Lebensquellen

Reformierte Theologie im Internet

Die Gewißheit der Vergebung der Sünden

28.07.10 (Spurgeon, Charles Haddon)

„Du wirfst alle meine Sünde hinter Dich zurück.“
Jes. 38,17

Hiskia spricht hier von einer Sache, mit bezug auf welche er nicht den entferntesten Schatten eines Zweifels hegte. Er hatte seinem Gott vertraut, hatte sich auf das Verdienst des verheißenen Messias geworfen; und als das Ergebnis dieses Glaubens wurde ihm Gewißheit verliehen, so daß er nun mit freudiger Zuversicht singt: „Du, o mein Gott, der Allmächtige und Gerechte, wirfst alle meine Sünde hinter Dich zurück.“ O, welche freudenreiche Sache ist es, einen Strahl himmlischen Sonnenlichts in der Seele zu haben und die. Stimme Gottes selbst, wie Er in der Abendkühle in dem Garten unsrer Seele wandelt, zu hören, die da spricht: „Sohn, deine Sünden, deren viele sind, sind dir alle vergeben.“ Das Lispeln dieser himmlischen Stimme kann unser Herz wohl zu göttlicher Glückseligkeit erheben; es gibt eine Freude, welcher alle Fülle von Korn und Wein, alle Freude, welche die Reichtümer und Genüsse dieser Welt gewähren, nicht gleichkommt. Den Friedenskuß der Kindschaft zu empfangen, das beste Kleid anbekommen, den Ring an der Hand, die Schuhe an den Füßen haben, die himmlische Musik hören und den Reigen, mit welchem der verlorene Sohn in des Vaters Hause willkommen geheißen wird, – das ist in der Tat ein Entzücken, welches Welten aufwiegt.

Meine teuren Brüder, es gibt Prediger, welche in ihren Vorträgen sich fast beständig in solchen Genüssen ergehen, die die inneren Erfahrungen der Kinder Gottes betreffen; aber ich fürchte, sie machen dies zum Hauptgegenstand ihres Predigens, und lassen das ganze Christentum in ein System von Zuständen und Gefühlen aufgehen. Auf der andern Seite gibt es Brüder, welche beständig bei der Lehre von der Seligkeit durch den Glauben und durch den Glauben allein verharren, aber fast ganz vergessen, von der Erfahrung zu zeugen, welche das Ergebnis des Glaubens ist. Diese beiden nun irren gewiß; und doch beruht ihr Irrtum in einem gewissenhaften Verlangen, die Wahrheit zu verkünden. Der Bruder, welcher die Erfahrung beständig predigt, fürchtet, daß irgend jemand einen eingebildeten Glauben haben möchte, welcher nicht der der Auserwählten Gottes ist. Darum predigt er von der Erfahrung als von einem Beweise oder einem Prüfsteine, mittelst welches er die Geister erkennen mag, ob sie aus Gott sind. Unser Bruder auf der andern Seite, welcher vom Glauben und nicht von der Erfahrung handelt, fürchtet, daß die Menschen ihre Gefühle zu ihrem Gott machen, und daß sie sich auf ihre Erfahrungen stützen und nicht auf das Kreuz Christi. Er ist ebenso besorgt, die Tatsache in voller Klarheit zu behaupten, daß wir erlöst sind durch das, was Christus gefühlt hat und nicht durch das, was wir fühlen, die große Wahrheit, daß wir durch das kostbare Blut erlöst sind und nicht durch irgend welche Erfahrung, die wir machen; er vergißt aber, daß, wo Glaube ist, auch Erfahrung sein wird, und daß, wo echte Erfahrung ist, auch wirklicher Glaube gewesen sein muß.

Gestattet mir, ehe ich weitergehe, einen Augenblick bei dem Nachweise zu verweilen, daß diese beiden Wahrheiten wirklich zusammenfallen – eine göttliche Erfahrung und ein einfacher Glaube – notwendige und freudige Gefühle, und ein noch notwendigeres, unvermischtes Vertrauen auf Christum. Die Wahrheit ist, daß wir selig werden durch den Glauben und nicht durch unsre Gefühle. „Wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen.“ Aber doch besteht ebenso viel Verbindung zwischen Glauben und heiligen Gefühlen, als zwischen der Wurzel und der Blume. Der Glaube ist das Beständige, eben wie die Wurzel immer im Grunde ruht. Das Gefühl ist das Gelegentliche und es hat seine Zeiten, gleich wie die Zwiebel nicht immer grüne Stengel treibt, noch weniger stets mit den vielen reichgefärbten Blumen gekrönt ist. Der Glaube ist der Baum, das, was das Wesen des Baumes ausmacht; unsre Gefühle gleichen der Erscheinung jenes Baumes während der verschiedenen Zeiten des Jahres. Manchmal ist unsre Seele voller Blumen und Blüten und die Bienen summen vergnüglich und tragen Honig ein ins Herz. Das ist die Zeit, wo unsre Gefühle dem Leben unseres Glaubens Zeugnis geben, gerade wie die Knospen des Frühlings von dem Leben eines Baumes zeugen. Bald gewinnen unsre Gefühle größere Triebkraft, und wir langen bei dem Sommer unsrer Genüsse an. Wiederum vielleicht beginnen wir zu vertrocknen zu dem dürren und gelben Blatte des Herbstes; ja, manchmal pflegt der Winter der Verzagtheit und der Verzweiflung jedes Blatt von dem Baume zu streifen, und unser armer Glaube steht da wie ein verdorrter Stamm, ohne eine Spur von Laub. Und dennoch, meine Brüder, so lange nur der Baum des Glaubens noch im Grunde wurzelt, ist unsre Seligkeit gesichert. Aber wir sollten doch die ernstesten Gründe haben, dem Leben unseres Glaubens zu mißtrauen, wenn es nicht manchmal von Freude erblühte, und oft Früchte der Heiligkeit hervorbrächte.

Die Erfahrung gleicht, wenn ich so reden darf, einer Sonnenuhr. Wenn ich in meinem Geiste die Tageszeit erkennen will, so blicke ich darauf. Aber dann muß die Sonne darauf scheinen, sonst kann ich mittelst einer Sonnenuhr nicht sagen, wo und wie ich bin. Wenn eine Wolke über die Sonne zieht, so ist mir meine Sonnenuhr von wenig Nutzen. Aber dann tritt mein Glaube hervor in aller seiner Trefflichkeit; denn mein Glaube durchdringt die Wolke und erkennt den Stand meiner Seele, nicht an dem Schatten der Sonnenuhr, sondern an der Stellung der Sonne am Himmel selbst. Der Glaube ist eine größere und herrlichere Sache als alle Erfahrung, weniger schwankend, mehr beständig. Er ist die Wurzel der Gnadengabe, und diese sind nur die Blüten, die Keime, die Knospen. Doch laßt uns nicht gegen die Erfahrung sprechen, laßt uns sie hoch schätzen; denn es ist ein großes Ding, in dem Sonnenscheine der göttlichen Gegenwart zu sitzen; es ist eine edle Sache, die Trauben Eskols zu essen, selbst wenn wir noch in der Wüste sind. Es ist wahr, mehr Erhabenheit liegt in dem Glauben, daß der Himmel mein ist, wenn ich keine Gewißheit davon sehen kann; aber es ist süßer

„sein Unrecht sehen klar
An Gottes heil’ger Stadt.“

Ich wende mich nun zu dem einen Stücke der Erfahrung, welches ganz besonders in unserm Texte hervorzutreten scheint, nämlich jene selige Erfahrung eines Bewußtseins der Vergebung, eines Gefühls vergebender Liebe, ausgegossen in unser Herz. Ich werde meinen Text von zwei Gesichtspunkten aus betrachten. Es gibt zwei Arten der Vergebung, die Gott gewährt, und es ist sehr notwendig, sie zu unterscheiden. Ich werde erst reden von dem Bewußtsein der Vergebung, das ein Mensch als ein begnadigter Sünder genießt. Nachdem ich. das getan habe, werde ich von jenem andern Bewußtsein der Vergebung reden, das mehr meinem Texte entspricht, inniger mit demselben verbunden ist, von einer Empfindung d er Vergebung, die ein Mensch genießt, nicht als ein Sünder, sondern als ein Kind, ein begnadigtes Kind, welches weiß, daß ihm schon von dem Richter vergeben ist, welches aber nun lächelt, indem es weiß, daß es auch von dem Vater begnadigt ist.

I.

Zuerst also laßt mich reden von einer Empfindung der Vergebung als von Gott dem Sünder gegeben.

Wir haben diese Empfindung der Vergebung nicht zu erwarten, bevor wir nicht zu Christo kommen. Der Seele, die sich verloren, elend und nackt erkennt, wird von dem Worte Gottes befohlen, sich gerade so, wie sie ist, den Händen Christi anzuvertrauen. Der Glaube gehorcht diesem Befehl, und ohne einen Schimmer von innerer Freude übergibt er die Seele ganz zitternd und bebend vor Furcht in die Hand Christi, als in die Hand eines allliebenden und alles vermögenden Erlösers. Ich wiederhole es, wir dürfen nicht harren auf eine Empfindung der Vergebung, bis wir das tun. Zu glauben ist unsre Pflicht, und das Gefühl der Vergebung ist unser Genuß. Wir müssen erst gehorchen und dann werden wir die Belohnung empfangen. Indem ich fühle, daß ich gänzlich verloren bin, und daß kein Grund in mir ist, warum ich sollte selig werden, werfe ich mich zu Fuße des Kreuzes Christi nieder und traue nur auf Ihn in Ewigkeit. Als das Ergebnis davon senkt Gott nachher in meine Seele aus seiner freien Gnade durch seinen Geist ein untrügliches Zeugnis, welches mir beweist, daß mir in derselben Stunde vergeben wurde, als ich mich Christo ergab, und meine Seele in seine Hände befahl. Das Bewußtsein der Vergebung nun schließt vieles in sich, obgleich die Fülle dessen in allen Seelen nicht gleich groß ist. In einigen wenig unterrichteten Personen, welche zu wenig Schrifterkenntnis haben, beschränkt sich alles Bewußtsein von dem, was sie genießen, darauf, daß ihre Sünde vergeben ist. Sie fühlen in ihren Seelen, daß jede Sünde, die jemals in dem Buche Gottes gegen sie verzeichnet stand, ein für allemal getilgt ist. Damit sind sie befreit von dem Schrecken und der Furcht, welche ihren Geist zuvor niederdrückten, das Nachtgespenst ist verschwunden, die unheimliche Gestalt, welche sie plagte, das Bewußtsein ihrer Schuld, ist fort und sicher auf immer begraben in dem roten Meere des Blutes Jesu. Doch unwissend und wenig belehrt wie sie sind, erkennen sie nichts mehr als dies; – die ganze Summe ihrer Freuden besteht darin, – daß die Sünde vergeben ist, daß der Zorn Gottes abgewandt ist, und daß sie nun nicht in den Abgrund der Hölle versinken werden. Wenn es indessen dem Heiligen Geiste gefällt, ihnen zu der Zeit mehr als das zu zeigen, so haben sie ein Bewußtsein, daß Gott sie liebt. Sie sind gewiß, daß Jehovah auf sie als auf seine Günstlinge blickt, auf solche, für welche Er besondere Gnade und eigentümliche Liebe hat. Sie beginnen dann von dem Augenblicke an ihr Anrecht an den Segnungen des Bundes zu lesen. Sie sehen, daß alles das Ihre ist, weil sie Christi sind, und daß, da keine Verdammnis für sie ist, jede Segnung ihnen gewährt sein muß durch dieselbe Tat, welche den Verdammungsspruch aufhob. Es begibt sich auch zuweilen, daß dies Gefühl der Begnadigung wächst, bis es durch die engen Bande der Zeit bricht, bis der Geist nicht nur gewiß ist, daß er mit Gott versöhnt ist, und daß das ewige Leben ihm gewiß ist, sondern er sieht den Himmel schon in der Nähe und beginnt sein eignes, unaustilgbares Recht an dem Erbteil der Heiligen im Licht zu verwirklichen. Ja, in der Stunde der Begnadigung habe ich manchmal erkannt’. wie der entfesselte Geist die goldenen Straßen wandelte, und seinen Finger an die Saiten der himmlischen Harfen legte zum Preise des Ewigen. Es ist nicht auszureden, wie umfassend zuzeiten dies Gefühl der Vergebung werden kann; es vermag eine vergangene Ewigkeit zu überfliegen und dort seine Erwählung empfangen – eine zukünftige Ewigkeit und seine Herrlichkeit betrachten. Es vermag in die Tiefen der Hölle zu fahren und die Feuer dort auf ewig gelöscht sehen, oder zu den Herrlichkeiten des Himmels empor zu steigen, und alle jene Pracht als ihm gegeben erblicken. Aber doch, wie ich schon vorhin sagte, ist es nicht so in allen Fällen; denn bei manchen unbekehrten Gemütern beschränkt sich das Gefühl der Begnadigung auf die Entfernung des Schreckens und auf die gewisse Überzeugung, daß ihre Sünden ihnen alle vergeben sind.

