnt, gern, wenn er kann, dazu mitwirkt und sich von Herzen freut, wenn sie Teil daran erlangen, mögen sie auch vorher gewesen sein, was sie wollen: Zöllner und Sünder, Juden und Heiden, sie werden alsdann seine lieben Brüder. Insbesondere fühlt er sich mit denen vereinigt, die aus Gott geboren sind. O, wie lieb’ ich, Herr, die Deinen, die dich suchen, die dich meinen, o wie köstlich sind sie mir! Du weißt, wie mich’s oft erquicket, wenn ich Seelen hab’ erblicket, die sich gänzlich weihen dir. Ja, dieser Friede ist wie ein breiter Wasserstrom; er macht sich alles dienstbar. Die Feinde selbst ihm dienen sollen. Sie befestigen diesen Frieden, indem sie ihm dienen sollen. Sie befestigen diesen Frieden, indem sie ihn zerstören wollen. Was schaden in diesem Friedensstande alle, auch die unangenehmsten Ereignisse? Nichts, sie nutzen vielmehr. Es sind Züchtigungen uns zunutz, daß wir seine Heiligung erlangen. Es sind Messer, welche den Weinstock desto kräftiger beschneiden, je schärfer sie sind; es sind Wunden, woran der alte Mensch sich verblutet. Anfechtungen, Versuchungen sind gefährliche Dinge, von welchen wir bitten: Führe uns nicht hinein! Dennoch, lieben Brüder, achtet es für lauter Freude, wenn ihr in mancherlei Anfechtung fallet. Sie fördern euch in der Selbsterkenntnis, sie demütigen euch, sie zerstören das Vertrauen auf euch selbst und die Eigenliebe; sie gleichen jenen Hornissen, womit Gott das zu verfolgen verspricht, was sich heimlich verbirgt vor dir (3. Mos. 7); sie machen die Gnade desto köstlicher; sie leiten euch an, euer Vertrauen allein auf diese Gnade zu setzen, und was für köstliche Wirkungen sie noch mehr haben. Kommt nun Anfechtung her, so wehr’, daß sie mich nicht umstoßen. Du kannst machen, daß mir’s nicht bring Gefahr. Ich weiß, du wirst’s nicht lassen.

Gedeckt von dem Schilde dieses Friedens, dürfen wir sogar fragen: Was will uns nun der Teufel thun, wie grausam er sich stelle! Mag er auch einem brüllenden Löwen gleichen, so haben wir ihn doch überwunden durch des Lammes Blut. Hier verliert auch der Tod seine schauerliche Gestalt und wandelt sich um in einen Boten des Friedens. Bei seiner Annäherung naht sich das Ziel der Hoffnung der Kinder des Friedens, das Ende ihres Kampfes, ihrer Fremdlingschaft, ihrer Leiden. Dann ist der Zeitpunkt da, wovon Paulus sagt: Ich habe Glauben gehalten, ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, hinfort ist mir beigelegt die Krone der Gerechtigkeit.

III.

O, kostbarer Friede, höher als alle Vernunft, köstlicher als alle Güter der Erde, den gebe dir Jehovah! Welch’ ein vortrefflicher, inhaltsreicher Segenswunsch!

Erworben, verdient und errungen ist dieser Friede durch den vollkommenen, ja blutigen Gehorsam Christi; der mußte erst bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuze vollendet sein, auf daß wir Friede hätten. Er, er ist der Friedensfürst, ist unser Friede. Nachdem er alles vollbracht, sprach er: Friede sei mit euch, und indem er dies sprach, gab er’s zugleich durch seinen Geist; denn dieser, sein heiliger Geist, ist die wirkende und mitteilende Ursache dieses hohen Gutes. Er ist es, der die Seele in diesen glückseligen Gnaden- und Friedensstand einführt. Er machte sie, da sie tot war in Sünden, lebendig. Aus ihm werden sie wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung. Er läßt sie den süßen Trost des Evangeliums vernehmen. Er heiligt Herz und Sinne. Er giebt Zeugnis unserm Geiste, daß wir Gottes Kinder sind. Er bewahret sie auch in diesem Friedensstande, aus welchem sie anders gar bald wieder herausfallen würde, sei es unter das tötende Gesetz, sei es gar zurück in die Gewalt des Teufels. Wohlbedächtlich heißt es deßwegen nicht so sehr gebe, als setze dir Friede.

Das alles von Gott; darum wird hinzugesetzt: So sollt ihr meinen Namen auf die Kinder Israels legen, daß ich sie segne. In welchem lieblichen Lichte zeigt sich hier der, außer Christo dem Sünder so furchtbare und unzugängliche Gott. Hier werden alle Schätze der göttlichen Allgenugsamkeit aufeinander gehäuft, unser leeres Herz damit zu erfüllen; und je unwürdiger wir sind, desto herrlicher glänzen auf diesem schwarzen Grunde die Perlen der Gnade. Hier werden gesegnet, die unter dem Fluche des zerrissenen Gesetzes lagen und wert waren, unter der unerträglichen Last desselben ewiglich zu vergehen. Hier werden solche behütet, die den gräßlichsten Gefahren, Unglücksfällen, Verirrungen blosgestellt, in sich selbst keine Lust, Kraft noch Geschicklichkeit haben, sich selbst zu erhalten, und deren Fuß zum Straucheln geneigt ist. Und Jehovah selbst ist es, der sie behütet, behütet wie seinen Augapfel. Solche, welche von Natur Kinder der Finsternis sind, in welchen selbst das Licht, das in ihnen ist, Finsternis ist, ja, die selbst Finsternis sind und das Licht hassen, werden von dem Angesichte des Herrn erleuchtet, daß sie sehen, empfangen das Licht des Lebens, Christum selber. Solchen, die strafbare Rebellen, Feinde Gottes durch die Vernunft in bösen Werken waren, die mit all’ ihrem Thun sprachen: Hebe dich von uns, wir wollen von deinen Wegen nicht wissen, was sind wir’s gebessert, so wir ihn anrufen; solchen, die nach allem Recht verloren gehen sollten, ja wollten, ist er gnädig und kommt ihnen mit seiner Liebe zuvor. Er wendet sein Angesicht zu Leuten, die vor ihm flohen, deren Gesinnung Feindschaft gegen ihn war, und locket und ruft und neigt sie so ernstlich und milde, so kräftig und gründlich, daß sie selbst sich gern zu ihm wenden und sein Angesicht suchen. Er giebt Frieden, seinen Frieden; ja, er setzet ihnen denselben. Und wenn er auch ihrerseits oftmals angefochten, gefährdet, gestört, unterbrochen wird, so ist’s doch seinerseits unerschütterlich fest, und der Bund seines Friedens soll nicht hinfallen, wenn auch Berge weichen und Hügel hinfallen. Ich bin dein Gott, dein höchstes Gut, ich bin mit dir versöhnet.

So liegt das ganze Evangelium, der ganze Jesus-Name und alle Fülle seiner Gnade in diesem Segen, womit er selbst segnet. Er demütigt uns tief, er erhebt uns hoch. Er weiset uns ganz von uns und unserm Eignen ab, lediglich auf den Herrn hin, daß unsere Augen lediglich auf ihn sehen. Verändert sich denn auch manches zu deinem Leidwesen in dir, so ändert er sich doch nicht. Müßtest du mit Jeremias klagen: Meine Seele ist aus dem Frieden gerissen, ich muß des Guten vergessen, so sagt doch der Herr: Ich weiß wohl, was für Gedanken ich über dich habe, nämlich Gedanken des Friedens; mag der Herr auch Krieg mit uns führen müssen bis zum Verrenken der Hüfte hin, um das zerschlagene Gebein mit seinem Friedensbalsam heilen zu können. Erst das Gefäß voll Wassers bis oben an, dann der auserlesenste Wein.

Ja, sogar liegen Andeutungen der Geschichte der christlichen Kirche in dieser Segensformel. Wie ward die Gemeinde Jesu Christi gesegnet bei ihrer ersten Ausbreitung und behütet in den erschrecklichen und langwierigen Verfolgungen! Der Herr ließ sein Angesicht über sie leuchten in einem sehr blühenden Stande und hörte nicht auf, ihr in Zeiten des Verfalls wenigstens einzelne Beweise zu geben, daß er ihr gnädig sei. Darnach hat er sein Angesicht wieder über die Kirche gehoben zur Zeit der Reformation in Offenbarung neuer Fürsorge und Gnadengaben. Und so wartet die Kirche auf den vollen Frieden, womit sie in den letzten Tagen wird gekrönet werden, da der letzte Tag des Festes auch der herrlichste sein wird.

Und so beendigen wir denn heute unsere Betrachtungen über das vollkommenste Segensformular, das sich in der heiligen Schrift findet, und das die christliche Kirche mit Recht bei ihrem Gottesdienst beibehalten hat. Was mangelt da wohl, wo dieser Segen in Kraft tritt! Hier endet sich aller Fluch und Unsegen und muß sich in Segen umwandeln, so daß selbst ein feindseliger Bileam sich genötigt sieht, auszurufen: „Ich muß segnen und kann es nicht wenden!“ Was wird die von der Liebe Gottes reißen können, welche Jehovah bewahret! Welche Finsternis und Trauer des Gemüts muß nicht schwinden, wenn die Seele mit dem Angesichte des Herrn erleuchtet wird! Ist jemand seiner Gnade teilhaftig, was hätte er noch zu fürchten, was mangelte ihm noch, da der Herr sein Hirte ist“ Erhebt Jehovah sein Angesicht, wer vermag seine Wirkungen und Tröstungen zu verhindern! Setzt er Frieden, so wohnt sein Volk in Häusern des Friedens, in sichern Wohnungen und in stolzer Ruhe.

So bitten wir euch denn allesamt an Christi Statt: Lasset euch versöhnen mit Gott! Legt alles Mißtrauen, legt alle Feindschaft, legt alle Widerspenstigkeit, allen Ungehorsam gegen ihn ab! Lernt ihn als euern größten Freund, als euern versöhnten Vater kennen! Gewinnt ihn als denjenigen lieb, der euch zuerst geliebet, der sogar seinen Sohn für euch dahin gegeben hat!

O, ihr Kinder des Friedens! Friede sei mit euch! Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserm Vater und unserm Herrn Jesu Christo! Amen.

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Gottfried Daniel Krummacher – Die hohepriesterliche Segensformel – Siebente Predigt.

02.09.10 (04. 4. Mose, Krummacher, Gottfried Daniel)

4. Mos. 6,26

Der Herr hebe sein Angesicht über dich

In diesem dritten Teile des hohepriesterlichen Segens wird das Werk des heiligen Geistes bezeichnet, denn die Mitteilung der Gnade geschieht durch den heiligen Geist. Wie in dem apostolischen Gnadenwunsche die Gemeinschaft des heiligen Geistes das Dritte und Letzte ist, so auch in dem hohepriesterlichen Segen. Wenden wir denn unsere Andacht

1. auf die Lehre vom heiligen Geist,

2. auf sein Werk: Hebe sein Angesicht!

I.

Laßt uns zuvörderst einiges aus der Lehre vom heiligen Geiste bemerken. Der heilige Geist ist vom Vater und vom Sohne verschieden und ein anderer. Es wird verschiedenes von ihm gesagt, was vom Vater und dem Sohne nicht gesagt wird. Zum Beispiel: Alle Schrift ist von Gott eingegeben, nicht aber vom Vater und dem Sohne, sondern die heiligen Menschen Gottes haben geredet, getrieben vom heiligen Geiste. Die Menschheit Jesu wurde dadurch bereitet, daß der heilige Geist über die heilige Jungfrau Maria kam; sie, die Menschheit, wurde mit dem heiligen Geiste gesalbt ohne Maß. Er wird als ein Pfand ins Herz gegeben, leitet in alle Wahrheit, verkläret Christum, nimmt’s von dem Seinigen und verkündigt’s uns. Er heißt ein Geist der Zucht, der Kraft, des Gebets, des Glaubens, weil er dies alles wirkt. Er wird gegeben, und der Sohn hat den Vater gebeten, daß er uns den heiligen Geist als einen andern Tröster sendete, der bei uns bleibe ewig. Übrigens wissen wir, daß nicht der heilige Geist, sondern der Sohn für uns Mensch geworden ist, daß der Vater Christum auferwecket hat, daß dieser uns durch sein Verdienst die Gerechtigkeit und den heiligen Geist erworben hat, daß der heilige Geist das erworbene Heil denen zueignet, die daran Teil haben. Die Verschiedenheit der drei Personen in dem einen göttlichen Wesen ward besonders bei der Taufe Jesu Christi bekundet, da der Vater vom Himmel herab redete, der Sohn im Jordan von Johannes getauft wurde, der heilige Geist aber in Gestalt einer Taube auf ihn herabfuhr; und bei unserer Taufe wird ja der Vater, der Sohn und der heilige Geist von einander unterschieden, unterschieden, aber nicht getrennt, denn diese drei sind eins. Sind wir nicht imstande, nachzuweisen, wie bei uns die beiden entgegengesetzten Teile, leib und Seele, also Geist und Körper, bis zu ihrer Trennung durch den Tod nur eins sind, nicht imstande, bis zur Deutlichkeit nachzuweisen, wie eins aufs andere wirkt, welchen Einfluß der Körper, welchen der Geist auf diese oder jene Handlung hat, inwiefern z.B. meine Freude oder Traurigkeit ein Ergebnis körperlicher Disposition, meines Temperaments ist, und sich mit einer Veränderung, die im Körperlichen vorginge, auch anders gestalten würde, sind wir nicht imstande, die Frage immer genauer zu beantworten: Befindet sich mein Körper besser, wenn mein Geist heiter ist, oder ist mein Geist heiter, wenn es meinem Körper besser geht, würden diese, jene Anfechtungen, welche die Seele quälen, nicht mit einer gewissen körperlichen, krankhaften Beschaffenheit aufhören? wieviel weniger dürfen wir uns vermessen, von dem unergründlichen göttlichen Wesen, das auch in seinen Wirkungen eins ist, überall genau bestimmen zu wollen, was für einen Anteil die eine oder die andere Person an diesen Wirkungen hat. Genug, der Vater zieht durch den heiligen Geist dasjenige zum Sohne, was ihm der Vater gegeben hat, und der Sohn führet es durch den heiligen Geist zum Vater. Der Glaube z.B. ist eine Gabe des Vaters, aber Christus heißt auch nicht nur der Anfänger und Vollender des Glaubens, sondern Paulus sagt auch zu den Thessalonichern: Wir gedenken allezeit eures Werks des Glaubens, der Arbeit, der Liebe und der Geduld der Hoffnung mit dem Zusatz unsers Herrn Jesu Christi, und warum der heilige Geist der Geist des Glaubens heißt, haben wir soeben bemerkt. Demnach wendeten sich die Jünger, ohne zu irren, an den Herrn Jesum mit der Bitte: „Herr, stärke uns den Glauben,“ so wie sie ihn darum ansprachen: „Herr, lehre uns beten,“ obschon der Geist es ist, der uns aufs beste vertritt. Wer den Sohn hat, hat auch den Vater und den heiligen Geist. Wer den Sohn nicht hat, der hat keinen Gott.

Der heilige Geist ist gleich ewiger Gott mit dem Vater und dem Sohne. Die Beweise dafür sind euch noch aus euerm Katechisations-Unterricht in der Jugend bekannt und hoffentlich geläufig und gegenwärtig. Der daraus fließende Trost ist groß. Ist’s ein allmächtiger Gott, der uns Frieden giebt, der uns Glauben schenkt, der uns beten lehrt, der uns Trost verleiht, uns heiligt: Wie sollten wir dies alles nicht erlangen, nicht üben können, wie ungeschickt wir auch aus uns selbst dazu sein mögen! Die genannten Werke sind göttliche Werke, worin sich eine göttliche Kraft, d.i. Allmacht offenbart. Derjenige also, der sie wirkt, muß Gott sein. Paulus vergleicht die Erleuchtung Ephes. 5 nicht nur dem Erwachen eines Schlafenden, sondern einer Auferstehung von den Toten. Und sie ist ein Werk des heiligen Geistes. Nach dem ersten Kapitel desselben Briefes erweiset sich an denen, die da glauben, eine überschwängliche Größe der Kraft und eine Wirkung der mächtigen Stärke Gottes, wie er sie in der Auferweckung seines gekreuzigten Sohnes erwies; und wir glauben, wenn wir den Geist des Glaubens überkommen, der dann seine gnädige Allmacht erweiset, wovon wir, die wir glauben, glückselige Beweise sind. Die Bekehrung ist nichts anders als eine Schöpfung aus nichts, weshalb der Christ im zweiten Kapitel des mehrgenannten Briefs ein erschaffenes Werk Gottes in Christo genannt wird, sie ist ein Rufen der Dinge, die nicht sind, daß sie seien; sie ist das Schaffen eines neuen Herzens, das Hervorrufen des Lichts aus der Finsternis, was nur Gott vermag. Er heißt der Tröster. Und wahrlich, ein rechter Trost ist nichts anderes, als ein göttliches Werk. Darüber mag uns Salomo belehren, welcher auf der einen Seite fragt: Einen niedergeschlagenen Geist, wer mag den aufrichten? auf der andern Seite aber bekennt: Ein zufriedenes Herz ist eine Gabe Gottes.

Meint ihr, wer alles in der Welt hat, was man wünschen kann, der sei auch zufrieden, so irret ihr sehr, denn teils giebt es keinen Menschen, der alles bei einander hat, was er wünschen kann, so lange er nämlich unbekehrt ist, teils ist das nicht gesagt, daß jemand auch zufrieden sei, der sich in den vorteilhaftesten Verhältnissen befindet. Der Besitz alles dessen, was in der Welt besessen werden kann, sättigt ein Menschenherz nicht; dessen Begierden sind wie Sand am Meer. Nur der allgenugsame Gott vermag das, nur der Tröster, der heilige Geist. Betrachtet einen Menschen in Sünden- und Seelennot, predigt ihm aufs geflissentlichste die frohe Botschaft von Jesu, schildert seine Bereitwilligkeit, Sünder selig zu machen mit den lieblichsten Farben, reihet ihm Verheißungen an Verheißungen: Was werdet ihr ausrichten, wenn der Tröster nicht dabei ist? Ihr werdet ihn nicht bewegen können, zu glauben, daß auch er einer von den Sündern sei, die Jesus selig machen wolle. Er wird euch mit seinen unablässigen Einwendungen endlich müde und stumm machen und euch nötigen, Salomo recht zu geben. Und wie gern der Geängstete getröstet wäre, er kann und kann es nicht annehmen, wie er sich auch anstrengt. kaum aber kommt der heilige Geist über ihn, um sich über den zu erbarmen, der unter dem Unglauben verschlossen war, wie wird’s so ganz anders, so selig, so herrlich mit ihm, daß es ein Wunder ist vor seinen eigenen und anderer Augen, denn der Herr hat es gethan. Wir müssen sterben. Hinter uns liegt dann ein Leben voll Sünden, die Gegenwart häuft auf unsern armen Leib Elend aller Art; die Erde sinkt vor unsern Augen in nichts zurück, wenigstens nehmen wir unser Liebstes nicht mit heraus; vor uns öffnet sich das ungeheure Meer der Ewigkeit, und über demselben steht ein flammender Richterstuhl, und darauf sitzt einer. Sehet aber die Unverzagtheit dieses Sterbenden, ja sehet sein liebliches Lächeln, hört sein Halleluja! woher ihm das unter diesen Umständen? Der Tröster, der heilige Geist ist über ihm, denn er ist wiedergeboren. Er geht durchs Wasser, aber dieser ist bei ihm, daß ihn die Ströme nicht ersäufen; er geht durchs Feuer, aber dieser ist bei ihm, daß ihn die Flamme nicht anzünde. Endlich: Was ist denn die Heiligung anders, als ein großes Gottes-Werk? Den göttlichen Samen bei so vielem Widerstande nicht nur zu erhalten, sondern denselben auch wachsen zu machen und zu fördern, das ist Gottes Werk. Denn bin ich, der Herr, es nicht, der euch heiligt, daß auch die Heiden sollen erfahren, daß ich der Herr bin, der Israel heilig machet? (Hesekiel 37,28) Was hat kräftigern Widerstand als eben die Heiligung? Welch’ ein ungleicher Kampf wird hier geführt! So ungleich, daß wir den ganzen Harnisch Gottes bedürfen, sogar bedürfen, stark in ihm zu sein und in der Macht seiner Stärke, wenn wir alles wohl ausrichten und das Feld behalten sollen, wie Paulus in dem bekannten Spruche sagt. Christen heißen Tempel des heiligen Geistes und das deswegen, weil er seine Wohnung und sein Werk in ihnen hat. Der Geist Gottes treibet Gottes Kinder, welche voll Geistes werden sollen. Mag aber die Heiligung noch so viele Schwierigkeiten haben, mag sie ein Ding der Unmöglichkeit für menschliche Kräfte und Bestrebungen sein, so gilt doch davon jenes Wort Gottes, wo er bei dem Propheten Sacharia 8 sagt: Dünket euch solches unmöglich zu sein, sollte es deswegen auch unmöglich sein vor mir, spricht der Herr. damit sollen sich diejenigen Seelen stärken und ermahnen, welche bei sich selbst nur einen geringen Anfang gewahr werden, doch so, daß sie nicht, allein nach etlichen, sondern nach allen Geboten anfangen zu leben. Derjenige, der verheißen hat: „Ihr sollt rein werden“ wird es auch thun. Am Ende wird jeder Christ im ganzen Umfange des Worts mit Hiob sagen: Der Geist Gottes hat mich gemacht, und der Odem des Allmächtigen hat mir das Leben gegeben. Aus den Werken, die dem heiligen Geiste zugeschrieben werden, machen wir denn einen richtigen Schluß auf sein Wesen, daß er solche Werke nicht würde thun können, wäre er nicht eine göttliche Person.

Auf diese Bezeichnung als Person haben wir den gehörigen Nachdruck zulegen. Es ist wahr, das Wort Person kommt in der heiligen Schrift nicht einmal von Menschen, vielweniger von Gott vor, ja in der lateinischen Sprache, woraus dies Wort entlehnt ist, hat es eine ganz andere Bedeutung, wie in den neuern Sprachen, und der unsrigen ist es blos eingebürgert. Die Schrift redet nur ein einziges Mal in der angefochtenen Stelle 1. Joh. 5,7 von Dreien, aber ohne Zusatz. Es fällt überhaupt schwer, ja es ist unmöglich, von einem solchen Geheimnis, wie die Dreieinigkeit ist, geziemend zu reden, und wenn wir von einem weit geringeren, aber ebenso unbegreiflichen Geheimnis, nämlich der Vereinigung des Leibes und der Seele zu einer Person, nicht deutlich reden können, wie wollten wir es hier vermögen, oder uns auch nur verwundern, daß wir’s nicht vermögen? Wie unwissend sind wir überhaupt in der eigentlichen Beschaffenheit aller Dinge, so daß wir nicht einmal begreifen, wie es zugeht, daß wir sehen und hören, riechen, schmecken und fühlen, welches doch nur körperliche Dinge sind. Der heilige Geist nun ist ein anderer als der Vater, ein anderer als der Sohn, ist eine Person. Reden wir von dem heiligen Geist, so meinen wir nicht den Vater, auch nicht den Sohn. Er teilt einem jeglichen das Seinige, das ihm Zugedachte zu, je nachdem er will, wiewohl er nichts anders will, als auch der Vater und der Sohn. Er ist eine Person.

Sein Amt und Geschäft besteht darin, aus der Allgenugsamkeit Gottes und aus der Fülle Jesu Christi natürliche und insbesondere seligmachende Gaben auszuspenden. Auch natürliche Gaben sind Geschenke des Geistes Gottes. Besitzt jemand eine besondere Tüchtigkeit zu irgend einer natürlichen Kunst und Wissenschaft, so ist sie seine Gabe, die er in verschiedenem Maße, und wohl in einem so großen austeilt, daß es in Erstaunen setzt. Beim Bau der Stiftshütte sagte Gott ausdrücklich zu Mose, er habe einigen benannten Männern, namentliche dem Bezaleel seinen Geist gegeben, allerlei künstliche Werke zu verfertigen, insbesondere in Edelsteine zu gravieren. In dieser Beziehung heißt es auch: Was hast du, o Mensch, das du nicht empfangen hast? Und hast du es empfangen, was rühmest du dich denn, als der es nicht empfangen hätte? (1. Kor. 4,7) Auch von natürlichen Vorzügen, Fähigkeiten und Fertigkeiten gebühret Gott der Ruhm, der sie giebt, vermehrt, mindert, erhält, nimmt, wie es ihm gefällt. Vornehmlich aber ist der heilige Geist der Spender der geistlichen, seligmachenden Gaben aus der Fülle Jesu Christi. Er ist das Organ, der Kanal der Gnade Jesu Christi, wodurch sie in die Herzen fließt, das Band zwischen Christo und der Seele durch den Glauben. Er nimmt von dem, was Christi ist und teilt’s mit. Er schenkt die Güter Christi: Gerechtigkeit und Leben und schenkt zugleich die Hand, womit man sie annimmt, das Auge, das ihre Vortrefflichkeit sieht, den Mund, der sie isset. Ohne ihn würden wir nie verstehen, was wir an Christo haben, nie einsehen, was er uns erworben, nie glauben, nie beten, nie lieben. Weil wir aber denselbigen Geist des Glaubens haben, darum glauben wir auch, beten wir auch, lieben wir auch. Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein.

II.

Laßt uns jetzt auf das Gut sehen, das der Hohepriester der Gemeine in dem segnenden Worte zuwünscht und zudienet: Er erhebe sein Angesicht über dir.

Er erhebe sein Angesicht über dir. Dies ist eine Art zu reden, wie sie in unserer Sprache nicht vorkommt. Wir pflegen uns nicht so auszudrücken und verstehen nicht gleich, was damit gemeint sei, sein Angesicht über jemand erheben. Die französische Übersetzung giebt es sehr gut und hat: „Der Ewige wende sein Angesicht zu dir.“ Das Wegwenden des göttlichen Angesichts von jemand, das Verbergen desselben bezeichnet in der heiligen Schrift ein großes, Schmerz und Schrecken verursachendes Übel, das Erheben desselben über, das Wenden zu jemand also ein teueres Gut, mit Friede und Freude verknüpft. Das göttliche Angesicht bezeichnet Wohlwollen, Gnade, Liebe und das Erheben desselben über jemand, die Mitteilung der daraus quillenden Güter, die alle in dem Frieden zusammengefaßt werden.

Hoffend, es werde euch nicht unerbaulich sein, möchte ich mich über einige Bedeutungen aussprechen, welche das hebräische Wort, das hier durch „erheben“ übersetzt ist, oft annimmt. Zunächst bedeutet das Wort tragen. Es wird von Priestern gebraucht und von ihnen, namentlich dem Hohenpriester, gesagt: Sie tragen die Missethat der Gemeine. Wir wissen aber, daß Jesus das Lamm Gottes war, welches die Sünde der Welt trug, indem er dafür büßte und sie bezahlte. Von der Gemeine wird gesagt: Gott nahm sie und trug sie auf seinen Flügeln, und Jesaias 63,9 heißt es: Wer sie ängstigte, ängstigte auch ihn, und der Engel des Angesichts machte sie selig. Durch seine Liebe und Gnade kaufte er sie los durch ein Lösegeld. Er nahm und trug sie alle Tage von Alters her. Liebliche Worte, die keiner Auslegung bedürfen. Höret mir zu, ihr vom Hause Jakobs und alle übrigen vom Hause Israel, die ihr von mir im Leibe getragen werdet und mir in der Mutter lieget. Ja, ich will euch tragen bis ins Alter und bis ihr grau werdet. Ich will es thun, ich will heben, tragen und erretten (Jes. 46,1.2). Diesem nach betet die Gemeine Ps. 28,9: Mach’ selig dein Volk und segne dein Erbe und weide sie und erhöhe, trage sie ewiglich. Das Wort bedeutet auch bekommen, wie wir im Deutschen sagen: Davon tragen. Von der Esther wird gesagt: Sie bekam Gnade bei allen, die sie sahen. Und ach, was bekommen wir alles, wenn der Herr sein Angesicht über uns trägt! In seinen Strahlen genesen wir. Darum, Herr, laß leuchten dein Angesicht! Was für ein ganz anderer König, als die arme Esther zum Gemahl bekam, ist der, welcher sich mit uns vertrauen will in Gerechtigkeit! Das Wort, durch „erheben“ übersetzt, bezeichnet ferner hochschätzen, lieb und wert achten. In diesem Sinne sagt Gott von Hiob (42,8): Ihn will ich achten, wenn er für dich, Eliphas von Theman und deine zwei Freunde, über die mein Zorn ergrimmet ist, opfert und bittet, daß ich euch nicht sehen lasse, wie ihr Thorheit begangen habt. Wir kennen aber denjenigen, unvergleichlichen Mann, der sich selbst Gott geopfert hat zum süßen Geruch, dessen Opfer und Fürbitte gilt, allein und vollkommen gilt, und der auch uns angenehm gemacht hat. Der Herr erhebe sein Angesicht über dir“ Du müssest dem Herrn lieb und wert geachtet sein in seinen Augen! Das Wort „erheben“ wird auch in dem Sinne gebraucht, daß es eine Vereinigung bezeichnet, besonders durch die Ehe, wodurch zwei ein Leib werden. Der Herr erhebe sein Angesicht also über dir, daß er sich mit dir vereinige! Was kann uns Segensreicheres zu teil werden! Die Vereinigung mit Christo ist ja die Wurzel des ganzen Geheimnisses der Gottseligkeit und der Schlüssel dazu, sowie das ewige Leben selbst. Sie wird auch unter dem Bilde einer ehelichen Verbindung vorgestellt, worauf Paulus jene Worte deutet: Ein Mann wird Vater und Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen und werden zwei ein Fleisch. Das Geheimnis ist groß, ich sage aber von Christo und der Gemeine (Ephes. 5,31.32). Ihr seid euerm ersten Manne, dem Gesetz, getötet und bei dem andern Manne, Christo, daß ihr Gott Frucht bringet (Röm. 7). Das Wort „erheben“ deutet auch an, etwas über jemand bringen. Und, wie meist du, was für Gutes wird ein segnender Gott über dich bringen, wenn er sein Angesicht über dich hebt: Ich will sie reinigen von aller ihrer Missethat, womit sie wider mich gesündigt haben und will ihnen vergeben alle Missethat, damit sie übertreten haben, und das soll mir ein fröhlicher Name und Preis sein unter allen Heiden auf Erden, wenn sie hören all das Gute, das ich ihnen thun will, und werden sich verwundern und entsetzen über all dem Guten und all dem Frieden, den ich ihnen geben will (Jerem. 33), so daß man sie nennen wird: Herr, unsere Gerechtigkeit (V. 16). Auch kann nicht unterlassen, zu bemerken, daß das Wort wegnehmen bedeutet. Und ach, was kann, was muß, was wird das Angesicht des Herrn nicht alles von seinem Volke wegnehmen! Moses rühmt: Du hast diesem Volke seine Sünde weggenommen. David rühmt Psalm 99,8: Du warst ihnen ein, die Sünde wegnehmender, starker Gott, rühmt von sich selbst Psalm 32.: Du nahmst meine Sünde von mir, und preist in dem nämlichen Psalme den Mann selig, dessen Sünde weggenommen ist. Und Jesajas behauptet (Cap. 33): Niemand wird sagen: Ich bin schwach, denn des Volks Sünde ist von ihm weggenommen. Erhebe, o Herr, dein Angesicht über uns, von uns zu nehmen, was uns von dir scheiden will und uns drückt und bekümmert! Endlich will ich noch anführen, daß das Wort „erheben“ auch die deutsche Bedeutung des Großmachens in sich fasse. Der Herr mache sein Angesicht groß über dir und erhebe dich dadurch, denn er sieht auf das Niedrige im Himmel und auf Erden, der den Geringen aufrichtet aus dem Staube und erhöhet den Armen aus dem Kot, daß er ihn setze neben die Fürsten, neben die Fürsten seines Volks (Ps. 113,7.8).