Doch höre ich fragen: Wie kommt einem solches Gefühl der Vergebung? In welcher Weise und Gestalt? Wir antworten, es kommt in verschiedenen Weisen und Gestalten. Manche Menschen bekommen ihr Bewußtsein der Vergebung in einem Augenblick. Sie lasen vielleicht das Wort Gottes, und irgend welcher Text schien sich mit einem Male über seine Brüder zu erheben und in himmlischem Feuer zu erglänzen, und sie sahen diesen Text wie auf ihren Herzen abgedruckt. Etwa einer. wie der: „So kommt nun und laßt uns miteinander rechten. Wenn eure Sünde gleich blutrot ist, so soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie gleich ist wie Rosinfarbe, soll sie doch wie Wolle werden.“ Oder ein andrer wie dieser: „Das ist je gewißlich wahr und ein teuer wertes Wort, daß Jesus Christus gekommen ist in die Welt, die Sünder selig zu machen, unter welchen ich der vornehmste bin.“ Der Mensch zweifelte zuvor, war voll Trauer und Verzagtheit; in einer Minute ist alles Licht und Leben und Freude in seinem Herzen. Wenn er mit einem einzigen Schritte aus der Hölle in den Himmel hätte zu steigen vermocht, so würde der Wechsel in seiner Seele nicht schlagender und gewaltiger haben sein können. Statt des Mühselig- und Beladensein ist ihm plötzlich ein frohes und leichtes Herz geschenkt worden. Anstatt eben noch von Kopf bis zu Fuß schwarz zu sein, erblickt er sich nun vollkommen weiß gewaschen und mit dem schneeigen Gewande der Gerechtigkeit des Heilandes angetan. Bei andern ist diese Empfindung der Vergebung von langsamerem Wachstum. Sie beginnt mit einem schwachen Schimmer von Hoffnung, noch ein Strahl und noch einer, bis endlich der Morgenstern aufgeht in ihren Herzen; das Licht nimmt immer noch zu, bis endlich der Morgenstern der Hoffnung Raum. macht der Sonne der Gerechtigkeit selbst, welche mit Heil unter ihren Flügeln aufgegangen ist. Ich habe einige gekannt, welche Frieden in einem Augenblick erlangt haben, während andre Monate, wenn nicht Jahre gebraucht haben, bis sie mit festen und sicheren Schritten wandeln und mit frohen Lippen sagen konnten: „Ich weiß, an wen ich glaube und ich bin gewiß, daß Er mir meine Beilage bewahren wird.“

Diese Überzeugung wird uns manchmal in der außerordentlichsten Weise zu teil. Ich habe gesehen, wie sie durch besondere Ausdrücke eines Predigers in die Seele drang, durch Worte so gerade passend für solchen besonderen Fall, daß man gedrungen war, zu sagen: „Das ist nicht die Stimme eines Menschen, sondern Gottes Stimme; denn ein Mensch konnte nicht mein Herz kennen; diese Worte sind wahrlich geredet von einem, der die Herzen und Nieren erforschet.“ Zu andern Zeiten wurde irgend welches merkwürdige Walten der Vorsehung das sonderbare Mittel, Freude und Erlösung zu bringen. Die auffallendste Erzählung, die ich mich erinnere jemals gelesen zu haben in bezug auf geschenkten Frieden nach einer langen Zeit der Verzagtheit, war wohl der Fall von einer Frau Honeywood, von welcher ihr auch möget gelesen haben. In puritanischen Kreisen lebend, war sie gewohnt, die am meisten donnernden Prediger unter ihnen zu hören. Sie wurde so völlig zerbrochen in ihrem Herzen durch das Gefühl ihrer Sünde, daß das arme Weib während, ich glaube, zehn, wenn nicht zwanzig Jahren, der Verzweiflung anheim gegeben und durchaus gewiß war, daß es für sie keine Hoffnung gebe. Es schien, daß in diesem Fall eine Art von Wunder geschehen mußte, um ihrer Seele Frieden zu geben. Eines Tages, als ein ausgezeichneter Diener Christi mit ihr sprach und ihr sagte, daß doch noch Hoffnung sei, daß Jesus Christus selig machen könne immerdar, die durch Ihn zu Gott kommen, ergriff sie ein venetianisches Glas, das auf dem Tische stand, und das aus dem dünnsten Material gemacht war, das man sich denken kann, und schleuderte es auf den Boden, indem sie rief: „Ich bin verloren, so gewiß, wie dies Glas in tausend Stücke zerbrochen ist.“ Zu ihrem unendlichen Erstaunen erlitt das Glas nicht den geringsten Schaden, nicht einmal einen Sprung. Von diesem Augenblicke an glaubte sie, daß Gott zu ihr geredet habe. Sie öffnete ihre Ohren den Worten des Predigers, und Friede floß in ihre Seele. Ich erwähne dieses Beispiels als eines außerordentlichen und einzigen, desgleichen vielleicht nirgends sonstwo aufgezeichnet steht. Doch Gott hat seine Wege und Mittel. Er wird durch irgend ein Mittel, durch jedes Mittel, durch das seltsamste und wundervollste Mittel sein Volk zum Gefühle der Begnadigung bringen. Wenn sie alle andern Wege verwarfen, so wird Er eher ein Wunder wirken, als daß seine Verbannten nicht sollten heimgebracht werden.

Gestattet mir noch eine oder zwei Minuten bei der Freude zu verweilen, welche dies Gefühl der Vergebung erzeugt. Ich spreche nun aus Erfahrung. Jener glückliche Tag, an dem meine Seele zuerst einen Heiland fand und an seinen teuren Füßen hangen lernte, war ein Tag, dessen ich nimmermehr vergessen werde. Ein unbekanntes Kind, von dem man nichts wußte noch hörte, saß ich und horchte dem Worte Gottes zu; und jener köstliche Text: „Wendet euch zu mir, so werdet ihr selig, aller Welt Ende,“ leitete mich zu dem Kreuze Christi. Ich kann es bezeugen, daß die Freude jenes Tages ganz unbeschreiblich war. Ich hätte springen, tanzen mögen. Kein Ausdruck, wenn noch so schwärmerisch, wäre der Freude meines Geistes in jener Stunde fremd gewesen. Viele Tage christlicher Erfahrung sind seitdem vergangen, doch kein Tag ist seitdem wieder erschienen, der das Entzücken, die sprudelnde Freude jenes ersten Tages mir wieder gab. Ich glaube, ich hätte von meinem Sitze aufspringen und mit dem schwärmerischsten jener methodistischen Brüder, welche zugegen waren, ausrufen können: „Mir ist vergeben! Mir ist vergeben! Ein Sünder erlöst durch Blut!“ Alle andern Ereignisse in betreff jenes Tages sind dunkel in meiner Erinnerung. Ich weiß nichts von dem, was zu mir gesprochen wurde, oder was sich zutrug, sondern nur eben das, daß mein Geist seine Ketten zerbrochen sah, und daß ich wandelte als ein befreiter Mensch, als ein Erbe des Himmels, als ein Begnadigter, angenommen in Christo Jesu, gezogen aus der grausamen Grube und aus dem Schlamm, meine Füße gestellt auf einen Fels, daß ich gewiß treten konnte. Die Freude des Herzens, wenn es Gnade erlangt, mag von einigen von euch, die niemals sie geschmeckt haben, geahnt werden, doch wenn ihr irgend einmal dahin gelangen werdet, sie zu erfahren, so werdet ihr mit der Königin aus Saba ausrufen: „Es ist mir nicht die Hälfte gesagt!“ Menschen, die in diesem glückseligen Zustande sind, pflegen sehr mitteilend zu sein: sie können es nicht verschweigen. Sie gleichen dem John Bunyan, welcher den Krähen auf den umgepflügten Feldern davon erzählen mochte. Sie reden selbst zu den Bäumen. Sie denken, die ganze Welt ist in Harmonie mit ihnen; sie ziehen aus in Freuden und werden im Frieden geleitet, Berge und Hügel frohlocken vor ihnen her mit Ruhm, und alle Bäume auf dem Felde müssen mit den Händen klappen. Die Vögel singen in der Tonart ihrer Herzen. Die Sonne scheint glänzender an dem Tage als je zuvor; oder wenn Regen fällt, ist es nur das Sinnbild jener Schauer der Barmherzigkeit, welche das Herz erquickt haben. An dem Tage wenigstens, wenn nie zuvor, wird der Mensch der große Priester der Welt, er steht in der Mitte aller seiner Mitpriester, der große Hohepriester des Weltalls. Er wandelt in seinem weißen Gewande, trägt an sich die goldenen Glocken der Musik der Priesters Gottes, opfert die Gaben, die Gott angenehm sind, und sein eignes Herz ist das vorzüglichste Opfer, das er darbringt. O, an dem Tage erscheint die Welt als eine große Orgel und die Finger des Begnadigten eilen über ihre Tasten und wecken die Töne gleich den Donnern, bis die ewigen Sonette längst vergangener Zeiten in Schweigen sinken vor den Hallelujas des widerhallenden Preises, zu welchem der begnadigte Sünder die Welten weckt.

Denkt nicht, daß ich hier schwärme, ich rede nur wahre und vernünftige Worte. Vielmehr bleibe ich in meiner Beschreibung der Freude des Geistes, in welchen Gott einen Strahl seiner Liebe und ein Zeichen seiner Gnade gesendet hat, hinter der Wirklichkeit zurück. Höre ich irgend einen Freund hier flüstern, daß dieses schwärmerische Gefühle seien? Ach, mein Freund! wenn das wäre, so wäre es eine Schwärmerei, nach welcher man inbrünstig suchen müßte; es wäre eine, nach welcher die nüchternste Seele ewig streben müßte. Aber du meinst, es sei Schwärmerei, daß ein Mensch gewiß sei, die Sünden seien ihm vergeben. Doch halt ein wenig still. Willst du es wagen zu erklären, daß dieses Buch selbst schwärmerisch sei? daß die Bibel ein Buch voll Schwärmerei und eitlem Wahn sei? O nein, du glaubst, daß dies ein Buch in nüchternem Ernste geschrieben sei. Nun wohl, die Gefühle eines begnadigten Menschen sind nur die notwendigen und natürlichen Folgen der Wahrheiten dieses Buches. Wird etwas wie Vergebung der Sünden hier gelehrt? Sind hier nicht Worte wie diese? – „Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind, dem die Sünde bedecket ist. Wohl dem Menschen, dem der Herr die Missetat nicht zurechnet, in des Geist kein Falsch ist.“ – „Du wirfst alle meine Sünde hinter Dich zurück,“ Sind hier nicht Worte, welche uns sagen, daß Christus Jesus gekommen ist in die Welt, zu suchen und selig zu machen, das verloren ist? daß da ist ein Ding wie Seligkeit; eine Sache wie Gehen aus der Finsternis zum wunderbaren Licht; ein Ding wie Errettet sein von der Macht der Finsternis und Versetzt sein in das Reich von Gottes liebem Sohn? Wenn uns die Bibel lehrt, daß es solche Dinge gibt, und daß solche Dinge Wirklichkeiten in der Erfahrung der Christen sind, dann wäre es eine Anklage gegen das Buch, wenn die Menschen im Empfangen desselben nicht glücklich wären. In der Tat, wenn die Erfahrung eines Christen zur Zeit seiner Bekehrung nicht ganz besonders eine ganz über die Maßen freudenvolle wäre, so würde es ein Widerspruch gegen die Lehren dieses Wortes sein. Aber ich sage es, und sage es dreist, alle Entzückungen, welche die freudigsten Geister in der Stunde ihrer Begnadigung jemals fühlten, werden durch dieses Wort verbürgt; nein, nicht verbürgt, sondern sie bleiben weit hinter dem zurück, was dies Wort uns im Empfangen der Gnade zusichert.

„Aber,“ so sagt ein andrer “,ich kann nicht begreifen, wie jemand gewiß sein kann, daß er begnadigt ist.“ Jener große und vortreffliche Mann, Dr. Johnson, pflegte die Meinung zu hegen, daß kein Mensch jemals wissen könne, daß er in Gnaden sei, daß es kein solches Ding gebe, wie Gewißheit des Glaubens. Vielleicht, wenn Dr. Johnson seine Bibel ein wenig besser studiert hätte, daß auch er noch dazu gekommen wäre, von seiner eignen Begnadigung zu wissen. Gewiß war er kein vorzüglicher Richter in der Theologie, so wenig wie er es in betreff von Porzellan war, was er einst zu machen versuchte, und was ihm nie gelang. Ich glaube, daß sowohl in Theologie wie in Porzellan sein Urteil gar wenig wert ist. Ihr fragt, wie kann ein Mensch wissen, daß er begnadigt ist? Es gibt einen Text, welcher sagt: „Glaube an den Herrn Jesum Christum, so wirst du selig.“ Ich glaube an den Herrn Jesum Christum; ist es vernunftwidrig, zu glauben, daß ich selig bin? „Wer da glaubet,“ der hat das ewige Leben,“ sagt Christus im Evangelium Johannis.

Ich glaube an Christum; ist es ungereimt, wenn ich nun glaube, daß ich das ewige Leben habe? Ich finde, daß der Apostel Paulus durch den Heiligen Geist spricht: So ist nun nichts Verdammliches an denen, die in Christo Jesu sind. Nun wir denn sind gerecht geworden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott.“ Wenn ich nun weiß, daß mein Vertrauen allein auf Jesum gerichtet ist, und daß ich Glauben an Ihn habe, wäre es nicht zehntausendmal alberner von mir, wenn ich keinen Frieden haben wollte, als wenn ich mit unaussprechlicher Freude erfüllt wäre? Es ist nur Gott bei seinem Worte nehmen, wenn die Seele es als eine notwendige Folge ihres Glaubens erkennt, daß sie selig ist. Aber abgesehen davon, nimm es einmal für wahr an, daß Gott selbst zu jedem einzelnen Menschen rede und sein Herz mit dem Zeugnis versiegele, daß er begnadigt sei; setze den Fall, daß es so sei, wenn es dir auch schwer fallen sollte – würde es dann unnatürlich sein, daß der Geist sich freute? Dies nun ist gerade buchstäblich die Lage der Dinge; denn der Geist gibt Zeugnis unserm Geiste, daß wir aus Gott geboren sind. Und ich sage auch dies, wenn schon ich darin der Schwärmerei beschuldigt würde: Es gibt Zeiten für jedes Kind Gottes, wo es nicht zweifeln kann an seiner Annahme bei Christo, wo sein Stand der Seligkeit ihm eine viel handgreiflichere und gewissere Wahrheit ist, als die Tatsache seines Daseins, wo alle Gründe, die du möglicherweise vorbringen könntest, es nicht erschüttern können, weil es das untrügliche Zeugnis des Heiligen Geistes hat, daß es aus Gott geboren ist. Habt ihr nie ein armes Dienstmädchen wie jenes gesehen, welches von einem gewandten Ungläubigen angeredet wird, der damit beginnt, es in allen seinen Grundsätzen niederzuschlagen, es auszulachen und ihm zu sagen, daß es ein armes, betörtes Ding sei? Sie antwortet ihm, hat Geduld mit ihm, entgegnet wieder und wieder in ihrer eignen einfachen Weise. Ihr könnt sehen, daß ihre Gründe nicht einschlagend oder folgerichtig sind, doch wartet, bis sie zum Ende kommt, und ihr hört sie sagen: „Nun wohl, mein Herr, Sie wissen viel mehr als ich, ich bin nicht imstande, so zu reden wie Sie, ich möchte nicht so denken wie Sie; aber, mein Herr, wenn auch das, was Sie gesagt haben, wahr ist, so können Sie doch nicht widerlegen, was ich hier fühle; ich fühle, daß ich ein Kind Gottes bin, ich weiß, ich bin es, und Sie können mir ebensogut bestreiten, daß was ich sehe, wirklich da ist, und was ich fühle, eine wirkliche Ursache hat, als Sie mir die Tatsache bestreiten können, welche ich in meiner innersten Seele erkenne, daß ich vom Tode zum Leben hindurchgedrungen, daß ich ein Kind Gottes bin.“ Tritt her, du Blinder! Seine Augen sind geöffnet; nun versucht und überzeugt den Mann, daß er nicht sehe. „Nein,“ sagt er “,das ist eine Sache, die ich weiß. In andern Dingen mag ich irren; aber eins weiß ich wohl, daß ich blind war und nun sehend bin.“ Bringt her jenen Kranken, welcher acht und dreißig Jahre auf seinem Bette als ein Krüppel gelegen hatte. Ein Wunder ist gewirkt, er ist geheilt und er beginnt zu springen. Bringt unsern Freund auf die hohe Schule und laßt sie da gegen ihn reden: „Euer Bein ist nicht in einem gesunden Zustande; wir sagen euch, ihr seid nicht gesund, nicht geheilt, ihr fühlt euch nicht wohl, nicht genesen und hergestellt in Kraft.“ „O,“ erwidert er, „ich frage nichts nach allen euren Vernunftgründen, noch nach allen lateinischen Redensarten, welche ihr gebraucht; ich bin geheilt, das ist eine Sache meines Bewußtseins, und man kann mich nicht da hinausdrängen.“ So ist es mit dem Christen; es gibt Zeiten für ihn, wo er sagen kann: „Ich bin gerettet, mir ist vergeben.“ Der Herr hat zu ihm gesagt: „Ich bin dein Heil,“ und kein Räsonnement, wenn noch so spitzfindig, kein Vernunftschluß, wenn noch so allmächtig, kann ihm erschüttern oder bewegen, sein Vertrauen aufzugeben, welches eine große Belohnung hat.

Und nun, meine teuren Zuhörer, bevor ich diesen Punkt verlasse, um einige Minuten noch bei dem zweiten Teile meines Gegenstandes zu verweilen, wünsche ich eine oder zwei Fragen an euch zu richten. Habt ihr jemals in eurem Leben dieses Bewußtsein der Begnadigung gehabt? „Nein,“ sagt der eine, „niemals; ich wünschte wohl, ich hätte es gehabt; ich denke darauf zu warten.“ Allein du magst warten, bis du verloren bist, bevor du jemals es bekommen wirst, wenn du darauf wartest. Deine Aufgabe ist, so wie du bist, zu Christo zu gehen, Ihm zu vertrauen, und du wirst es empfangen. Stille zu sitzen und jenes große Gebot nicht zu befolgen: „Glaube an den Herrn Jesum Christum,“ ist der sicherste Weg, um deine Verdammnis zwiefach gewiß zu machen. Hoffe niemals, diese köstliche Perle zu finden, wenn du nicht alles verkaufst und jenes göttliche Feld, Jesum Christum, kaufst und da die kostbare Perle findest. „Ach was,“ sagt ein andrer “,ich weiß, daß ich sie nie gehabt habe und ich brauche sie nicht.“ Merke auf, mein Zuhörer, ich rede heute als Zeuge Gottes zu dir, und wenn du meine Warnung nun verachtest, so mag in jener Stunde, wenn du bebend auf deinem Sterbebett liegst, dieser aufgehobene Finger, mögen diese Augen dir noch einmal zu Gesicht kommen. Wenn du diesseits des Grabes niemals in deiner Seele ein Bewußtsein der Begnadigung haben wirft, so fürchte ich, daß du in allen deinen Sünden zum Grabe kommen wirst, und nach dem Tode wird das Gericht folgen und nach dem Gericht der zukünftige Zorn. Das, was du für Schwärmerei und Fanatismus hältst, ist wesentlich nötig für deiner Seele Seligkeit. O, weise es nicht ab. Verachte es nicht. Sehne dich danach. Schreie danach. Schmachte danach, und der Herr gebe dir noch zu erkennen, daß du sein Kind und vom Tode zum Leben hindurchgedrungen seist. Einen besseren Wunsch kann dir kein Herz wünschen. Einen größeren Segen könnten keines Dieners Christi Lippen über dich aussprechen. Gott möge dich aus deinem Zustande der Unempfindlichkeit, des Schlafes und der Finsternis herausbringen und dich leiten, den Heiland zu suchen und zu finden, welchen zu erkennen, Vergebung dem Gewissen und Freude der Seele verschafft.

II.

Und nun werde ich eure geduldige Aufmerksamkeit noch auf etliche Augenblicke in Anspruch nehmen, indem ich mich dem zweiten Teile meines Gegenstandes zuwende und von einer Empfindung der Vergebung, die ein Mensch genießt, nicht als ein Sünder, sondern als ein Kind, zu euch rede. Ich habe oftmals unerleuchtete Christen fragen hören, wie es kommt, daß, wenn jemand einmal begnadigt ist, er dennoch jeden Tag bitten soll, daß seine Sünden ihm vergeben werden mögen. Wir lehren und wir sind kühn, es immer wieder zu behaupten, und die Lehre zu bekennen, daß in dem Augenblicke, wo ein Sünder glaubt, alle seine Sünden hinweg genommen sind: die vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen sind alle vertilgt, insofern es Gott, den Richter, betrifft; nicht eine Sünde gegen irgend einen seines Volkes ist geblieben, noch wird sie jemals gefunden werden. „Er sieht keine Sünde in Jakob, noch Übertretung in Israel.“ Und dennoch lehrt uns unser Meister, unsre Knie zu beugen und zu sprechen: „Vergib uns unsre Schulden, wie wir vergeben unsren Schuldigern.“ Wie können wir bitten um das, was wir schon besitzen? Warum Vergebung erflehen, die wir schon genießen? Die Schwierigkeit liegt in dem Übersehen der Beziehungen, in welchen wir zu Gott stehen. Als ein Sünder komme ich zu Christo und glaube an Ihn. Dann ist Gott ein Richter; Er nimmt das große Schuldbuch des Gerichts, streicht meine Sünden aus und spricht mich frei. In demselben Augenblick nimmt Er mich aus großer Liebe in seine Familie auf. Nun aber stehe ich in einer ganz andren Beziehung zu Ihm, als je zuvor. Ich bin nicht sowohl sein Untertan, als sein Kind. Er ist mir nicht mehr ein Richter, sondern ist mir ein Vater geworden. Und nun habe ich neue Regeln, neue Gesetze; nun stehe ich in einer andren Zucht; nun genieße ich eine andre Behandlung; nun habe ich einen neuen Gehorsam.

Gehe ich nun und tue etwas Unrechtes, was dann? Kommt der Richter und fordert mich sofort vor seinen Thron? Nein, ich habe keinen Richter. Er ist ein Vater, und der Vater bringt mich vor sein Angesicht und zürnt mir, ja, Er nimmt die Rute und züchtigt mich. Niemals züchtigte Er mich, als Er ein Richter mir war. Da drohte Er bloß, die Axt zu nehmen; aber Er hat die Axt nun begraben. Nun ich sein Kind bin, hat Er keine Axt mehr, mich damit totzuschlagen – Er kann seine eignen Kinder nicht töten. Aber Er gebraucht die Rute bei mir. Wenn ich Unrecht tue, wie ich es täglich gegen Ihn als meinen Vater tue, so bin ich verpflichtet, zu Ihm als zu einem Vater zu gehen auf eines Kindes Knien und zu sagen: „Unser Vater, der Du bist in dem Himmel, vergib mir diese Sünden, wie ich vergebe denen, die gegen mich sündigen.“ Da wir, du und ich, wenn wir Kinder Gottes sind, jeden Tag sündigen, nicht gegen Ihn als einen Richter, sondern gegen Ihn als Vater, so ziemt es uns, jeden Tag Vergebung zu suchen. Wenn wir diese Vergebung nicht täglich empfangen, so wendet der Vater zuletzt die Rute an, wie Er es in dem Falle Hiskias tat. Er schlug den Hiskia, bis er todkrank wurde. Hiskia tat Buße; die Rute wurde weggelegt; und dann fühlte es Hiskia in seiner Seele: „Du wirfst alle meine Sünden hinter Dich zurück.“ So war auch Davids Fall. Davids Sünde mit der Bathseba war Jahre zuvor schon vergeben und abgetan durch das erwartete Blut Christi. Aber als er die Sünde beging, verwarf Gott ihn eine Zeitlang, entzog ihm seine Gegenwart und war zornig, als ein Vater gegen sein Kind. Als aber David Buße tat, nahm ihn der Vater, nachdem Er ihn gezüchtigt hatte, wieder an seinen Busen, und David konnte wieder singen: „Du wirfst alle meine Sünden hinter Dich zurück.“ Merket nun, wie diese Vergebung von der ersten verschieden ist. Die erste war der Pardon eines Richters, diese ist die Vergebung eines Vaters. Die erste löschte die Flamme der Hölle, diese entfernt die väterliche Rute. Die erste machte aus dem Rebellen einen begnadigten Verbrecher und stieß das Urteil um; die zweite empfängt das verirrte Kind zärtlicher noch an des Vaters Busen. Es sind hier wesentliche Unterschiede, denn die Vergebung im zweiten Falle bezieht sich nicht so sehr auf die Schuld und die Bestrafung, als vielmehr auf die innerliche Wurzel des Bösen und auf das Verschwinden jenes finsteren Blickes, der nur auf uns geworfen wurde, um uns unser eigen Selbst zu verleiden und uns Liebe zu Christo einzuflößen. Wenn aber dies Bewußtsein vom Christen erlangt ist, gewährt es ihm eine Freude, nicht so stürmisch freilich, als die erste, welche er hatte, aber still, tief, unaufgeregt und friedlich. Er fühlt vielleicht nicht jene entzückende Freude, gleich dem brausenden Meere, auf welchem er segelte, als ihm zuerst vergeben war, aber sein Friede ist wie ein Wasserstrom und seine Gerechtigkeit wie Meereswellen. Und dieser Friede erzeugt in ihm die gesegnetsten und heilsamsten Wirkungen. Er wird dankbar gegen Gott für die Züchtigung, die er empfangen hat, welche ihm aufs neue sein Bedürfnis des Heilands zeigte. Hinfort vermeidet er die Sünden, womit er seinen Gott betrübte. Er wandelt vorsichtiger und zarter als zuvor; er lebt näher bei Gott; pflegt nähere Bekanntschaft mit dem Heiligen Geiste; er ist fleißiger im Gebet, demütiger und zugleich zuversichtlicher, als er vorher war. Das Licht wurde ihm entzogen, damit er ein doppeltes Maß davon bald wieder empfangen sollte. Die Freude wurde ihm genommen, daß seine Heiligung vermehrt werden möchte. Teure Brüder und Schwestern, kämpft ihr diesen Morgen mit der Verlassenheit des Geistes? Gab es eine Zeit, wo ihr euer Anrecht im Himmel klar erkanntet? Haben Wolken und Finsternis euch befallen? Zweifelt trotz alledem nicht an eures Vaters Liebe; mißtraut ihr nicht; kriecht nicht auf euren Knien, wie ihr tatet, als ihr zuerst kamt, wie einer, der noch niemals Vergebung erlangt hatte. Kommet mit Freudigkeit, aber demütig zu eurem Gott. Macht seine Verheißung geltend; vertraut dem köstlichen Blute Christi und blickt auf und sprecht: „Mein Vater, mein Vater, tröste mich wieder mit Deiner Hilfe (erstatte mir wieder die Freude Deines Heiles) und der freudige Geist enthalte mich!“ Und du wirst das Vertrauen deiner Jugend zurückempfangen und wirst wieder fühlen, daß der Heilige Geist in dir wohnt, du wirst dich noch einmal über die Prüfungen und Schmerzen dieses sterblichen Lebens erheben und anfangen, einzugehen in die Ruhe, die dem Volke Gottes noch vorhanden ist..