Sehet, alle diese herrlichen Nebenbegriffe liegen in dem segnenden Worte des Hohepriesters: Erhebe.

Welche Beugung, welche Liebe, welches Verlangen, welches Vertrauen konnte und mußte, kann und wird sich der Seele bemeistern, die es verstand und versteht. Schon dies allein konnte des gläubigen Davids Herz mit innigster Sehnsucht nach dem Tempel erfüllen, wo der Hohepriester diese Segensformel, wenn auch jährlich nur einmal und mit großer Feierlichkeit, aussprach, während alles umher mit dem Angesicht auf der Erde lag.

O ihr, die ihr so vieles begehrt, seid ihr so fleischlich, so irdisch, so versteinert und so gottlos, daß ihr das Allerbegehrungswerteste nicht begehrt, hasset, verabscheuet! Wehe euch! Ihr wollet den Fluch, der wird euch werden. Ihr wollet den Segen nicht, so wird er ferne bleiben.

Er begehret mein, so will ich ihm aushelfen. Er kennet meinen Namen, darum will ich ihn schützen. Er ruft mich an, so will ich ihn hören. Ich bin bei ihm in der Not und will ihn herausreißen und zu Ehren machen (Psalm 91,14.15). Amen.

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Gottfried Daniel Krummacher – Die hohepriesterliche Segensformel – Sechste Predigt.

31.08.10 (04. 4. Mose, Krummacher, Gottfried Daniel)

4. Mose 6,25

Jehovah lasse sein Angesicht leuchten über dir.

Dies betrachten wir als die süße Frucht der Gnade. Es ist ein hohes, ja das höchste Gut, was in diesem Worte angewünscht wird, und aus der Gnade, als der Quelle entspringt. Deswegen haben wir diese zuerst betrachtet, und erwägen nun die süße Wirkung, ausgedrückt in den Worten: Jehovah lasse sein Angesicht leuchten über dir! Wir denken darüber nach,

1. was Jehovahs Angesicht sei,

2. was es heiße: Er lasse es leuchten über dir!

I.

Mosis höchster Wunsch, den er vor Gott ausschüttete, als er aufs völligste von seiner Gnade war versichert worden, Mosis Wunsch war nun der: Laß mich dein Angesicht sehen! Gott schlug ihm seine Bitte nicht ab, gewährte sie ihm auch nicht ganz; insofern aber diese Augen wie Feuerflammen in dem gesagten kühnen Gesuch noch irgend ein Äderchen von eigener Gerechtigkeit sehen mochten, wurde dieses durch ein Aber abgeschnitten, indem Gott sprach: Wem ich aber gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wes ich mich erbarme, des erbarme ich mich. Er sagte aber zugleich: Ich will alle meine Güte vor die vorüber gehen lassen und den Namen Jehovahs vor die predigen, wie auch geschah (2. Mos. 33 und 34).

Was ist denn das Angesicht des Herrn? Wir hören, daß der Herr und sein Angesicht unterschieden werden, wie unzertrennlich sie auch miteinander verbunden sind. Dieser Unterschied tritt auch deutlich Kap. 34 hervor, wenn es daselbst heißt: Da kam Jehovah hernieder in einer Wolke und trag daselbst bei Mosen und predigte von dem Namen Jehovahs. Das Angesicht des Herrn bezeichnet teils verschiedene seiner Eigenschaften, besonders seine Allwissenheit und Allenthalbengegenwart, seine Fürsorge und vorzüglich seine Freundlichkeit und Liebe, teils bezeichnet das Angesicht auch Werke, worin und wodurch Gott seine Eigenschaften offenbart, wie man am Angesicht, an seinen Mienen jemand erkennt. Die Schöpfung ist gleichsam ein Angesicht Gottes, weil sie ein Spiegel seiner Herrlichkeit ist und seine ewige Kraft und Gottheit daraus ersehen wird. Wie majestätisch, wie freundlich erscheint er in derselben! Majestätisch in einem Gewitter, freundlich in den Blumen. Noch deutlicher sehen wir sein Angesicht in der heiligen Schrift und in dem Gnadenwerk. Insbesondere aber bezeichnet das Angesicht des Herrn seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn Jesum Christum. Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens; er ist voll Gnade und Wahrheit. Alle Fülle der Gottheit wohnt wesentlich in ihm. Er ist derjenige, den Gott alle seine Gutheit nennt; er ist’s, den die Wolken und Feuersäule abbildete; ihn ladet die Kirche ein, wenn sie betet: Du Hirte Israels, höre, der du Josef hütest, wie der Schafe, erscheine, der du über den Cherubim wohnest. Gott, tröste uns, und laß leuchten dein Antlitz, so genesen wir (Ps. 80). Nach ihm sehnte sie sich: Wann werde ich dahin kommen, daß ich dein Angesicht schaue? Auf ihn ward sie vertröstet: Mache dich auf, und werde Licht, denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit Gottes gehet auf über dir. Endlich bezeichnet das Angesicht des Herrn seine freundliche Mitteilung an die Seele.

II.

Das Erleuchten des Angesichts des Herrn über dir zeigt vornehmlich zweierlei an, nämlich die Erscheinung Christi ins Fleisch, sodann die obengenannte freundliche Mitteilung an die Seele hienieden und dort oben.

Das Erleuchten des Angesichts des Herrn über Israel zeigt zunächst an die Offenbarung Gottes im Fleisch samt den gnadenreichen Folgen derselben. Dies ist der Aufgang der Sonne der Gerechtigkeit, das Erscheinen des Aufgangs aus der Höhe, das Hervorglänzen Gottes aus Zion (Ps. 50,2). Das Wort, das im Anfang bei Gott und Gott war, wurde Fleisch, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit, und wie viele ihn aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, die an seinen Namen glauben. Dieses Geheimnis ist kündlich groß. Gott wird Mensch, welch’ ein Gedanke, welch’ eine Wahrheit! Gott in der Krippe, Gott am Kreuz, Gott unter den Toten, im Grabe, welche Gedanken, welche Höhe, welch ein Abgrund! Er schwach, betrübt, gebunden, gegeißelt! Es ist wahr, dies alles ist von der menschlichen Natur des Sohnes Gottes zu verstehen, aber beide Naturen machen nur eine Person aus, mag der scheidende Verstand auch jeder zumessen, was ihr gebührt. Die Schrift redet von dem Blute des Sohnes Gottes, von dem Blute Gottes. Hier sah man das Unsichtbare mit körperlichen Augen, betastete den Geist mit Händen, erblickte das Unendliche in einem engen Raume, sagte von dem Ewigen, er ging in sein dreißigstes Jahr, und von dem Unermeßlichen, er wuchs und nahm zu. Melchisedech war sein wunderbares Vorbild in demjenigen sowohl, was die heilige Schrift von ihm verschweigt, als was sie meldet. Ohne Vater, ohne Mutter, ohne Geschlecht, und hat weder Anfang der Tage, noch Ende des Lebens, hatte er dies alles zugleich doch und nicht, heißt also mit Recht wunderbar. Als er so in Bethlehem erschien, konnte man mit Recht zu den Städten Juda sagen: Sehet, da ist euer Gott! und zu Zion: Freue dich sehr, siehe dein König kommt zu dir! Er erschien aber im Fleisch, in der menschlichen Natur, nicht um sich dienen zu lassen, sondern daß er diene und gebe sein Leben zum Lösegeld für viele, nicht daß er die Welt richtete, sondern daß die Welt durch ihn selig würde. Er kam als Mittler zwischen Gott und den gefallenen Menschen, sie durch ein Opfer auszusöhnen, das er aus der Jungfrau Maria annahm, nämlich seinen Leib. Er kam als das neue Haupt, daß alles unter ihm vereinigt würde, als der andere Adam und Stammvater, auf daß, wie sie in Adam alle gestorben, sie in ihm alle lebendig gemacht würden, als das wahrhaftige Licht, das die Finsternis verbannte, als die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, allein gilt, vollkommen gilt, als das Leben, das der toten Welt das Leben giebt, wie tot sie sein mag. Er kam, uns Gott zum Freunde zu machen, und machte uns ihn zum Freunde, unsere Sünden z tilgen, und tilgte sie wie eine Nebelwolke, er kam, den Tod zu töten, den Teufel zu überwinden und statt des Gesetzes in steinernen Tafeln ein neues Gesetz des Geistes zu geben, das da lebendig macht in Christo Jesu. Er kam. Und es ist in keinem andern Heil, ist auch kein Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darin sie sollen selig werden, als allein der Name Christus. Er kam staffelweise wie die Sonne. Die vorhergehende Nacht des alten Testaments leuchtete von einer Menge funkelnder Sterne, ich meine die vielen Verheißungen. Er zeigte sich aber hinter der Decke Mosis, die sein Angesicht verhüllte, darum betet die Kirche: Erleuchte dein Angesicht! Verschiedene Vorbilder waren gleichsam sein Schattenriß, aber wenigen einigermaßen, keinem ganz verständlich, nur Sehnsucht nach dem Wesen erregend, wobei viele den Schatten für den Körper selbst hielten, wodurch ihnen ihr Tisch zum Fallstrick wurde. Allgemein hielt die feste Hoffnung eines bevorstehenden Erlösers der Kirche das Haupt aus den Wassern der Trübsale, die sie zu erläutern drohten. Indem die Sonne der Gerechtigkeit endlich nach viertausendjährigem Harren im Aufgehen begriffen war, sandte sie gleichsam den Morgenstern, den Johannes, vor sich her. Sein seltsames, Aufsehen erregendes Auftreten, seine Predigt: Der Herr ist nahe, er ist schon da und in eurer Mitte, obschon ihr ihn nicht kennet, glich den scharfen Klängen des Hahnengeschreies kurz vor Tage. Er war da, aber erst wie ein kleines Kindlein in Windeln, versteckt in Ägypten, in die Zurückgezogenheit eines niedrigen Standes, der Werkstätte eines Zimmermannes in dem verachteten Nazareth in Galiläa. So blieb’s 30 Jahre allen unbekannt. Jetzt offenbarte er seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. Seine Jünger sahen sie und glaubten an ihn, die andern zürnten. Kaum aber war der Morgen angebrochen und hatte den herrlichsten Tag verheißen, den man nur zu genießen gedachte, so erhub sich ein Ungewitter, dessen Verheerungen die Sonne selbst erlag, ich meine das Ungewitter der Leiden Christi, wo alles und Christus selbst ausgerottet wurde, wie sich Daniel ausdrückt. Aber in dem Augenblick, wo alles verloren zu sein schien, ward alles gewonnen, Gerechtigkeit und Leben. nach dieser finstersten aller finsteren Nächte, durch welche die Kirche hindurch mußte, erleuchtete die Sonne der Gerechtigkeit ihr Angesicht freundlicher als bisher noch nie. Jesus stand auf von den Toten. Wie lieblich leuchtete sie nun einer Magdalene, der ihr Herr weggenommen war, daß sie nicht wußte, wo sie ihn gelassen, in ihr thränenvolles Angesicht, und verscheuchte mit einem Maria! auf einmal alles dunkle Gewölk der Trauer und erfüllte ihr Herz mit solcher Wonne, daß sie ihrer Empfindung nur durch ein fußfälliges Rabbuni! Luft machen, und sie nun sich selbst sagen konnte: Warum weinte ich? Welche freundliche Strahlen warf diese Lebenssonne, gleichsam auf dem Erdboden spielend, in das gerunzelte Angesicht der beiden, die schwermütig nach Emmaus wanderten, daß sie auch voll Freude ausrufen konnten: Ach, warum sahen wir doch so traurig! Mußte nicht Christus solches leiden und zu seiner Herrlichkeit eingehen? Freundlicher als bisher noch nie, erleuchtete der auferstandene Herr der Herrlichkeit sein Angesicht über die zaghafte Jüngerschar, die einer flüchtigen Schar von Küchlein glich, der ein Habicht ihre Glucke weggeführt hat, und die sich nun sogar vor ihrem Seelenfreunde fürchtete, der sie so liebte, daß er sein Leben für sie in den Tod gab. Er scherzte gleichsam mit ihnen, nannte sie Kindlein, fragte, ob sie nicht etwas zu essen bei der Hand hätten, aß vor ihren Augen, da er doch keiner irdischen Speise mehr bedurfte, reichte ihnen seine Arme, sie anzurühren, und flößte ihnen so die alte Zutraulichkeit wieder ein, daß sie, daß sogar der große Sünder Petrus Mut gewann, vertraulich mit ihm zu reden, ihn allerlei zu fragen und sogar einen Verweis vertragen konnte, ohne dadurch verlegen zu werden, wie denn Petrus einen solchen auf eine vorwitzige Frage in den Worten bekam: „Was geht’s dich an? Folge du mir nach,“ jedenfalls aber auf die Frage: „Hast du mich lieb?“ antworten konnte: „Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, daß ich dich lieb habe“, obschon er ihm angedeutet hatte, er werde ihn durch den Kreuzestod preisen müssen. Es ward gewiß: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden! Die Sonne der Gerechtigkeit erleuchtete vollends 50 Tage später ihr Angesicht, als der heilige Geist nicht nur über die Apostel ausgegossen wurde, daß sie nun erst recht erkannten und verstanden, was sie an Christo, an dem Gottmenschen, and dem Gekreuzigten, an dem Auferstandenen, an ihm hatten, welcher, nachdem er die Reinigung unserer Sünden durch sein Blut gemacht, sich gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe und alle Gewalt bekommen hatte im Himmel und auf Erden, sondern daß nun auch tausende an ihn gläubig und durch ihn selig wurden bis auf diesen Tag und fortan.

So ließ de Herr sein Angesicht leuchten über Israel durch seine Menschwerdung und deren glückseligen Folgen.

Dies Erleuchten des Angesichts des Herrn bezeichnet auch zweitens seine freundliche Mitteilung an die wiedergeborene Seele hier und dort, der er sich als ein versöhnter, unendlich liebender Vater zu erkennen und zu genießen giebt.

Das Erleuchten des Angesichts Gottes schildern die Heiligen als das größte Gut. Über die Verbergung seines Angesichts aber führen alle, die sie erfuhren, die bittersten Klagen, und eine der herrlichsten Verheißungen ist die: „Ich will mein Angesicht nicht mehr vor dir verbergen.“ ER verbarg es einst drei Stunden lang vor seinem Sohne, und er erschrak. Dieser Verlassung Christi am Kreuz verdanken wir’s, so wir anders an seinem Namen glauben, daß wir nimmermehr von Gott verlassen werden, möchte es auch so scheinen, sondern daß er sein Angesicht über uns erleuchtet, so oft es seiner Weisheit und Liebe gefällt, und dann genesen wir.

Hienieden kann unsere sterbliche, schwache, ja sündige Natur eine völlige Mitteilung der ganzen Herrlichkeit und Freundlichkeit unseres himmlischen Vaters so wenig ertragen, als unser Auge den Blick in die Sonne am Mittage. Es hat schon Heilige gegeben, welche so von himmlischer Erquickung durchströmt wurden, daß sie ohnmächtig niedersanken und ausriefen: Mindere es, oder ich sterbe! Und es gilt noch, was Gott zu Moses sagte: „Kein Mensch würde am Leben bleiben, wenn er mein Angesicht sähe.“ Dazu gehört außer einer vollkommen geheiligten Seele auch ein verklärter Leib, und beides ist nicht für diese, sondern für die zukünftige Welt. Dem Erleuchten des göttlichen Angesichts geht die gesetzliche Zermalmung, die man auch Buße nennt, vorher. Die Sünde wird dem Menschen aufgedeckt, und er in sich selbst ein gräulicher, verlorener und verdammter Sünder, die Bitterkeit des Fluches macht seine Seele schaudern, denn sie schmeckt diesen Myrrhen- und Gallentrank. Ehe David Ps. 116 sagen konnte: „Das ist mir lieb, daß de Herr sein Ohr zu mir neiget“, „Du hast meine Seele aus dem Tode gerissen, meine Augen von den Thränen“, mußte er klagen: „Stricke des Todes hatten mich umfangen, und Angst der Hölle hatte mich getroffen; ich kam in Jammer und Not. Aber ich rief an den Namen des Herrn. O Herr, errette meine Seele!“ Zuvor wird alles umgerissen, worauf der freche Sünder sich verließ und das Noasch: „Es ist verloren“ kommt heraus. Um Trost ist ihm wohl bange, aber er ist ferne von ihm, und er kann sich nichts davon zueignen. Gutes will er wohl thun und thut dagegen das Böse, was er nicht will. O, ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes! Dies sind schmerzhafte Vorbereitungen zu der köstlichen Erfahrung, welche David im angeführten Psalm so ausdrückt: Sei nun wieder zufrieden, meine Seele, gehe ein zu der Ruhe, denn der Herr thut dir Gutes. Wie soll ich dem Herrn vergelten alle seine Wohlthat, die er an mir thut! Dir will ich Dank opfern und des Herrn Namen predigen in dir, Jerusalem, Hallelujah! Jedoch wiederholt sich jene Zermalmung, so oft es die weise Liebe für dienlich findet. Der nämliche David, welcher, da es ihm wohl ging, als der Herr durch seine Barmherzigkeit seinen Berg fest gemacht hatte, sprach: Nimmermehr werde ich darnieder liegen, erschrak doch, als er sein Angesicht vor ihm verbarg, was er nicht gedacht hätte. Der nämliche Paulus, der bis in den dritten Himmel entzückt wurde, mußte nachher die Streiche eines Satansengels ins Angesicht leiden und konnte nicht davon loskommen. Die nämlichen Jünger, welche auf Thabor die Herrlichkeit des Herrn gesehen hatten, mußten nachher seine tiefste Erniedrigung in Gethsemane mit anschauen. Aber wann ist das Erleuchten seines Angesichts über eine Seele lieblicher, als wenn er’s eine Zeitlang verborgen hat! Wenn die Braut im Hohelied von den Wohnungen der Löwinnen, von den Bergen der Leoparden herunter kommt, wird sie am meisten gelobt (Hohel. 4).

Es versteht sich auch von selbst, daß es eine wiedergeborne Seele sein muß, über welcher der Herr sein Angesicht in freundlicher Mitteilung soll leuchten lassen, ein natürlicher, fleischlicher Mensch ist derselben unfähig. Er kann das Reich Gottes nicht sehen, welches in Gerechtigkeit, Friede und Freude im heiligen Geist besteht. Der natürliche Mensch kann nichts vom Geist Gottes verstehen, er kann auch nichts davon genießen. Er begehrt es nicht und bekommt es nicht, der auferstandene Christus offenbart sich nicht der Welt, sondern seinen Jüngern. Der unwiedergeborene Mensch kann weder die Leiden, noch die Freuden eines Kindes Gottes beurteilen. Jedoch wird diese Erquickung nicht verschoben, bis jemand einen bedeutenden Fortschritt in der Gottseligkeit, in der Selbsterkenntnis, der Selbst- und Weltverleugnung gemacht hätte, vielmehr wird sie ihm gleich im Anfang seiner Umkehr mitgeteilt, und wohl in einem Maße, wie fortan nie wieder. Diese Erquickung ist wie ein Handgeld, ein Vorgeschmack des Kleinods, das am Ziel der Laufbahn aufgestellt ist, ein Vorgenuß dessen, was man dafür wieder bekommt, wenn man hiemit der Welt und was der Welt gefällt, rein ab- und Christo ansagt, welches jetzt mit vollem, ungeteilten Herzen geschieht. Denn, wenn du mich tröstest, dann laufe ich den Weg deiner Gebote. Der Trost geht nach dem Evangelium der Heiligung vorher, da das Gesetz diese voranstellt. Als der verlorene Sohn noch ferne war, sah ihn sein Vater schon und lief, nicht ging, lief ihm erbarmend entgegen und küßte ihn. Da rückte der Sohn mit seinem Sündenbekenntnis heraus, der Vater aber, als wollte er nichts davon hören, befahl, nicht ein gutes, sondern das beste Kleid herzubringen, ja es ihm anzuziehen, einen Ring an seine Hand und dann die Schuhe zum Wandern anzuthun, und zudem den Reigen, der nach der Mahlzeit mit fröhlichen Gesängen angestellt wurde. War nun der Sohn froh, der Vater war’s nicht weniger, daß er ihn wieder hatte, denn er war tot und verloren und nun wieder lebendig und wieder gefunden worden, und wollte, jeder sollte sich mit freuen, was nur die unterließen, die sich weit über den verlorenen Sohn erhoben und von Verdienst zu sprechen wagten, oder sogar zornig wurden und keine Gemeinschaft mit ihm begehrten. Unter diesem Bilde stellt Jesus die köstliche Wirkung davon vor, wenn er sein Angesicht über einen sich bekehrenden Sünder leuchten läßt.

Jener unartige Sohn mag sich wohl vorgestellt haben, sein Vater, wenn er ihn anders vor sich lasse, werde ein ernsthaftes, unfreundliches Gesicht aufsetzen, werde ihn mit gerechten Vorwürfen überhäufen, werde ihm vielleicht sagen, er könne einen solchen lüderlichen Menschen unter seinen Tagelöhnern nicht gebrauchen, er möge erst hingehen und mit der That beweisen, daß es ihm mit der Besserung wahrer Ernst sei und dann einmal wiederkommen. Nichts dergleichen. Allsofort erleuchtet der Vater sein Angesicht über ihn und ist ihm gnädig ohne alles Verdienst der Werke, umsonst, aus Liebe. Und so geht’s noch. Zur rechten Stunde lernt der zerschlagene Sünder gewißlich erkennen und dafür halten, daß Gott nicht ein harter Herr ist, der da schneiden will, wo er nicht gesäet hat, sondern ein überaus guter Vater, welcher giebt einfältiglich, festiglich dafür halten und glauben, daß er nicht ein solcher ist, dem man durch vorhergehendes oder nachfolgendes Wohlverhalten etwas abverdienen muß, sondern der alles frei, umsonst, um Christi willen schenkt und überschwänglich thut über Bitten und Verstehen, als einen Gott lernt er ihn kennen, der Missethat, Uebertretung und Sünde vergiebt, der Gottlose so gerecht spricht, daß fortan sie niemand verdammen darf, als einen Gott von vollkommener Seligkeit. Er sieht unter den erleuchtenden Strahlen seines Angesichts und glaubt aufs gewisseste, daß er durch Christi Blut aufs vollkommenste versöhnt, abgewaschen, gereinigt sei, daß die gesamte Handschrift seiner Sündenschuld ans Kreuz genagelt du weggeschafft sei. Der heilige Geist macht dies alles kräftig, so daß sein Glaube eine gewisse Zuversicht wird. Wie kann es nun anders sein, als daß eine Seele, der es also geht, die der allmächtige heilige Geist tröstet, ganz getrost und freudig sei! Sie ist es, selbst im Angesichte des Todes, und sollte es ein gewaltsamer sein; sie ist es, selbst im Angesichte des jüngsten Gerichts. Dann singt ein David: Lobe den Herrn, meine Seele; eine Maria: Meine Seele erhebet den Herrn! Dann leuchtet auch des Getrösteten Angesicht, wie Mosis Angesicht leuchtete, als er mit Gott geredet hatte. Da heißt es: Pniel, denn ich habe Gott von Angesicht gesehen, und meine Seele ist genesen. Dann schleicht man nicht, dann läuft man den Weg seiner Gebote.

Nun lautet der hohepriesterliche Segensspruch: Jehovah lasse sein Angesicht leuchten über dir, weil der Herr gesonnen ist, also mit seinem Volke zu handeln. Dies ist das höchste Gut. Besonders gehen euch diese hohepriesterlichen Worte an, ihr Traurigen zu Zion, ihr Leidtragenden, ihr, die ihr traurig seid in mancherlei Anfechtungen, die ihr im Finstern wandelt, und denen es nicht scheinet. Euer Sehnen ist dahin gerichtet: „Laß leuchten dein Angesicht, so genesen wir!“ Ach, wie wird’s euch, wenn dies geschieht! Dann findet die Schwalbe ihr Haus, der Vogel sein Nest; dann weichen die Trauergeister, denn der Freudenmeister, Jesus tritt herein. Und es wird geschehen, denn euer Hohepriester begehrt’s, und er wird allezeit erhöret. Doch wandeln wir hier nicht im Schauen, sondern im Glauben. Laßt euch an seiner Gnade genügen. Zu einem vollständigen Tage gehört auch die Dämmerung und die Nacht. In dem leuchten seines Angesichts sehen wir auch unsern Jammer, unser Nichts tiefer ein und loben sodann seine Gnade mit einem neuen Liede. Hier ist das Land der Abwechslung. Das Nahen zum Herzen und Fernen vom Herzen hat seine Zeit. Hier ist das Land der Entbehrung, der Verleugnung, der Thränen, des Streits, und wird nicht anders.

Aber es ist noch eine Ruhe vorhanden dem Volke Gottes. Und wir, die wir glauben, gehen in diese Ruhe, hier anfänglich, dort vollkommen. Dort, dort sind die edlen Gaben, wo mein Hirt ewig wird meine Seele laben. Was wird das sein, wenn hier das irdische Auge bricht, um tüchtig zu werden, den Aufgang der ewigen Sonne in dem himmlischen Jerusalem zu schauen, dessen Leuchte das Lamm ist! Hier waren es Erstlinge, dort ist die ganze Ernte; hier Tropfen, dort ein Strom; hier Tag und Nacht, dort keine Nacht mehr. Sind hier die Tropfen so süß, was muß die Fülle sein! Mache dich denn auf und werde Licht, denn dein Licht kommt! Denn er wird hervorbrechen wie die schöne Morgenröte, wie ein milder Regen auf das Gras. Es wird, o es wird gewißlich dahin kommen, daß er endlich sein Angesicht so über dir, o Israel, leuchten läßt, daß er’s dir nie wieder verbirgt, wiewohl noch der Jordan des Todes zwischen dir und diesem Kanaan liegt, woraus du auch schon manche Traube gekostet hast.

O laß dein Angesicht über uns leuchten, damit wir in deinem Lichte das Licht sehen, denn bei dir ist die Quelle des Lebens! Zeuch mich, zeuch mich, so laufen wir! Amen.

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Jean Calvin – An Kaspar Olevianus in Heidelberg

30.08.10 (Calvin, Jean)

Nachdem der Bischof in Trier die Reformation mit Gewalt unterdrückt und ihre Hauptführer verbannt hatte, lebte Olevianus als Lehrer in Heidelberg; 1561 wurde er vom Kurfürsten Friedrich III. dem Frommen zum Professor an der Universität ernannt. Er hatte Calvin um eine Darstellung der Genfer Kirchenordnung gebeten und ihm von einer siebentägigen Disputation zwischen Lutheranern und Reformierten berichtet, die zu Heidelberg anlässlich der Hochzeit Johann Wilhelms von Sachsen mit der Tochter Friedrichs III. gehalten worden war; dabei war Bouquin, Professor der Theologie in Heidelberg seinem lutherischen Gegner Johann Stössel unterlegen. Thomas Erastus (Lieber), war Professor der Medizin und zugleich aus Liebhaberei Theologe.

Von der Genfer Kirchenzucht.

Wenn auch der Ausgang Eurer Disputation nicht so war, wie man hätte wünschen müssen, so war es mir doch sehr lieb, mein bester Kaspar, dass du es dich nicht verdrießen ließest, mir den Hergang der ganzen Sache genau auseinanderzusetzen. Wenn jetzt nur dieser Bouquin aus einer solchen Erfahrung lernte, sein aufgeblasenes Selbstvertrauen ein wenig abzulegen! Vermigli habe ich aufgefordert, wenn er von dem durchlauchtigsten Kurfürsten berufen werde, nicht nur selbst willig den Ruf anzunehmen, sondern auch seinen Kollegen beizubringen, dass das von Nutzen sei. Wie mühevoll dein jetziges Amt ist, sehe ich; doch muss dich der Erfolg und auch die Notwendigkeit deines Wirkens zum energischen Weiterarbeiten drängen. Als weiterer Antrieb kommt dazu noch der Trotz der Gegner, die alles durcheinander bringen wollen. Dass einige Hoffnung besteht, in der Pfalz die Kirchenzucht einführen zu können, freut mich sehr. Wenn dabei vielleicht unsere hiesige Ordnung von Nutzen sein kann, so will ich die Hauptsache gerne zusammenfassen.

Die Pfarrer werden von unserm Kollegium gewählt. Es wird den Kandidaten eine Schriftstelle gegeben, an deren Auslegung sie eine Probe ihrer Geschicklichkeit geben können; dann werden sie über die Hauptpunkte der Lehre geprüft; schließlich haben sie sowohl vor uns als vor der Gemeinde zu predigen. Dabei sind auch zwei Ratsmitglieder anwesend. Wird ihre Ausbildung genügend erfunden, so schlagen wir sie dem Rate unter Beilegung des Zeugnisses vor, und es steht in seiner Macht, sie abzulehnen, wenn er etwa einen untauglich hält. Werden sie angenommen, (was bis jetzt stets geschah), dann werden ihre Namen veröffentlicht, so dass, wenn einer irgendein unbekanntes Vergehen auf dem Gewissen hat, dies innert acht Tagen angezeigt werden kann. Wessen Wahl durch allgemeine stillschweigende Zustimmung gebilligt wird, der wird dann Gott und der Gemeinde anbefohlen.

Die Kinder werden nur im öffentlichen Predigtgottesdienst getauft, da es widersinnig scheint, dass die feierliche Aufnahme in die Gemeinde nur vor ein paar Zeugen geschehe. Die Väter müssen, wenn sie nicht eine dringende Abhaltung haben, dabei sein, um mit den Paten auf die Tauffrage zu antworten. Zur Patenschaft wird niemand zugelassen, der nicht mit uns gleichen Bekenntnisses ist; auch die Gebannten werden von dieser Ehre ausgeschlossen.