Noch eine und die andre Bemerkung und ich werde diese Versammlung entlassen. Ist hier irgend jemand gegenwärtig, welcher vorgibt, daß er begnadigt sei, und welcher danach in den Sünden sich ergeht, von welchen er vorgibt, daß sie ihm vergeben seien? Mein Freund, du hast dich entweder selbst betrogen, oder du sprichst etwas, wovon du weißt, daß es nicht wahr ist. Der, welchem vergeben ist, haßt die Sünde. Wir können nicht rein gewaschen sein, wenn wir noch verharren, bis an den Hals im Kot zu leben. Es kann nicht möglich sein, daß ein Mensch begnadigt ist, während er noch fortfährt, sich in abscheulicher Sünde zu wälzen. „Doch,“ sagt jener “,ich bin kein Gesetzler; ich glaube, die Gnade Gottes hat mich rein gemacht, obgleich ich noch fortfahre zu sündigen.“ Mein Freund, es ist sehr klar, daß du kein Gesetzler bist, aber ich will dir sagen, was du denn bist: Du bist kein Kind Gottes, du bist kein Christ; denn ein Christ ist ein Mensch, der durchgängig die Sünde haßt. Niemals gab es einen Gläubigen, welcher die Gottlosigkeit liebte’. niemals solch ein seltsam Ding, wie einen begnadigten Sünder, welcher sich noch in Aufruhr gegen Gott gefiel. Doch ich höre einen andren sagen: „Gut, das mag wahr sein, aber ich mache keinen Anspruch auf Begnadigtsein in irgend welchem Sinn, wovon du sprichst. Ich glaube, meine Sünden sind so gering und klein, daß ich nicht nötig habe, hinzugehen und Barmherzigkeit zu suchen; oder wenn ich sie suche, so erwarte ich nicht, daß ich sie hier finden werde. Ich glaube, daß ich so gut wie der Beste daran sein werde, wenn ich in eine andre Welt gehe.“

Armer Tor! armer Tor! Du bist schon verdammt. Das Urteil Gottes ist schon gegen dich ausgesprochen: „Wer nicht glaubet, der ist schon gerichtet! Denn er glaubet nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.“ Und doch sagst du, während dein Urteil schon gesprochen ist und deine Sterbeglocke schon vielleicht läutet, deine Sünden seien klein? Sie sind so groß, o Mensch, daß die Feuer der Hölle sie niemals büßen werden; und dein ewiges Elend in Seele und Leib wird niemals die Missetat aufwiegen, die du gegen Gott begangen hast. Und so verlangst du nicht zu wissen, daß dir vergeben sei; du bist zufrieden, dein Los mit den übrigen dahin zu nehmen. Wahrlich, ein schauerliches Los wird es sein! Aber wisse, Freund, ich fühle in meinem Herzen so verschieden von dir in dieser Sache, daß, wenn ich in dieser Zeit einen Zweifel darüber hegte, daß meine Sünden vergeben seien, ich meine Augen nicht schlafen, noch meine Augenlider schlummern lassen könnte, bis ich gewiß geworden wäre, daß ich Gottes Liebe in meinem Herzen empfangen habe. Wenn zu irgend einer Zeit ein Zweifel meine Seele durchkreuzt, so bin ich das elendeste aller Wesen. Denn fürwahr, sich begnadigt wissen, ist wie Licht den Augen, wie Brot dem Hungrigen und wie Getränk dem Durstigen. Gehe aus dieser Halle und sage: „Ich wandle über dem Rachen der Hölle und kann jeden Augenblick hinab gleiten; ich hänge an einem Haar über der Verdammnis und kann in einem Augenblick in ihre Flammen geschleudert werden, aber ich frage nichts danach, ob ich verdammt werde oder nicht.“ Sprich es gerade aus in klarem Deutsch und sage: Ich bin im Zweifel, ob ich zum Himmel oder zur Hölle fahre – sage, wenn du heute nach Hause gehen und dich in deiner Kammer auf dein enges Bett legen mußt, um zu sterben – sage: Ich bin nicht gewiß, ob ich das Angesicht meines Gottes in Huld erblicken werde, aber ich bin doch zufrieden. Sprich als ein ehrlicher Mann und als ein Narr, denn solche Sprache ist nur das Rasen eines Tollen und Narren. O, ich bitte euch, seid nimmer zufrieden, bis ihr einen Heiland gesucht und gefunden habt. Ja, und bis ihr gewiß seid, daß ihr Ihn gefunden habt, seid nicht zufrieden mit einem „Vielleicht“ oder „Ungefähr.“ Beruhigt eure Seelen nicht mit einem Zufall, sondern macht das Werk gewiß für die Ewigkeit. Ich beschwöre euch, Freunde, bei dem feierlichen Ernst der Ewigkeit, bei den Flammen der Hölle und bei den Freuden des Himmels, setzt euren Fuß auf einen Felsen und versichert euch, daß er da steht. Laßt die Sache nicht auf Möglichkeiten beruhen, sondern entrückt sie aus allem Zufall. O sterbender Sünder! Laß das keine Frage bei dir sein, ob du selig werden oder verdammt werden wirst. O schwacher Mensch! wankend um den Rand des Grabes, laß es keine Sache der Ungewißheit sein, ob der Himmel dich aufnehmen, oder die Hölle dich verschlingen wird. Sei deiner Sache gewiß auf die eine oder auf die andre Weise. Wenn du dir dein Bett in der Hölle machen, wenn du den ewigen Brand ertragen, wenn du den Zorn Gottes leiden kannst, wenn er dich wie ein Löwe in Stücke reißen wird, dann wandle fort in deiner Torheit. Doch wenn du einen Anteil haben möchtest unter denen, die geheiligt werden, wenn du das Angesicht Jesu Christi sehen und die goldenen Straßen wandeln möchtest, dann sorge, daß du in Christo seiest, sei gewiß, daß du dich auf Ihn verläßt und sei nicht ruhig, bis das außer aller Frage, über alle Vernunftschlüsse erhaben, außer allem Streite sei. Der Herr lege seinen Segen auf meine schwachen Worte um Jesu willen! Amen.

Eine Heilsbotschaft.

Ich höre eine Klage. „Ich bin ohne Kraft,“ spricht einer; „wird mich Jesus suchen und mir nachgehen?“ Ja, Sünder, das wird Er tun. Du sagst, du kannst nicht glauben, und das drückt dich. Gott hilft dir auf in deiner Schwachheit. Zuerst hilft Er dir auf mit seinen Verheißungen. Seele, du kannst nicht glauben; wenn aber Gott, der nicht lügen kann, seine Verheißung gibt, wirst du dann nicht glauben? kannst du dann nicht glauben? Ich meine, Gottes Verheißung – so gewiß und fest – muß diese deine Schwachheit überwinden. „Wer zu mir kommt, den will ich nicht hinausstoßen.“ Kannst du nun nicht glauben? Siehe, diese Verheißung muß wahr sein! Aber nachher – wie wenn Er wüßte, daß dies nicht hinreichend sei, hat Er noch einen Eid dazu getan – und ein feierlicherer Eid ist nie geleistet worden: „So wahr als ich lebe, spricht der Herr Herr, ich habe kein Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern daß sich der Gottlose bekehre von seinem Wege, und lebe. So bekehrt euch doch nun von euren bösen Wegen. Warum wollt ihr sterben, du Haus Israel?“ (Hes. 33, 11.) Kannst du jetzt noch nicht glauben? Wie, willst du an Gott zweifeln, wenn Er es beschwört? Du willst Gott nicht nur zum Lügner machen, sondern – es schaudert mich, wenn ich’s aussprechen soll – du willst glauben, Gott könne falsch schwören! Gott behüte, daß du solche Lästerung in deinen Gedanken aufkommen läßt. Bedenke, daß, wer nicht glaubt, der macht Gott zum Lügner, weil er nicht an den Sohn Gottes glaubt. Tue das nicht. Gewiß, du kannst glauben, wenn die Verheißung und der Eid dich zum Glauben nötigen. Aber noch mehr; als ob Er wüßte, daß auch das nicht genug sei, so hat Er dir seinen Geist gegeben. „So denn ihr, die ihr arg seid, könnet euren Kindern gute Gaben geben: wieviel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die Ihn bitten?“ (Luk. 11, 13.) Gewißlich kannst du nun glauben. „Ach,“ spricht einer “,ich will es versuchen.“

Nein, nein, versuch’s nicht bloß; das ist nicht, was Gott dich heißt. Ein Versuch ist durchaus unnötig; Sünder, glaube jetzt an Christum. „Ja,“ spricht wieder einer “,ich will daran denken.“ Nein, denke nicht daran, glaube; tue es auf einmal, denn das ist das göttliche Evangelium. Viele von euch, die sich unter dem Schall des Wortes Gottes befinden, werden, ich ahne es, keine andre Einladung mehr vernehmen; und wenn die heutige Einladung verworfen wird, so bewegt mich’s mächtig in der Seele -.es ist, als ob mir der Heilige Geist es bezeugte – so werdet ihr nie wieder eine gläubige Predigt. hören, sondern werdet unbußfertig, unerlöst hinabfahren zur Hölle, es sei denn, daß ihr jetzt an den Herrn Jesum glaubt. Ich spreche nicht als Mensch, sondern ich rede als ein Botschafter Gottes zu euren Seelen, und ich befehle euch im Namen Gottes, glaubet an den Herrn Jesum, glaubet jetzt. Auf eure Gefahr hin verwerft ihr die Stimme, die euch vom Himmel her zuruft, denn „wer nicht glaubet, der wird verdammt werden.“ Wie wollt ihr entrinnen, wenn ihr eine so große Errettung versäumt? Wenn sie an euch herantritt, wenn sie sich euch in den Weg wirft, und wenn ihr sie dann doch noch verwerft, ach! wie wollt ihr da entrinnen? Mit Tränen möchte ich euch einladen, und möchte euch, wenn ich könnte, nötigen, herein zu kommen. Warum wollt ihr nicht? O, liebe Seelen, wenn ihr verdammt werdet, wenn ihr eure Meinung wahr macht, daß euch nie werde Gnade zu teil werden, und daß euch nie eine Warnung werde bewegen, – was werden euch dann für Ketten der Rache erwarten, daß ihr diese Liebesseile also zerreißt? Ihr habt die tiefste Hölle verdient, denn ihr verschmäht die himmlischen Freuden. Gott errette euch! Gott will und wird euch retten, wenn ihr nur auf den Herrn Jesum vertraut. Gott stehe euch bei, daß ihr jetzt, in diesem Augenblick, glauben könnt, um Jesu willen. Amen.

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Andrew Murray – Bleibe in Jesus Tag für Tag

23.07.10 (02. 2. Mose, Murray, Andrew)

„Das Volk soll hinausgehen und sammeln täglich, was es des Tages bedarf“

(2. Mose 16, 4)

Täglich für des Tages Bedürfnis: das war Gottes Ordnung beim Geben und Einsammeln des Manna. Und noch heute ist das seine Regel in der Behandlung seiner Kinder. Ein klarer Einblick in die Schönheit dieser Einrichtung und die Anwendung derselben auf die einzelnen Seelen wird viel dazu beitragen, es uns verständlich zu machen, wie es möglich ist, daß einer, wenn er sich auch noch so schwach fühlt, dennoch in freudigem Vertrauen durch alle die Jahre seines irdischen Lebens hindurch fest bleiben kann bis ans Ende. Ein Arzt wurde einmal von einem durch einen schweren Unfall verletzten Kranken gefragt: „Herr Doktor, wie lange werde ich hier bleiben müssen?“ Die Antwort: „Nur einen Tag aufs Mal“, gab dem Patienten eine hilfreiche Lehre. Es ist dieselbe, die Gott zu allen Zeiten für sein Volk hat aufzeichnen lassen: Täglich nach des Tages Bedürfnis!

Es war ohne Zweifel im Blick hierauf und um hierin der menschlichen Schwachheit entgegenzukommen, daß Gott in Gnaden die Abwechslung des Tages und der Nacht anordnete. Wäre uns die Zeit als ein langer, ununterbrochener Tag zugemessen worden, so hätte uns dieser Druck ganz überwältigt und erschöpft, wogegen die Abwechslung von Tag und Nacht beständig unsere Kräfte wieder erfrischt und erneuert. Ein Kind, das sich leicht durch ein Buch hindurcharbeitet, aus welchem es täglich einen Abschnitt zu lernen hat, würde allen Mut verlieren, wenn es das ganze Buch auf einmal durchgehen müßte; ebenso würde es uns ergehen, wenn uns die Zeit nicht eingeteilt worden wäre. Dadurch, daß sie immer wieder unterbrochen wird und in kurzen Abschnitten uns zugemessen ist, können wir durchkommen; nur die Arbeit und die Sorge eines jeden einzelnen Tages liegt uns ob – jeder Tag hat seine Plage. Die Ruhe der Nacht macht es uns möglich, mit einem frischen Anlauf jeden neuen Morgen zu beginnen; was wir in der Vergangenheit gefehlt, kann vermieden, was wir gelernt haben, kann zu Nutzen gezogen werden. Und wenn wir nur täglich an dem einen kurzen Tage treu sind, dann mögen die langen Jahre, auch ein langes Leben an uns vorübergehen, ohne daß wir deren Länge oder deren Wichtigkeit als eine schwere Last empfinden.

Ist es nicht eine köstliche Aufmunterung, die wir aus dieser Betrachtung für unser inneres Gnadenleben schöpfen dürfen? Mancher wird beunruhigt von dem Gedanken, wie er das Manna, das er für alle die Jahre seiner Wanderschaft durch diese öde, dürre Wüste nötig hat, werde einsammeln und bewahren können. Er hat aber den unaussprechlichen Trost noch nicht erfaßt, der in dem Wort liegt: „Täglich für des Tages Bedürfnis.“ Dieses Wort nimmt alle Sorge für den morgenden Tag aufs völligste hinweg. Nur das „Heute“ ist dein; der morgende Tag gehört dem Vater. Du brauchst, ja ; du darfst nicht fragen, wer die Gewähr leiste, daß du durch : alle die Jahre hindurch, da du mit der Hintansetzung, den ; Versuchungen oder den Prüfungen dieser Welt wirst zu kämpfen haben, immerdar in Jesus bleiben kannst. Das Manna, dessen du zu deiner Ernährung und Stärkung bedarfst, wird dir nur für einen Tag aufs Mal gegeben; deine heutige Treue in Benützung desselben ist deine einzige Sicherheit für die Zukunft. Nimm die Aufgabe, die du heute zu erfüllen hast, mit ganzem Herzen an, freue dich darüber und erfülle sie. Die Gnaden-Gegenwart Jesu, die du heute genießt, wird jeden Zweifel hinwegnehmen, ob du ihm den morgenden Tag auch anvertrauen kannst.

Diese Wahrheit lehrt uns, welchen Wert wir einem jeden einzelnen Tage beizulegen haben. Sehr früh gewöhnen wir uns daran, das Leben als ein großes Ganzes anzusehen und dabei das kleine Heute zu vernachlässigen; wir vergessen, daß gerade diese einzelnen Tage das Ganze ausmachen und daß der Wert eines jeden Tages davon abhängt, welchen Einfluß er auf das Ganze ausgeübt hat. Ein verlorener Tag ist wie das zerbrochene Glied einer Kette, und es braucht oft mehr als einen Tag, um das wieder herzustellen. Ein verlorener Tag beeinflußt den folgenden und die Bewahrung desselben wird schwieriger. Ja, ein verlorener Tag kann uns um das bringen, was wir durch monate- oder jahrelange, sorgfältige Arbeit gewonnen hatten. Die Erfahrung manches Gläubigen könnte dies bestätigen.

Kind Gottes, willst du bleiben in Jesus, so bleibe Tag für Tag. Du hast schon früher die Botschaft gehört: Jeden Augenblick; aber es gibt noch etwas mehr zu lernen aus dem: Tag für Tag. Von deinen Augenblicken gibt es viele, in welchen dein Geist sich nicht direkt mit Jesus beschäftigt; denn in ihm Bleiben macht sich nur in der innersten Tiefe deines Herzens geltend und wird bewahrt von dem Vater, dem du dich anvertraut hast. Aber dies ist es gerade, was du mit jedem neuen Tage für den Tag zu erneuern hast: die bestimmt ausgesprochene, vertrauensvolle Übergabe deines Lebens, Augenblick für Augenblick, an deinen Gott. Er hat diese Augenblicke sozusagen in Bündel zusammengebunden, damit wir sie bemessen können. Indem wir am Morgen vorwärts oder am Abend rückwärts schauen und den Wert unserer Augenblicke wägen, lernen wir dieselben richtig schätzen und gebrauchen. Wie der Vater dir an jedem neuen Morgen mit der Verheißung begegnet, daß er dir gerade so viel Manna geben wolle, wie du für dich und für diejenigen, welche von dir abhängig sind, brauchen wirst, so begegne du ihm mit der wiederholten, freudigen, liebevollen Versicherung, daß du die Stellung, die er dir in seinem geliebten Sohne gegeben hat, dankbar angenommen hast. Gewöhne dich daran, dieses als einen Grund anzusehen für die Bestimmung von Tag und Nacht. Gott gedachte an unsere Schwachheit und ist ihr entgegengekommen. Jeder Tag sei dir wertvoll, weil du an demselben berufen bist, in Jesus zu bleiben. Wenn sein erstes Licht dich morgens bestrahlt, so begrüße es mit dem Gedanken: „Ein Tag, nur ein einziger Tag, aber doch ein ganzer Tag, um in Jesus zu bleiben und tiefer zu wurzeln in ihm! Sei es nun ein Tag der Gesundheit oder der Krankheit, der Freude oder des Schmerzes, der Ruhe oder der Arbeit, des Kampfes oder des Sieges, laß doch den ersten Gedanken deines Morgengebetes den sein: „Dies ist ein Tag, den der Vater mir gegeben; in demselben darf ich, muß ich inniger verbunden werden mit Jesus.“ Wenn dich der Vater fragt: „Kannst du es mir zutrauen, daß ich dich für diesen einen Tag in Jesus bleibend erhalten und dich fruchtbar machen will?“, so wirst du die freudige Antwort geben müssen: „Ich vertraue dir und fürchte mich nicht.“

Das Manna wurde den Kindern Israel täglich sehr früh morgens gegeben. Sie sollten sich den ganzen Tag davon nähren, aber sie erhielten und sammelten es des Morgens. Dies legt uns den Gedanken nahe, wie sehr die Kraft, einen Tag recht zuzubringen, den ganzen Tag in Jesus zu bleiben, von der Morgenstunde abhängt. Ist der Anbruch heilig, so ist auch der Tag heilig. Während des Tages kommen Stunden, die so ausgefüllt sind mit anstrengender Beschäftigung oder die wir im Drang der Geschäfte oder im Gewühl der Menschen zubringen müssen, daß uns nur des Vaters Bewahrung in ununterbrochener Gemeinschaft mit Jesus erhalten kann. Das Morgen-Manna genügt für den ganzen Tag; aber nur wenn der Gläubige sich stets morgens Zeit dazu nimmt, im stillen tatsächlich und mit Bestimmtheit die Liebesverbindung mit seinem Heiland zu erneuern, kann er den ganzen Tag in ihm bleiben. Aber, ihm sei Lob und Dank, dies kann geschehen. In der Frische des Morgens, wenn alles um ihn her ruhig und still ist, da kann der Gläubige dem kommenden Tag entgegensehen, mit den pflichten und Versuchungen, die er bringen wird. Er kann dieselben sozusagen mit seinem Heiland im voraus durchleben, indem er die Sorge dafür ganz auf ihn wirft, der es übernommen hat, ihm alles zu sein. Jesus ist sein Manna, seine Nahrung, seine Kraft, sein Leben: er kann Jesus ergreifen für alle Bedürfnisse des Tages, und dann seinen Weg weitergehen in der Gewißheit, daß ein Tag des Segens und des Wachstums vor ihm liegt.

Wenn die Seligkeit des Bleibens in Jesus durch den Glauben für jeden einzelnen Tag ergriffen worden ist, so entspringt daraus ein unaufhörliches, ein stets zunehmendes Wachstum. Jeder Tag vertrauensvoller Hingabe bringt einen Segen für den folgenden und macht beides, das Vertrauen und die Hingabe, leichter und schöner. Auf diese Weise wächst unser geistliches Leben; zuerst geben wir unser ganzes Herz hin für jeden einzelnen Tag, bald heißt es dann: für den ganzen Tag; und dann: für alle unsere Tage, und so bleiben wir in Jesus jeden einzelnen Tag, beständig den ganzen Tag, unaufhörlich Tag für Tag. Unser Leben ist aus einzelnen Tagen zusammengesetzt; was einst zu hoch, zu unerreichbar erschien, das wird der Seele zuteil, die sich begnügt, Tag für Tag ihr Manna in Empfang zu nehmen und es zu gebrauchen. Schon hier auf Erden kann die Stimme gehört werden: „Ei, du frommer und getreuer Knecht, du bist über wenigem getreu gewesen, ich will dich über viel setzen; gehe ein zu deines Herrn Freude!“ Unser tägliches Leben wird zu einem wunderbaren Austausch von Gottes täglicher Gnade und unserm täglichen Lob: „Er überschüttet uns täglich mit seiner Güte“, „auf daß ich mein Gelübde bezahle täglich.“ Wir fangen nun an, zu verstehen, warum Gott täglich gerade genug, aber auch völlig genug gibt für jeden einzelnen Tag. Wir wollen uns schicken in seinen Weg und täglich von ihm erwarten und auch nehmen, nur gerade so viel, wie wir für jeden Tag nötig haben, was uns aber auch sicherlich vollkommen genügen wird. Wir zählen unsere Tage nun nicht mehr nach dem Aufgang der Sonne über unserer Welt, nicht mehr nach der Arbeit, die wir tun oder nach der Nahrung, die wir genießen, sondern nach der täglichen Wiederholung des Manna-Wunders – nach der Seligkeit des täglichen Umgangs mit ihm, der das Leben und das Licht der Welt ist. Das himmlische Leben ist ebenso ununterbrochen fortgesetzt wie das irdische; das Bleiben in Jesus an jedem einzelnen Tage bringt seinen Segen mit sich für diesen Tag; wir bleiben in ihm jeden Tag und den ganzen Tag. Herr, gib, daß ein jedes deiner Kinder an diesem Vorrecht teilhaben möge!

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Charles Haddon Spurgeon – Der Gott des Friedens und unsere Heiligung

23.07.10 (63. Hebräer, Spurgeon, Charles Haddon)

„Der Gott aber des Friedens, der von den Toten ausgeführet hat den großen Hirten der Schafe, durch das Blut des ewigen Testaments, unsren Herrn Jesum, der mache euch fertig in allem guten Werk, zu tun seinen Willen, und schaffe in euch, was vor Ihm gefällig ist, durch Jesum Christum, welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“

Heb. 13,20.21

Der Apostel hatte im 18. Verse ernstlich um die Fürbitte der Kinder Gottes gebeten. Zugunsten aller seiner Brüder sagte er: „Betet für uns;“ und für sich selber fügte er hinzu: „Ich ermahne euch aber zum Überfluss, solches zu tun, auf dass ich aufs schierste wieder zu euch komme.“ Wenn der Apostel die Gebete seiner Brüder nötig hatte, wie viel mehr haben wir das, die wir in jeder Hinsicht so tief unter ihm stehen. Wir können uns in der Tat selbst mit Tränen an euch wenden, die ihr Brüder in Christo seid, und euch bitten, ernstlich für uns zu Gott zu flehen. Was können wir tun, ohne eure Gebete? Sie verbinden uns mit der Allmacht Gottes. Wie der Blitzableiter dringen sie durch die Wolken und bringen die mächtige und geheimnisvolle Kraft von oben herab. Aber was der Apostel so sehr zu erlangen wünschte, das gab er auch sorgfältig, und deshalb bat er in den Worten unsres Textes für seine Brüder; woraus wir lernen, dass wir, wenn wir wünschen, dass andre für uns beten sollen, mit dem Beispiel vorangehen müssen, für sie zu beten. Wir können nicht erwarten, dass die Gebete andrer uns nützen werden, wenn nicht der Geist der Fürbitte auch in uns wohnt. In dieser Sache will der Herr uns ein voll, gedrückt, gerüttelt und überflüssig Maß geben, so wie wir es andren geben. Andre Herzen werden zur Fürbitte für uns bewogen werden, wenn wir selber fleißig im Fürbitten sind. Betet, wenn ihr wollt, dass für euch gebetet werde. Das Gebet, das uns vorliegt, war ein außerordentlich umfassendes, denn Paulus hatte gelernt, große Dinge von dem Herrn zu erbitten. Der Heilige Geist hatte ihn mit viel Liebe zu den Hebräern erfüllt und mit starkem Verlangen nach ihrem Wohlergehen; und deshalb bittet er um das, was die größte aller Segnungen für die Kinder Gottes ist, dass sie fertig zu allem guten Werk sein mögen, und dass Gott in ihnen schaffen möge, was vor Ihm gefällig ist. Wenn wir für Gottes eigne, geliebte Kinder beten, dann können wir mit Sicherheit um die besten Segnungen bitten; wenn wir uns auch eingeengt fühlen beim Bitten für uns selber, so kann doch kein Grund da sein, weshalb wir es auch in Bezug auf andre sein sollten, da wir wissen, dass der Herr sie liebt und macht, dass allerlei Gnade reichlich unter ihnen ist durch Christum Jesum.