Zum heiligen Abendmahl Christi darf keiner kommen, der nicht seinen Glauben bekannt hat. Deshalb werden jährlich vier Prüfungen abgehalten, an denen die Kinder befragt und eines jeden Fortschritte festgestellt werden. Denn wenn sie auch jeden Sonntag in der Katechismus-Stunde anfangen, in gewissem Sinne Zeugnis abzulegen, so dürfen sie doch nicht zum Abendmahl kommen, bis erkannt ist, dass sie nach dem Urteil des Pfarrers im Hauptinhalt des Glaubens genügend weit gekommen sind. Was die Erwachsenen angeht, so wird jährlich eine Inspektion jeder Familie abgehalten. Wir verteilen die Quartiere untereinander, so dass die einzelnen Bezirke der Reihe nach besucht werden können; der Pfarrer ist von einem Ältesten begleitet; dabei werden dann neu Zugezogene auch geprüft. Den schon Aufgenommenen wird das erlassen und nur untersucht, ob es im Hause ordentlich und friedlich zugeht, ob Streit mit den Nachbarn oder etwa Trunkenheit vorkommt, ob sie faul und träge im Predigtbesuch sind.

Die Sittenzucht wird folgendermaßen gehandhabt. Jährlich werden zwölf Älteste gewählt, nämlich zwei aus dem kleinen Rat, die übrigen aus dem Rat der Zweihundert, gleichgültig ob Alteingesessene oder Neubürger. Wer recht und treu seines Amtes waltet, wird nach Jahresfrist nicht entlassen, außer wenn er etwa durch ein anderes Staatsamt in Anspruch genommen wird. Vor der Wahl werden die Namen der Kandidaten veröffentlicht, so dass, wer einen als unwürdig erkennt, es rechtzeitig melden kann.

Vor dieses kirchliche Gericht wird nur vorgeladen, über wen dies einstimmig beschlossen wird; so wird jeder gefragt, ob er etwas vorzubringen habe. Es wird auch niemand vorgeladen, als wer sich einer persönlichen Mahnung ungehorsam erwiesen hat und der Gemeinde durch böses Beispiel Ärgernis gibt. So werden Flucher, Trunkenbolde, Hurer, Raufbolde und Streitsüchtige, Tänzer und Reigenführer und dergleichen Leute vorgeladen. Wer nur leicht gefehlt hat, wird mit freundlichen Worten zurechtgewiesen und entlassen. Bei schwereren Sünden ist die Rüge strenger; der Pfarrer tut sie dann nämlich in den Bann, wenn auch nur für kurze Zeit; dadurch werden sie vom Abendmahl ausgeschlossen, bis sie um Verzeihung bitten und vom selben Pfarrer wieder mit der Gemeinde wieder ausgesöhnt worden sind. Verachtet jemand verstockt die kirchliche Macht und lässt nicht innert Jahresfrist von seinem Trotz, so wird er vom Rat auf ein Jahr ausgewiesen. Benimmt sich jemand besonders frech, so nimmt der Rat die Sache auf und erteilt die Strafe. Wer, um sein Leben zu retten, bei den Papisten die evangelische Lehre abgeschworen und der Messe beigewohnt hat, wird aufgefordert, sich der Gemeinde zu stellen. Der Pfarrer erklärt dann die Sache von der Kanzel; dann wirft sich der Gebannte auf die Knie und bittet demütig um Verzeihung. Die Befugnisse des Konsistoriums sind nur der Art, dass die staatliche Gerichtsbarkeit in ihrem Vorgehen durch sie nicht gehemmt wird. Damit das Volk nicht über maßlose Strenge klagen kann, sind nicht nur die Pfarrer denselben Strafen unterstellt, sondern jedes des Bannes werte Vergehen zieht zugleich die Absetzung mit sich.

Diese Zusammenfassung halte ich für genügend; du kannst daraus die Gestaltung der Kirchenzucht schon erkennen, die ich dir ja doch nicht vorschreiben kann. Was du bei Euch für nützlich hältst, das bringe bescheidentlich vor, damit die guten, klugen Männer, die zu ermahnen nicht schwer sein wird, selbst beraten können, was das beste ist. Herrn Thomas Erastus, den Rektor Eurer Hochschule, grüße ehrerbietig von mir. Das Buch Tilemanns, das er Bullinger gesandt hat, habe ich zu durchfliegen begonnen, nicht ohne Spaß; denn die Geschwätzigkeit dieses Zungendreschers ist zu erbärmlich, als dass sie mich ärgern könnte. Ob ich antworten soll, darüber habe ich mich noch nicht entschieden. Einer Arbeit, die viele Tage in Anspruch nimmt, werde ich das Zeug sicher nicht würdigen; denn das viele Schreiben verdrießt mich. Eine kurze Darstellung dieses Handels habe ich neulich entworfen, die ich vielleicht nächstens herausgebe. Hast du etwa Zutritt zu dem erlauchten, edeln Herrn Grafen von Erbach, so zeige ihm, bitte, die Abschrift, die du diesem Briefe beigeschlossen findest. Dass ich ihm jetzt nicht schreibe, mag er meiner Scheu zuschreiben; doch kann er überzeugt sein, dass ich seine Hoheit stets mit geziemendem Respekt verehre. Lebwohl, bester, von Herzen geliebter Bruder. Der Herr leite dich mit seinem Geiste; er halte dich aufrecht mit seiner Kraft und behüte dich und segne dein Wirken.

Genf, 25. November 1560.

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Gottfried Daniel Krummacher – Die hohepriesterliche Segensformel – Fünfte Pedigt.

27.08.10 (04. 4. Mose, Krummacher, Gottfried Daniel)

4. Mose 6,25

Jehovah sei dir gnädig.

Ihr höret diese Worte, so oft ihr dieses Haus verlasset, in der Woche und am Sonntage. Sie sind einer so oftmaligen Wiederholung wohl wert, denn sie umfassen ja alles, was gut und heilbringend ist. Ich lese sie zum zweiten Male vor. Der Herr sei dir gnädig! Er erweise sich als gnädig an dir und gegen dich! Wir betrachten denn einiges von den Erweisungen und Wirkungen der Gnade an den einzelnen Menschen im Anfang, zum Fortgang und zur Vollendung.

Nichts ist fürchterlicher als das Gegenteil der Gnade, als der Zorn Gottes, er bringt ewiges und unendliches Elend. Mit Recht sagt Christus, wir sollten uns, mit dem Zorn Gottes verglichen, vor nichts fürchten, selbst nicht vor der härtesten Todesart, weil jener Zorn viel ärger sei. Aber fortwährend gilt noch die Klage des Mannes Gottes, Moses im 90. Psalm: Wer glaubt es aber, daß du so sehr zürnest? Und wer fürchtet sich vor solchem deinen Grimm? Wie gering ist zu allen Zeiten die Anzahl derer, welche diesem schrecklichsten aller Übel durch den einigen Friedensfürsten zu entrinnen suchen! Wie wollen aber die entfliehen, die ihn nicht achten, obschon sie von ihm hören! Nichts ist aber köstlicher als das Gegenteil vom Zorn, nämlich die Gnade. Gott wolle dir wohl, sei dir geneigt! Was läßt sich Besonderes wünschen, begehren, besitzen? Wahrlich nichts; denn dies begreift alles erdenklich Gute in sich.

Nun sagt der Hohepriester, dir, der Herr sei dir gnädig, und wir fragen also zuerst, und wir fragen also zuerst nach den Personen, die da gemeint sind. Wünschenswert ist dies allen Menschen, denn es ist, wie Paulus sagt, eine allen Menschen heilsame Gnade. Sie wäre den Königen auf ihrem Throne die herrlichste Krone, wenn Gott sie krönte mit Gnade und Barmherzigkeit, sie wäre für den armen, kranken Lazarus das sanfteste Lager, die rechte Gesundheit des Gesunden, der rechte, unvergängliche Reichtum für die Vermögenden, die rechte Freude für Fröhliche und Betrübte, kurz, allen alles. Was nun die Personen betrifft, welche Gegenstände der Gnade sind, so hat erstlich kein Mensch rechtlichen Anspruch daran, keiner kann fordern, Gott solle und müsse ihm gnädig sein, ihm wohlwollen, es wäre denn, daß es dem 2. Psalm gemäß geschähe, wo es Vers 8 heißt: Heische von mir! Worauf sollte ich solche Anforderung: Gott soll mir gnädig sein, gründen? Auf meine Werke, Rechtschaffenheit, Tugend? Gesetzt aber, es könnte jemand dem reichen Jüngling nachsagen Das Alles habe ich gehalten von Jugend auf, so würde er doch das niederschmetternde Wort von Jesu hören müssen: Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, denn daß ein Reicher ins Reich Gottes komme. Ja überhaupt, wenn Gnade sich auf ein vorheriges Betragen und Wohlverhalten gründete, so hörte sie in demselben Augenblicke auf, Gnade zu sein und veränderte ihre Natur. Nicht um der Werke willen der Gerechtigkeit, die wir gethan haben, sondern nach seiner Barmherzigkeit macht er uns selig. Mögen die Menschen es allerdings anders wollen, sie ändern damit nichts, sondern müssen selbst anders werden, sonst geht’s nicht. Ja, genau genommen, kann man nicht einmal sagen, wenn Gott jemand gnädig sein soll, so muß er seine Bedürftigkeit für die heilsame Gnade erkennen, sie ernstlich suchen und eifrig, ohne Unterlaß darum beten; denn wo sich dies wirklich findet, wo dies rechter Art ist, da sind es Pflanzen, mögen sie auch wie Gras aussehen, welche schon nicht auf dem verfluchten Acker unsres Herzens von selbst gewachsen, sondern vom himmlischen Vater gepflanzt sind. Es ist gleichsam die Dämmerung zu dem anbrechenden Tage. Die recht suchen, haben wohl ohne ihr Wissen schon so viel gefunden, als zu diesem Suchen erforderlich war. Sie werden also so gewiß finden, als sie suchen; denn wer erst hat, dem wird gegeben, daß er die Fülle habe. Und im ganzen wird der Herr gefunden von denen, die ihn nicht gesucht haben. Gott hat aber nicht zu Jakob gesagt: Suchet mein Angesicht vergeblich, darum suche ich, o Herr, dein Angesicht. Im ganzen gründet sich die Gnade auf nichts, was in uns selber ist, wie ja Eltern ihre Kinder darum lieben, weil es ihre Kinder, nicht aber, weil sie schön, gesund, artig sind, wie lieb ihnen das auch dabei ist. Möchten das diejenigen verstehen, welche meinen, sie würden sich mehr von der Gnade versprechen und hoffen dürfen, wenn sie gebeugter wären, wenn ihre Sündenangst größer, ihr Sündenhaß brennender wäre, wenn sie mehr Liebe hätten u. dgl., was doch im Grunde nichts anderes ist als eine Verkehrung des Gnadenbundes in eine Art von Werkbund, auf welchem Wege man nie zu etwas echtem kommen wird.

Gegenstände der Gnade sind überhaupt solche, die nur aus Gnaden gerecht, heilig und selig werden können. Und wem will denn Gott gnädig sein, wenn er’s nicht solchen sein wollte, die von Natur Kinder des Zorns sind, wie alle von Natur gewesen oder noch sind, wenn er’s nicht Sündern sein will, seien sie aus den Juden oder Heiden, nicht solchen, wie er sie selbst gefunden hat, als er vom Himmel herabsah auf die Menschenkinder, nämlich als solche, die nicht einmal nach ihm fragen, und vor deren Augen keine Gottesfurcht ist. Es sind Sünder von aller Art. Es sind teils ehrbare, sittsame Sünder, voll Eigenweisheit und Selbstgerechtigkeit, die von ihrer Rechtschaffenheit und Kirchlichkeit den Himmel als einen ihnen gebührenden Lohn erwarten; es sind teils gottlose Sünder, die sich durch eine Menge von bösen Früchten als böse Bäume kenntlich machen. Mit einem Worte, es sind Unwürdige, die ihrerseits nichts ausweisen können, was ihnen Ansprüche an Begnadigung gäbe, es wäre denn ihr Elend. Und ist hier kein Unterschied.

Insbesondere und namentlich ist es die Wahl, die es erlangt. Gott thut kund den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen der Barmherzigkeit, die er bereitet hat zur Herrlichkeit, wie er durch Hoseam spricht: Ich will das mein Volk heißen, was nicht mein Volk war, und die Liebe, die nicht die Liebe war, und soll geschehen an dem Ort, wo zu ihnen gesagt ward: Ihr seid nicht mein Volk, sollen sie Kinder des lebendigen Gottes genannt werden. Gott nimmt sich auch seinen Teil aus dem verlorenen Sünderhaufen. Des Herrn Volk ist sein Teil. Jakob ist die Schnur seines Erbes. Wie tröstlich ist dies, denn wenn die Zahl der Kinder Israel würde sein, wie der Sand am Meere, so würde doch das übrige selig werden. Wenn uns aber der Herr nicht ließ übrig bleiben, so wären wir wie Sodom geworden und gleich wie Gomorrha. Wenn denn auch alles Fleisch seinen Weg verderbet, so werden ihrer dennoch gläubig, so viel ihrer zum ewigen Leben verordnet sind. Welche er zuvor versehen hat, die hat er auch verordnet. Ich habe dich je und je geliebet, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte. Das ist die Liebe, nicht daß wir ihn geliebt hätten, sondern er hat uns zuerst geliebt. Das ist die Sache, nicht daß wir ihn, sondern daß er uns gesucht hat, bis er uns fand, da wir verlorne Schafe, Groschen, Söhne waren, ja Feinde Gottes durch die Vernunft in bösen Werken. Denn wir sind von Natur geneigt, Gott und unsern Nächsten zu hassen, und, bis wir aus dem Geist Gottes wiedergeboren werden, ganz und gar untüchtig zu einigem Guten und geneigt zu allem Bösen. Derjenige aber, der uns tüchtig macht, das ist Gott, der in uns schafft beides, das Wollen und Vollbringen nach seinem Wohlgefallen. Von ihm, durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit!

Daß die Gläubigen Gegenstände der Barmherzigkeit sind, redet von selbst, denn aus Gnaden seid ihr selig geworden, durch den Glauben, und dasselbe nicht aus euch, Gottes Gabe ist es. sind wir von denen, die da glauben, so retten wir unsre Seele. Wie in der Natur, so pflegt sich auch Gott in dem Reiche der Gnade der Mittel zu bedienen. Dies nennen wir Gnadenmittel, die wir in ordentliche und außerordentliche unterscheiden. An sich sind sie freilich nichts, und ihre Anwendung ist erfolglos, von Gott aber gesegnet, verfehlen sie ihren Zweck nie. Die ordentlichen Gnadenmittel sind: Die Predigt des göttlichen Worts, denn der Glaube kommt aus der predigt. Wie sollen sie aber hören ohne Prediger? Dann die Sakramente, die dasjenige bestätigen, was Gott im Evangelium lehrt, nämlich, daß unsre ganze Seligkeit stehe in dem einigen Opfer Christi, am Kreuz für uns geschehen. Die Predigt handelt sowohl vom Gesetz, das uns unsre Pflicht lehrt, woraus Erkenntnis der Sünde und der Verdammtnis kommt, als vom Evangelium, das uns die göttliche Gnade und Verheißung in Christo Jesu predigt und uns zur Annahme und Teilnahme durch den Glauben einladet. Jenes, das Gesetz, betrübet, ängstigt, treibt ins Verzagen und Verzweifeln dieses, das Evangelium, erfreut, beruhigt, macht Mut und Hoffnung, insofern sich nämlich der Geist Gottes dieser Mittel zu dem einen oder andern Zweck bedient, sonst mag gepredigt werden, was, wie und so lang es will, es ist nichts als ein toter Buchstabe. Dagegen kann das einfachste Wort, wie von ungefähr ausgesprochen, von wem es sei, die gesegnetste Wirkung haben. Was die außerordentlichen Mittel angeht, so sind dieselben zugleich die seltensten, und niemand darf sie erwarten oder begehren. Es ist zwar unleugbar, daß schon durch Träume, Stimmen, Erscheinungen Bekehrungen bewirkt oder Tröstungen ausgespendet worden sind; allein es sind auch oft arge Täuschungen mit untergelaufen. Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.

Die Erweisungen und Wirkungen der Gnade sind seligmachend und kommen in eine dreifache Betrachtung: nach ihrem Anfang und Fortgang in diesem, und nach ihrer Vollendung in dem zukünftigen Leben.

Die anfänglichen Wirkungen der Gnade in einem Menschen sind oft so plötzlich und durchgreifend, daß sie ihm und andern alsbald merkbar werden. Sie sind plötzlich wie ein Blitz, so daß ein solcher mit dem Blindgeborenen sagen kann: Vor kurzem war ich noch blind, jetzt aber bin ich sehend, und es von ihm wie von Zachäus heißt: Heute ist diesem Hause Heil wiederfahren! So geschah es mit den Dreitausend, die durch Petri predigt in ganz kurzer Zeit bußfertig und gläubig wurden, mit dem Kerkermeister zu Philippi und überhaupt mit den ersten christlichen Gemeinden. Mit andern aber schreiten die Wirkungen der Gnade stufenweise vorwärts und beginnen auf eine so zarte, unmerkliche Weise, daß sie von dem, der sie erfährt, selbst noch nicht als Gnade kund werden. Es verhält sich dann, wie Jesus vom Weizen sagt: Erst das Gras. Die Blume und Frucht liegt gleichsam noch in der Knospe. Der Mensch wird erweckt, so daß er wegen seiner Seligkeit nicht mehr so sorglos sein, es nicht mehr so leicht nehmen kann, wie bisher. Er kann nicht mehr so frech und frei sündigen, sondern findet einen innern Widerstand, innere Abmahnung, Gewissensbisse, die Frage: Wo will’s mit mir hinaus? Es kann sein, daß ihm dies ungelegen genug ist, und er das wohl mit guter Manier von der Hand wiese, aber es geht nicht, es kommt wieder, und ist das Werk aus Gott, könnt ihr es nicht dämpfen, sonst aber wird’s hernach noch wohl ärger mit den Menschen, und Satan beaufsichtigt einen solchen Knecht, der Miene macht, ihm zu entlaufen, noch genauer und bindet ihn noch fester. Ist’s mit der Erweckung rechter Art, so fängt die Gnade an, wie ein Licht in den bisher dunkeln Ort des Herzens zu scheinen, daß dem Menschen manches im Worte verständlich, ihm auch die Sünde mehr klar vor die Augen gestellt wird. Er muß jetzt vieles als sündlich anerkennen, was er bisher für Kleinigkeit hielt, oder als erlaubt, als ehrbar ansah, und muß es dran geben, mögen andere auch dazu sagen, was sie für gut finden, es loben oder mißbilligen. Er muß auch vieles als ungut anerkennen, worauf er sich bisher als auf sein Verdienst und Werk verließ, ja es mit zu seinen Sünden rechnen. Alle Entschuldigungen und falsche Behelfe werden ihm entrissen, denn das Gesetz erweiset sich nun in der Kraft seiner Forderung: Thue das, so wirst du leben, und in dem Nachdruck seiner Drohung: Verflucht sei jedermann, der nicht bleibt in alle dem, was geschrieben steht in dem Gesetze, daß er’s thue, und führt den Menschen in eine ernstliche Arbeit, der Forderung ein Genüge zu leisten, um der Drohung zu entgehen und das Leben zu ergreifen. Freilich ist dies der Weg zur Seligkeit nicht, er ist wohl voll Arbeit, aber ohne Frucht. Er bring uns dem Ziele nicht näher, sondern entfernt es; die Sünde wird überaus sündig, und das Gebot, welches dem Menschen zum Leben gegeben war, denn wer das Gesetz hält, der soll leben, gereicht ihm zum Tode. Führt dich aber dein Weg unter das Gesetz also, daß du dadurch ein elender Mensch wirst, der ängstlich fragen muß: Wer wird mich erlösen vom Leibe des Todes; kannst du es weder durchs Thun noch durchs Glauben, weder durch eignes Wirken noch durch Beten erlangen, weil du zu dem einen so ungeschickt bist wie zu dem andern: Siehe, so ist der Herr nicht gesonnen, dich zu verderben, wie du fürchtest, sondern er harret nur, daß er dir gnädig sei. Bist du erst ganz vom eignen Wirken leer, so wandelt er dein Fürchten, Zweifeln, Zagen in lauter Jubelton und Lobgesang.

Ist der Mensch genug gedemütigt, welches „genug“ aber der Herr selbst bestimmt, so nimmt die Gnade eine andere Richtung, die lieblicher ist, als die bisherige. Die Zeit, worin die Seele in der Erkenntnis und Empfindung ihres Elendes geübt und dadurch zerknirscht und zerschlagen wird, dauert nicht bei allen gleich lang; was bei einigen Stunden sind, dauert bei andern Tage, Wochen und Jahre. Die Demütigung und Zermalmung, die Angst und Not hat auch nicht bei allen gleiches Maß: Nacht ist Nacht, aber nicht jede Nacht ist gleich finster. In der einen geistlichen Nacht kann der Mond mit flüchtigen Tröstungen scheinen, oder es können noch einige Sterne der Hoffnung aus etlichen Verheißungen winken; in einer andern aber können Stürme sausen, Donner rollen, und zischende Blitze ein fürchterliches, gefährliches Licht spenden. Man kann zwar von keinem sagen, er sei empfänglicher für die Gnade, denn sie schafft etwas neues, ruft dem, das nicht ist, daß es sei, und befiehlt dem Licht, daß es aus der Finsternis hervorleuchte. Das Wort aber zeigt uns in Wort und Exempel, daß die Gnade bei dem einen mehr Hindernisse und Schwierigkeiten wegzuräumen antreffe, als bei andern; daß sie sich in der Umschaffung des einen mehr als eine allmächtige, unwiderstehliche, alles besiegende Gnade erweise, als bei andern, obschon es die nämliche Gnade ist. Sie ist der Sonne vergleichbar, die überall die nämliche ist, doch in einigen Ländern eine weit größere Hitze macht, als in andern. Christus sagt von den Reichen, sie würden schwerlich ins Reich Gottes kommen, setzt aber doch hinzu: Bei Gott sind alle Dinge möglich. Zu den selbstgerechten Pharisäern sagt Christus, Hurer und Zöllner würden eher ins Himmelreich kommen, als sie; war aber nicht der so reich begnadigte Paulus ein Pharisäer? Und giebt uns nicht Lucas den erfreulichen Bericht, es seien noch viele Pharisäer und Priester bekehrt worden? Wunder sind Wunder, Erweisungen der göttlichen Allmacht; aber sie erweisen sich doch herrlicher in Stillung des tobenden Sturms und wütenden Meeres, in Auferweckung des Lazarus, in Austreibung der sieben Teufel aus der Maria Magdalena, in Heilung des Blindgeborenen, als in Gesundmachung der Schwiegermutter Petri, die nur am Fieber darniederlag. In der Bekehrung eines schnaubenden Paulus wird eine größere Kraft der Gnade ersichtlich, als an dem gutwilligen Nathanael in Wegschaffung seines Vorurteils: Was kann aus Nazareth Gutes kommen? Gott redet beim Jeremias (Kap. 30) zweimal von starken Sünden, woraus er Zion helfen wolle. Ist jemand in der Sünde grau geworden, sind sündliche Gewohnheiten zu Stricken gewordne, die ihn fesseln, hat er sich sogar den historischen Glauben an die Schriftwahrheit rauben lassen und statt dessen sich den fleischlichen Grundsätzen menschlicher Weisheit hingegeben, steckt er in besonderem Maße in Eigenwillen, Selbstgerechtigkeit und Eigenweisheit, so trifft die Gnade hier Befestigung und Höhen an; und wenn sie dennoch durchbrechen, und wenn solche Gefangene und Gebundene dennoch gefangen werden unter den Gehorsam Christi, so erweiset sich dadurch die Gnade in besonderer Macht und Herrlichkeit. So werden wohl Letzte die Ersten.

Kehren wir aber zurück zu den Erweisungen der Gnade, so nimmt sie bei Seelen, die genugsam gedemütigt sind, eine andere lieblichere Richtung und erweiset sich als eine solche, welche da, wo die Sünde mächtig geworden, noch mächtiger ist. Dem Menschen, der nun glücklicherweise in seinen Augen zu einem verlorenen und verdammten Sünder geworden ist, wie er, ohne es einzusehen, immer war, wird nun offenbar und glaublich, daß er deswegen doch nicht wirklich ewig verloren zu gehen braucht, daß seine Sünde nicht zu groß und viel, seine Verderbtheit nicht zu tief gewurzelt, seine Bande nicht zu fest und stark seien, daß ihn nach Jeremias 30 dennoch geholfen werden könne, obschon seine Schmerzen verzweifelt böse, und seine Wunden unheilbar sind. Ja, bei dieser erfreulichen Einsicht wird ihm sogar Freimütigkeit zuteil, sich an den zu wenden, außer welchem kein Heil und kein Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darin sie sollen selig werden; der da rufet: Her zu mir; der keinen hinausstößt, der zu ihm kommt; der sogar sagt, er sei dazu gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist, und der von sich sagen läßt: Es ist je gewißlich wahr und ein teuer wertes Wort, daß Jesus Christus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen. Dies wird der Seele immer deutlicher und glaublicher, so daß ihr zuletzt kein Zweifel übrig bleibt, Jesus werde auch sie selig machen, weil sie ja die Eigenschaft aufs deutlichste an sich findet, die dazu erfordert wird, ein Gegenstand der seligmachenden Arbeit Jesu zu werden, die Eigenschaft nämlich, daß sie eine elende und sündige, eine blinde und tote Seele ist. Und wie Kranke und Arzt, so gehören ja Sünder und Jesus beisammen. Das, was die Seele schon ängstigte, macht ihr jetzt Mut, ihr Elend nämlich, denn die Elenden sind es ja, die leben sollen, weil der Herr es thut. So kommt denn das wunderbare Werk und Kleinod des Glaubens in dem Herzen zum Vorschein; die Seele fällt mit dem sehend gewordenen Blindgeborenen zu den Füßen des Sohnes Gottes anbetend nieder und spricht das große Wort: Herr, ich glaube! Das Evangelium wird ihr klar und mit demselben gewiß, daß auch ihr Christus von Gott gemacht ist zur Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung. Wo ist nun die Sünde? Am Kreuze abgethan und mit Gottes Blut abgewaschen. Wo ist der Tod? Er ist verschlungen in den Sieg. Der Bösewicht? Er ist überwunden. Die Hölle? Mein Fels hat überwunden der Hülle ganzes Heer. Wo ist die Handschrift der Sünde? Sie ist ans Kreuz geheftet und aus dem Mittel gethan. Wo sind die Kläger? Es hat mich niemand verdammt, weil mein Bürge unschuldig für mich verdammt ist. Wo ist der Zorn? So weit hinweggethan, als der Aufgang der Sonne vom Niedergang. Wie steht’s ums Gericht? Wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Diese Liebe treibt die Furcht aus, also daß wir Freudigkeit haben auf den Tag des Gerichts. Was wird aus deinen Verbrechen? Sie sind alle geheilt. Was aus der Zukunft? Lauter Heil. So geht’s denn, wie es Jes. 35 heißt: Wo es sonst trocken war, sollen Teiche stehen, und wo es dürre war, sollen Quellbrunnen sein; wo sonst Schlangen waren, soll Gras, Rohr und Schilf wachsen: Denn sie sehen die Herrlichkeit des Herrn, den Schmuck unsers Gottes.

Unterdessen wird die Seele eine neue Kreatur in Christo Jesu, die sich auf die lieblichste Weise herausstellt; daß da, wo Sünde und Gräuel standen, jetzt Glaube, Liebe und Hoffnung grünen, im Geist und in der Wahrheit Gott zu dienen. Sie wird wiedergeboren, sie wird gerechtfertigt, sie wird geheiligt, sie wird bewahret. Ist sie nun gleich nach der Rechtfertigung vollkommen in Christo Jesu, und kein verdammlicher Flecken an ihr, ist sie rein um des Wortes Christi willen, so bedarf sie doch, daß ihr die Füße gewaschen werden, was derjenige allein kann, auch treulich thut, der sie ein- für allemal so wusch, daß sie ganz rein ward. Doch kann der Seele die Reinigung ihrer vorigen Sünden noch so verdunkelt werden, daß sie meint, auch Hände und Haupt müßten gewaschen werden, da sie doch ganz rein ist. Nach der Wiedergeburt sind zwei Menschen in einem, Fleisch und Geist, die wider einander streiten. Im roten Meer ertrank das Heer der Egypter, aber ein Haasaghsüpp, ein Pöbelvolk, kam mit hindurch und brachte viel Herzeleid, und Ahira, der böse Bruder, war gar einer von den Anführers. Da giebt’s wunderbare Streitigkeiten, und obschon der Größere und Aeltere dienstbar werden muß dem Kleinern und Jüngern, so muß Jakob doch wohl vor Esau flüchten, weil er ihn töten will. Kurz, es ist und bleibt hienieden Stückwerk.

Aber wir warten eines neuen Himmels und einer neuen Erde. Jehovah sei dir nur gnädig, so bist du geborgen. Will das Dir, und will dich der Blick auf dich selbst entmutigen, siehe, so heißt es ja gnädig, das schließt ja alles Verdienst und alle Würdigkeit aus und ermutigt dich, ja dich, zum völligen Glauben, um nichts umsonst zu kaufen. Jehovah sei dir gnädig! O Seele, zu welchem ziele führt dich das! Die höchsten und innigsten Erquickungen, die du hier genießen magst, sind zwar des Geistes Erstlinge, aber was muß die volle Ernte sein! Sind die Vorhöfe so schön, was muß der Tempel selber sein! Es giebt dafür keine menschliche Sprache, und als Paulus aus demselben zurückkam, konnte er keinen Bescheid darüber geben, weil er dazu unaussprechliche Worte bedurft hätte. Ist auf Thabor gut sein, wie gut muß es vollends da sein, wohin Moses und Elias doch bald zurückkehrten, mag auch ein Gethsemane, ein Golgatha, ein Grab, möchten auch Hiobs und Hemans Leiden dazwischen liegen.

Jehovah sei Dir gnädig! Höheres giebt’s nicht, denn es umfaßt alles in einem.

So sei uns denn gnädig, Herr, und laß es uns wissen, so genüget uns! Amen.

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Gottfried Daniel Krummacher – Die hohepriesterliche Segensformel – Vierte Predigt.

26.08.10 (04. 4. Mose, Krummacher, Gottfried Daniel)

4. Mose 6,25.

Jehovah lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig.

Dieser Teil des hohepriesterlichen Segens schildert insbesondere das Werk des Sohnes, welches der Grund alles Segens ist, der auf das Haupt verfluchter Sünder trieft.

Was die Ordnung der Worte betrifft, will es mich bedünken, als werde die Wirkung vor der Ursache genannt. Jehovah sei dir gnädig, ist die Ursache, daß er sein Angesicht über dir leuchten läßt, wie es in der Schrift oft geschieht. Doch ändert dies in der Sache nichts.

Laßt uns aber die zweite Hälfte dieses Segens zuerst betrachten: Jehovah sei dir gnädig. Welch ein Wort! Unser Geist bücke sich, und unser ganzes Innere zerfließe, indem der ewige Hohepriester dies Wort über uns Sünder hinsagt. Er sage es zugleich in uns herein, denn seine Worte sind Geist und sind Leben, so werden wir leben und willig sein, ihm aufs neue Huld und Treue zu verschreiben, weil sein Geist uns dann wird treiben.

Wir erwägen

1. das große Wort: Jehovahs Gnade: Sei gnädig;

2. den hohepriesterlichen Segenswunsch: Sei es dir.

Am liebsten ergösse sich das Gemüt ja wohl statt der betrachtenden Reflexion in laute oder stille Empfindung der Anbetung, des Lobes, des Dankens, des Sehnens, der Thränen und Freudenbezeugungen, in einzelne Ausrufungen und Hallelujas; doch müssen wir diese dem stillen Kämmerlein überlassen, denn dahin gehört das Hohelied, in welchem die Braut sagt: O, daß ich dich, mein Bruder, draußen fände, daß ich dich küssen möchte, und mich niemand höhnete! Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes! Wenn sich der König herwendet, giebt meine Narde ihren Geruch. Unser Gottesdienst ist aber ein vernünftiger, und so walte auch jetzt die Betrachtung der Empfindung vor, wie das Ausstreuen des Samens der Frucht.

Jehovahs Gnade. Er sei gnädig! Was will das sagen? Was verstehen wir unter dem Wort „Gnade“? Was für einen Begriff verknüpfen wir damit, nämlich aus dem Gesichtskreis, den uns das göttliche Wort eröffnet, betrachtet?

Auf jeden Fall bezeichnet das Wort Gnade etwas gutes, angenehmes, nützliches. Es schließt überall eignes Verdienst aus, denn dem Verdienst gebührt der Lohn. Der Begriff von Gnade schließt auch die Vorstellung von Recht aus, denn aus dem Recht entspringt Schuldigkeit und Pflicht. Dies sollten sich besonders diejenigen wohl merken, die so geneigt sind, aus Gnade ein Recht zu machen und Gott die Pflicht aufzubürden, alle gleich zu behandeln, eine Gesinnung, die, wenn und solange sie fortdauert, von der göttlichen Gewogenheit von rechtswegen ausschließt. Aber auch diejenigen möchten sich dies merken, welche sich in sich selbst vergeblich nach einem selbsterworbenen Rechte umsehen, auf Gottes Wohlwollen Ansprüche zu machen. O, wollet doch von keinem andern Rechte wissen als von demjenigen, was euch die göttliche Verheißung verliehen! Sie sind der Saum seines Kleides. Wer ihn krank anrührt, wird gesund, wer unrein, wird rein.

Das Wort Gnade hat im allgemeinen verschiedene Staffeln. Im geringsten Sinne werden mit diesem Worte alle Gutthaten hoher Personen, sonderlich die der Landesherren gegen ihre Untergebene benannt, auch wenn dabei die Billigkeit, ja große Verdienste von Seiten des Empfängers zum Grunde liegen. Die Großen der Erde wollen wegen ihrer, ihnen von der Vorsehung verliehenen Hoheit, vermöge welcher sie gewissermaßen Repräsentanten des Königs aller Könige sind, nichts als einen ihnen geleisteten Dienst oder als ein gegen sie erworbenes Recht anerkennen, sondern jenes als ehrenvolle sich selbst lohnende Schuld, dies aber als gütige Willkür angesehen wissen. Wer, auch bei den größten Verdiensten, anders gegen sie aufträte, würde übel fahren. Sie sind darin auch gar nicht zu tadeln, denn sie sind Schatten der göttlichen Majestät, wie es Psalm 82,6 heißt: „Ich habe gesagt: Ihr seid Götter. Aber ihr werdet sterben wie Menschen.“ Jahrelang kann daher jemand bei den Großen der Erde um Bezahlung einer Schuld bitten, während sie Geschenke mit Händen ausspenden. Wer ist auch, der nicht nach strengem Beweis fragt, wenn selbst von einer Kleinigkeit als Recht die Rede ist? Man sehe sich also besonders vor der allerhöchsten, unendlichen Majestät Gottes wohl vor. Der Himmel ist sein Stuhl, und die Erde seiner Füße Schemel. Wer hat ihm zuvor etwas gegeben, das ihm vergolten werde?

Das Wort Gnade nimmt eine höhere Bedeutung an, wenn ein Landesherr jemandem, der durch Übertretung des Gesetzes überhaupt, oder durch Beleidigungen, die er dem Staatsoberhaupte selbst zugefügt, wenn er einem Teil des Staates, der sich wider ihn empört, ihn und seine Diener beschimpft hat, die verdiente Strafe erläßt oder sie gar mit Wohlthaten überhäuft. Doch hier ist nicht von solcher geringen, sondern die Rede ist hier von der allerhöchsten Gnade des Allerhöchsten, von der Gnade unsers Herrn Jesu Christi. Oft bezeichnet das Wort Gnade den guten, seligen Zustand, worin ein Mensch durch dieselbe versetzt worden ist; die Gnade im Menschen, die neue Kreatur, Christum in uns, die göttliche Natur. Mir ist Barmherzigkeit widerfahren, sagt Paulus. Das ist die rechte Gnade Gottes, darin ihr steht, schreibt Petrus, und Ebr. 12 wird die wunderbare Ermahnung gegeben: Habt Gnade, durch welche wir sollen Gott dienen, ihm zu gefallen mit Zucht und Furcht. In dieser Beziehung kann man sagen: Er hat viel, weniger, mehr Gnade, und wünschen, daß Gott viel Gnade geben möge, so wie ermahnen, darin zu wachsen. In dieser Beziehung kann es Zeiten geben, wo sich die Gnade in demjenigen, der sie besitzt, vor dem Bewußtsein und der Empfindung verbirgt, so daß er wenig oder nichts davon empfindet und das, was er davon gewahr wird, nicht als Gnade ansehen kann. Alsdann ist es eine zeitgemäße Ermahnung, auf die Gnade zu trauen, nicht insofern sie in uns, sondern insofern sie in Christo ist, und unser Leben außer uns, in ihm zu suchen, dieweil wir mitten im Tode liegen. Denn alle die guten Dinge in uns haben keinen längern Bestand, als es Gott gefällt, sie zu erhalten und uns den Geist zu geben, daß wir wissen können, was uns von Gott gegeben ist. Es giebt Zeiten, wo eine Seele gar nicht zu fragen braucht: „Habe ich Gnade?“ und es gibt andere, wo sie selbst diese Frage gar nicht zu ihrer Befriedigung beantworten kann.

Gnade bezeichnet ferner einen mehrfachen Gegensatz. Am grellsten tritt der Gegensatz von Zorn und Gnade hervor, wovon das Eine das Andere aufhebt. Denn wenn Gott mit den Seinen zürnt in dem Augenblick seines Zornes, so zürnst er wie ein seine Kinder aufs zärtlichste liebender, nur ihre Unarten hassender Vater und sie, sie sagen: „Ich will des Herrn Zorn tragen, denn ich habe wider ihn gesündigt. Es wird uns aber doch geholfen.“ Übrigens giebt es, wie Gefäße des Zorns, so auch Gefäße der Barmherzigkeit. (Röm. 9,22).

Gnade ist auch ganz etwas anderes, als Güte. Gütig ist er gegen alle, selbst gegen die Tiere, gegen Gut und Böse, selbst gegen die Undankbaren und Boshaftigen, ohne daß sie dankbar und gütig werden, obschon seine Güte, die alle Morgen neu ist, sie zur Buße leitet. Ihre Beweise sind zahllos, und alles, was jemand nach Leib und Seele Gutes genießt, verdankt er derselben. Aber das ist doch weit weniger als Gnade. Unter der Güte Gottes häuft sich der Mensch, der sie nicht anschauet und sich zur Bekehrung leiten läßt, Zorn auf den Tag des Zorns. Über jenem reichen Manne war die Güte Gottes so groß, daß er alle Tage herrlich und in Freuden lebte. Am Ende aber kam er an den Ort der Qual, wo die Güte auch nicht einmal einige Tropfen Wasser mehr für ihn übrig hatte. Die Güte läuft zu Ende, die Gnade nie, sondern steigert sich. Gnade und eigenes Recht bilden einen Gegensatz, wovon das Eine das Andere aufhebt. Wenn David Ps. 101 sagt: „Von Gnade und Recht will ich singen“, so meint er das nämliche Recht, wovon Jesaias sagt: „Zion wird dadurch erlöset“, und Johannes: „Er ist gerecht, daß er uns die Sünde vergiebt“, ja Paulus: „Er erweiset seine Gerechtigkeit in Vergebung der Sünden.“ Wer aber auf ein Recht außer dem Blute Christi sich stützet, der fährt übel, wie geneigt der selbstgerechte Mensch auch dazu ist. Der Anspruchsrechte aber, welche dies Blut dem bußfertigen Sündern an Gottes Liebe giebt, rühmt er sich im Glauben nicht zu freudig und kühn. Gnade ist ein Gegensatz gegen Verdienst. Ich bemerke, daß das Wort Verdienst wohl in unserer Bibelübersetzung, nicht aber in den neutestamentlichen Schriften selbst vorkommt, sondern da heißt es Werk. Den Gegensatz zwischen Werk oder Verdienst und Gnade hebt der Apostel besonders in dem Dilemma Röm. 11,6 hervor, wo er sagt: „Ist es aus Gnaden, so ist es nicht aus dem Werk, sonst würde Gnade nicht Gnade sein. ist es aber aus Werken, so ist es nicht Gnade, sonst wäre das Werk nicht Werk.“

Der Apostel erläutert dies mit dem Exempel Jakobs und Esaus, wenn er sagt: Ehe die Kinder geboren waren und weder Gutes noch Böses gethan hatten u.s.w. So liegt es nun nicht an jemands wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen. Er hat uns selig gemacht und berufen, nicht um der Werke willen der Gerechtigkeit, die wir gethan hatten, sondern nach seinem Vorsatz und seiner Gnade. Und selbst zu Mose. Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wes ich mich erbarme, des erbarme ich mich.

Welch’ ein ungemeiner Trost- und Glaubensgrund liegt aber in diesem Gegensatze der Werke und der Gnade für alle diejenigen, die so verarmt sind, daß sie ihrerseits keinen Vorrat von guten Werken, Kräften und Gesinnungen aufzuweisen haben, worauf sie ihren Hoffnungsanker senken können, wenn sie sehen, daß es derer auch nicht bedarf, sondern daß die Gnade, eben weil sie das ist, Hoffnungsgrund genug darbietet. Sie gleicht einem Gewölbe, das eben in seiner Wölbung die Kraft hat, die schwersten Lasten zu tragen, ja dadurch nur selbst desto fester schließt. O, Gnade als Gnade erkennen und ihr trauen, das giebt Grund ohne andern Grund!

Laßt mich euch noch auf einen fünften Gegensatz aufmerksam machen, den die Gnade als Quelle gegen den freien Willen und gegen das Gesetz als Form bildet. Unter freiem Willen verstehen diejenigen, welche dem Menschen, wie er jetzt ist, denselben zuschreiben, nicht, wie wir alle, die Freiheit vom Zwange, sondern ein Vermögen, unabhängig und selbstständig sich zum Guten zu entschließen und es zu üben, das Schlechte aber zu meiden und zu unterlassen. Das Evangelium weiset dies gänzlich zurück. Es lehrt von der einen Seite, der Mensch sei tot in Sünden und müsse sein leben außer sich in Christo suchen; und auf der andern: Aber der Gott aller Gnade vollbereite, stärke, kräftige, gründe uns. Das Evangelium verweiset daher den Menschen ganz an die Gnade, so wie jene lehre alles von sich selbst erwartet. Das Gesetz kann zwar und soll als ein Stück des Gnadenbundes betrachtet werden, wo die Verheißung die Gestalt der Forderung annahm; aber seiner Natur nach fordert es und spricht: Thue mir das, wogegen die Gnade fragt: Was willst du, daß ich dir thun soll? Das Gesetz hat Verheißungen, die aber an die Bedingungen des eignen und zwar eben so vollkommnen als aufrichtigen Gehorsams geknüpft sind. Das Evangelium besteht aus lauter Verheißungen, die frei und umsonst erteilt werden. Dieses will Glauben, jenes Werke.

Natur und Gnade bilden auch einen Gegensatz. Wir lehren wohl die gründliche Verderbnis der menschlichen Natur. Aber damit wird nicht geleugnet, daß Gott durch seine Macht du Güte dieser Natur, deren Grundgesinnung Feindschaft gegen Gott ist, ohne sie zu erneuern, manches an sich Gute erhält. Freundlichkeit z.B., Wohlthätigkeit, Geduld sind nicht überall, wo sie sich finden, Früchte des Geistes, die aus der Wiedergeburt entspringen, sondern im Grunde von keinem höhern Werte, als ähnliche Eigenschaften, welche wir an den Tieren wahrnehmen. Hingegen ist ein Quentlein wahrer Gnade mehr wert als die ganze Welt, möchte sie auch mit einer sehr ungünstigen Natur zu streiten haben, denn sie beweiset die Gemeinschaft mit Christo, und die ist mehr wert als Himmel und Erde. Dies begründet nun einen wesentlichen Unterschied in der Lehre und in dem Verhalten, was wir aber hier nicht weiter nachweisenwollen.

Laßt uns aber jetzt den Begriff festsetzen, den wir von Gnade uns machen müssen. Gnade ist die Gewogenheit des dreieinigen Gottes gegen solche, die dieser Gewogenheit nicht nur nicht würdig sind, denn wer wäre das, selbst unter allen Engeln, da die Himmel nicht rein vor ihm sind? sondern die ihrer ganz und gar unwürdig, ja seines grimmigen Zornes wert sind. Gnade ist der ganze, unerschöpfliche Vorrat aller Heilsgüter. Höret nun aus vielen einige Sprüche: Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade viel mächtiger. Aus Gnaden seid ihr selig geworden. Wir werden ohne Verdienst aus seiner Gnade gerecht. Durch seine herrliche Gnade hat er uns angenehm gemacht in dem Geliebten. Er erzeiget den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade. Durch seine Gnade werden wir gerecht und Erben des ewigen Lebens. Mit Recht ermahnet deswegen Petrus, unsere Hoffnung vollkommen auf dieselbe zu setzen. Sie ist die Quelle alles Heils und dessen Ursache, dessen Urheberin, Inhaberin und Ausspenderin. Sie ist kein bloßer Begriff, sondern Leben und Wesen. Dies wird sich deutlich herausstellen, wenn wir einige Eigenschaften und Wirkungen der Gnade hervorheben. Wir achten zuerst auf diejenigen, welche die gereinigte Kirche überhaupt anerkennt und dann auf das, was die reformierte Kirche insbesondere davon rühmt; denn die römische vermengt auf eine seltsame Weise Gnade und freien Willen.

Gnade ist das Notwendigste. Niemand kann sie zum Seligwerden entbehren, ja der eine ebenso wenig, als der andere, eigentlich auch keiner mehr, als ein anderer, möchte es auch so scheinen. Jedoch wendet sie eine solche Kraft an, als zur Erreichung ihres Zweckes nötig ist. Niemand darf daher denken, er habe von Haus aus Verstand genug, Kraft und Tugend genug, so daß ihm die Gnade gar nicht, oder doch nicht so not thue, als anderen. Niemand darf meinen, er wolle das schon durch eigenen Fleiß ersetzen, denn wie in der Gnade alles Gute und Heilsame zusammengefaßt ist, so ist außer ihr nichts als Schein. Wie könnte sonst Petrus empfehlen, vollkommen auf die Gnade zu hoffen? Sie ist aber notwendig zum Anfang der Gottseligkeit, so wie zum Wachstum und zur Vollendung. Siehe also hier das eine, was not ist: Es ist Gnade.

Sie hat ferner die erwünschte Eigenschaft, daß sie erlangbar ist. Wir wissen, daß das von vielen irdischen Gütern nicht gerühmt werden kann, sonst würden derer mehr sein, die besitzen. Daß aber Gnade erlangbar sein, wie viele Exempel giebt es davon zu allen, auch zu unsern Zeiten, an unserm und an andern Orten, aus allerlei Klassen von Menschen, vornehmen und geringen, guten und bösen. Wie deutlich versichert uns auch das Wort. Kommet, heißt es ja ganz allgemein in den Haufen der Zuhörer hinein, kommet, denn es ist alles bereitet! Wer da will, der komme und nehme des lebendigen Wassers umsonst! Gott recket ja sogar seine Hand den ganzen Tag aus gegen ein Volk, das sich nicht sagen läßt, und alles, was mir mein Vater giebt, kommt zu mir. Wer bittet, empfähet, wer suchet, findet, wer anklopft, dem wird aufgethan. Schon der Seele, die nach dem Herrn fragt, ist er freundlich. Niemand hat also Ursache, im geringsten zu zweifeln, ob er willkommen sei, wenn er um Gnade fleht, wenn er mit voller Zuversicht zu Jesu kommt, möchte er auch noch gleichsam von Sünden triefen und wie der verlorene Sohn, ohne Kleider und Schuhe, sich aufmachen und zum Vater kommen, denn Gnade ist erlangbar.

Sie ist zuverlässig und gewiß. Es ist ein Salzbund, es sind gewisse Gnaden Davids. Wir können unmöglich etwas Gewisseres haben, als ein Wort Gottes. Und das haben wir, denn Gott sagt: Ich will gnädig sein ihrer Missethat und ihrer Sünde und Untugend will ich nicht mehr gedenken. Das soll, das kann uns völlig genug sein. Mehr brauchen wir nicht. Und dennoch haben wir mehr. Wir haben mehrere göttliche Eidschwüre, welche durch die Sakramente sichtbar werden; denn da Gott den Erben der Verheißung über die Maßen beweisen wollte, daß sein Rat nicht wankte, hat er einen Eid gethan, auf daß wir einen starken Trost haben. Wer sein Vertrauen allein und ganz und in jeglicher Beziehung auf die Gnade setzt, der bauet auf Felsen, was auch die Natur darein reden mag, ihn zu verleiten, daß er von der Gnade aufs Gesetz und auf eigne Kräfte falle.

Sie ist mitteilsam. Sie wird gegeben. „Thue wohl an Zion nach deiner Gnade“ betet David. „Mir ist Gnade gegeben“ sagt Paulus 1 Korinth. 3,10. „Es war große Gnade bei ihnen allen“, heißt es Apostelgesch. 4,33 von der ersten christlichen Gemeinde, woraus wir zugleich abnehmen können, daß auch eine kleinere Gnade bei jemand sein könne. Wie ein Licht scheinet sie in dunkele Örter, daher betet David Psalm 119: Herr laß mir deine Gnade widerfahren; deine Gnade müsse mein Trost sein“ Erquicke mich durch deine Gnade! Den Heiden wurde Gnade zur Buße gegeben.

Was wollen wir denn davon sagen, wie begehrenswürdig sie sei? Jesus selbst nennt sie ein Gold, das mit Feuer durchläutert ist, wodurch man reich wird, und Petrus bemerkt, sie werde viel köstlicher befunden, als das vergängliche Gold. Ist’s niemandem zu verdenken, wenn er sich etwas damit weiß, in einer besondern Gnade beim König zu stehen, was will das denn doch zu bedeuten haben, bei dem Könige aller Könige in besonderster Gnade zu stehen! Müßte man sich das, ich weiß nicht, durch was für Opfer, und was für Mühseligkeiten erkaufen, wer wollte sich bedenken! Und nun wird sie umsonst und unentgeltlich ausgeteilt. Es ist nicht zu verwundern, wenn sich manche Seelen ordentlich schüchtern und blöde machen lassen, ja sich entsetzen über den großen Gedanken: Gott ist mir um Christi willen gnädig, so lange sie das: „Um Christi willen“ nicht recht fassen, daß sie sich bemühen, sich doch irgend eine Art von Würdigkeit zu verschaffen, bis ihnen endlich alles aus der Hand fällt, und sie ausrufen können: Wohlan, willst du denn umsonst Gnade erweisen, so sei es, Herr Jesu, ja, hie bin ich! Habe mich lieb nach aller deiner Herzenslust und nach meinem Bedürfnis! Dies sind einige Eigenschaften der Gnade.

Unsere Kirche nun lehrt nach ihrem Bekenntnis (denn in der Praxis gestaltet es sich anders) am klarsten und unterscheidendsten von der Gnade, wie man außer derselben noch immer dem eignen Thun und Verhalten des natürlichen Menschen etwas beimißt und lebhaft dafür streitet, wie für ein eignes Leben, ohne genau angeben zu können, was man denn meine. Wir rühmen denn insbesondere von der Gnade folgende Eigenschaften. Sie ist’s allein, ohne eignes Zuthun. Wir bringen nichts mit, sondern empfangen alles. Wir haben nicht einmal Verstand von der Sache der Gottseligkeit, und wenn wir zugreifen, machen wir’s nur verkehrt. Die Gnade bauet ein ganz neues Haus vom Fundament bis zum Dach. Es ist eine neue Kreatur, ein neuer Mensch mit allen seinen Teilen. Das Wörtlein „ohne Zuthun“ ist von großer Bedeutung, aber schwer zu fassen. Die Gnade ist ferner unwiderstehlich und siegt. Welche köstliche Eigenschaft“ Sie wirbt nicht um unsere natürliche Einwilligung, ihr Werk in ihrer Weise zu beginnen, sondern indem sie um dieselbe wirbt, neigt sie heimlich, aber kräftig den Willen, welches eben der Zug des Vaters zum Sohne ist. Sie ist den Schleuderern Davids zu vergleichen, welche auf ein Haar trafen. Jesus ruft zu sich, welcher er will, und sie kommen. Man muß uns nicht wie Scheintote behandeln, die man durch äußere Mittel ins Leben zurückruft, sondern als Tote, die samt Christo lebendig gemacht werden müssen. Die Gnade ist drittens unverlierbar. Wer wirklich Gnade erlangt hat, verliert sie nie wieder; sie bewahrt sich selbst. Es kann jemand sie so verlieren, daß er eine Zeitlang sie nicht spürt, auch so verlieren, wie die Galater, welche der Gnade entfielen, um es durch eigene Werke zu stande zu bringen. Aber es ist ein ewiger Bund. Berge mögen weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund des Friedens nicht hinfallen. Endlich lehren wir, viele seien berufen, aber wenige auserwählt. Es gebe eine Welt, welche der Vater Christo nicht gegeben, für die Christus nicht gebetet hat, die den Geist nicht kann empfangen, weil sie ihn nicht siehet und nicht kennet. Er bittet aber für die, welche ihm gegeben sind, und bittet nicht nur für die Apostel, sondern auch für diejenigen, welche durch ihr Wort an ihn glauben werden. Wer aber zu ihm kommt, den will er nicht hinausstoßen. Kommet denn nur und säumet nicht, denn es ist noch Raum da! Kehret euch an nichts und brechet durch, denn er lebet immerdar und kann immerdar selig machen alle, die durch ihn zu Gott kommen“

Hier breche ich ab, da wir jetzt noch das „sei dir“, sei dir gnädig zu erwägen hätten.

Schließlich sage ich denn nur noch mit einem christlichen Schriftsteller: Das Wort Gnade ist das dunkelste und deutlichste, das schärfste und tröstlichste Wort in der heiligen Schrift: Das dunkelste, weil es niemand ohne das Licht des heiligen Geistes faßt; das deutlichste, weil es eigentlich keiner Erklärung bedarf; das schärfste, weil es dem Menschen allen Ruhm abschneidet, und das tröstlichste, weil es dem, der nichts hat, alles auf einmal und für immer schenkt.

Sehet denn zu, daß ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfanget! Jehovah sei dir gnädig! Amen.

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Gottfried Daniel Krummacher – Die hohepriesterliche Segensformel – Dritte Predigt

25.08.10 (04. 4. Mose, Krummacher, Gottfried Daniel)

4. Mose 6,24

Und behüte dich.

Dies ist ein zweites Gut, das von Gott dem Vater ausgehet, nämlich die Bewahrung. Wir betrachten denn

1. das Gut der Bewahrung,

2. dessen Ursprung

I.

Das Gut der Bewahrung wird durch das Wörtlein „und“ mit dem Segen verbunden. Bezieht sich das Segnen auf den Anfang, so sieht das Behüten auf die Erhaltung des Segens, auf dessen Fortgang und Vollendung. Dies Letztere ist nicht weniger wichtig, nützlich und nötig. Denn was wäre doch aller Segen, wenn es ihm an Bestand und Dauer fehlte? Eher ein Unglück als ein Segen. Je größer und glänzender ein Glück ist, desto bitterer ist dessen Umsturz. Wenn Jehovah wohl segnete, aber nicht behütete, so wäre dies kaum ein halbes Werk und eine ängstliche Sache. Wie köstlich beschließt deswegen der Apostel seinen Wunsch an die Thessalonicher, wenn er sagt: Der Gott des Friedens heilige euch durch und durch, und euer Geist ganz, samt Seele und Leib, müsse behalten werden unsträflich auf die Zukunft unsers Herrn Jesu Christi und nun hinzusetzt: Getreu ist er, der euch rufet, welcher wird es auch thun.

Die einzelnen Punkte, die wir betrachten, sind folgende. Die Bewahrung, die Gegenstände und Personen, die Gefahr und Anlässe, die Nothwendigkeit, der Zweck, der Nutzen, unsere Bedürftigkeit dafür und die Gewißheit derselben.

Die Bewahrung selbst ist die Erhaltung in einem guten Stande durch Abwendung von Schaden und Übeln und Herbeiführung des Nötigen und Nützlichen. Geschieht das, so beharrt jemand in einem glücklichen Zustande. Es ist also ein vortreffliches Gut. Die Gegenstände und Personen der Bewahrung sind verschieden und mannigfaltig. sie betrifft z.B. das Allgemeine. Es hört nicht auf Same und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht; und damit wir nicht allzu sicher werden, tritt bisweilen eine ungünstige Witterung ein, versengende Hitze und Dürre, oder unmäßiger Regen und unfruchtbare Zeit. Selbst die Tiere weiß die göttliche Vorsehung zu erhalten, und wir bemerken ihre oft wunderbaren Naturtriebe, wodurch sie ihre Nahrungs- und Arzneimittel zu finden wissen, im Winter versorgt werden oder für ihre Brut sorgen. Bewunderungswürdig ist namentlich die Erhaltung der heiligen Schrift, da die Schriften Mosis doch über 3000, die Psalmen über 2000 Jahre alt sind. Wie bewunderungswürdig ist die Erhaltung des Judenvolks bis auf den heutigen Tag, aller ungeheuren Drangsale ungeachtet, und wie nahe liegt der Schluß, daß Gott noch etwas Großes mit diesem Volk vorhabe! Wie merkwürdig ist die Erhaltung und Ausbreitung der christlichen Kirche, allen Verfolgungen zum Trotz! Wer sollte es glauben, so ruft Hieronymus ist 5. Jahrhunderte von unsern deutschen Vorfahren aus, wer sollte es glauben, daß sogar Deutschland nach den Aussprüchen des heiligen Geistes horcht! Das Behüten betrifft ferner das Natürliche und Menschliche nach Leib und Seele. Wie wichtig ist die Erhaltung der gehörigen Seelenkräfte, und welch ein betrübter Zustand ist der Schwachsinn, wovor doch die klügsten Leute nicht gesichert sind. Ja, es ist ein wertes Gut, wenn jemandes Leibeskräfte und Gesundheit erhalten werden, die doch so vielen Anstößen bloß gestellt sind; wenn seine Vermögensumstände blühen; wenn es seiner Familie wohlgeht; wenn harte Fälle an ihm vorübergehen. Diese Bewahrung betrifft auch namentlich das Sittliche, wenn die Vorsehung die Jugend und das Alter vor Verführung schirmt und mit Versuchungen verschont, wie Jesus uns auch beten heißt. Welch ein Jammer, wenn Menschen so in den Unflat der Welt verflochten werden, wenn sie verstricket werden in Schwelgerei, Trunkenheit, Unzucht, Spielsucht, Hader und Zank; und welche Güte, davor sicher gestellt und durch die Güte Gottes mit einem ehrbaren Leben gesegnet zu sein, wenn gleich die wenigsten seine Güte darin anerkennen, sondern es sich selbst zuschreiben, und selbst eine eigene Gerechtigkeit daraus errichten. Insbesondere sind die Gesegneten des Herrn der Gegenstand seiner Behütung, die er bewahrt wie seinen Augapfel, denn er ist ein Heiland aller Menschen, sonderlich aber der Gläubigen. Was das Leibliche anbetrifft, so genießen sie darin freilich keine Vorzüge, desto mehr aber im Geistlichen, was ihren Gnadenstand anbetrifft. Diese Bewahrung betrifft die wichtige Erhaltung des großen Gutes des geistlichen Lebens, das der Anfang des ewigen Lebens ist und in der Wiedergeburt anfängt, in der Herrlichkeit sich vollendet, die Erhaltung im Glauben, der durch so viele Proben muß, der Vereinigung mit Christo, welche die Wurzel des Lebens ist. Der Herr behüte dich, heißt es, dich, den er gesegnet hat, behüte dich so, daß sich der Segen wie ein Strom durch dein ganzes Lebens zieht! O, Glückselige!