Es ist beachtenswert, dass dieses Gebet oder dieser Segenswunsch am Ende des Briefes kommt, eben wie in christlichen Versammlungen der Segen am Ende des Gottesdienstes gesprochen wird. Lasst das Ende all unsrer Handlungen ein Segnen der Menschen und ein Lobpreisen Gottes sein. Solange ihr lebt, liebe Brüder, bemüht euch, andre zu segnen, und wenn ihr sterbt, so beschließt das Leben mit einem Segen, eben wie euer Herr und Meister es tat, der, als Er gen Himmel fuhr, mit ausgebreiteten Händen die Seinen segnete. Wie Jakob den Engel nicht lassen wollte, er segne ihn denn, so sollten wir nicht aufhören, zu predigen oder zu schreiben im Namen des Herrn, bis wir eine tröstliche Überzeugung haben, dass ein Segen auf unsre Brüder gekommen ist.

Dieser betende Segen ist ein ungemein lehrreicher. Er hat den ganzen Umfang des Evangeliums in sich, wie wir zeigen könnten, wenn dies heute unsre Absicht wäre. Es ist eine kondensierte, geistliche Nahrung; viel in wenig; alles in einem Segen. Jedes Wort gleicht einer Perle an Wert und dem Meere an Tiefe. Es ist nicht der Zweck des Gebets, unsre Mitmenschen zu unterweisen: ein bestimmter Unterschied sollte stets stattfinden zwischen Beten und Predigen; und diejenigen irren sehr, die unter dem Namen des Gebetes nicht nur belehren, sondern erörtern und ermahnen; dennoch ist es eine merkwürdige Tatsache, dass kein von Gott eingegebenes Gebet in der Schrift ist, das nicht voller Lehre ist für die, welche willig sind, darüber nachzusinnen. Nehmt zum Beispiel einen Psalm; – obgleich sie an Gott gerichtet sind, findet der Prediger tausend Texte in ihnen, durch welche er die Lehren und Vorschriften des Herrn einschärfen kann. Und die Gebete des Herrn Jesu, die triefen von Fett; das, was gewöhnlich „das Gebet des Herrn“ genannt wird, enthält einen Reichtum an Lehre, und jenes herrliche Gebet Joh. 17 ist wie Honig aus der Honigscheibe. Nun, da derselbe Geist, der vor alters gewirkt hat, auch in uns wirkt, so schließe ich, dass Er auch uns dahin leiten will, zur Erbauung derer zu beten, die uns hören. Obgleich der nächste Zweck des Gebets nicht die Belehrung unsrer Mitmenschen ist, sollte es doch voll guter Dinge und der Erwägung derer sein, die wir auffordern, sich mit uns darin zu vereinigen! Das öffentliche Gebet würde ein weit besseres Gnadenmittel für die Menschen sein, wenn die, welche öffentlich Bitten vortragen, die nötige Vorbereitung des Herzens vom Herrn erflehen und mit sorgfältigem Nachdenken daran gehen wollten.

Gewiss reicht es nicht hin, einen Kreis von frommen Ausdrücken zu wiederholen, die in der Gemeinde geläufig geworden sind, sondern wir sollten mit dem Heiligen Geiste sprechen und mit Verstand, wenn wir uns zu Gott nahen, so dass die Gedanken unsrer Mitchristen angeregt werden und ihre Herzen mit uns in unsrer öffentlichen Andacht sich vereinigen. Wer öffentlich ein inhaltloses Gebet betet, welchem es ganz an Gedanken und am Nachsinnen fehlt, der dämpft die Flamme der Andacht, während es seine Pflicht gewesen wäre, ihr Nahrung zu geben. Ich fordere die auf, welche sich bei unsren Gebetsstunden beteiligen, diese Sache zu Herzen zu nehmen.

Wir müssen indes weiter beachten, dass, obgleich das Gebet des Paulus für die Hebräer voller Lehre ist, doch das Ganze auf den Zweck abzielt, den er im Auge hatte. Er verzierte nicht sein Gebet mit fremdartigem Schmuck, und zog nicht unnötigerweise Lehrsätze hinein; aber jedes Wort sollte seine Bitte um persönliche, praktische Heiligkeit unterstützen, die der eine Zweck seines Gebetes war. Während er uns zeigt, woher die Heiligkeit kommen muss, und wie sie kommen muss, und wie sie in uns gewirkt wird, und was sie ist, wenn sie gewirkt ist, legt er die ganze Zeit über dem Herrn seine starken Gründe vor dafür, dass in den hebräischen Gläubigen diese Heiligkeit reichlich gewirkt werden möge. Ich bin gewiss, ich werde eure ernste Aufmerksamkeit haben, während ich versuche, die Worte unsres Textes zu wägen, das jedes voll Bedeutung ist: ich kann nicht hoffen, in der kurzen Zeit einer Predigt die ganze Fülle ihrer Bedeutung darzulegen, denn wer kann das Meer in seiner hohlen Hand halten oder die Fülle solches Textes in einer kurzen Rede umspannen? Doch möchte ich streben, euch einen Einblick darin tun zu lassen, der genügt, um zu sehen, dass die Länge und Breite und Tiefe und Höhe desselben nicht leicht von einem Sterblichen zu fassen ist.

I.

Ich lenke eure Aufmerksamkeit auf den besonderen Namen, mit dem Gott in diesem Gebete angeredet wird. „Der Gott des Friedens.“ Die Namen Gottes, die im Gebet in der Heiligen Schrift gebraucht werden, sind immer bedeutsam. Die heiligen Männer vor alters waren nicht so arm an Worten, dass sie Gott immer unter einem Namen angeredet hätten, und waren auch nicht so nachlässig, mit Ihm unter dem Namen zu sprechen, der ihnen zuerst zu Händen kam; sondern wenn sie sich dem Höchsten nahten, so erwogen sie sorgsam diejenige Eigenschaft der göttlichen Natur, von der sie den gewünschten Segen erwarteten. Wenn sie den Sturz ihrer Feinde wünschten, so wandten sie sich an den Arm seiner Kraft; wenn sie unrecht behandelt waren, so beteten sie zu dem Gott der Gerechtigkeit; wenn sie Vergebung für ihre Sünden nötig hatten, wandten sie sich an den Gott der Barmherzigkeit; und solche Namen wie Jehova, Elohim, Schaddai werden nicht unterschiedslos in den Gebeten der alten Heiligen gebraucht, sondern immer mit Bedacht und Erwägung. Warum nannte also der Apostel hier Gott den „Gott des Friedens“? Er hatte einen Grund dafür, welcher war es?

Es ist ein Paulinischer Ausdruck. Ihr findet diese Bezeichnung nur in den Schriften des Paulus. Es ist ein Name, den Paulus selbst durch die Unterweisung des Heiligen Geistes geprägt hat. Es waren Gründe in den Erfahrungen des Paulus, die ihn dazu führten, bei diesem besonderen Zuge des göttlichen Wesens zu verweilen. Jeder, der mit seinen eignen Augen sieht, sieht etwas Eigentümliches in dem Namen des Herrn; und der Apostel der Heiden sah, als er an hebräische Gläubige schrieb, mit besonderer Klarheit den „Gott des Friedens“, der beide, Juden und Heiden, eins in Christo gemacht, und so Frieden gestiftet hatte. Wenn ihr Röm. 15, 33 anseht, so findet ihr ihn beten: „Der Gott aber des Friedens sei mit euch allen.“ In derselben Epistel 16, 20 sagt er: „Der Gott des Friedens zertrete den Satan unter eure Füße in kurzem.“ Wiederum im zweiten Brief an die Korinther 13, 11 sagt er: „Seid vollkommen, tröstet euch, habt einerlei Sinn, seid friedfertig; so wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein.“ Phil. 4, 9 schließt er seine Ermahnung so: „Welches ihr auch gelernt und empfangen und gehöret und gesehen habt an mir, das tut; so wird der Herr des Friedens mit euch sein;“ aber besonders ist 1 Thess. 5, 23 eine Stelle von auffallender Ähnlichkeit mit unsrem Texte. Da betet er: „Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch.“ Heiligung ist der Gegenstand dieses Gebetes. Gerade wie er in unsrem Text betet: „Der mache euch fertig in allem guten Werk, zu tun seinen Willen,“ so sagt er zu den Thessalonichern: „Der Gott des Friedens heilige euch durch und durch, und euer Geist ganz samt der Seele und Leib, müsse behalten werden unsträflich auf die Zukunft unsres Herrn Jesu Christi.“ Es ist augenscheinlich, nicht nur, dass der Apostel an dieser ihm eigentümlichen Bezeichnung Freude hatte, sondern dass er auch eine enge Beziehung zwischen dem Gott des Friedens und der Heiligung der Gläubigen sah, und aus diesem Grunde ist sein Gebet um Heiligung sowohl im Briefe an die Thessalonicher, wie in dem an die Hebräer an den Gott des Friedens gerichtet. Die Bezeichnung ist eine evangelische. Gott wird im Alten Testament nicht „der Gott des Friedens“ genannt; sondern da ist Er „der rechte Kriegsmann; Herr ist sein Name;“ „der den Fürsten den Mut nimmt und schrecklich ist unter den Königen auf Erden.“ Er wird häufig in den Psalmen und Propheten genannt: „der Herr, stark und mächtig, der Herr, mächtig im Streit,“ und es ist ein Teil von dem Lobe Israels, dass Er mächtige Könige schlug, „denn seine Güte währet ewiglich.“ Beständig lesen wir in dem älteren Teil der Offenbarung von dem „Herrn der Heerscharen“, und von diesem Namen sagt ein alter Theologe: „Es ist ein Ton der Feindseligkeit darin;“ aber jetzt sprechen wir nicht mehr von dem Herrn der Heerscharen, sondern von dem Gott des Friedens: denn da Jesus unser Friede ist, so ist die Feindschaft getötet. Die Herrschaft des Messias begann mit: „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen,“ seine Botschaft war Friede, sein Geist war Friede, seine Lehre war Friede, sein letztes Vermächtnis war Friede und durch seine Versöhnung blickt aus dem geöffneten Himmel der Gott des Friedens und des Trostes herab auf die Menschenkinder.

Die Angemessenheit der Bezeichnung für dieses besondere Gebet wird euch sofort ins Auge fallen, denn Heiligkeit ist Friede. „Der Gott des Friedens heilige euch,“ denn Er selber ist Friede und Heiligkeit. Als Heiligkeit über dem ganzen Weltall herrschte, da herrschte auch Friede. Es war kein Krieg im Himmel, bis einer, der ein Engel gewesen war, ein Teufel wurde und eine Empörung gegen den dreimal heiligen Gott anstiftete. Die Sünde gebiert den Streit, aber die Heiligkeit ist die Mutter des Friedens. In der Vollkommenheit ist Friede, deshalb bittet Paulus den Gott den Friedens, seine Kinder vollkommen zu machen (n. d. engl. Übers.): die Heiligkeit gefällt Ihm, und wenn Er Wohlgefallen hat, so ist alles Friede, deshalb bittet er Ihn, in ihnen das zu schaffen, was Ihm gefällt.