Das Behüten setzt Gefahren und bedenkliche Verhältnisse voraus, als so viel Anlässe zum Behüten. Wo jene nicht sind, ist auch dieses nicht nötig. Aber diese Gefahren, diese Anlässe zum Bewahren sind dringend, sind groß an Zahl und Gewicht im Leiblichen wie auch im Geistlichen. Wie leicht mag es doch, daß uns im Leiblichen und Zeitlichen ein Unfall zustößt, der hier unsere Person, dort wohl noch empfindlicher unsere angehörigen trifft und oft in kurzem ein Haus der Freude in ein Trauerhaus umwandelt; doch, mag’s denn, alles, was sichtbar ist, ist doch nur zeitlich. Ein Augenblick drängt den andern, und unsere ganze Lebenszeit besteht nur aus einer Reihe von Augenblicken, die unablässig sich vermindert. Ist unsere Zeit böse, so ist sie doch auch wenig, wie lang sich auch dünken möchte. Haben wir nur die Hauptsache in Sicherheit, nämlich unser Seelenheil, so können wir uns nicht nur manches, auch Schwere gefallen lassen, sondern sollen es um so mehr, weil uns, die wir Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, welches doch mehr wert ist, als eine halbe, ja, als die ganze Welt ohne dies Privilegiom. Die zeitlichen Schläge der Schickungen treffen doch nur irdische Annehmlichkeiten oder unsern hiesigen Stand. Aber von welch’ unendlich wichtigerer Bedeutung sind die Gefahren, welche unser wahres, eigentliches Gut und Glück bedrohen! Und deren sind nicht wenige. Bei den Christen sind vornehmlich drei Quellen dieser Gefahren. Wir sagen: Bei den Christen, denn die Andern sind tot in Sünden, und das ist ihr Element, was der Christen Kampfplatz ist. Was Paulus von Wissen sagt, es sei Stückwerk, das gilt von der gesamten Gottseligkeit in allen ihren Teilen. Das Gute ist in uns sehr unvollkommen und gebrechlich; und müßten wir darauf vertrauen, insofern es in uns ist, so sähe es sehr bedenklich aus. Die herrlichste Gnadenstunde, die wir heute verleben, leistet uns keine Gewähr für morgen, und man ist oft von keinem mehr verschieden, als von sich selbst. Petrus beteuert, er wolle mit Jesu sterben, und seine Äußerung war ihm ernstlich bedacht; und wenige Stunden nachher hören wir ihn fluchen und Jesum abschwören, da er doch meinte, seine Liebe gebe ihm genugsame Sicherheit. Soll unser eigner Fleiß, sollen unsere Vorsicht und unser entschlossener Wille unsere Festung sein, so sind sie eher eine Vergrößerung unserer Gefahr. Unleugbar können, ehe wir’s uns versehen, und weit entfernt, sie zu hegen, allerlei böse Neigungen uns beschleichen und zu einer gefährlichen Kraft gedeihen. Sie können eine gewisse Bezauberung ausüben, so daß der Apostel wohl Grund hat, zu ermahnen: Sehet zu, daß niemand unter euch verstocket werde durch Betrug der Sünde! Was ist lebensgefährlicher, als der Unglaube, weil er es ist, der die Gemeinschaft unserer Seele mit Christo unterbricht, und wenn er herrscht, aufhebt? Und was ist häufiger als die Regungen desselben, und wie weiß er sich zu entschuldigen, so daß er die vernünftigen Reden mehr für sich, als das Evangelium wider sich zu haben scheint. Ein Mensch wie er, soll der glauben? Das sei ferne! Und in welches Unglück würde er sich eben durch solche selbstgerechte Gedanken stürzen, wäre der nicht so treu, der ihn gerufen hat. Laßt uns noch einige andere schlimme Eigenschaften bemerklich machen, die mit dem Unglauben in einer nahen, begünstigenden Verwandtschaft stehen und mit demselben fallen. Da ist die schlimme Neigung, welche wir vom Baume der Erkenntnis her haben, für uns selbst etwas zu sein, zu können, zu wissen und zu haben, also auch nicht in Christo gerecht, weise, stark und heilig zu sein; der schlimme Trieb, dem Werkbunde gemäß zu handeln, der Gnade zu entfallen, Christum zu verlieren und die Vollkommenheit nach und in dem Fleische zu suchen, nicht aber den übernatürlichen und erhabenen Grundsätzen des Evangeliums gemäß zu handeln, nach welchem wir der Sünder tot sind, aber Gott leben in Christo Jesu. Da ist die böse Neigung, sicher zu werden und die stete Glaubens-Gemeinschaft mit dem Haupte einschlafen zu lassen, um sich an dessen Statt mit frühern Versicherungen zu behelfen, da doch das Manna täglich gesammelt und genossen werden muß, weil es sich nur am Sabbath hält. Da ist die schlimme Eigenschaft, die in einem kränkelnden Gewissen besteht, das gleichsam ein stetes Kränkeln und Marterleben ist, statt sich seine Wunden durch das Blut Christi alle heilen zu lassen und darin zu beharren. Kurz, dies seien nur einige Andeutungen, die aber ins Leben gehen. Aber was verstehen wir aus und durch uns selbst von dem Christentume und dem Evangelio? Wir sind stets entgegengesetzter Meinung. Die Gefahr wächst durch die unleugbaren Einflüsse böser Geister, vor denen wahre Christen so oft gewarnt werden. Den Römern wünscht der Apostel, daß der Gott des Friedens den Satan unter ihre Füße trete in kurzem. Den Korinthern äußert er seine Besorgnis, daß, wie die Schlange Eva betrog, also auch ihre Sinnen verrücket würden von der Einfältigkeit in Christo. Welche Ermahnungen er den Ephesern gab, ist bekannt. Er redet von listigen Anläufen des Bösewichts. Dieser große und kluge Geist ist uns unzweifelhaft weit überlegen, so daß wir ihm in einem Zweikampfe sicher erliegen, noch ehe wir denselben begonnen haben, wofern das Behüten des Herrn uns nicht sicher stellt. Wie würde es anders einem Petrus gegangen sein, als der Satan sein begehrte, ihn zu sichten, wie den Weizen! Seine beängstigenden Anfälle sind wohl die am wenigsten gefährlichen. Es giebt Versuchungen, die gar nicht wie solche aussehen, wo er sich in einen Engel des Lichts und in einen Prediger der Gerechtigkeit verstellen kann. Und wer will da aus sich selbst das Feld behalten und alles wohl ausrichten, als nur durch den Herrn? Die Welt verlieret bei denen, die wahrhaft Christen geworden sind, bald viel von ihrer Kraft. Aber wenn auch ihre Güter nicht mehr ihr Ziel, und ihre Vergnügungen nicht mehr ihre Glückseligkeit ausmachen, weil sie bessere Güter und höhere Freuden kennen und die Zucht des Geistes genießen: So haben sie doch auf manche Weise ihre Angst in der Welt und ihre Not, denn sie liegt im Argen. Die bösen Geister unter dem Himmel herrschen in der Finsternis dieser Welt in Schriften, Philosophien, Kirchen und Schulen. Hier ist mancherlei, was der Entwickelung des neuen Menschen hemmend entgegentritt, uns beschwert und seufzen macht. Es taugt hier für uns nicht; das fühlten die lieben Jünger nie lebhafter, als da sie auf jenem Berge waren und ausriefen: Hier ist’s gut sein! Es ist kein gutes Zeichen, wenn ein Christ es hier gut aushalten kann, denn unser Wandel ist im Himmel, von dannen wir auch warten auf unseres Leibes Erlösung. Bedarf’s also noch wohl eines Beweises von der Notwendigkeit des Gutes, was uns der Hohepriester in dem Worte anwünscht: Jehovah behüte dich? Sind keine Gefahren vorhanden, sind die Güter, die im Segen begriffen sind, nicht köstlich, ist ihre Fortdauer nicht wertvoll? Erblicken wir jemand auf dem Gipfel des Glücks, so flößt uns schon seine Höhe ein Grauen ein, weil es uns unsicher erscheint und dadurch seinen Wert verliert. Ein Gut, je köstlicher es ist, desto lieber garnicht besessen, als in steter Gefahr, es wieder zu verlieren, wo der Gram viel größer würde, als das frühere Vergnügen war. Was fehlte unsern ersten Eltern im Paradiese? An Leib und Seele nichts als die Beständigkeit und eben damit die Hauptsache. Gehört also die Behütung nicht zu den Gütern des Gnadenbundes, so sind wir um so übler beraten, je herrlicher dieser Bund ist. Eine Vergebung der Sünden, die aufhört, eine Heiligung, die sich verliert, ist für so arme Sünder, wie wir sind, für gar kein Gut zu rechnen. Aber der feste Bund Gottes besteht, der ist ewig, und alles wird wohl geordnet und gehalten (2. Sam. 23).

Der Zweck des Behütens ist eben die Fortsetzung des Segens vom kleinen Beginnen bis zur Vollendung aller seiner Staffeln und Teile nach Leib und Seele. Was kann herrlicher, erwünschter sein! Gleich beim ersten Tritt auf dem Wege schon so gut wie ganz gewiß am Ziele zu sein, und an welchem! Wo findet sich das außer dem Reiche Gottes? Der Zweck der Behütung ist ja, wie gesagt, die glückliche Beseitigung aller Gefahren selbst, oder Erhaltung in denselben, und wäre es ein feuriger Ofen oder eine Löwengrube oder der Palast eines Potiphars oder Kaiphas, ist die Beschaffung alles nützlichen und heilsamen. Wie man die Vorsehung eine fortgesetzte Schöpfung, so mag man das Behüten ein fortgesetztes Segnen nennen. Liegt der Grund, warum der Segen sich zu uns wendet, nicht in uns, sondern außer uns in der Gnade, so liegt auch keiner in uns, die wird nichts als Sünder und von Natur geneigt sind, Gott und unsern Nächsten zu hassen, warum er nach Gottes Vorsatz und Gnade aufhören sollte. Das ist der Zweck, daß Christus nichts verlieret von dem, was ihm sein Vater gegeben hat, sondern daß er es auferwecke am jüngsten Tage.

Eben daraus leuchtet auch der große, unschätzbare Nutzen der Behütung hervor. Der Hohepriester redet nicht gesetzlich und fordernd, sondern anwünschend, dienend, wie sich’s für einen Hohepriester ziemt, der eben deswegen aus den Menschen genommen wurde, welche schwach sind, damit er auch mit Schwachheit umfangen wäre und Mitleid haben könnte. Unter seinen ausgebreiteten Händen sollten sie sich nicht wirkend, sondern zustimmend, hinnehmend, gläubig und sich hingebend verhalten. O, welch eine Glückseligkeit, sich in einem Stande zu befinden, wo nichts, gar nichts schaden kann, wo alles dienen, ja zur Seligkeit dienen muß! Man sollte ja kaum sagen, daß es wirklich einen solchen Stand gebe, da wir so sehr an Abwechslung aller Art gewöhnt sind. Aber das Wort Gottes predigt einen solchen Stand, und es ist der der Kindschaft und Gnade. Sind wir durch Gnade in diesem herrlichen Stande, so sind wir der Behütung eben so bedürftig als vorher der Errettung aus dem Stande der Natur und des Zornes. Diese Bedürftigkeit für das Behüten des Herrn gründlich zu erkennen, ist sehr nötig und heilsam und dienet zugleich dazu, uns dieses Gut desto kostbarer zu machen. Unser Katechismus bezeichnet uns nicht nur die drei Hauptarmeen, so wider uns heranziehen, sondern schildert uns als schwach und zwar so schwach, daß wir nicht einen Augenblick bestehen können. Was ist aber kürzer als ein Augenblick? Folglich muß es eine ununterbrochene Behütung sein. Wir gleichen Petro auf dem Meere. Jeder seiner Tritte mußte durch das allmächtige Wort Christi: „Komm her“ getragen werden, wenn er gelingen sollte, und sein Glaube nicht weniger, sollte er bis ans Ende beharren. Wo sollte mit uns hinaus, wenn wir allein gehen? Wenn wir fallen, wer will uns aufhelfen? Sind wir nicht einmal tüchtig, ein Haar schwarz oder weiß zu machen, nicht tüchtig, aus uns selbst etwas zu denken: Was wollen wir anfangen, wenn es sich um wichtigere Dinge handelt? Wohl dem deswegen, der sich allewege fürchtet, aber dabei auch allewege auf die Güte des Herrn hofft! Worauf wollen wir sonst hoffen? Auf unser Herz? So sind wir Narren. Auf unsern Verstand? Da zu einem Narren mehr Hoffnung ist, als zu dem, der sich weise dünket. Auf unsere gute Gesinnung? Ist nicht sogar Adam aus dem Stande der Unschuld gefallen? Wo Wölfe, ja wo Löwen sind, bedürfen da die Schafe nicht einer großen Bewahrung? Können sie ohne den Hirten nichts, mit ihm alles, ist ihnen denn nicht der Weg vorgezeichnet? Außer ihm verloren, in ihm sicher. Je weiter wir in dieser Überzeugung gefördert und gegründet worden sind, je mehr wir erkennen, daß unser Friede in den beiden Punkten steht: „So er in uns bleibet, und wir in ihm bleiben,“ desto köstlicher wird uns die Gewißheit jener Behütung. Sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Was bedürfen wir weiter Zeugnis, die Schrift kann doch nicht gebrochen werden. Ist uns der Sohn zu diesem Zwecke noch nicht genug, so versichert er: „Niemand wird sie aus meines Vaters Hand reißen, und der Vater ist größer denn alles, und derselbe giebt den Tröster, den heiligen Geist, der wird bei euch bleiben ewiglich.“

Eine solche dreifache Schnur reißt nicht, und das, was wir dabei wahrzunehmen haben, wird ebenfalls mildiglich dargereicht werden durch den Glauben.

II.

Dies große Gut der Behütung wird aber in unserm hohepriesterlichen Segen besonders Jehovah dem Vater zugeeignet und von ihm durch Christum zugewünschet; dies Gut, das erst allen anderen Gütern ihren eigentlichen Wert und Glanz giebt, da sonst die Furcht des Verlustes auch die größte Glückseligkeit unvollkommen machen würde und müßte. Du sollst wissen, daß der Herr, dein Gott ein Gott ist, ein treuer Gott, ein Gott Amen, der Bund und Barmherzigkeit hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten. Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, daß er dich behüte auf dem Wege und bringe an den Ort, den ich bereitet habe, und will dir geben alle deine Feinde in die Flucht. Er behütet sie wie einen Augapfel, nahm sie und trug sie auf seinen Flügeln.

Der Herr vergleicht sich daher mit einem Schilde, mit einer feurigen Ringmauer, mit einem festen Schluß, mit einem Felsen, Berge und Heerscharen und sagt, er sei so bei den Demütigen, bei denen, die sich fürchten, bei dem Würmlein Jakob. Er schafft ja das Wollen und Vollbringen. Er giebt ja den Müden Kraft und Stärke genug den Unvermögenden. In den Schwachen ist er mächtig. Wir sollen und brauchen nicht stark zu sein in uns selbst, sondern in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke.

Wirst du denn in deinem herzen sagen: Dieses Volk ist mehr, denn ich bin, wie kann ich sie vertreiben! so fürchte dich nicht, denn der Herr wird sich seiner Knechte erbarmen, wenn er sieht, daß ihr Vermögen dahin ist.

Die Behütung nun ist teils unmittelbar, teils mittelbar. Die unmittelbare ist die Hauptsache und geht durch alles durch. Es ist die Anwendung seiner väterlichen Kraft, sein Wille, daß Jesus nichts von demjenigen verliere, was er ihm gegeben hat. Es ist der zeugende, erhaltende, mehrende Geisteseinfluß auf den armen Menschen, welches Christus selbst in uns ist, wodurch er ist, wirkt und wächst. Dies ist des Vaters wirksame Hand im Reiche der Gnade, wie sich auch im Reiche der Natur die allmächtige, gegenwärtige Kraft Gottes äußert, wodurch er alles als mit seiner Hand erhält und regieret. In ihm leben, weben und sind wir. Von ihm und durch ihn sind alle Dinge.

Wer aber aus Gott geboren ist, der bewahret sich auch, wie Johannes in seiner ersten Epistel Kap. 5,18 sagt. Er ist der göttlichen Natur, der unverderblichen teilhaftig, und die erneuert sich stets im Geiste des Gemüts. Es ist ein Same Gottes in ihm und der bleibet bei ihm, daß er nicht sündigen kann, denn er ist aus Gott geboren. Die Liebe Gottes ist ausgegossen in ihre Herzen, welche viele Wasser nicht mögen auslöschen. Der Geist, welcher durch die Wiedergeburt in die bisher geistlich Toten kommt, ist an sich nichts Schwaches, Unkräftiges, sondern etwas über die Maßen Kräftiges. Es ist ein Leben, ein Wesen, ein neuer Mensch, etwas göttliches, das niemand vernichten könnte, als Gott, der es aber nicht will und nach seiner Treue nicht kann. Es ist seiner Natur nach ein Quell des Wassers, das in das ewige Leben quillet.

Jedoch bedient sich Gott auch geeigneter Mittel, wie im Natürlichen, so auch in der Gnade. Dies sind teils die gewöhnlichen Mittel des Wortes Gottes, Gesetz und Evangelium, Zucht und Trost, Warnung, Ermahnung, Tadel und Lob. Das Kreuz ist auch ein sehr unentbehrliches Mittel, denn er züchtigt uns zu Nutz, daß wir seine Heiligung erlangen. Umgang mit Gottseligen ist ebenfalls ein köstliches Hülfsmittel, und wie könnten sie für sich allein sein, da sie Glieder eines Leibes sind. Zuweilen werden auch sehr seltsame Mittel angewandt, von denen aber nicht speziell zu reden ist, und nichts bestimmtes gesagt werden kann. Jedoch geht es nach der Regel Christi: Wer sein Leben verlieret, der wird es finden. Wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöhet werden. Kehret um, und werdet wie die Kinder! Es war ein sehr seltsames und äußerst schmerzhaftes Mittel, wodurch Gott den Apostel behütete, daß er sich der gehabten, hohen Offenbarungen nicht überhöbe, nämlich ein Satans-Engel, der ihn mit Fäusten schlug. Der Herr hätte tausend andere Mittel gehabt, wählte aber diesen Pfahl, den er ihm in’s Fleisch gab und war nicht zu bewegen, ihn weg zu nehmen, obschon er dreimal darum flehete, aber zur Antwort bekam: Laß die an meiner Gnade genügen!

Schließlich nur noch dies eine Wort: Bist du gesegnet, so wird dir auch das Behüten nicht fehlen. Dies, dies ist das höchste aller Güter. Jehovah segne dich und behüte dich! Dem aber, der euch behüten kann ohne Fehl und stellen vor sein Angesicht mit Freuden, dem Gott, der allein weise ist, unserm Heilande, sei Ehre und Majestät und Gewalt nun und in alle Ewigkeit! Amen.

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Charles Haddon Spurgeon – Stärkende Arznei für Gottes Knechte

24.08.10 (06. Josua, Spurgeon, Charles Haddon)

„Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“

Josua 1,5

Kein Zweifel; Gott hatte schon früher zu Josua gesprochen. Er war viele Jahre lang ein Mann des Glaubens gewesen und sein Glaube hatte ihn in den Stand gesetzt, sich durch solche einfache Wahrhaftigkeit des Charakters und solch völlig treuen Gehorsam gegen des Herrn Willen auszuzeichnen, daß er und noch Einer die beiden Einzigen waren, die von dem ganzen Geschlecht, das aus Ägypten heraufgekommen war, übrig blieben. „Treu unter den Treulosen“ blieb er am Leben, wo alle Andern starben; aufrecht stehend in voller Kraft hätte er einem einsamen Baum verglichen werden können, der seine grünen Äste ausbreitet, unberührt von der Axt, die alle seine Nachbarn dem Erdboden gleich gemacht hat. Aber jetzt war Josua im Begriff, ein neues Werk anzutreten; er „verwaltete das Amt eines Königs“ an Moses Statt, vom Diener war er zum Herrscher emporgestiegen, und es fiel ihm nun zu, das Volk über den Jordan zu führen und ihre Streitkräfte zu ordnen für die Eroberung des gelobten Landes. An der Schwelle dieses großen Unternehmens erscheint der Herr seinem Knechte und spricht: „Wie ich mit Mose gewesen bin, also will ich auch mit dir sein, ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“ Wenn Gottes Diener in neue Lagen kommen, so werden sie neue Offenbarungen seiner Liebe haben. Neue Gefahren werden neuen Schutz bringen, neue Schwierigkeiten neue Hilfe; neue Befürchtungen neue Tröstungen; so daß wir in der Trübsal auch darum froh sein können, weil so viele neugeöffnete Türen der Gnade Gottes gegen uns da sind. Wir werden uns unsrer Leiden freuen, weil sie göttliche Heimsuchungen sind. Was der Herr zu Josua sprach, war ganz besonders ermutigend und es kam gerade, als er es nötig hatte. Groß war seine Gefahr und groß war der Trost des Wortes von dem Herrn der Heerscharen. „Siehe, ich habe dir geboten, daß du getrost und freudig seiest. Laß dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der Herr dein Gott ist mit dir in allem, das du tun wirst.“

Wir wollen keine Zeit mit einer Vorrede verlieren, sondern sogleich die göttliche Verheißung betrachten: „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“

I.

Beachtet hier, zuerst, die Angemessenheit des Trostes, den diese Worte Josua gaben. „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“

Dies muß sehr ermutigend für ihn gewesen sein, im Hinblick auf sich selbst. Er hatte Moses gekannt und muß eine sehr große Achtung vor ihm gehabt haben. Er war ein großer Mann, Einer aus Tausend; unter allen, die vom Weibe geboren sind, ist kaum ein Größerer aufgestanden, als Moses. Josua war sein Diener gewesen und betrachtete sich ohne Zweifel als tief unter dem großen Gesetzgeber. Ein Gefühl seiner eignen Schwäche überkommt den Menschen um so mehr, wenn er mit einem größeren Geiste verbunden ist. Wenn ihr mit denen verkehrt, die unter euch stehen, so seid ihr geneigt, eitel zu werden; aber nahe verbunden mit höheren Geistern ist die Wahrscheinlichkeit viel mehr dafür, daß ihr niedergedrückt werdet und sogar geringer von euch denket, als die Demut erfordert; denn Demut ist im Grunde doch nur eine richtige Schätzung unsrer eignen Kräfte. Josua mag daher wohl etwas verzagt gewesen sein unter einem sehr drückenden Bewußtsein seiner eignen Mängel; und diese ermutigende Versicherung war das, was er brauchte. – „Ich will dich nicht verlassen: obgleich du weniger weise oder sanftmütig oder mutig als Moses sein magst, ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen:“ Wenn Gott mit unsrer Schwachheit ist, so wird sie stark; wenn er mit unsrer Torheit ist, so erhebt sie sich zur Weisheit; wenn er mit unsrer Verzagtheit ist, so faßt sie Mut. Es macht nichts aus, wie sehr sich Jemand bewußt ist, daß er nichts in sich selbst ist, wenn er nur die göttliche Nähe fühlt, so freut er sich sogar seiner Schwäche, weil die Kraft Gottes auf ihm ruht. Wenn der Herr zu dem schwächsten Manne oder Weibe hier spricht: „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen,“ so wird kein feiger Gedanke durch diese erhobene Seele ziehen; dieses Wort wird den Zitternden mit einem Löwenmute stählen, den kein Gegner schrecken kann.

Die Tröstung, die hier dem Josua gegeben ward, war außerordentlich angemessen in der Gegenwart seiner Feinde. Er hatte das Land ausgekundschaftet und er wußte, daß es von riesenhaften Völkern bewohnt war, von Männern, die sowohl um ihrer Gestalt als um ihrer Stärke willen berühmt waren. Die Enakssöhne waren da und andre Stämme, als groß, hoch und zahlreich beschrieben. Er wußte, daß sie ein kriegerisches Volk waren, geübt in dem Gebrauche zerstörender Kriegsgerätschaften, solcher, die Schrecken unter den Menschen verbreiteten, denn sie hatten eiserne Wagen. Er wußte überdies, daß ihre Städte von kolossaler Ausdehnung waren, – Festungen, deren Steine noch heutigen Tages den Reisenden in Erstaunen setzen, so daß er fragt, welch wunderbare Geschicklichkeit solche Felsenmassen auf diese Plätze gehoben hat. Die andern Kundschafter hatten gesagt, daß diese Kanaaniter in Städten wohnten, die bis zum Himmel vermauert wären und obgleich Josua dieser Übertreibung nicht beistimmte, so wußte er doch sehr wohl, daß die einzunehmenden Städte Festungen von großer Stärke seien und die Völker, die vertilgt werden sollten, Männer von wildem Mut und großer physischer Stärke seien. Deshalb sprach der Herr: „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“ Was mehr war nötig? Gewiß, in Gottes Gegenwart werden Enakim Zwerge, feste Burgen werden gleich einer Hütte in einem Kürbisgarten und eiserne Kriegswagen wie Distelwolle, die vom Winde den Hügel hinab getrieben werden. Was ist stark gegen den Höchsten? Was ist furchtbar, wenn es Jehova gegenüber steht? „Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?“ Derer, die mit uns sind, sind mehr, denn derer, die gegen uns sind, sobald der Herr der Heerscharen in unsern Reihen gesehen wird. „Darum fürchten wir uns nicht, wenn gleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken.“ Wenn sich schon ein Heer wider uns leget, so fürchtet sich dennoch unser Herz nicht; wenn sich Krieg wider uns erhebt, so verlassen wir uns auf ihn.

Dieser Trost war auch genügend in Betreff der Versorgung. Vielleicht wußte Josua, daß das Manna nicht mehr fallen würde. In der Wüste war die Versorgung mit dem himmlischen Brote ununterbrochen, aber wenn sie über den Jordan gingen, mußten sie sich bei dem Feinde einlagern; und es kann keine Kleinigkeit gewesen sein, die Myriaden zu versorgen, die unter Josuas Befehl waren. Nach einigen Berechnungen zogen beinahe drei Millionen Menschen aus Ägypten: ich traue dieser Berechnung kaum und bin geneigt, zu glauben, daß die ganze Sache der Zahlen im Alten Testament noch nicht verstanden wird und daß eine bessere Kenntnis der hebräischen Sprache uns zu der Entdeckung führen wird, daß die Ziffern oft mißverstanden sind; immerhin aber war es eine große Anzahl, die mit Josua an den Rand der Wüste kam und über den Jordan ins Land Kanaan ging. Wer sollte Vorräte für all diese hungrigen Scharen schaffen? Josua hätte wohl sagen können: „sollen alle Schaf- und Rinderherden für diese große Menge geschlachtet werden und wird das Meer seine Fische hergeben, wenn das Manna aufhört? Wie soll dies Volk gespeist werden?“ „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen“ war ein Vorrat, der allen Forderungen der Heer-Verpflegung entsprach. Sie konnten zur Genüge essen, denn Gott wollte für Speise sorgen; ihre Kleider mochten abgetragen werden, nun das Wunder der Wüste aufhörte, aber neue Kleider sollten sich für sie in den Kleiderkammern ihrer Feinde finden. Wenn der Herr seine Kornhäuser öffnet, wird es Niemand an Brot mangeln und wenn er seine Kleiderkammern aufschließt, wird Niemand bloß gehen. So war kein Raum mehr für Angst in Josuas Seele. Was ihn selber anging; wenn er schwach war, so machte dies ihn stark; was seine Feinde betraf, wenn sie mächtig waren, so machte diese Verheißung ihn stärker als sie; und in Hinsicht auf die Bedürfnisse Israels, wenn diese groß waren, so sorgte diese Verheißung für alle.

Gewiß muß dies Wort oft dem Herzen des Sohnes Nun lieblichen Trost gebracht haben, wenn er sah, daß das Volk ihn verließ. Da war nur noch der ehrwürdige Caleb übrig von all seinen Genossen, mit denen er den vierzigjährigen Zug durch die große und schreckliche Wüste geteilt hatte; Caleb und er waren die letzten zwei Garben der großen Ernte und sie waren beide gleich Kornmandeln, die völlig reif fürs Kornhaus sind. Um die alten herum wird es einsam und es ist nicht zu verwundern, wenn es das wird. Ich habe sie sagen hören, daß sie in einer Welt leben, wo man sie nicht kennt, nun da Einer nach dem Andern, alle ihre alten Freunde heimgegangen und sie allein gelassen sind – gleich der letzten Schwalbe des Herbstes, wenn alle ihre Gefährten ein sonnigeres Klima aufgesucht haben. Doch der Herr spricht: „Ich will dich nicht verlassen: ich werde nicht sterben, ich bin immer bei dir. Dein Freund im Himmel wird so lange leben, wie du.“ Und das Geschlecht, das um Josua heraufgekommen war, – das war wenig besser als seine Väter; sie wandten um am Tage der Schlacht, selbst die Kinder Ephraim, als sie bewaffnet waren und Bogen trugen. Sie waren sehr geneigt, abzuweichen und in die schwersten Sünden zu fallen. Josua hatte eine ebenso harte Aufgabe mit ihnen, wie Moses, und mit ihnen zu tun zu haben, das war genug, um Moses Herz zu brechen. Der Herr scheint ihn zu heißen, kein Vertrauen in sie zu setzen, und nicht niedergeschlagen zu sein, wenn sie falsch und verräterisch sein sollten: – „Ich will dich nicht verlassen: sie mögen es tun, aber ich will es nicht. Ich will nicht von dir weichen. Sie mögen sich als Feiglinge und Verräter erweisen, aber ich will nicht von dir weichen.“ O, wie selig ist es, in einer falschen und wankelmütigen Welt, wo er, der unser Brot ißt, uns unter die Füße tritt, wo der liebste Ratgeber ein Ahitophel wird und seine Weisheit in listigen Haß verkehrt, zu wissen, daß es einen Freund gibt, „der fester beistehet, denn ein Bruder,“ einen, der treu ist und uns sichre Zeichen gibt von einer Liebe, die viele Wasser nicht auslöschen mögen.

Ich könnte noch länger bei diesem Punkte verweilen und zeigen, daß die tröstliche Verheißung so viele Seiten hat, wie ein gut geschliffener Diamant und jede das Licht göttlichen Trostes in Josuas Glaubensauge hineinstrahlt. Aber wir wollen zu andern Sachen kommen.

II.

Zweitens, zu welchen Zeiten dürfen wir diese Verheißung als zu uns gesprochen, betrachten? Es ist ganz gut, sie anzuhören als zu Josua gesprochen, aber, o Gott, wenn du zu uns so sprechen wolltest, wie getröstet würden wir sein! Tust du dies je? Dürfen wir so kühn sein, zu glauben, daß du uns so tröstest? Geliebte, die ganze Schrift spricht in derselben Weise zu Menschen, die gleichen Sinnes mit Josua sind. keine Stelle der Schrift ist nur auf Einzelne zu deuten, kein Spruch hat seine Kraft erschöpft an dem, welcher ihn zuerst empfing. Ein Brunnen mag für Hagar geöffnet werden, aber dieser Brunnen wird nie verschlossen und jeder andre Wanderer kann daraus trinken. Die Quelle unsers Textes strömte zuerst hervor, um Josua zu erfrischen, aber wenn wir in Josuas Lage sind und gleicher Gemütsart, so können wir unsre Wasserkrüge bringen und sie bis an den Rand füllen.