Der Gott des Friedens hat auch gnädig den Frieden hergestellt und uns mit sich versöhnt durch Jesum Christum, aber es ist durch die Hinwegnahme der Sünde gewesen, denn solange die Sünde blieb, war der Friede unmöglich. „Das Blut des ewigen Testaments,“ von dem der Text spricht, war das Siegel eines Friedensbundes, den Gott zwischen sich und dem Menschen machte; denn von alters her waren Gedanken des Friedens in Gott über seine Erwählten. Als die Zeit erfüllet war, da war die Gabe Christi und seines versöhnenden Todes die wirkliche Aufrichtung des Friedens, denn Er hat Frieden durch sein Blut am Kreuze gemacht. Er ist der zu uns Gesandte Gottes, und durch sein stellvertretendes Opfer wurde der Friede in Wirklichkeit gemacht “,denn Er ist unser Friede;“ durch das Blut des ewigen Bundes wurde ein Vertrag zwischen Gott und seinen Erwählten geschlossen, der feststehen soll ewiglich. Unsres Herrn Auferstehung und Himmelfahrt, wovon der Text spricht: „Der Gott des Friedens, der von den Toten ausgeführt hat unsren Herrn Jesum,“ war die offene Ankündigung des Friedens. Solange Jesus im Grabe lag, war der Friede nicht offen erklärt: er war sicherlich geschlossen, doch nicht öffentlich verkündigt; aber als der Mittler auferstand, und besonders, als Er gen Himmel fuhr und Gaben für die Menschen empfing und sich niedersetzte zur Rechten Gottes, des Vaters, da war vor dem ganzen Weltall erklärt, dass Gott im Frieden mit den Menschenkindern sei. Denn Jesus ist in allen Dingen der Adam, der Mustermensch, der Vertreter seines Volkes, und Friede mit Ihm bedeutet Frieden mit allen, die in Ihm sind. Er starb für unsre Sünden, aber Er erstand für unsre Gerechtigkeit, welche nichts andres ist als unsre Wiederversetzung in einen Zustand der Versöhnung mit Gott. Er ging in den Himmel, um unser Erbe in Besitz zu nehmen; und was für einen besseren Beweis als diesen könnte es geben dafür, dass wir mit Gott versöhnt sind? Wenn unser Vertreter zu seiner Rechten sitzt, so können wir zuversichtlich glauben, dass der Herr mit uns versöhnt ist. Geliebte, wenn ihr den Gegenstand verfolgt, so werdet ihr immer klarer die Bedeutsamkeit der Bezeichnung „der Gott des Friedens“ sehen; denn uns vollkommen zu machen in jedem guten Werk, zu tun seinen Willen, das heißt uns Frieden geben. Obwohl jeder Christ durch den Glauben an Christum gerechtfertigt ist, und so dem Rechte nach Frieden mit Gott hat, so können wir doch nie vollkommen Frieden mit unserm Gewissen genießen, solange eine Sünde von uns begangen wird oder in uns wohnt. Solange ein einziger Hang zur Sünde in diesen Gliedern bleibt, werden wir beunruhigt sein, die Sünde wird mit der Gnade streiten und die neugeborene Gnade wird mit der angeborenen Sünde kämpfen. Sünde und Gnade können sich nicht besser vertragen, als Feuer und Wasser. Sogar der Gott des Friedens versucht niemals einen Frieden zwischen Gut und Böse aufzurichten, denn es würde ungeheuerlich sein, selbst wenn es möglich wäre. Der Weg zum Frieden ist der Weg der Heiligkeit. Wirf die Sünde hinaus, so wirfst du den Streit hinaus. Überwinde das Böse, so gewinnt der Friede den Sieg. Geliebte, es nützt uns nichts, ein glückliches Leben zu suchen anders als durch Heiligkeit des Wandels. Ich habe schon erklärt, dass wir Frieden mit Gott haben durch das versöhnende Werk unseres Herrn Jesu Christi; aber um tiefe Stille des Herzens und Ruhe des Gewissens zu besitzen, muss ein Werk der Heiligung in uns gewirkt werden durch die Macht, welche Jesus Christus von den Toten erweckte. Die Sünde ist unser Feind, und das neue Leben in uns hat Feindschaft gegen das Böse, und deshalb kann der Friede nie in dem dreifachen Reich unseres Wesens verkündet werden, bis wir stets das tun, was vor dem Herrn gefällig ist durch Jesum Christum.

Aber dies ist nicht alles. Wenn der Apostel, indem er für unsre Heiligung betet, zu dem Gott des Friedens betet, so heißt das so viel als uns sagen, dass wir Gott als den Gott des Friedens ansehen müssen, wenn wir dahin geleitet werden sollen, seinen Willen zu tun.

O Mensch, ist Gott dein Feind? Dann wirst du Ihm nie dienen, und nie das tun, was vor Ihm gefällig ist. Fühlst du in diesem Augenblick ein Grauen vor Gott, eine Furcht bei der Nennung seines Namens? Dann kannst du nie das tun, was Ihm gefällt, denn ohne Glauben ist’s unmöglich, Gott gefallen, und Glaube ist das Gegenteil von Grauen. Du musst zu allererst wissen, dass Friede ist zwischen dir und deinem Gott, und dann kannst du Ihm gefallen. Dieses Wissen kann dir nur zu teil werden durch Jesum Christum, denn der Friede wird nur durch „das Blut des ewigen Testaments“ gemacht. Wenn du erst weißt, dass Gott mit dir einen ewigen Bund gemacht, in allen Dingen fest geordnet und sicher, dann hast du Hebelkraft, womit du arbeiten kannst, dann bist du auf einen Felsen gegründet, auf den du in jeder Form des Gehorsams aufgebaut werden kannst, aber nicht eher. Friede mit Gott ist die Wurzel der Tugend: Versöhnung durch den Tod seines Sohnes ist die Tür zur Gleichförmigkeit mit dem Leben seines Sohnes. Mögen wir unsern großen Hirten kennen in seinem Versöhnungstode sowohl, wie in seinem lebendigen Beispiel als den Herrn und Geber des Friedens.

Ich glaube auch, dass der Apostel, indem er so zu „dem Gott des Friedens“ betete, die ganze Gemeinde der Hebräer, oder wenn ihr wollt, jede christliche Gemeinde im Auge hatte. Brüder, es ist wesentlich, dass wir Frieden in der Gemeinde haben. Was immer für Feindschaft draußen sein mag, wir müssen einander lieben. Wenn wir nicht in der Liebe wandeln, können wir sicherlich kein Gedeihen haben. Gott allein kann einer Gemeinde Frieden geben, und Er gibt ihn nur, indem Er ihre Mitglieder heiligt, sie zu guten Werken anregt, sie in heiliger Tätigkeit erhält, sie tauglich macht, für Ihn zu arbeiten, und sie fertig macht, das zu tun, was vor Ihm gefällig ist. Wenn ihr von Friedensstörungen in einer Gemeinde hört, braucht ihr nicht sowohl die Differenzen zwischen den Mitgliedern auszugleichen, als die Leute selber zu bessern. Wir würden nicht so viele Dornen sammeln, wenn die Pflanzen Feigenbäume wären; Streit und Zank würde nicht unter uns aufkommen, wenn wir nicht fleischlich und ungeheiligt wären. Wenn wir geistlicher gesinnt wären, würden wir bereiter sein zum Vergeben und nicht so bereit, zu beleidigen oder uns beleidigt zu fühlen. „Seid ihr denn nicht fleischlich?“ sagt der Apostel “,denn so einer sagt, ich bin Paulisch, der andre aber, ich bin Apollisch,“ u.s.w.; aber wenn der Gott des Friedens jeden Gläubigen heiligt, dann wird ein jeglicher seines Bruders Wohl, und das, was zum Frieden dient, suchen. Wenn du für den Frieden Jerusalems betest, so gedenke, dass du ihn fördern kannst, indem du nach Heiligkeit strebst.

Ehe ich diesen ersten Teil verlasse, möchte ich eure Aufmerksamkeit noch darauf lenken, dass der Name “ der Gott des Friedens“ ein Licht über die ganze Stelle ausgießt, und in schönem Einklang mit jedem Worte des Gebetes ist. Lasst uns dasselbe Zeile für Zeile lesen. „Der Gott aber des Frieden, der von den Toten ausgeführet hat unsern Herrn Jesum.“ Der Krieg treibt die Menschen hinunter zu den Toten, und ist der große Schakal des Grabes. Ach, in welch trauriger Weise sehen die Völker dies in diesem Augenblick im Orient veranschaulicht. Der Krieg schickt hinunter zu den Toten; aber der Gott des Friedens bringt zurück von den Toten. Die Zurückbringung Jesu aus dem Grabe war eine Friedenstat und sollte die Bürgschaft für den auf ewig hergestellten Frieden sein. „Den großen Hirten der Schafe“ – Schafe sind friedliche Geschöpfe, und eines Hirten Geschäft hat nichts zu tun mit den blutigroten Feldern des Streites. Wir verbinden stets mit dem Gedanken an Frieden den der Stille und Rast der Hürde und die einfache Ruhe der Herden auf grünen Weiden. Friede ist so recht die Atmosphäre der Hirtenszenen. „Durch das Blut des ewigen Bundes.“ (N. d. engl. Übers.) Das Wort „Bund“ ist auch voll Frieden; und besonders ist es so, wenn wir daran gedenken, dass es ein Friedensbund ist, den die ewige Liebe zwischen Gott und den Menschen aufgerichtet hat. Wo kein Bund oder Bündnis existiert, kann der Krieg jederzeit ausbrechen, aber wo ein Bund einmal geschlossen ist, da ist Friede und Ruhe. Der Apostel fährt fort zu beten: „Der mache euch fertig in allem guten Werk, zu tun seinen Willen.“ Wenn Gottes Wille von uns getan wird, so muss Friede da sein, denn kein Grund zur Uneinigkeit kann existieren. „Und schaffe in euch, was vor Ihm gefällig ist.“ – O, die sanfte Melodie dieser Worte. Wenn alles in uns Gott gefällt, dann ist Er in der Tat der Gott des Friedens für uns. Die Doxologie am Ende der Epistel ist auch sehr bedeutsam, denn in Wirklichkeit verkündet sie die allgemeine und ewige Herrschaft des Friedens: „Welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“ Was könnte es geben, das imstande wäre, das Weltall zu beunruhigen, wenn der allmächtige Gott herrscht und alle Völker den Ewig-Gelobten preisen und erheben werden von Ewigkeit zu Ewigkeit? Nicht ohne Grund wählte daher unser Apostel die Bezeichnung: „Der Gott des Friedens.“

II.

Wir haben nun in der Kürze zu betrachten die besondere Tat, bei der dieses Gebet verweilt. „Der von den Toten ausgeführet hat unsern Herrn Jesum, de n großen Hirten der Schafe, durch das Blut des ewigen Bund es.“ Hier möchte ich, dass jeder von euch für sich selbst die Schriftstelle läse, die der Apostel, wie ich meine, im Sinne hatte, als er diese Worte schrieb. Schlagt Jes. 63, 11 ff. auf: „Und er gedachte wieder an die vorige Zeit, an den Mose, so unter seinem Volk war. Wo ist denn nun, der sie aus dem Meer führte, samt dem Hirten seiner Herde? Wo ist, der seinen Heiligen Geist unter sie gab? Der Mose bei der rechten Hand führte, durch seinen herrlichen Arm? Der die Wasser trennte vor ihnen her, auf dass Er Ihm einen ewigen Namen machte?“ Seht, wie dies sich einen ewigen Namen-Machen mit dem letzten Satz stimmt: „Welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Aber lasst uns weiter lesen: „Der sie führte durch die Tiefe, wie die Rosse in der Wüste, die nicht straucheln?“ Gewiss, diejenigen straucheln nicht, in denen der Herr schaffet, was vor Ihm gefällig ist. „Wie das Vieh, so in das Feld hinabgeht, welches der Geist des Herrn ruhen heißt,“ – da ist der Gott des Friedens – „also hast Du auch Dein Volk geführt, auf dass Du Dir einen herrlichen Namen machtest.“ – Da ist wieder die Doxologie: „Welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Das geschichtliche Ereignis, worauf Er anspielt, ist die Befreiung aus Ägypten und das Herauskommen aus dem Roten Meere. Nachdem Er sein Volk durch das Blut des Bundes gerettet hatte, das auf ihre Türpfosten gesprengt war, führte Er sie ans Rote Meer, während ihre Feinde sie verfolgten. In das Rote Meer stiegen sie hinab; nicht bloß an das Ufer gingen sie, sondern mitten in die Tiefe gingen sie hinein, und da waren sie begraben, das Meer war wie der Ort des Todes für sie. Zwischen seinen flüssigen Mauern und unter der Wolkensäule, die über ihnen hing, wurden sie für Mose getauft und in der Taufe wie in einem Wassergrabe begraben; aber siehe, sie kommen wiederum herauf, werden glücklich heraus gebracht aus dem, was Pharaos Grab wurde, mit Gesang und Jauchzen und Frohlocken. Die Parallele ist dies: „Der große Hirte,“ der viel größer ist als Mose und Aaron, muss hinab an den Ort des Todes gehen um seines Volkes willen; Er muss als Vertreter seiner Herde in das Grab hinuntersteigen. Dies tat Er, denn Er neigte sein Haupt und starb; aber siehe, der Herr führte Ihn aus der Tiefe wieder heraus, und erstand zum Leben und zur Herrlichkeit und all die Seinen mit Ihm. An jenem Tage hätte das Lied jubilierend sein können wie Mirjams, als sie sang: „Lasset uns dem Herrn singen, denn Er hat eine herrliche Tat getan. Herr, Deine rechte Hand tut große Wunder.“ Aber jetzt bei dieser größeren Erlösung durch „das Blut des ewigen Testaments“ wird der Psalm nicht dem Herrn gesungen, welcher ein Kriegsmann ist, sondern dem „Gott des Friedens.“ Die Ehre wird demselben Herrn zugeschrieben, aber unter einem sanfteren Namen, und Ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit. Ich habe keinen Zweifel, dass Paulus seine Bilder teilweise vom Roten Meere borgte, das von allen Befreiungen das lehrreichste Vorbild ist. Ist es nicht selbst im Himmel das erwählte Vorbild, denn dort singen sie das Lied Moses, des Knechtes Gottes, und des Lammes?