Laßt mich namhaft machen, wann ich glaube, daß wir sicher fühlen dürfen, Gott spricht zu uns: „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“ Gewiß ist das der Fall, wenn wir berufen werden, Gottes Werk zu tun. Josuas Werk war Gottes Werk. Gott war es, der das Land dem Volke gegeben hatte und der gesprochen:; „Ich will vor dir her ausstoßen die Kanaaniter.“ Und Josua war der Vollstrecker des Richterspruchs, das Schwert in der Hand des Herrn, um die verurteilten Geschlechter zu vertilgen. Er begann kein Don Quixotisches Unternehmen nach eignem Gefallen und Ermessen; er hatte sich nicht selber erwählt, und nicht sein Werk sich ausgesucht, sondern Gott hatte ihn dazu berufen, ihn ins Amt eingesetzt und ihm befohlen, es zu tun, und darum sprach er zu ihm: „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“ Bruder, dienst du Gott? Lebst du dafür, Seelen zu gewinnen? Ist es dein großer Lebenszweck, in Gottes Hand das Instrument zu sein, um seine Gnadenabsichten an den gefallenen Menschenkindern auszuführen? Bist du sicher, daß Gott dich dahin gestellt hat, wo du bist und dich zu dem Werk berufen, dem dein Leben gewidmet ist? Dann gehe in Gottes Namen, denn so gewiß er dich zu seinem Werke berufen hat, so gewiß kannst du sein, daß er zu dir auch spricht, wie in der Tat zu allen seinen Dienern: „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“ Aber ich höre Einige von euch sagen: „Wir sind nicht in einem Werke solcher Art beschäftigt, daß wir es gerade ein „Werk für Gott“ nennen könnten. Gut, Brüder, aber seid ihr in einem Werke tätig, das ihr versucht, zur Ehre Gottes zu vollbringen? Ist euer alltäglicher, gewöhnlicher Beruf einer, der rechtmäßig ist – einer, an dessen Ehrlichkeit und Schicklichkeit ihr keinen Zweifel habt? Und folgt ihr in demselben nur den rechten Grundsätzen? Versucht ihr, Gott in eurem laden die Ehre zu geben? Machet ihr „die Rüstung der Rosse dem Herrn heilig?“ (Sach. 14,20) Es wäre nicht für uns alle möglich, Prediger zu werden, denn wo würden dann Hörer sein? Mancher würde ganz am unrechten Platze stehen, wenn er seinen gewöhnlichen Beruf verlassen und sich dem widmen wollte, was so unbiblischer Weise „der Dienst Gottes“ (im Original steht: „the ministry.“ A. d. V.) genannt wird. In Wirklichkeit verhält es sich so, daß das echteste religiöse Leben dasjenige ist, in welchem ein Mann den gewöhnlichen Lebensberuf im Geiste eines Christen erfüllt. Nun, tut ihr das? Wenn das, so dient ihr Gott ebenso sehr, wenn ihr Ellen Kattun abmesset und Pfunde Tee abwiegt, als Josua es tat, da er die Heviter und Jebusiter und Hethiter schlug. Ihr dient Gott ebenso sehr, wenn ihr eure eignen Kinder hütet, sie in der Furcht Gottes auferzieht, den Hausstand besorgt und euren Haushalt zu einer Kirche Gottes macht, als ihr es tun würdet, wenn ihr berufen wäret, eine Armee im Kampfe für den Herrn der Heerscharen anzuführen. Und ihr könnt diese Verheißung als für euch ansehen, denn der Pfad der Pflicht ist der Pfad, wo man sich ihrer erfreuen soll. „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“

Nun merkt euch aber dies, wenn ihr für euch selber lebt, wenn ihr für den Gewinn lebt, wenn die Selbstsucht der Zweck eures Lebens ist oder wenn ihr einen unheiligen Beruf ausübt, wenn irgend etwas in der Art eures Geschäftes ist, das dem Sinne und Willen Gottes und gesunden Grundsätzen entgegengesetzt ist, so könnt ihr nicht erwarten, daß Gott euch in der Sünde beistehen wird und er wird es auch nicht tun. Ebenso wenig könnt ihr ihn bitten, euren Lüsten Vorschub zu leisten oder euch in der Befriedigung eurer Selbstsucht zu helfen. Aber wenn ihr in Wahrheit sagen könnt: „Ich lebe zur Ehre Gottes und wünsche das tägliche Leben, das ich führe, ganz seiner Ehre zu weihen,“ dann könnt ihr euch diese Verheißung aneignen: „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“

Aber, merkt´s euch, es ist noch ein Anderes dabei: Wir müssen, wenn wir diese Verheißung haben sollen, Gott mit in unsre Berechnung aufnehmen. Viele Menschen gehen an das, was sie ihr Lebenswerk nennen, ohne an Gott zu denken. Ich hörte von Jemand, der sagte, Jeder hätte ihn verlassen und ein Andrer erwiderte: „Aber gewiß, da Sie ein Christ sind, hat Gott sie nicht verlassen!“ „O,“ sagte er, „ich vergaß Gott.“ ich fürchte, es gibt Viele die sich Christen nennen und doch Gott im täglichen Leben vergessen. Unter allen Kräften, auf die ein Mann rechnet, wenn er sich in ein Unternehmen einläßt, sollte er niemals die Hauptkraft auslassen, aber oft ist das bei uns der Fall. Wir fragen: „Bin ich fähig zu solchem Werk? Ich sollte es unternehmen, aber bin ich fähig?“ Und sogleich wird eine Berechnung der Fähigkeiten gemacht. Und unter diesen Fähigkeiten wird kein Item niedergeschrieben: „Item, die Verheißung des lebendigen Gottes. Item, die Leitung des Geistes.“ Diese werden aus der Berechnung weggelassen. Bedenkt, wenn ihr sie eigenwillig weglaßt, könnt ihr nicht erwarten, euch derselben zu erfreuen. Ihr müßt im Glauben wandeln, wenn ihr die Vorrechte der Gläubigen genießen wollt. „Der Gerechte wird seines Glaubens leben,“ und wenn ihr anfangt, eures Verstandes zu leben, so werdet ihr das Weinen und Heulen Jener teilen, die zu „durchlöcherten Brunnen“ gegangen sind und sie leer gefunden haben; und eure Lippen werden vor Durst vertrocknen, weil ihr die Quelle des lebendigen Wassers vergessen habt, zu der ihr hättet gehen sollen. Nehmt ihr, Brüder und Schwestern, Gott beständig mit in eure Berechnungen auf? Rechnet ihr auf allwissende Führung und allmächtige Hilfe? Ich habe von einem gewissen General gehört, der seine Truppen in eine sehr schwierige Stellung hineingeführt hatte und wußte, daß es nötig sei, sie am andern Tage Alle voll Mut zu sehen; deshalb verkleidete er sich und ging beim Anbruch der Nacht zu ihren Zelten und horchte auf ihre Unterhaltung, bis er Einen sagen hörte: „Unser General ist ein großer Krieger und hat viele Schlachten gewonnen, aber diesmal hat er einen Fehler gemacht; denn, sehet, da sind so viele Tausende des Feindes und er hat nur so und so viele Infanterie, so und so viele Kavallerie und so und so viele Kanonen.“ Der Soldat machte die Rechnung auf und war gerade im Begriff, die geringe Totalsumme zu ziehen, als der General, unfähig, es länger zu ertragen, den Vorhang des Zeltes bei Seite schob und sagte: „Und für wie Viele rechnen Sie mich, Herr? – als wollte er sagen: „Ich habe so viele Schlachten gewonnen, daß ihr wissen solltet, daß meine Geschicklichkeit die Bataillone zu vervielfältigen vermag durch die Art, wie ich sie benutze.“ So hört der Herr seine Diener abschätzen, wie schwach sie sind und wie wenig sie tun können und wie wenige Helfer sie haben, und ich meine, ich höre ihn verweisend sagen: „Und für wie viele rechnet ihr euren Gott? Soll er nimmer mit in euren Anschlag kommen? Ihr sprecht von vorsehen und vergeßt den Gott der Vorsehung; ihr sprecht von wirken, aber ihr vergeßt den Gott, der in euch wirket das Wollen und Vollbringen nach seinem eignen Wohlgefallen.“ Wie oft haben kluge Leute uns in unsern Unternehmungen beim Ärmel gezupft und gesagt, wir wären zu weit gegangen. Ob wir darauf rechnen könnten, im Stande zu sein, das auszuführen, was wir begonnen? Nein, wir konnten nicht darauf rechnen, ausgenommen, daß wir an Gott glaubten und daß mit Gott alle Dinge möglich sind. Wenn es sein Werk ist, so können wir uns weit über die Seichtheit der Klugheit hinein in die große Tiefe des Vertrauens auf Gott wagen, denn Gott, der uns zum Glauben bevollmächtigt hat, wird diesen binnen Kurzen zu Ehren bringen. O Christ, wenn du wagen kannst und fühlen, daß es kein Wagen ist, dann darfst du die Verheißung ergreifen: „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“ Wenn du auf eignen Füßen stehst, magst du gegen einen Stein anstoßen, wenn du in deiner eignen Kraft läufst, magst du ermatten; aber „die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden.“

Bedenkt indes, daß wir uns diese Verheißung aneignen dürfen, wenn wir Gottes Werk tun oder wenn wir unser gewöhnliches Geschäft zu einem Werk für Gott umwandeln und wenn wir wirklich durch den Glauben Gott in unsre Berechnung aufnehmen; aber wir müssen auch Sorge tragen, daß wir in Gottes Wegen wandeln. Beachtet, daß der nächste Vers nach unserm Texte lautet: „Sei stark und unverzagt,“ und der siebente Vers ist ein sehr eigentümlicher: „Sei nur getrost und sehr freudig, daß du haltest, und tust allerdinge nach dem Gesetz, das dir Mose, mein Knecht, geboten hat. Weiche nicht davon, weder zur Rechten, noch zur Linken, auf daß du weislich handeln mögest in allem, das du tun sollst.“

„Sei getrost und unverzagt.“ („Sei stark und sehr mutig“ engl. Übers.) Weshalb? Um zu gehorchen? Ist Stärke und Mut nötig, um zu gehorchen? Wie? Heutzutage hält man den Mann für mutig, der keine Gesetze Gottes haben will, die ihn binden; und Der wird für einen starken Geist gehalten, der die Offenbarung verspottet. Aber laßt uns gewiß sein, daß derjenige wirklich stark im Geiste und im Herzen ist, der es zufrieden ist, für einen Narren gehalten zu werden und der an der guten alten Wahrheit festhält und an der guten alten Weise. Es gibt heutzutage genug „intellektuelle“ Prediger; möge es Einigen von uns gestattet sein, diesem gepriesenen „Intellektualismus“ fern zu bleiben, damit wir das einfache Evangelium predigen können. Es gibt genug, welche die Theologie mit den kalten Nebeln des „modernen Zeitbewußtseins“ umwölken können; wir sind damit zufrieden, das Wort für sich selbst sprechen zu lassen, ohne es mit unsern Meinungen zu trüben. Ich glaube, man braucht mehr Mut und Geistesstärke, um bei dem Alten festzustehen, als um den neuen und luftigen Spekulationen zu folgen. Wir müssen nicht erwarten, daß der Gott der Wahrheit mit uns sein werde, wenn wir von Gott und seiner Wahrheit weichen.

Nehmt euch in Acht, wie ihr lebt. Es ist gut, jedes Niedersetzen unsers Fußes zu bewachen. Seid genau und pünktlich mit der göttlichen Vorschrift, unbekümmert um menschliche Meinungen, ihnen sogar trotzen, wo sie irrig sind; aber pflichttreu dem Gesetze Gottes, beugt euch demselben, gebt euer ganzes Wesen hin in freudiger Unterwerfung unter jedes Gebot des Höchsten. Wer aufrichtig wandelt, geht sicher und sein ist die Verheißung: „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“ Beginnt euren Lebenslauf in eigner Klugheit und ihr mögt durchkommen, wie ihrs könnt; seid weise in eurer eignen Einbildung und vertraut eurem eignen Urteil und euer Lohn wird sein, daß die Toren euch erheben; aber seid einfach genug, allein den Willen Gottes zu tun, die Folgen ihm zu überlassen und der Wahrheit zu gehorchen, und Reinheit des Charakters und Aufrichtigkeit werden euch erhalten. Fahrt fort, Recht zu tun, was es auch koste und das Recht wird euch belohnen, für alles, was es euch gekostet und der gerechte Herr wird seinem Worte treu sein: „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“

Dies, glaube ich, sind die Bedingungen, unter welchen jeder Gläubige die Worte unsers Textes auf sich beziehen kann.

III.

Aber nun laßt uns drittens betrachten, was diese Verheißung nicht ausschließt. „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“ Wir müssen dieses gnadenreiche Wort nicht mißverstehen, damit wir uns nicht getäuscht fühlen, wenn Dinge geschehen, die gegen unsre Erwartung sind.

Diese Verheißung hemmt nicht die Anstrengung unsrer Kräfte. Viele Irrtümer finden in Betreff der Verheißungen Gottes statt. Einige meinen, wenn Gott mit ihnen sei, so hätten sie gar nichts zu tun. Josua fand dies nicht. Er und seine Truppen hatten die Amoriter, Hethiter und Heviter zu töten, die in der Schlacht fielen. Er hatte zu fechten und seinen Arm und sein Schwert zu brauchen, gerade als wenn es gar keinen Gott gebe. Das Beste und Weiseste in der Welt ist, zu arbeiten, als wenn alles von euch abhinge und dann auf Gott zu trauen in dem Bewußtsein, daß alles von ihm abhängt. Er will uns nicht verlassen, aber darum sollen wir nicht die Arme ineinander schlagen und stille sitzen. Er will nicht von uns weichen; aber darum sollen wir uns nicht zu Bette legen und erwarten, daß uns das tägliche Brot in den Mund fällt. Ich habe faule Leute gekannt, die sagten: „Jehova – Jireh – der Herr siehet“ (1. Mose 22,14) und mit ihren Füßen vor dem Feuer saßen, ihre Arme kreuzten und träge und nachlässig waren; und meistens hat ihre Vermessenheit so geendet – Gott hat sie mit Lumpen und schmalen Bissen versorgt und in kurzer Zeit mit einem Platz im Bezirksgefängnis, die allerbeste Versorgung scheint mir, die es für faule Leute gibt und je eher sie dieselbe bekommen, desto besser für die menschliche Gesellschaft. O nein, nein, nein, nein, Gott schiebt unsrer Trägheit nicht Kissen unter, und Jeder, der glaubt, in dieser Welt mit irgend etwas Gutem vorwärts zu kommen ohne Arbeit, ist ein Tor. Legt eure ganze Seele hinein in den Dienst Gottes und dann werdet ihr Gottes Segen erhalten, wenn ihr auf ihn vertraut. Selbst Mohammed wußte dies zu würdigen. Als Einer von seinen Anhängern sagte: „Ich will mein Kamel losbinden und auf die Vorsehung trauen,“ erwiderte er: „Nein, nein, binde es an, so fest du kannst und dann traue auf die Vorsehung.“ Oliver Cromwell zeigte auch einen gesunden Menschenverstand in seiner Ansicht von dieser Sache. „Vertrauet auf Gott,“ sagte er, als sie zur Schlacht gingen, „aber haltet euer Pulver trocken.“ Und das müssen wir auch. Ich glaube nicht, daß Gott will, seine Diener sollen wir Toren handeln. Alle Vernunft, die ein Mensch nur hat, sollte er in dem Dienste Gottes anwenden. Gesunder Menschenverstand ist vielleicht etwas so Seltenes bei christlichen Leuten, wie Lachs in der Themse. Des Teufels Diener haben mehr Klugheit in ihrem Geschlecht als die Kinder des Lichts, aber es sollte nicht so sein. Wenn ihr wünscht, daß es euch gelinge, braucht jede Fähigkeit, die ihr habt und wendet alle eure Kraft auf; und wenn es eine gute Sache ist, so könnt ihr dann auf die Verheißung trauen: – „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“

Ebenso wenig schließt diese Verheißung ein jeweiliges Fehlschlagen aus. Nachdem Josua dies Versprechen erhalten, zog er hinauf nach Ai und erlitt eine fürchterliche Niederlage dort, weil die Kriegsvorschriften verletzt waren. Sie hatten den Herrn um einen Teil der Beute von Jericho betrogen, der in Achans Zelt verborgen war und dies brachte Israel Unglück. Ja, und ohne Verletzung des Gesetzes muß der beste Mann in der Welt in dem erfolgreichsten Unternehmen doch erwarten, daß einiges Entmutigende kommen wird. Blickt auf das Meer; es wälzt sich heran, es wird binnen Kurzem zur vollen Flut aufsteigen, aber jede Welle, die herauf kommt, stirbt auf dem Ufer; und nach zwei oder drei großen Wellen, welche die Ufersteine als Beute zu verschlingen scheinen, kommt eine schwächere, die wieder zurücksinkt. Wohl, aber das Meer wird doch gewinnen und seine Höhe erreichen. So ist in jedem guten Werk für Gott dann und wann eine wiederum zurückfließende Welle. In der Tat, Gott läßt manchmal seine Diener zurückgehen, damit sie um so mehr Raum zum Anlauf haben und einen größeren Sprung machen können, als sie es von dem Platze aus gekonnt, wo sie vorher standen. Niederlagen sind in der Hand des Glaubens nur Vorbereitungen zum Siege. Wenn wir eine Weile geschlagen sind, so wetzen wir unser Schwert um so schärfer und das nächste Mal tragen wir desto mehr Sorge, unsre Feinde kennen zu lehren, wie scharf es ist. Laßt deshalb kein zeitweiliges Mißlingen euch entmutigen; wir Menschen sind dem unterworfen und es ist ein notwendiger Teil unsrer Erziehung. Geht vorwärts. Gott wird euch sicherlich auf die Probe stellen, aber er wird euch nicht verlassen, noch von euch weichen.

Diese Verheißung schließt auch häufige Trübsale und Glaubensproben nicht aus. Der berühmte Franke, der das Waisenhaus in Halle baute und in der Hand Gottes, es versorgte, sagt in seiner Autobiographie: „Ich glaubte, als ich mich und mein Werk dem Herrn im Glauben befahl, daß ich nur zu beten brauchte, wenn ich in Not wäre und daß die Hilfe dann kommen würde; aber ich fand, daß ich oft lange Zeit warten und beten mußte.“ Die Hilfe kam, aber nicht sogleich. Die Verlegenheit ward nie zum gänzlichen Mangel; aber es gab Zwischenräume voll harten Druckes. Es war nichts übrig. Jeder Löffel voll Mehl mußte. vom Boden des Fasses geschabt werden und jeder Tropfen Öl, der herausfloß, schien der letzte zu sein; aber doch kam es nie bis zum letzten Tropfen und immer war noch ein wenig Mehl übrig. Brot soll uns gegeben werden, aber nicht immer in 12-Pfund-Laiben; Wasser ist uns sicher, aber nicht immer ein Bach voll, es mag nur in kleinen Bechern kommen. Gott hat nicht verheißen, irgend Einen von uns in den Himmel zu nehmen ohne Prüfungen des Glaubens. Er wird euch nie verlassen, aber er wird euch tief herunter bringen. Er wird nicht von euch weichen, aber er wird euch versuchen und auf die Probe stellen. Ihr werdet oft all euren Glauben nötig haben, um euren Mut aufrecht zu halten; und falls Gott euch nicht befähigt, zu glauben ohne zu zweifeln, so werdet ihr euch zu Zeiten sehr beunruhigt fühlen. Nun, sind Einige von euch bis an den Rand des Mangels in Gottes Werk gebracht worden? Es ist eine Lage, in der ich oft gewesen bin (Spurgeon hat ein Waisenhaus für 230 Knaben und ein College, worin zur Zeit 80 – 90 Studenten zum Predigtamt ausgebildet werden. Beide Institute werden nur von freiwilligen Gaben unterhalten. A. d. V.) – Gott sei Dank, sehr oft – und ich bin immer daraus befreit worden; darum kann ich aus Erfahrung sagen, daß wir dem Herrn trauen können; er gibt nicht zu, daß die Gläubigen zu Schanden werden. Er hat es gesagt und er wird es auch halten – „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“

Lieben Freunde, ich möchte noch einmal sagen, daß diese Verheißung nicht ausschließt, daß wir sehr schwer leiden, und daß wir sterben, nach dem Urteil der Menschen, vielleicht eines traurigen und schrecklichen Todes sterben. Gott verließ Paulus nie, aber ich habe die Stelle gesehen, wo sein Haupt abgeschlagen wurde. Der Herr verließ Petrus nie, aber Petrus hatte wie sein Meister den Tod der Kreuzigung zu sterben. Der Herr verließ die Märtyrer nie, aber sie mußten den feurigen Wagen auf gen Himmel fahren. Der Herr hat nie seine Kirche verlassen, aber oft ist seine Kirche unter die Füße getreten, wie das Stroh für den Dunghaufen getreten wird; ihr Blut ist über die ganze Erde gesprengt und sie hat gänzlich zerstört geschienen. Dennoch ist, wie ihr wißt, die Geschichte der Kirche nur ein anderer Beleg für meinen Text; Gott ist nicht von ihr gewichen, noch hat er sie verlassen; in dem Tode ihrer Heiligen lesen wir nicht Niederlage sondern Sieg; wenn sie Einer nach dem Andern hinweggingen, Sterne, die aufhörten hier unten zu scheinen, so schienen sie mit zehnfachem Glanze am oberen Himmel, um der Wolken willen, durch welche sie gegangen, ehe sie ihre himmlischen Sphären erreichten. Geliebte, wir mögen in einem Gethsemane zu seufzen haben, aber Gott will uns nicht verlassen; wir mögen auf einem Golgatha zu sterben haben, aber Gott will nicht von uns weichen. Wir sollen wiederum auferstehen und wie unser Meister durch den Tod zum Triumphe ging, so werden wir durch die größten Leiden und die furchtbarsten Niederlagen zu seinem Thron aufsteigen.

IV.

Ich muß weiter gehen und euch ein paar Minuten lang mit einem vierten Punkte beschäftigen, mit diesem: Was meint denn unser Text, wenn alle diese Trübsal doch über uns kommen kann? Er bedeutet für die, denen er angehört, zuerst kein Mißlingen ihres Werkes, zweitens, kein Verlassenwerden ihrer selbst.

„Ich will dich nicht verlassen.“ Eure Arbeit soll nicht vergeblich im Herrn sein. Was ist die eure? Ist es das große Werk, das Evangelium den Tausenden zu predigen? Gott will euch darin nicht verlassen. Ich erinnere mich, wie ich vor zwanzig Jahren in der Schlichtheit meines Herzens predigte und ein wenig Aufregung entstand, aber die weisen Männer scherzten darüber und sagten, in sechs Monaten würde Alles zu Ende sein. Wir gingen weiter, nicht wahr? Und nach und nach, wenn immer größere Mengen zuhörten, da war es „eine vorübergehende Erregung, eine Art von religiöser Epilepsie:“ es würde alles vorbei sein, wie ein Pulverblitz auf der Pfanne. Ich möchte wissen, wo diese Propheten jetzt sind. Wenn einige von ihnen hier sind, so hoffe ich, sie werden sich behaglich fühlen in der unerfüllten Prophezeiung, die sie jetzt mit einem gewissen Maße von Befriedigung studieren können. Tausende auf der Erde und Hunderte im Himmel können erzählen, was Gott getan hat. Ist es eine andre Art von Arbeit, lieber Bruder, worin du beschäftigt bist? Ein sehr stilles, nicht in die Augen fallendes, unbemerktes Unternehmen? Wohl, mich sollte es nicht wundern, wenn Jemand darüber spottet, so gering es auch ist. Es gibt kaum einen David in der Welt ohne einen Eliab, der seiner lacht. Strebe vorwärts, Bruder! Bleibe dabei, laß dir´s sauer werden, arbeite angestrengt, traue auf Gott und dein Werk wird nicht fehlschlagen. Wir haben von einem Prediger gehört, der in einem ganzen Jahre ernster Arbeit nur Einen in seine Kirche aufnehmen konnte, – nur Einen, eine traurige Sache für ihn; aber dieser Eine war Robert Mossat (ein Missionar, der viel gewirkt. A. d. V.) und der wog tausend der Meisten von uns auf. Fahre fort. Wenn du nur Einen zu Christo bringst, wer kann den Wert dieses Einen schätzen? Deine Klasse in der Sonntagsschule ist gerade jetzt sehr klein; Gott scheint nicht da zu wirken. Bete dafür, bringe mehr Schüler in die Klasse, lehre besser, und selbst wenn du keinen unmittelbaren Erfolg sehen solltest, glaube nicht, daß alles verfehlt ist. Es ist noch nie eine wirklich evangelische predigt mit Glauben und Gebet gehalten worden, die ganz fruchtlos war. Seit dem Tage, wo Christus, unser Meister, zuerst das Evangelium predigte, bis zu diesem Tage – ich wage das zu sagen – war niemals ein wahrhaftes Gebet, das ganz fehlschlug, noch eine wahrhafte Verkündigung des Evangeliums, im rechten Geiste geschehen, die auf den Boden fiel, ohne Frucht zu bringen, nach dem Wohlgefallen des Herrn. Feure nur zu, Bruder. Jeder Schuß trifft irgendwo, denn in der himmlischen sowohl wie in der irdischen Kriegsführung hat „jede Kugel ihr Ziel.“

Und dann wirst du selber keine Verlassenheit erfahren, denn dein himmlischer Freund hat gesagt: „Ich will dich nicht verlassen.“ Du wirst nicht allein oder ohne einen Helfer sein. Du denkst daran, was du in deinem Alter tun sollst. Denke nicht daran: denke, was Gott für dich in deinem Alter tun wird. O, aber deine große Bedürftigkeit und lange Krankheit werden deine Freunde müde machen, sagst du. Vielleicht werden deine Freunde ermüden, aber du wirst deinen Gott nicht müde machen, und er kann dir neue Helfer erwecken, wenn die alten dich im Stich lassen. O, aber du hast so viele Gebrechen und diese werden dich bald niederwerfen, du kannst unter solchen Umständen nicht lange leben. Nun wohl, dann wirst du im Himmel sein und das ist viel besser. Aber du fürchtest eine langwierige Krankheit. Sie wird vielleicht niemals kommen; und gesetzt, sie käme, denke daran, was mit ihr kommen wird – „ich will ihm sein Bette in all seiner Krankheit machen.“ – (Psalm 41,4 engl. Übers.) „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen,“ – so lautet die Verheißung. „fürchte dich nicht und erschrick nicht, denn ich bin dein Gott.“ „Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.“ Du sollst nicht einsam sein. Du sollst nicht deine Hände in Verzweiflung ringen und sagen: „Ich bin ganz elend,“ gleich wie ein Rohrdommel in der Wüste, – ganz verlassen, wie ein Käuzlein in den verstörten Stätten.“ Der mächtige Gott Jakobs verläßt die Seinen nicht.

V.

Und dies bringt mich zu dem letzten Punkt, der dieses ist: Warum können wir ganz sicher sein, daß diese Verheißung an uns erfüllt wird?

Ich antworte zuerst, wir können ganz sicher sein, weil es Gottes Verheißung ist. Hat irgend eine von Gottes Verheißungen je gefehlt? Es gibt Leute in der Welt, die uns täglich herausfordern und sagen: „Wo ist euer Gott?“ Sie leugnen die Wirksamkeit des Gebetes; sie leugnen die Einwirkungen der Vorsehung. Wohl, es wundert mich nicht, daß sie dies leugnen, weil die große Menge der Christen weder die Erhörung des Gebetes noch die Einwirkung der Vorsehung wahrnimmt, aus dem Grunde, weil sie nicht in dem Lichte von Gottes Angesicht oder nicht im Glauben leben. Aber der, welcher im Glauben wandelt, wird euch sagen, daß er die Vorsehung wahrnimmt und daß es ihm niemals an einer Vorsehung fehlt, die er wahrnehmen kann, – daß er Erhörungen seiner Gebete erfährt und niemals ohne eine Erhörung seines Gebetes ist. Was Andern ein Wunder ist, wird dem, der an Christo glaubt, eine gemeine Sache des täglichen Lebens. Wo Gott sein Wort gegeben hat: „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen,“ laßt es uns glauben, denn

„Sein Gnadenwort hat mächt´ge Kraft,
Gleich jenem Wort: „Es werde Licht,“
Die Stimme, welche Welten schafft,
Sie ist´s, die die Verheißung spricht.“

Seid versichert, wenn ein Mann berufen ist, Gottes Werk zu tun, wird Gott ihn nicht verlassen, weil es nicht Gottes Weise ist, seine Diener im Stich zu lassen. David befahl an dem dunklen Tage seiner Sünde dem Joab, Uria den Hethiter hinzustellen, wo der Streit am härtesten sei und sich von ihm abzuwenden, damit er durch die Hand der Kinder Ammon sterbe. War es nicht grausam? Es war niedrig und verräterisch im höchsten Grade. Könnt ihr von dem Herrn etwas so Unwürdiges befürchten? Gott verhüte das! Meine Seele hat es gekannt, was es heißt, den Herrn in dieser Art zu flehen – Herr, du hast mich in eine schwierige Lage gesetzt und mir Dienste für dich aufgetragen, die weit über mein Vermögen gehen. Ich habe nie einen hervorragenden Platz begehrt und wenn du mir jetzt nicht hilfst, warum hast du mich dahin gestellt? „Ich habe immer gefunden, daß solche Gründe bei Gott etwas vermögen. Er will nicht seine Knechte in harten Kampf treiben und sie dann verlassen.

Gedenkt außerdem daran, daß wenn Gottes Diener unterliegen, so würde der Feind, falls sie wirklich Gottes Knechte sind, sich erheben und sich wider den Herrn selber rühmen. Dies war ein Hauptpunkt für Josua in späteren Tagen. Er sagte: „Wenn das die Kanaaniter und alle Einwohner des Landes hören, so werden sie uns umgeben und auch unsern Namen ausrotten von der Erde. Was willst du denn bei deinem großen Namen tun?“ Wenn der Herr Luther erweckt und ihm nicht hilft, dann ist´s nicht Luther, der unterliegt, es ist Gott nach Ansicht der Welt, der unterliegt. Wenn der Herr einen Mann sendet, um von einer Wahrheit zu zeugen und des Mannes Zeugnis ganz zusammen bricht, dann ist´s in dem Urteil der Menschen die Wahrheit, welche zusammenbricht und es bringt Gott und der Wahrheit Unehre, und das will er nicht haben. Wenn er das schwächste braucht, so wird er seinen Gegner damit zu Schanden machen und sie sollen nie sagen, daß der Herr besiegt ward.

Ferner, wenn Gott dich erweckt hat, mein Bruder oder meine Schwester, um durch euch eine Absicht auszuführen, denkt ihr, daß er überwunden werden kann? Ward jemals einer seiner Zwecke vereitelt? Ich habe Prediger davon reden hören, der freie Wille des Menschen könne Gott widerstehen und des Menschen Verderbtheit könnte seine Zwecke vereiteln und ich weiß nicht was. Aber solch ein Gott ist nicht der meine. Mein Gott ist einer, der seinen Willen hat und haben wird; der wenn er etwas beabsichtigt, es auch ausführt; er ist ein Gott dessen Allmacht Niemand widerstehen kann, in Betreff dessen gesagt wird: „Niemand kann seiner Hand wehren, noch zu ihm sagen: was machst du?“ Der mächtige Gott Jakobs legt seine Hand an ein Vorhaben und führt es durch, so gewiß er es beginnt; die Schwachheit des Instrumentes in seiner Hand hindert ihn nicht, noch schreckt ihn der Widerstand seiner Feinde ab. Glaubt nur an ihn und schwach wie ihr seid, werdet ihr Wunder vollbringen und in eurer Schwachheit wird Gottes Kraft verherrlicht werden.

Außerdem, meine Brüder, wenn wir Gott trauen und für Gott leben, liebt er uns viel zu sehr, um uns zu verlassen. Es ist nicht, als wenn wir Fremde, Ungehörige, Ausländer wären – Mietstruppen, die der Fürst, welcher sie mietet, in Stücke hauen läßt: nein, wir sind seine eignen lieben Kinder. Gott sieht sein eignes Selbst in all seinen Dienern. Er sieht in ihnen die Glieder an dem Leibe seines lieben Sohnes. Der Allergeringste unter ihnen ist ihm teuer wie der Apfel seines Auges und lieb wie seine eigne Seele. Es kann nicht gedacht werden, daß er jemals eine Last auf seiner Kinder Schulter legen wird ohne ihnen Kraft zu geben, die Bürde zu tragen oder sie zu Arbeiten senden wird, ohne ihnen die angemessene Hilfe zu gewähren. O, seid stille dem Herrn ihr Gläubigen. „Sei stille dem Herrn und warte auf ihn,“ denn er wird erscheinen, euch zu retten. Hat er nicht gesagt: „Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen.“

Während ich so Gutes und Freudiges aus dem Worte hervorgebracht habe, hab ich an euch gedacht, arme Seelen, die nichts davon genießen und nicht daran teilnehmen können. Es freut mich, euch hier zu sehn, besonders am Donnerstag abend, denn nicht jeder Unbekehrte kommt zu diesen Wochengottesdiensten. Ihr müßt einen Hunger nach diesen guten Dingen haben oder ihr würdet nicht in solcher Anzahl hier sein. Ich hoffe euer Mund wässert nach den guten Dingen des Bundes. Ich hoffe, wenn ihr die Verheißungen Gottes auf dem Tische erblicket und seht, wie reich sie sind, werdet ihr zu euch sagen: „Wollte Gott, ich hätte einen Teil daran.“ Wohl, arme Seele, wenn Gott dir einen Hunger gibt, kann ich nur sagen: Die Speise steht dir frei. Wenn du Gott als deinen Helfer haben willst, – wenn du wirklich durch Christum gerettet werden willst – komm und sei willkommen, denn du bist die Seele, die er zu segnen wünscht. Wenn du einen halben Wunsch nach Gott hast, so hat er ein Sehnen nach dir. Wenn du nach ihm verlangst, so kommst du ihm nicht zuvor; verlaß dich darauf, er hat lange vorher nach dir verlangt. Komm zu ihm, ruhe in ihm, nimm das Versöhnungsopfer an, das sein Sohn dargebracht; beginne das Glaubensleben im rechten Ernst und ihr werdet finden, daß alles, was ich gesagt habe, wahr ist, nur daß es noch der vollen Wahrheit nicht gleichkommt, denn ihr werdet sagen, wie die Königin von Saba, als sie Salomons Herrlichkeit gesehen: „Mir ist nicht die Hälfte gesagt.“ Gepriesen sei der Herr für immer, der mein armes Herz gelehrt hat, an ihn zu glauben und zu leben von ungeschehenen Wirklichkeiten und zu ruhen in einem treuen Gott! Es gibt keinen Frieden und keine Freude, die dem gleicht, oder es wert ist, mit demselben an einem Tage genannt zu werden. Gott gebe sie Jedem von euch, Geliebte, um seines Namens willen. Amen. 

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Charles Haddon Spurgeon – Der ermattete Held

23.08.10 (07. Richter, Spurgeon, Charles Haddon)

„Da ihn aber sehr dürstete, rief er den Herrn an und sprach: Du hast solches große Heil gegeben durch die Hand deines Knechtes; nun aber muß ich Durstes sterben und in der Unbeschnittenen Hände fallen.“

Richter 15,18.

Ihr werdet euch der Gelegenheit erinnern, bei welcher diese Worte gesprochen wurden. Simson war vom Fels herabgeführt worden, von seinen eignen Brüdern mit Stricken gebunden und als ein Gefangener in der Philister Hände gegeben. Aber nicht sobald erreichte er die Philister, als die übernatürliche Kraft des Geistes Gottes über ihn geriet und er die Stricke zerriß, als wären sie nur Werg; und da er den Kinnbacken eines kürzlich geschlachteten Esels liegen sah, ergriff er diese sonderbare Waffe und fiel mit all seiner Macht über die Heere der Philister her und obgleich sie ohne Zweifel schnell davon flohen, dennoch ließ der Eine Mann, „der sie hart schlug, beides an Schultern und Lenden“ (V. 8) nicht weniger als 1000 Mann tot auf dem Felde zurück, und als er die Erschlagenen aufeinander häufte, blickte er mit grimmiger Genugtuung auf das Blutbad, das er angerichtet und rief: „Da liegen sei bei Haufen: Durch eines Esels Kinnbacken habe ich tausend Mann geschlagen!“ Es war vielleicht ein wenig Prahlerei und Ruhmredigkeit in seinem Benehmen; aber in einem Augenblick kam eine plötzliche Ermattung über ihn. Er hatte sich aufs wunderbarste angestrengt, jeden Nerv und jede Muskel angespannt und nun, da ihn sehr dürstete, blickte er um sich nach einem Quell Wassers, aber es war keiner da; er fühlte, als wenn er aus Mangel an Wasser sterben müßte und dann würden die Philister über ihn triumphieren. Mit jenem einfachen Glauben, so charakteristisch bei Simson, der nichts war, als ein großes Kind, wandte er sein Auge zu seinem himmlischen Vater und rief: – „O Jehova, du hast mir solches große Heil gegeben und soll ich nun vor Durst sterben? Nach allem, was du für mich getan hast, sollen da die Unbeschnittenen sich über mich freuen, weil ich aus Mangel an einem Trunk Wassers sterbe?“ Solches Vertrauen hatte er, daß Gott zu seinen Gunsten einschreiten werde.

Meine Absicht ist heut, Gottes Heiligen Trost zu bringen, besonders, indem sie zum Tische ihres Herrn kommen. Ich habe gedacht, es möchten Manche unter euch sein, die sich in einer unglücklichen und elenden Stimmung befinden und daß ich sie dahin führen könnte, ihren gegenwärtigen Kummer geringer anzuschlagen, wenn ich sie auf das hinwiese, was Gott schon für sie getan hat und sie zu dem Schluß brächte, daß der, welcher ihnen in der Vergangenheit so großes Heil gegeben, sie nicht in der Zukunft Mangel leiden lassen wird.

I.

Ihr habt schon, meine Brüder und Schwestern, großes Heil erfahren.

Gut ist es für euch, daß ihr nicht tausend Mann zu erschlagen hattet, aber da sind „Haufen bei Haufen“ (engl. Übers.) einer andern Art, auf die ihr mit ebenso viel Genugtuung blicken könne, als Simson und vielleicht mit weniger gemischten Empfindungen als die seinen waren, wenn er auf die getöteten Philister schaute. Seht hier, Geliebte, die großen Haufen eurer Sünden, jede von ihnen ein Riese und jede von ihnen genügend, euch in die unterste Hölle zu ziehen. Aber sie sind alle erschlagen, keine einzige Sünde ist da, die ein Wort gegen euch spricht. „Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen?“ Ein andrer Arm als der eurige hat es getan, aber der Sieg ist ebenso vollständig, als wenn ihr ihn selbst erfochten. Christus kommt mit rötlichen Kleidern von Bazra; er hat die Kelter des Zornes Gottes getreten und ich möchte beinahe sagen: das Blut, welches sein Gewand bespritzt, ist das Blut unsrer Sünden, welche er auf immer und gänzlich zerstört hat. Blickt auf ihre Zahl. Nehmt so viele Jahre ihr wollt, und macht aus jedem Jahr einen Haufen. Teilt sie, wenn ihr wollt, in Gruppen und Klassen; ordnet sie nach den zehn Geboten, und da liegen sie, in zehn großen Haufen, aber jede einzelne von ihnen getötet.

Denkt auch an die Haufen eurer Zweifel und Befürchtungen. Erinnert ihr nicht mehr die Zeit, da ihr dachtet, Gott würde sich eurer nie erbarmen? Laßt mich euch mahnen an die tiefe „Grube, darin kein Wasser war,“ als das Schwert durch eure Seele ging. Einige von uns können nie die Zeit vergessen, da unsre Sünde uns schreckte. Moses nahm die zehnfältige Peitsche des Gesetzes und ließ sie in furchtbarer Weise auf unsern Rücken fallen, und schien uns dann mit Salzwasser zu waschen, wenn dies Gewissen uns an alle erschwerende Umstände mahnte, die unsre Sünden begleitet hatten. Aber, obgleich wir fürchteten, in die Hölle geworfen zu werden, obgleich wir dachten, daß sicherlich der Abgrund sich über uns schließen würde; doch sind wir am Leben erhalten, um Gott zu preisen, wie wir es heute tun und alle unsre Furcht ist verschwunden. Wir freuen uns in Christo Jesu. Gott „hat nicht mit uns gehandelt nach unsern Sünden und uns nicht vergolten nach unsrer Missetat.“ „Haufen bei Haufen“ von Befürchtungen haben wir gehabt. Größere Hauen als die unserer Sünden, aber, da liegen sie, – Scharen von Zweifeln. Da sind Gebeine und ihre Schädel, wie Bunyan sie schildert außen vor der Stadt der Menschenseele; aber sie sind alle tot, Gott hat uns von ihnen befreit.

Eine andre Reihe Feinde, die Gott geschlagen hat, sind unsre Versuchungen. Einige von uns sind versucht worden von allen Gegenden der Welt, von jedem Winkel des Horizontes. Zuweilen ist es Stolz gewesen; zu einer andern Zeit Verzweiflung. Zuweilen ist es zu viel von der Welt gewesen, zuweilen zu wenig. Zuweilen sind wir zu stark gewesen und aufgeblasen; zu andern Zeiten zu schwach und niedergeschlagen. Zuweilen ist Mangel an Glaube da, und zuweilen mag unser Eifer vom Fleische entzündet sein. Auf die besten der Menschen werden des Teufels schlimmste Pfeile abgeschossen. Ihr seid versucht worden vom Satan; ihr seid versucht worden von der Welt; eure nächsten und liebsten Freunde sind vielleicht eure schlimmsten Versucher, denn „des Menschen Feinde werden seine eignen Hausgenossen sein.“ Es hat keinen Busch gegeben, hinter dem nicht ein Feind lauerte, keinen Zollbreit der Straße nach Kanaan, der nicht mit Dornen überwachsen war.

„Trübsal in jeder Form und Art
Wir euch, die, um das Lamm geschart,
Der Erde Eitelkeit verlassen
Und fortan ihre Wege hassen.“

Aber, blickt zurück auf diese Trübsal. Eure Versuchungen, wo sind sie? Eure Seele ist entflohen wie ein Vogel aus der Schlinge des Vogelstellers und heute Abend könnt ihr sagen: „Sie umgeben mich wie Bienen, sie dämpfen wie ein Feuer in Dornen; aber im Namen des Herrn will ich sie zerhauen.“ (Psalm 118,12) Ich bin sicher hindurchgegangen, wo Andre umgekommen sind; ich habe auf den Wällen des Heils gestanden, wenn Andre am Fuße derselben gelegen haben, in Stücke zerschmettert durch ihre Anmaßung und ihr Selbstvertrauen; „Haufen bei Haufen“ meiner Versuchungen sind getötet und du, o Herr, „hast mir so großes Heil gegeben!“

So, laßt mich ferner sagen, ist es mit den meisten unsrer Leiden gewesen. Ihr, Söhne und Töchter der Trübsal, seid oft niedergesessen und habt gesagt: „Es gehet alles über mich.“ Ihr habt Kinder verloren, Freunde sind gestorben, euer Geschäft hat stillgestanden, der Reichtum ist geschmolzen, fast auf jeder Freude hat ein Mehltau gelegen. Gleich Hiobs Boten ist eine schlimme Kunde der andern gefolgt, und ihr seid tief darnieder gebeugt worden. Aber, Geliebte in Christo Jesu, ihr seid befreit worden. „Der Gerechte muß viel leiden, aber der Herr hilft ihm aus dem allem.“ Es ist so mit euch gewesen. Welche Gestalt auch das Leiden angenommen hat, die Barmherzigkeit hat eine Gestalt angenommen, um es zu überwinden. Wenn der Pfeil daherflog, war Gott unser Schild; wenn Dunkelheit hereinbrach, war er eure Sonne; wenn ihr zu streiten hattet, war er euer Schwert; wenn ihr der Stütze bedurftet, war er euer Stecken und euer Stab.

„Bisher ist die Verheißung wahr erfunden,
Die Jesus hat verbürgt mit seinen Wunden.
Stets weis und gnädig war sein Regiment,
Drum trauet ihm das Volk bis an das End.“

Ich will Niemanden hier in dieser Versammlung den Vortritt vor mir einräumen, in der Verpflichtung gegen den Höchsten. Brüder, wir sind alle Schuldner, aber ich sehe mich als den größten Schuldner an. Ich rühme mich, nichts zu haben, des ich mich rühmen könnte. Ich möchte wünschen, den geringsten Platz einzunehmen und am tiefsten niedergebeugt zu liegen, weil ich am meisten der Gnade Gottes verdanke. Wenn ich zurückblicke auf meine Herkunft, wenn ich sehe, wo heraus der Herr mich geführt hat, was er für mich und durch mich getan hat, so kann ich nur sagen: „Du hast solches große Heil gegeben durch die Hand deines Knechtes!“ Und ich glaub, wenn das ganze Volk Gottes hier Eins nach dem Andern auftreten könnte, so würde Jeder behaupten, daß in seiner Führung etwas Besonderes sei; Jeder Einzelne würde sagen: „Es ist etwas in dem Heil, das Gott mir gegeben, das ein besonderes Danklied von mir verlangt;“ deshalb laßt uns Alle zusammen, „die wir gesehen und geschmecket haben, daß der Herr freundlich ist,“ auf die Vergangenheit zurückschauen mit Dankbarkeit und Preis für den Herrn.

II.

Doch werden neue Leiden über euch kommen und euch Angst erregen. Simson war durstig. Dies war eine neue Art von Not für ihn. Er war so durstig, daß er nahe daran war, zu sterben. Diese Verlegenheit war ganz verschieden von irgend einer, in die Simson früher geraten war. Schüttle jene Simsonslocken, in denen deine Stärke liegt, aber es träufelt kein Tropfen aus ihnen, der deinen Mund anfeuchten könnte! Der starke Mann ist dem Durst ebenso sehr unterworfen, wie der schwache und jener Arm, der tausend Philister schlagen konnte, kann keinen Quell in der Erde öffnen, keine Regenschauer vom Himmel herabziehen oder einen einzigen Schluck Wassers für seinen Durst erreichen. Er befindet sich in einer ganz neuen Lage. Natürlich scheint uns dies eine viel einfachere Sache zu sein, als die, welche er früher gehabt und so war es auch. Nur seinen Durst gestillt zu haben ist bei Weitem nichts so Großes, als von tausend Philistern befreit zu werden. Aber ich glaube, Simson fühlte die gegenwärtige kleine Verlegenheit schwerer und härter, als die große vergangene Verlegenheit, aus welcher er befreit war. Nun denke ich, Geliebte, es mögen hier Einige sein, die Vergebung, Errettung, Heil haben und doch fühlen sie sich heute Abend nicht glücklich. „Der Herr hat Großes an euch getan, des seid ihr fröhlich,“ doch ihr könnt euch nicht freuen; euer Lobgesang ist gedämpft. Irgend eine kleine Unannehmlichkeit, als ihr hierher kamt; ein rasches Wort, da von Jemand draußen vor der Pforte gesprochen ward; der Gedanke an ein Kind zu Hause, etwas, das sehr klein und unbedeutend ist im Vergleich mit allem, was Gott für euch getan hat, nimmt zuweilen die Freude und den Trost hinweg von den großen, den unaussprechlich großen Gütern, die ihr empfangen. Ihr mögt wissen, daß ihr in Christo seid und doch fährt irgend eine kleine Unannehmlichkeit fort, vor euren Augen zu summen und zerstreut euch vielleicht eben jetzt. laßt mich zwei oder drei Worte zu euch sagen. Es ist etwas sehr Gewöhnliches bei denen, die zu Gottes Volk gehören, daß sie, wenn sie aus einer großen Not befreit sind, irgend eine kleine Unannehmlichkeit haben, die ihnen zu viel wird. Simson schlägt tausend Philister und legt sie in Haufen aufeinander und dann ist er nahe daran zu sterben aus Mangel an ein wenig Wasser! Blickt auf Jakob! er kämpft mit Gott zu Pniel, und überwindet die Allmacht selber und doch geht er davon und „hinkt an seiner Hüfte!“ Sonderbar, nicht wahr, daß ein Anrühren des Gelenkes stattfinden muß, wann immer ihr und ich den Sieg gewinnen? Es scheint, als wenn Gott uns unsre Kleinheit, unser Nichts lehren muß, um uns in Schranken zu halten. Simson scheint recht laut gekräht zu haben, als er sprach: „ich habe tausend Mann erschlagen.“ Ach, Simson, es ist Zeit, daß deine Kehle heiser wird, wenn du so laut prahlen kannst. Der mächtige Mann hat nun auf seine Knie zu fallen und zu rufen: „O Gott, dieser Durst wird deinen Helden überwinden, sende mir, ich bitte dich, einen Trunk Wassers.“ Gott hat Mittel, die Seinen anzurühren, so daß ihre Kraft bald vergeht. „Ich sprach, da mir’s wohl ging, ich werde nimmermehr darnieder liegen, aber da du dein Angesicht verbargest, erschrak ich.“ Nun, du liebes Kind Gottes, wenn du in diesem Falle bist, so sage ich, das ist kein ungewöhnlicher. Es gibt eine Reaktion, eine Abspannung, die meistens jeder starken Anspannung folgt. Ohne Zweifel würde auf die Erregung durch das Erschlagen der Philister bei Simson ganz natürlich eine Erschlaffung der Lebensgeister erfolgt sein. Als David auf den Thron Israels gestiegen war, kam die Reaktion und er sagte: „Ich bin heute schwach, obgleich ein gesalbter König.“ (2. Samuel 3,39 engl. Übers.) Ihr müßt darauf gefaßt sein, euch am schwächsten zu fühlen, wenn ihr euren größten Triumph genießt.

Ich habe schon gesagt, daß der Nutzen von all diesem der ist, daß der Mensch seine Schwachheit fühlt. Ich hoffe, es macht euch die eurige fühlen. Was für Toren sind wir, Brüder, und doch, wenn ein Anderer uns Toren nennte, würde uns dies nicht gefallen, obgleich ich nicht zweifle, daß wir Alle mit Recht so genannt würden, wer immer uns den Titel gäbe, denn der ganze Himmel kann uns nicht zur Freude bewegen, wenn wir einen Schmerz im Kopfe haben; und alle Harfen der Engel und unser Wissen um den Anteil, den wir haben sollen an „der Herrlichkeit, die da soll offenbar werden,“ kann uns nicht glücklich machen, wenn irgend eine Kleinigkeit unsern Wünschen zuwiderläuft. Jemand trat auf die Leichdörner eures Stolzes, als ihr hier herein kamt, und wenn ein Engel euch gepredigt hätte, würdet ihr keine Freude daran gehabt haben, weil euer Gemüt aus der Fassung gebracht war. O, welche Tröpfe sind wir! Der Tisch ist reich besetzt, das Manna vom Himmel liegt dicht vor uns, aber weil ein kleiner Riß in unserm Gewande st oder ein kleiner Dorn im Finger, setzen wir uns hin und weinen, als wenn das schlimmste Unglück uns begegnet wäre! Der Himmel ist dein eigen und doch weinst du, weil dein kleines Zimmer dürftig möbliert ist! Gott ist dein Vater und Christus dein Bruder und doch weinst du, weil ein Kindlein von dir hinweg, in den Himmel genommen ist. Deine Sünden sind alle vergeben und doch trauerst du, weil deine Kleider gering sind. Du bist ein Kind Gottes, ein Erbe des Himmels und doch betrübst du dich, als wenn dein herz brechen wollte, weil ein Narr dich mit Schimpfnamen belegt hat! Sonderbar ist es; töricht; aber so ist der Mensch – zum Verwundern töricht, und nur weise, wenn Gott ihn weise macht.

III.

Wenn euch, meine Brüder, irgend ein gegenwärtiges Leiden so tief niederbeugt, daß es euch alle Kraft nimmt, euch eures Heils zu freuen, so will ich euch daran erinnern, daß ihr doch sicher seid. Gott wird euch aus diesem jetzigen kleinen Leiden herausführen, so gewiß, wie er euch aus dem großen Leiden der Vergangenheit geführt hat.

Er wird dies aus zwei Gründen tun, die wir beide in dem Text finden. Der erste ist: weil, wenn er es nicht täte, euer Feind sich über euch freuen würde. „Wie,“ sagte Simson, „soll ich durch die Hand der Unbeschnittenen fallen? Matt, müde, durstig, soll ich ihr Opfer werden? – Ich, der einst ihr Schrecken war und machte, daß die Jungfrauen zu Gath und Asklon weinten statt zu tanzen? Soll ich erschlagen werden?“ Und was sagt ihr? Dämpft nur eure düsteren Ahnungen. Wenn ihr umkommt, wird die Ehre Christi befleckt sein, und das Gelächter der Hölle wird erregt werden. Gekauft mit dem Blute Jesu und doch in der Hölle – welche Heiterkeit würde das im Abgrund verursachen! Gerechtfertigt durch die Gerechtigkeit Christi und doch verloren – welches Thema für den Hohn der Teufel! Geheiligt vom Geiste Gottes und doch verdammt – o, welches Triumphgeheul würde aufsteigen von der Wohnung Apollyons und seiner Engel! Was! Ein Kind Gottes von seinem Vater verlassen! Ein Juwel aus Christi Krone gerissen! Ein Glied von Jesu Leib getrennt! Niemals, niemals, niemals! Gott wird niemals der Macht der Finsternis gestatten, über die Macht des Lichts zu triumphieren. Seinen großen Namen will er geehrt haben und das Verderben des geringsten Gläubigen würde Gott Unehre und Nichtachtung bringen, darum seid ihr sicher. O, es ist ein so Seliges, wenn ihr euch hinter euren Gott flüchten könnt, um Schutz zu suchen. Ein Kind auf der Straße hat seinen Kameraden beleidigt und fürchtet dafür einen Schlag; aber hier kommt sein Vater und es läuft hinter seines Vaters Rockschoß und weiß, es hat nun nichts zu fürchten. So laßt uns hinter unseren Gott uns bergen. Besser, als eherne Mauern, oder Schloß, oder Turm wird Jehova für uns sein und wir können dann auf alle unsere Feinde blicken und sagen, wie Jesaja zu Sanherib sagte: „Die Jungfrau Tochter Zion verachtet dich und spottet deiner und die Tochter Jerusalem schüttelt das Haupt dir nach.“ Die Unbeschnittenen sollen sich nicht freuen; die Töchter der Philister sollen nicht triumphieren. Wir sind unseres Gottes und er wird die Seinen bewahren bis zu dem Tage, wo er sie als seine Kleinodien darstellen wird.

Das ist ein Grund zum Vertrauen, aber Ein anderer Grund ist in der Tatsache zu finden, daß Gott euch schon frei gemacht hat. Ich bat euch eben, über das Schlachtfeld eures Lebens zu gehen und die aufgehäuften Hügel eurer erschlagenen Sünden, Befürchtungen, Sorgen und Leiden zu betrachten. Denkt ihr, daß er all dieses für euch getan haben würde, wenn er beabsichtigte, euch zu verlassen? Der Gott, der euch bisher so gnädig befreit hat, ist nicht verändert; er ist noch immer derselbe, der er war. Ich habe keinen Zweifel daran, daß die Sonne morgen früh aufgehen wird; sie hat das immer getan, so lange ich im Stande gewesen bin, sie zu sehen, warum sollte ich an meinem Gott zweifeln, der sicherer ist, als die Sonne? Der Nil hört nicht auf, Ägypten vor Fülle lachen zu machen; die Menschen trauen auf ihn und warum sollte ich meinem Gott nicht trauen, der ein Strom ist, voll Wasser, überfließend von Güte und Freundlichkeit. Wenn wir niemals an Gott zweifeln, bis wir Ursache dazu haben, so wird das Mißtrauen auf immer aus unserem Herzen verbannt sein. Von Menschen sprechen wir so, wie wir sie finden, laßt uns dasselbe mit Gott tun. War er euch je eine Wüste? (Jeremia 2,31) Wann verließ er euch? Wann kehrte euer Schreien zurück ohne eine Antwort? Wie, hat er je gesagt: „Ich habe dich aus meinem Buche ausgetilgt, und will deiner nicht mehr gedenken?“ Ihr habt an ihm gezweifelt mutwillig und frevelhaft, aber niemals hattet ihr einen Grund zum Argwohn oder Mißtrauen. Nun, da er derselbe ist, „gestern und heute und in Ewigkeit,“ der Gott, der euch aus dem Rachen des Löwen errettete und aus den Klauen des Bären, wird er euch aus eurer gegenwärtigen Verlegenheit auch befreien.

Bedenke, lieber Freund, wenn er es nicht tut, so wird er Alles verlieren, was er bisher getan hat. Wenn ich einen Töpfer ein Gefäß machen sehe aus seinem Ton, auf den er schon vorher viel Mühe verwandt hat um ihn gehörig zu bereiten; und wenn ich ihn wieder und wieder und wieder das Gefäß bilden sehen -wenn ich überdies noch sehe, daß das Muster nach und nach erscheint – wenn ich weiß, daß er es in den Ofen gestellt hat und daß die Farben anfangen, sich zu zeigen – ich meine, wäre es gewöhnliche Tonware, so könnte ich´s verstehen, wenn er entzwei bräche, was er gebildet, weil es nur wenig Wert hätte – aber da es ein Stück reichen und seltenen Porzellans ist, auf das er monatelange Arbeit verwendet, so könnte ich ihn nicht verstehen, wenn er sagte: „Ich will nicht damit fortfahren,“ weil er Alles, was er daran gewandt, verlieren würde. Seht einige jener reichen Gefäße von Bernard de Pallissy an, die ihr Gewicht in Gold wert sind und ihr könnt euch kaum vorstellen, daß Bernard inne halten sollte, wenn er eins beinahe vollendet und sagen: „Ich habe sechs Monate lang hieran gearbeitet, aber ich werde mir nie die Mühe geben, es zu vollenden.“

Nun, Gott hat das Blut seines eignen lieben Sohnes daran gewandt, euch zu retten; er hat die Kraft des heiligen Geistes verwandt euch zu dem zu machen, wozu er euch haben wollte und seine mächtige Hand wird niemals inne halten, bis sein Werk getan ist. Hat er gesagt und will er es nicht tun? Hat er angefangen und wird es nicht vollenden?“ Gott will keine unvollendeten Werke haben. Wenn Jehovas Banner zusammengefaltet wird und sein Schwert in die Scheide gesteckt, dann wird er rufen:

„Es ist geschehen
Denn die Reiche der Welt
Sind meines Sohnes Reiche nun.“

An dem Tage wird jedes Gefäß, das er für die Herrlichkeit zubereitet hat, in dieser Herrlichkeit stehen, nachdem es vollkommen für dieselbe passend gemacht ist. Verzweifelt darum nicht in eurer gegenwärtigen Not.

Unzweifelhaft werden Einige von euch sagen, daß ich spreche wie Einer, der die Art oder die Bitterkeit eures besonderen Kummers nicht kennt. Meine lieben Freunde, es liegt mir nicht daran, ihn zu kennen. Mir ist´s genug, zu wissen, daß wenn Gott seinen Knechten so großes Heil gegeben, wie er getan, die gegenwärtige Not nur gleich Simsons Durst ist und ich bin gewiß, er wird euch nicht vor Mattigkeit sterben lassen, noch zugeben, daß die Tochter der Unbeschnittenen über euch triumphiere. „Ach,“ sagt Einer „du hast gut sprechen, aber meine Lage ist eine sehr, sehr, sehr eigentümliche.“ Gut denn, lieber Bruder, das ist ein besonderer Grund, weshalb Gott dich befreien wird, weil, falls Satan dich in dieser eigentümlichen Lage überwände, er dann sagen würde, er hätte alle Heiligen überwinden können, wenn er sie nur in denselben Winkel hätte treiben können und würde laut prahlen, gerade als wenn Alle umgekommen wären. Aber ich glaube nicht, daß deine Lage eine so ganz besondere ist, es liegt nur an der Art, wie du sie ansiehst. Die Straße des Schmerzes ist viel betreten; es ist die regelrechte Schafspur zum Himmel und die ganze Herde Gottes hat auf derselben einher zu gehen. Darum, ich bitte euch, richtet euer Herz auf mit Simsons Wort und seid versichert, daß Gott euch befreien wird.

Und nun ist, während ich so mit euch spreche, der Gedanke in meiner Brust aufgetaucht, daß Viele mir zuhören, die nicht Christen sind. Meine Freunde, ich wundere mich oft, was Einige von euch ohne Gott anfangen. Ich kann kaum verstehen, wie der Reiche ohne Gott irgendwelchen Trost haben kann, denn er muß von Verlusten durch den Tod und von Körperschmerz leiden, ebenso wohl als der Arme. Jene albernen Schmetterlinge der Mode, die ihre ganze Zeit damit zubringen, von Blume zu Blume zu fliegen, sind so herzlos und gedankenlos, daß ich eher verstehen kann, wie sie ohne Gott fertig werden. Mit leeren Köpfen und albernen Herzen können Männer und Frauen aus jedem Dinge einen Gott machen; ihre eigene hübsche Person kann ein völlig genügender Gegenstand ihrer idiotischen Verehrung werden. Aber ein Mann, der aufrecht da steht, ein vernünftiger, denkender Mann – ein Arbeiter, wenn ihr wollt – gleichviel ob er mit der trockenen Hitze seines Gehirns oder dem feuchten Schweiß seines Angesichts arbeitet – ich kann nicht begreifen, wie ein solcher Mann, mit Organen des Denkens und einer vernünftigen Seele, ohne Gott dahingehen kann. Manche von euch müssen mitunter in Nöten sein, wo sie Gott brauchen. Ich würde ein Dutzend mal schon im Irrenhause gewesen sein, wenn mein Gott nicht wäre. Meine Füße würden ganz und gar in die Kammern der Verzweiflung gegangen sein und ich würde diesem Leben ein Ende gemacht haben, wenn nicht die treuen Verheißungen des Gottes gewesen wären, der sein Volk erhält und beschützt. Mein Leben ist kein elendes gewesen, sondern ein glückliches; und doch sage ich euch, es hat Zeiten gegeben, in denen ich nicht ohne meinen Gott hätte durchkommen können. Ich begreife nicht, wie einige von euch, die immer in Not sind, ohne Gott aushalten. Es ist viele solche hier. Ihr seid arm; ihr seid nicht oft ohne Krankheit; ihr habt von eurer Geburt an eine Krankheit geerbt, die euer leben elend macht; die Kinder um euch herum sind kränklich; euer Lohn am Sonnabend Abend ist nur notdürftig für euch ausreichend; ihr seid oft in Schulden; ihr seid beständig in Verlegenheit. O, ich kann nicht sagen, wie ihr ohne Gott auskommt. Wie? Ihr habt Nichts hier und keine Hoffnung auf Etwas nach diesem leben! Arme Seelen, ich möchte um euch weinen, wenn ich denke, daß ihr ohne Gott seid!

Vor einiger Zeit ging ich in das Haus unseres Bruders Stephenson; er war ein guter Streiter des Kreuzes: er war in seinem Herrn entschlafen; und als ich seine weinenden Söhne und Töchter sah, fühlte ich: „Hier habe ich leichte Arbeit.“ Ich sagte zu ihnen: „Nun, welch eine Gnade ist es, daß euer Vater gegangen ist, er hat lange hier in Schmerzen gelegen und ihr wißt, wie bereit er war, in seine Ruhe einzugehen.“ Das war sehr verschieden von den Fällen, die zuweilen vorkommen. Erst kürzlich kam eine Schwester zu mir, weinend als wenn ihr Herz brechen wollte. „Ach Herr,“ sagte sie: „mein Bruder ist tot und er starb ohne Hoffnung.“ Es war ein trauriger Fall, aber sie hatte doch einen Gott, zu dem sie gehen konnte, selbst in dieser schweren Trübsal. Aber, wenn der Tod in dein Haus kommt, du hast keinen Gott! Ich kniete nieder und betete mit jenem armen weinenden Mädchen heute Morgen und obgleich ihr Vater eben erst gestorben war, merkte ich, daß die Stimme des Gebets ersichtlich einen besänftigenden Einfluß hatte, wenn sie gleich weinte, schien es sie doch zu beruhigen und den Schmerz zu lindern. Aber Einige von euch beten nicht und deshalb kann dieser Trost ihnen nicht werden.

Und ihr werdet bald sterben. Wenn der Durst des Todes in eurer Kehle ist, was, denkt ihr, wollt ihr ohne Gott tun? In Gottes Gegenwart zu sterben, heißt einfach nur, das Leben aufblühen lassen zu etwas Besserem als dieses leben ist; aber ohne Gott zu sterben, muß schrecklich sein! Ihr werdet eure lustigen Kameraden dann nicht nötig haben. Starkes Getränk wird euch dann nicht beruhigen. Die Musik wird keine Reize mehr für euch haben. Die Liebe eines sanften und zärtlichen Weibes kann euch dann nur traurigen Trost verleihen. Ihr mögt eure Geldbeutel an eurer Seite haben, aber sie werden euer klopfendes Herz dann nicht beruhigen. Ihr werdet das Brausen der Welt in dem großen Meer der Ewigkeit hören; ihr werdet fühlen, wie eure Füße in den furchtbaren Flugsand gleiten; ihr werdet um euch her tasten nach Hilfe, aber da wird keine sein! Anstatt dessen werden unsichtbare Hände beginnen, euch hinunter zu ziehen. Und hinab durch das dunkle Meer müßt ihr hinunter steigen zu jenem dunkleren Tiefen, wo furchtbare Verzweiflung euer ewiges Erbteil sein wird!

Aber noch ist Hoffnung da. Wer an Jesum Christum glaubet, wird selig werden. Wende dein Auge auf Christum, armer Sünder, wie er dort hängt, und an der Menschen Statt leidet, die menschliche Schuld auf sich nimmt und für dieselbe bestraft wird, als wäre sie seine eigene. Traue ihm, Sünder, verlaß dich auf Jesum und du wirst selig werden! Amen.

Mara

2. Mose 15,23-25

„Mara, Mara,“ sprach das Volk, „wer kann dieses Wasser trinken?
Sollen wir so hart am Quell noch verschmachtend niedersinken?“
Aber Moses schreit zum Herren, der ein heilend´ Holz ihm wies,
Und er warf es in den Brunnen und der bittre Quell ward süß.

„Mara, Mara,“ rief mein Herz oft an trüben Wasserströmen,
Wollte nicht den bittern Trank, nicht den Kelch der Trübsal nehmen,
Und ich schrie zu meinem Gotte und er wies auch mir ein Holz,
Unter dessen Wunderkräften alle Bitterkeit zerschmolz.

Kennst, o Seele, du das Holz, jenes Holz, davon ein Splitter
Sänftigt auch den herbsten Kelch und versüßt was noch so bitter,
Wandelt in ein Meer der Gnaden aller Leiden trübe See,
Lindert alle Lebensnöten, stillet alles Todesweh?

Geh´ zu Jesu Marterholz, miß an seinem Kreuz das deine!
Denkst du seiner großen Last – kannst du murren um die kleine?
Will der Knecht auf Rosen gehen, wo der Herr die Dornen trug?
Über Nadelstiche schelten, wo man ihn mit Fäusten schlug?

Sieh, am blut´gen Kreuzesstamm Gottes Liebling schuldlos dulden,
Und dann schlag an deine Brust und gedenke deiner Schulden,
Sprich: mein Herr hat nichts verbrochen und ist doch so hart beschwert,
Aber du und ich empfangen nur was unsre Taten wert.

Seele, geh zu Jesu Kreuz, siehe, wie er ohne Klagen
Als ein stilles Gotteslamm alle Schuld der Welt getragen,
Lern auch du gelassnen Mutes über deinen Kidron geh´n,
Sprich: o Vater, nicht mein Wille, nur der deine soll gescheh´n!

Denk an deines Heilands Kreuz, denk an deines Heilands Krone:
Der gehorsam war zum Tod, sitzet nun auf goldnem Throne;
Sprich: mein Her, der Weg zum Himmel gehet nur durch Kreuz und Streit,
Und wer mit dem Herrn gelitten, geht mit ihm zur Herrlichkeit!

Mara, Mara, spricht das Fleisch, will den bittern Kelch nicht schmecken,
Will am Tag des heißen Streits zagend seine Waffen strecken,
Aber du, o Holz des Heiles, Stamm des Kreuzes, sei gegrüßt,
Der die schwerste Last erleichtert, der den herbsten Trank versüßt!

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Gottfried Daniel Krummacher – Die hohepriesterliche Segensformel – Zweite Predigt.

20.08.10 (04. 4. Mose, Krummacher, Gottfried Daniel)


4. Mose 6,24

Der Herr segne dich.

Laßt uns jetzt in die Erwägung der einzelnen Güter eingehen, welche Israel zugewünscht werden: Güter, die so vortrefflich sind, daß ihr Besitz unsere höchste Glückseligkeit ausmacht, Güter, welche es nicht nur höchlich verdienen, uns allen und jedem insbesondere angewünscht, sondern auch von jedem dringendst begehrt und eifrigst gesucht zu werden. Sie haben gleichsam zwei Angesichter, wovon das eine auf die Zeit sieht, das andere in die Ewigkeit schaut.

Jehovah segne dich! So lautet der erste köstliche Segenswunsch. Wir sehen bei Betrachtung desselben

1. auf den Segen,

2. dessen Born und

3. den Gegenstand desselben.

I.

Wird von Jehovah gesagt, er segne, so besteht dieses darin, daß er gewissen Personen gewisse Güter zuerkennt und wirklich mitteilt, sei es mittel- oder unmittelbar. Wen er daher segnet, der ist gesegnet, möchten auch alle ihm fluchen; wen er aber nicht segnet, der ist verflucht, und wenn alle ihn segneten.

So vielerlei nun die Güter sind, die ein Mensch nach Leib und Seele in Zeit und Ewigkeit genießen und besitzen mag, so mancherlei ist auch der Segen. Sein Gebiet ist also unermeßlich, seine Teile sind unzählbar und sein Wert ist nicht zu berechnen. Laßt uns aber den Segen hauptsächlich aus einem zwiefachen Gesichtspunkte ansehen, nämlich in leiblicher und geistlicher Beziehung, wiewohl er nicht immer und nicht bei allen unzertrennlich ist.

In beiden Beziehungen ist dieser Segen unentbehrlich und notwendig. Es ist zu einem Sprichworte geworden: „An Gottes Segen ist alles gelegen,“ und dies Sprichwort ist fromm und wahr. Dieses nennt die Schrift wie im Pred. 9,11 Glück, und der weise König sagt, es liege alles daran und an der Zeit. Ohne diesen Segen oder dieses Glück mangelt’s entweder an der Sache, oder am Gedeihen. Es hat z.B. jemand keine Arznei, weil er zu arm ist, sie anzuschaffen, oder die Arznei, die er hat, schlägt nicht an; er hat kein Geld, oder er ist bei seinem Gelde geizig, oder er weiß nicht damit umzugehen und verschwendet es, oder kann es sonst nicht benutzen, wie Salomo im 6. Kap. sagt: Gott hat manchem Reichtum, Güter und Ehre gegeben, aber nicht Macht verliehen, es zu genießen, sondern andere verzehren es. Das ist eitel und eine böse Plage. Dem einen fehlt es an Geschick zu einer Sache, einem andern an Gelegenheit, es zu üben, verhält sich in der Wirklichkeit so, wie es der gerühmte König es in seinem philosophischen Predigerbuche als das Ergebnis seiner Betrachtungen und Erfahrungen Kap. 9,11 herausstellt: Zum Laufen hilft nicht schnell sein! Was hätte es z.B. dem Petrus genützt, als er auf dem Meere wandelte, wenn er noch so schnellfüßig gewesen wäre, da sein Glaube und sein Körper zugleich sanken? Oder was half dem Absalom sein schnelles Tier, als die Eiche seine Haare faßte? Zum Streit oder zur Schlacht hilft nicht stark sein, wie nicht nur der Riese Goliath bewies, den ein glatter Bachkiesel tötete, sondern auch die Weltgeschichte, wenn es hier der Ort wäre, ihre Thatsachen anzuführen. Es lautet sonderbar, wenn Daniel Kap. 11,4 sagt: „Wenn sein Reich aufs höchste gekommen ist, wird es zerbrechen;“ aber es ist schon oft also geschehen. Zur Nahrung, sagt er, hilft nicht blos geschickt sein, und zum Reichwerden nicht klug sein, sonst würden die meisten geschickten und klugen Leute reich und alle Reichen geschickt sein. Ich sage: Die meisten, denn die Agurs sind anders gesinnt und wünschen sich weder Armut noch Reichtum, sondern ihr bescheiden Teil. Sogar hilft es nicht, angenehm zu sein, daß man ein Ding wohl könne, sondern dies und sonst alles Gute liegt außerhalb menschlichen Bereichs an der Zeit und am Glück.

So notwendig der Segen oder das Glück ist, so heimlich geht’s manchmal damit zu. Es ist ordentlich eine geheimnißvolle Sache um das, was man Glück haben und kein Glück haben nennt. An einigen bewährt sich dieser Spruch: Ihr könnet kein Haar schwarz oder weiß machen, ob ihr auch darum sorget, und was hilft es euch, wenn ihr euer Brot mit Kummer esset und sprechet: Was sollen wir essen? An anderen jener Spruch: Es wird euch zufallen. Sorget nichts. Bei einigen trifft alles oder doch das meiste nach Wunsch und zum Vorteil, bei andern nichts und nie oder selten. Man nennt dies Konjunktur, lös’t aber mit diesem Worte das Rätsel nicht. Der Einfältigere trifft’s nicht selten besser als der Geschicktere, welcher hernach, wenn’s zu spät ist, denkt: Hättest du es so gemacht! Da meistert denn wohl einer den andern, tadelt oder lobt hinterher seine Maßregeln als wohl oder über berechnet, oder nennt’s auch Glück oder Unglück. Mancher wird ein großer, kluger Feldherr, Kaufmann u.s.w. genannt, den man eigentlich nur einen glücklichen nennen könnte, dem es nachher wohl unglücklich gegangen ist. Die Geschichte bezeichnet uns einen Prinzen von Oranien, nachherigen König von England, als einen höchst klugen und großen Feldherrn. Er gewann jedoch selten eine Schlacht, begründete aber seinen Ruhm durch geschickte Rückzüge und dadurch, daß der den Sieger der Früchte seines Sieges beraubte. Ein einziger Augenblick, ein Wort, ein kleiner Umstand ist oft von der größten Wichtigkeit. Hätte z.B. einer der Reformatoren, Namens Knox, eines Abends den Platz an seiner Tafel auch eingenommen, wo er das ganze Jahr hindurch jeden Abend zu sitzen pflegte, so würde ihn die Kugel getroffen haben, die ein Feind nach ihm schoß, die ihn nun verfehlte, weil er ohne Absicht an einer andern Stelle saß. Und wie viele unter uns sind auf ähnliche Weise einem Unglücke entgangen, das sie aufs Haar betroffen hätte. Wie kam’s, daß der Pfeil, den jemand nach 2. Chronica 18,33 von ungefähr, ohne zu zielen, abschoß, den König Ahab gerade an dem kleinen Fleck, wo er unbepanzert war, dem aber Gott den Tod gedroht hatte, tödlich verwundete? Doch solcher merkwürdigen Begebenheiten hat man ganze Bücher voll, und fast jedes Leben liefert Beiträge dazu. An einem Haar hängen oft Welten von Begebenheiten. Was kann unbedeutender sein als das Wühlen eines Maulwurfs in der Erde? Und doch war dasselbe die Ursache des Todes des erwähnten Prinzen und Königs, weil sein Pferd hineintrat und mit ihm stürzte, wodurch die Weltbegebenheiten eine ganz andere Gestalt gewannen, da er nicht mehr an ihrer Spitze stand. Was kann unbedeutender sein als ein Spinnengewebe? Und doch rettete eben ein solches verschiedene unserer Glaubensgenossen bei der Bluthochzeit in Paris, die sich, um dem Tode zu entgehen, durch ein Fenster flüchteten, in dessen Öffnung gleich darauf ein Spinne ihr Netz wob, woraus die Verfolgenden schlossen, niemand sei durch dies Fenster gestiegen, weil er sonst das Netz hätte zerreißen müssen, ihnen also nicht nachsetzten. Mit kleinen Herren sind oft große überwunden worden, denn Rosse werden zum Streittage bereitet, aber der Sieg kommt vom Herrn. Kurz: An Gottes Segen ist alles gelegen! Wie merkwürdig ist in dieser Beziehung dasjenige, was wir Haggai 1,6 und 2,17.20 lesen. Schauet, wie es euch geht. Ihr säet viel und sammelt wenig, ihr esset und werdet nicht satt. Und erinnern wir uns nicht des Hungerjahres 1816, wo man oft klagen hörte, die Menschen äßen weit mehr als sonst und wären doch stets hungrig? Ihr kleidet euch und könnet euch doch nicht erwärmen, und welcher Geld verdienet, legt es in einen löchrichten Beutel. Kam einer zum Kornhaufen, der dem Augenscheine nach 20 Maß hätte haben müssen, so waren kaum 10 da, kam er zur Kelter und meinte 50 Eimer zu schöpfen, so waren kaum 20 da. Aber, heißt es weiter, merket auf: Vom 24. des 9. Monats an soll’s anders werden, denn ich will euch segnen. Ich weiß aus meiner vorigen Gemeinde, daß mehrere Landsleute in Erstaunen gerieten und es nicht zu erklären wußten, wie es zuging, daß sie im Frühjahre noch einen solchen Vorrat von Lebensmitteln hatten, da bei der starken Einquartierung den Winter hindurch so ungewöhnlich viel verbraucht worden war. „Krieg und Brand segnet Gott mit voller Hand,“ ist ein altes, frommes Sprichwort. Es hat mir wohl ungemein gefallen, wenn ich Kinder, die ihre unvermögenden Eltern verpflegten und dabei wohl selbst viele Kinder hatten, sagen hörte: Wer kann sagen, ob wir mit ihnen oder sie mit uns essen? ist es nicht so, daß manche weit mehr nötig haben, während andere mit wenigerem noch vergnüglicher ausreichen, daß diese weit weniger an Kleidern und Schuhen verschleißen, als jene, daß diese mit der Hälfte von Anstrengungen in der Arbeit weiter kommen, als jene mit doppelter Bemühung? Scheint auf etlichen nicht ein irdischer Fluch zu liegen, daß es nirgend mit ihnen fortwill, obschon man von ihnen nicht sagen kann, daß sie gottlos, sondern gestehen muß, daß sie fromm und brav sind? So erweiset sich der Segen oder Unsegen oft auf eine heimliche Weise, die sich nicht als Ursache nachweisen läßt, in ihren Wirkungen aber deutlich sich zeigt. Oftmals ist er auch so offenbar, daß der Segen von jedermann bemerkt wird.

Haben wir denn bis jetzt den Segen im allgemeinen und namentlich in irdischer Beziehung beachtet, so laßt uns ihn jetzt in seiner höchsten Bedeutung, nämlich im Geistlichen, ansehen, insofern er der Seelen Heil und Seligkeit betrifft. Dieser Segen ist hier auch vorzugsweise gemeint, denn es ist hier von dem Segen Abrahams die Rede, welchen Paulus von dem heiligen Geist und der Kindschaft versteht. Überhaupt bestand dieser Segen in der damals noch zukünftigen, jetzt wirklich geschehenen Sendung des Sohnes Gottes ins Fleisch und der damit verknüpften Gabe der Gerechtigkeit und des Lebens oder des heiligen Geistes; dies ist der Segen alles Segens und aller Wohlthaten einziger und unerschöpflicher Born und Urquell.

Aber aus diesem allgemeinen Segen, der in die Welt hineingerufen und durchs Evangelium öffentlich bekannt gemacht wird, muß ein besonderer, ein persönlicher Segen werden, darum heißt es in der Einzahl: Der Herr, Jehovah, segne dich. Wie dort die Jünger Johannis gefragt wurden: Habt ihr den heiligen Geist empfangen? So gilt es hier zu fragen: Hast du den Segen empfangen? Das Allgemeine hilft nicht, bis es ein besonderes, persönliches Eigentum und Gut wird. Das wird aber dieser heilige Segen alsdann, wenn er den einzelnen Menschen, wenn er dich heiligt, wenn in deiner Seele das gute Werk der Gottseligkeit beginnt, wenn du erweckt wirst. Da leitet die gnädige Hand der Vorsehung die Mittel zu dem Menschen, oder den Menschen zu den Mitteln, führt ihn an den Ort, in die Umstände und Bekanntschaft, welche ihm gesegnet sein wollen, läßt das Wort sagen, was ihm heilsam werden soll. Dies ist oft ungemein merkwürdig, wie die Beispiele in und außer der heiligen Schrift lehren. Jenes samaritische Weib, die Gott auf den rechten Weg leiten will, muß gerade in der Mittagshitze an den Brunnen gehen, zu der Stunde, wo sie den findet, den sie nicht suchte, und ein ganz anderes Wasser, als sie begehrte, nämlich das ewige Leben. Die Lydia muß ihre Vaterstadt Thyatira verlassen, um in Philippi zu wohnen, wozu sie wohl ihr Handelsvorteil bewog. Gottes wohlthuende Absicht aber war, sie sollte Paulum hören. Sie hörte ihn, und Gott that ihr das Herz auf, daß sie darauf acht hatte, was von Paulo geredet, und daß sie gläubig ward. Beim römischen Hauptmann Cornelius kamen ganz außerordentliche Umstände vor. Es erscheint ihm ein Engel, der mit ihm redet u.s.w. Davon handeln die Erweckungsgeschichten, die oft äußerst merkwürdig sind und das Walten des göttlichen Gnadenfingers aufs deutlichste und lieblichste zeigen: Etliche werden plötzlich herumgeholt, andere stufenweis und nach und nach. Bei einigen ist die Gnade wie ein Blitz, bei andern wie das Anbrechen des Tages. Hier triumphiert sie über Lasterknechte, Feinde, Spötter, Ruchlose, dort bemeistert sie sich sittsamer, selbstgerechter, eigenweiser, kirchlicher Leute, welche, was den äußerlichen Lebenswandel betrifft, keiner Bekehrung bedürfen. Etliche widerstreben eine Zeitlang, während andere alsbald entschieden heraustreten, einige müssen lange suchen, und von andern wird er gefunden, ehe sie ihn gesucht haben, wiewohl dies im Gunde bei allen sich so verhält, obschon es nicht bei allen gleich deutlich in die Erscheinung tritt. Wir werden gefunden, damit wir ihn suchen, ob wir ihn finden möchten, und ehe wir rufen, antwortet er, damit wir ihn anrufen, und er uns höre. Gieb uns, so betet Augustin, gieb uns deinen heiligen Geist, damit wir um denselben beten mögen!

Ist eine Seele erst also gesegnet, so segnet Jehovah sie auch weiter und zwar namentlich mit dem Glauben an den Herrn Jesum, mit der zuversichtlichen Hinneigung des Gemüts zu ihm, daß sie Zutrauen wegen der Vergebung der Sünden, wegen der Heiligung und Seligkeit zu ihm faßt und hegt. Er segnet sie mit heilsamer Einsicht ins Evangelium, öffnet ihr die Sinne und giebt ihr erleuchtete Augen des Verstandes, zu erkennen mit allen Heiligen die Höhe, Tiefe, Länge und Breite der Liebe Christi, leitet sie in die Gnadentiefen, die nie Fleischeswitz begriffen. Alsdann entfaltet sich in der Seele eine neue Schöpfung. Neue, sonst nie geahnte Einsichten; neue, nie vorher gekannte Gesinnungen der Liebe zu Gott und zu den Christen, neue, nie gehabte Empfindungen der Freude, des Friedens, der Ruhe; neue Kräfte und Triebe, zu beten, zu loben, zu danken, wie sonst nie, so daß der Mensch wohl sich selbst wie andern ein Wunder wird und dabei eine Gewißheit seines Anteils an Christo und seiner Gnade, die jegliche Zweifel ausstößt. Hier giebt’s nun wieder mancherlei Verschiedenheiten, wie es der Herr verschiedentlich in Maß, Zeit und Mitteln auszuteilen für gut findet, seine mannigfache Abwechselungen, von denen wir aber jetzt nicht ausführlich handeln wollen. Es gibt zerstoßenes Rohr und Eichbäume der Gerechtigkeit. Es giebt Fleischliche, junge Kinder in Christo und auch solche, die geübte Sinne haben. Etlichen geht’s, wie der 107. Psalm sagt, daß sie gen Himmel fuhren und in den Abgrund fuhren. Die mannigfache Weisheit Gottes wird kund. Einige überkommen den Glauben, nachdem sie eine Zeit aufs äußerste wie mit der Verzweiflung gerungen; andere sehen bald die rettende Hand des Sünderheilandes gegen sie ausgestreckt u. dergl. Das Mittel des Glaubens sind die Verheißungen des Evangeliums, welche allen Bedürfnissen unsers armen Herzens begegnen, wie der barmherzige Samariter jenem, der unter die Mörder gefallen war. Doch beweisen diese Verheißungen sich nicht eher in ihrer wohlthätigen Kraft, bis der Vater durch dieselbe segnet, und der heilige Geist sie dem herzen lebendig macht und versiegelt. Und o, welch ein großer Segen ist dieser Glaube, da er zugleich der Mund ist, durch welchen wir das himmlische Manna um so völliger genießen, je weiter wir ihn aufthun!

Wie sollten wir aber des Kreuzes nicht als eines gesegneten Beförderungsmittels mit dem Wort und Geist gedenken! Gewiß, nicht um sie zu plagen, legt der Hirte seinen Schafen das Joch des Kreuzes auf, sondern ihnen zu Nutz, daß sie, zwar nicht ihre eigene, aber seine Heiligkeit erlangen. Seid ihr ohne Züchtigung, so seid ihr entweder keine Kinder, und Gott läßt euch laufen, oder sie wartet eurer noch. Ihr braucht euch keine zu wünschen, sie wird schon kommen, wenn der Herr euch lieb hat, wie er denn hat. Euer Glaube, der viel köstlicher ist als vergängliches Gold, wird durchs Feuer müssen und dadurch bewährt werden. Es kann dir wohl nützlicher sein, wenn du einmal nicht sonderlich glauben, beten, liebe kannst, als wenn du es nach Herzenslust vermöchtest. Traurigkeit mag dir für diese Zeit besser sein als Freude und Schwachheit, besser als Stärke. Ein Kranker muß den Arzt rufen. Komm her, laß dich verbinden; du hast’s mit Jesu nur zu thun, und er mit deinen Sünden! alles, was er macht, gerät wohl.

Zuletzt vollendet sich der Segen in ewige Seligkeit und Herrlichkeit. Mögen sie denn auch aus großer Trübsal kommen, so schaffet sie doch eine ewige, über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit.

II.

Die Mitteilung alles Segens kommt insbesondere von Jehovah, dem Vater, der dessen Born in dem ewigen Friedensrate ist. Er ist ein segnender Gott des armen Sünders, der sich dem Evangelium gemäß ihn nicht anders als so vorstellen soll. Denn die Schalen seines Zorns und den bittern Kelch des Fluches seiner Heiligkeit, goß er in die sonne unserer Gerechtigkeit, die dadurch eine Weile ihren Schein verlor, damit uns das Heil in ihren Flügeln bereitet würde. Jetzt ist denn die angenehme Zeit, jetzt leuchtet der Tag des Heils, deß freuen wir uns und sind wir fröhlich. Dies und dies allein giebt uns die Anfrage eines durch die Auferstehung Jesu Christi guten Gewissens zu Gott. Denn wenn auch ein Werk insbesondere einer der hochgelobten Personen der Dreiheit Gottes zugeschrieben wird, so sind doch diese drei nur Eins. Wie der Vater den Segen zuerkennt, so hat ihn der Sohn erworben, und der heilige Geist eignet ihn zu, so daß wir die eine Person zu unserm Heile so wenig entbehren können wie die andere. Glücklicher Weise kommt’s hierbei auf eigenes Verdienst oder Unverdienst, Tauglichkeit oder Untauglichkeit nicht an. Es fördert und hindert nicht, sondern es ist allein des erbarmenden und segnenden Gottes. Wer nun will, was auch eine Wirkung des Segens und dessen erster Anfang, gleichsam der Weizen im Grase ist, wer nur will, mag kommen und sprechen: Segne mich auch! Und wer kommt, ist willkommen.

Gott hat nun seine Zeit, wo er die Ströme des Segens besonders reichlich und spürbar durch unsern Hohenpriester herabfließen läßt, so daß derselbe sich bald in diesem, bald in jenem Lande oder jener Gegend in der Ausbreitung des Reiches Gottes besonders herrlich und kräftig erweiset. Ich will der apostolischen Zeit nicht gedenken, nicht der heilbringenden Wirksamkeit eines Augustins im 5. Jahrhundert, nicht der Zeit der Reformation, wo eine allgemeine religiöse Bewegung in ganz Europa entstand, die durch keine Gewalt unterdrückt werden konnte, sondern einem Feuer gleich, das um so heftiger lodert, je mehr man darin rührt. Deutschland erlebte im 17. Jahrhundert eine sehr gesegnete, geistliche Heimsuchung durch das Buch, welches einer, Namens Joh. Arndt, vom wahren Christentume schrieb, ein Buch, das sich weder durch die Ordnung, in welcher die Gegenstände abgehandelt werden, empfiehlt, da mehrenteils zwischen dem einen Kapitel und dem folgenden gar kein oder doch nur ein geringer Zusammenhang stattfindet, noch durch seine einnehmende Sprache gefällt, so daß man die Ehre des Segens, den es zu seiner Zeit stiftete, nicht dem Buche selbst, sondern nur dem Brunnen alles Heils zuzuweisen genötigt ist. Nach ihm traten Männer, wie Spener und Franke auf, als Werkzeuge der segnenden Hand des Vaters für ganze Scharen. Denn wenn er segnen will, so sorgt er auch für die Mittel, welche ohne ihn nichts wirken, wenn sie auch noch so scheinbar wären, so daß zehn Apostel nicht vermögend wären, dem einen Thomas den Glauben einzureden, wie lebendig er auch bei ihnen selbst war.

III.

Je wichtiger und kostbarer, je notwendiger und unentbehrlicher nun der Segen ist, desto bedeutsamer ist das Dich: Jehovah segne dich.

Was nun den leiblichen Segen anbetrifft, so wird derselbe von den meisten nur allzusehr begehrt, und ihr ganzes Herz hängt so daran, daß ihr Verlangen nicht weiter geht, als das es ihnen auf Erden wohl gehe, und sie lange leben mögen. Ja, wie viele stoßen selbst diese Art des Segens von sich durch ihr unordentliches Leben: Faulheit, Verschwendung, Üppigkeit, Fluchen, Betrügereien und Ungerechtigkeit! Doch von welchem geringen, nur kurze Zeit dauernden Werte sind doch alle irdischen Güter, als Gesundheit und Vermögen. Wie thöricht sind diejenigen, welche die zu ihrem höchsten Gut machen, und wie schrecklich ihr Ende, nämlich die Verdammnis!

Nur diejenigen sind weise zu nennen, welche Segen für ihre Seele begehren, die werden ihn auch, wenn ihr Verlangen aufrichtig ist, gewißlich erlangen; ja, dies ist schon ein Beginn des Segens. Wer da hat, dem soll gegeben werden, daß er die Fülle habe. Wer dieses Segenswasser trinkt, in dem soll es ein Quell des ewigen Lebens werden. Je bedürftiger ihr euch für den Segen fühlet, desto empfänglicher seid ihr dafür, erwartet ihn auch desto zuversichtlicher. Für je unwürdiger ihr euch desselben achtet, desto richtiger urteilt ihr von euch selbst und eurer Natur. Lernet aber dabei verstehen, daß der Segen aus keinem andern Grunde, als um des einigen Opfer Christi willen kommt, und wir ihn durch den Glauben empfangen.

Sehet denn, von welchem Umfange dies Wörtlein ist: Jehovah segne dich! Schreiet denn: O, segne mich, damit ihr dereinst nicht unter der Zahl derer erfunden werdet, zu welchen es heißt: Gehet weg, ihr Verfluchten! sondern unter der Schaar derer, zu welchen gesagt wird: Kommet her, ihr Gesegneten! Amen.

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