Mit Hilfe dieses Bildes wollen wir beachten, dass das Ausführen des Herrn Jesu von den Toten das Siegel seines vollendeten Werkes und folglich unseres Friedens und unsrer schließlichen Vollkommenheit in Heiligkeit war. Der Herr Jesus konnte nicht länger von den Banden des Todes gehalten werden, sondern kehrte gerechterweise zu seinem Throne zurück. Weil Er sein ganzes Werk beendigt hatte, deshalb verkündete das Wort der höchsten Macht seine Freiheit und Er ward zu seiner früheren Herrlichkeit zurückgeführt. Weil Er alle Gerechtigkeit gewirkt hatte, stand Er unter den lebendigen Menschen; und weil Er eine Krone der Gerechtigkeit verdient hatte, stieg Er sogar zum Throne Jehovas auf, um dort zu sitzen, bis alle seine Feinde zum Schemel seiner Füße gemacht sind. Sein Werk ist vollbracht, und deshalb erkennt Gott dies dadurch an, dass Er Ihn von den Toten ausführet. Sehr weislich betet der Apostel, dass der, welcher so Christi vollendetes Werk anerkannte, seines Geistes Werk in uns vollenden möge. Christus ist vollkommen gemacht; deshalb, o Herr, mache Deine Heiligen vollkommen. Jesus hat Deinen Willen getan: hilf uns, ihn auch zu tun. Möge Er, der Jesus von den Toten ausführte als Zeichen seiner vollendeten Gerechtigkeit, auch sein Volk aus allen Überbleibseln ihres Sündentodes herausführen und sie völlig machen zur Ehre seines Namens.

Geliebte, wir gehen noch weiter. Das Herausführen Christi von den Toten war in Wirklichkeit das Zurückführen all der Seinen. Nicht ohne die Schafe kam der Hirte, denn das hieße geschlagen zurückkommen. Er ging hinunter in das Grab, das verlorene Schaf zu suchen, und nachdem Er es gefunden, nahm Er es auf die Achsel, und als Er aus dem Grabe herauf kam, trug Er auf seinen mächtigen Schultern die Schafe, für die Er starb. Der Text spricht von “ unserm Herrn Jesus.“ Beachteten wir dies? Uns er in seinen Ämtern als Hirte und Heiland, ganz und gar unser, als wieder ausgeführet von den Toten. Was Er tat, war für uns. Er ist der große Hirte der Schafe, und was Er tat, war für die Schafe. Wir können viele Gründe geben, warum der Herr Jesus der große Hirte ist, weil Er der Hirte ist, nicht einer Gemeinde, sondern aller Heiligen in allen Zeitaltern, und weil die Schafe sein eigen sind, und der, welchem die Schafe gehören, viel größer ist als der, der nur die Herde für einen andren weidet. Aber der Grund, welcher gerade jetzt meine Aufmerksamkeit anzieht, ist dieser: wenn ein großer Hirte da ist, muss eine große Herde da sein. Ihr könnt nicht mit Wahrheit einen Mann einen Hirten nennen, wenn er keine Schafe hat, und Ihn nicht einen großen Hirten nennen, wenn Er nicht eine große Herde hat. So führte Er, der „von den Toten ausführte den großen Hirten der Schafe,“ durch diese Tat auch die große Herde von den Toten aus, denn solange unser Herr Jesus mit Wahrheit ein Hirte genannt werden kann, muss Er eine lebendige Herde haben; sie ist unzertrennlich von Ihm und wesentlich für Ihn. Die Gemeinde ist die Fülle Christi. Ein König ist kein König ohne Untertanen, ein Haupt ist kein Haupt ohne einen Leib, und ein Hirte ist kein Hirte ohne Schafe. Die Vorstellung von dem großen Hirten schließt die auserwählte Herde ein: sein Zurückführen von den Toten als Hirte schließt ihr Hinaufführen in Ihm ein. Die Auferstehung und Herrlichkeit Christi sind sonach die Auferstehung und die Herrlichkeit seiner ganzen Herde, für die Er sein Leben hingab. Ehre sei seinem Namen dafür! Nun seht ihr die Gewalt dieser Bitte, die so ausgelegt werden kann: Herr, Du hast Dein Volk von den Toten heraufgeführt durch Christum, deshalb bringe sie ganz aus dem Tode der Sünde herauf; mache sie lebendig in aller Fülle des Lebens; mache sie vollkommen in allem guten Werk, Deinen Willen zu tun; wirke in ihnen das, was vor Dir gefällig ist: weil dies ihre geistliche Auferstehung ist, so gibst Du ihnen damit das, was Du Christo für sie gegeben hast, und deshalb erfülle es an ihnen.

Geliebte, dieselbe Macht ist nötig, um uns heilig zu machen, die nötig war, unsern Heiland von den Toten auszuführen. Dieselbe Macht, die den toten Leib Christi auferweckte, muss uns von unsrem Tode auferwecken; und dieselbe Macht, die den lebendigen Christum instand setzte, von der Erde zum Himmel zu steigen, und seinen Thron einzunehmen, muss in lebendigen Heiligen wirken, um sie von einem Grad der Heiligkeit zum andern empor steigen zu lassen, bis sie ohne einen Flecken, Runzel oder dergleichen vor des Vaters Angesicht dargestellt werden. Ja, und diese Macht kommt zu uns, weil Christus auferstanden ist. „Weil ich lebe,“ spricht Er “,sollt ihr auch leben;“ und weil Er lebt und Fürbitte tut, deshalb werden die Seinen vor dem Übel bewahrt. Satan begehrt uns, dass Er uns möchte sichten wie den Weizen; aber der große Hirte, der von den Toten ausgeführet ist, wacht täglich über uns und bittet für uns, und die Macht seines Lebens und seines Reiches und seiner Fürbitte wird in uns offenbar, so dass wir die Versuchung überwinden und von Kraft zu Kraft fortgehen in unsrer Pilgerschaft zum Himmel. Der Text ist ganz aus eine m Stücke, und jedes Wort ist notwendig und wichtig. Wir haben hier keine fromme, ohne Grund aneinander gereihte Ausdrücke, sondern jede einzelne Silbe trägt zu dem Gewicht des Ganzen bei.

Das in diesem Text beschriebene Werk muss in uns von dem Geist Gottes gewirkt werden. Jesus ist das Vorbild, dem wir gleichförmig gemacht werden müssen. Geliebte, ihr müsst hinab in den Tod gehen und mit Ihm begraben werden, damit ihr mit Ihm aufersteht. Es muss in euch der Tod aller fleischlichen Kraft und Stärke sein, sonst kann die Kraft Gottes nicht in euch offenbar werden. Ihr müsst die Tiefen kennen, wie Mose es tat, die Tiefen, in denen die stolze Selbstgenugsamkeit ertränkt ist; ihr müsst in der Wolke und in dem Meer getauft werden; ihr müsst das Verdammungsurteil über euch aussprechen hören; ihr müsst in eurer eignen Seele anerkennen, dass in eurem Fleisch nichts Gutes wohnt, und dass ihr unter dem Gesetz verdammt seid; und dann müsst ihr lebendig gemacht werden und aus dem Ort der Verdammung und des Todes hervorkommen. Glücklich ist der, welcher aus dem Grabe seines vorigen eitlen Wandels herausgekommen ist, die Grabgewänder der Weltlichkeit und der Sünde dahinten gelassen und herauf gekommen, um mit einem himmlischen Sinne bekleidet zu werden und ein neues Leben zu führen, geheim. und göttlich, gleich dem des auferstandenen Heilandes; ja, gleich dem des gen Himmel gefahrenen Herrn, denn „Er hat uns samt Ihm auferwecket und samt Ihm in das himmlische Wesen versetzt, in Christo Jesu.“ „Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christo in Gott.“ Habt ihr das erfahren? Viele von euch sind in der Taufe begraben worden, aber nahmt ihr damals teil an dem Tode eures Herrn? Ihr hattet kein Recht, begraben zu werden, wenn ihr nicht wirklich tot wart. Wusstet ihr wirklich, dass der Tod über euch dahin gegangen war, ehe ihr mit eurem Heiland begraben wurdet? Und fühlt ihr nun das Leben Gottes in euch, das ein neues Leben in euch schafft? Wenn das, so wird es euch täglich zu etwas Besserem und Edlerem erheben, bis ihr zuletzt dahin gelangt, wo ihr nie wieder von Sünde befleckt werden sollt, wo der Satan unter eure Füße getreten und der Gott des Friedens herrschen wird. Wenn ihr in vollkommener Heiligkeit weilen werdet, dann sollt ihr in vollkommenem Frieden herrschen. Möge Er, der unsern Herrn Jesum vom Grabe zur Herrlichkeit brachte, auch euch den Weg aufwärts bringen, bis ihr bei Ihm seid und Ihm gleicht auf ewig.

III.

Drittens lasst uns beachten die sehr merkwürdige Art, in welcher die Heiligkeit, um die der Apostel betet, beschrieben wird in dem Text: „Mache euch vollkommen in jedem guten Werk, zu tun seinen Willen.“ So steht es hier, aber die Übersetzung ist nicht ganz richtig. Die Stelle lautete besser: „Mache euch tüchtig in jedem guten Werk, zu tun seinen Willen,“ und das griechische Wort (ich habe zwar nicht bemerkt, dass Ausleger es beachtet haben, aber jeder, der das Lexikon aufschlägt, kann es sehen) bedeutet eigentlich einen verrenkten Knochen wieder einrenken. Der Sinn des Textes ist dieser: Durch den Fall sind alle unsre Knochen aus dem Gelenk, so dass wir nicht den Willen Gottes tun können, und der Wunsch des Apostels ist, dass der Herr die Knochen wieder an den rechten Ort bringe und uns so instand setze, mit jeder Fähigkeit und in jedem guten Werk seinen Willen zu tun. Wenn wir das Armgelenk zur Erläuterung nehmen, so wünscht er es so gut gesetzt, dass es zu jeder Bewegung fähig sei, für die ein Arm ursprünglich von der unendlichen Weisheit eingerichtet ward. Ein verrenkter Knochen kann so schlecht eingerenkt werden, dass er nur zu einem Teil der ihm natürlichen Bewegungen fähig ist; es mag ein Fehler bei der Heilung gewesen sein, so dass gewisse Bewegungen nicht vollzogen werden können; es mag Steifheit und Unbeholfenheit, ja, sogar völlige Unfähigkeit zu gewissen Bewegungen da sein; dies kann man bei den Gemütern einiger Menschen sehen, aber es ist keineswegs wünschenswert. Der Apostel möchte jeden Knochen in uns gut eingerichtet haben und unsern ganzen Menschen tauglich zu jeder Form guter Werke, um den Willen Gottes völlig zu tun. Was für ein herrliches Gebet! O Herr, Du hast Deinen Sohn in Vollkommenheit auferweckt, keines seiner Gebeine war zerbrochen; und nun müssen wir, die wir sein Leib sind, zusammengesetzt und befestigt werden, jedes Gelenk an seinem Platz, und die ganze Gemeinde eng zusammengefügt durch ihre Bänder und Sehnen, so dass sie in vollkommener Ordnung sei, um des Herrn Willen zu tun. Ich vermute, dass unser Text sich nicht sowohl auf einen einzelnen Gläubigen als auf die ganze Gemeinde bezieht, denn der Apostel spricht von dem großen Hirten der Schafe, womit er die ganze Gemeinde meinen muss; der Apostel betet, dass der Herr seine Gemeinde vollkommen zusammenfügen, sie in harmonische Vereinigung bringen und sie so tüchtig machen wolle, alles zu tun, wovon Gott will, dass die Gemeinde hienieden es tun soll. Wann werden wir unsre Gemeinden in solchem Zustande sehen? Ach, die aus dem Gelenk gebrachten Glieder unsrer Gemeinden verursachen dem Körper viel Schmerz und Schwachheit, und nur Heiligkeit kann sie in ihre richtige Lage bringen. Wenn ich den Text als sich auf jeden einzelnen beziehend nehmen muss, so ist das Gebet, dass ihr und ich tauglich werden mögen, den göttlichen Willen überall zu tun, – tauglich zu leiden, tauglich zu arbeiten, tauglich zu dem niedrigsten Amt in der Gemeinde (was beiläufig gesagt, sehr viel Tauglichkeit erfordert) und tauglich zum höchsten Werk in der Gemeinde, und tauglich zu allem, was Gott von uns getan wünscht; so dass wir nicht nur für eine Reihe von Pflichten tüchtig sind, sondern zu allen Dingen fertig. Wir werden Gott sehr verherrlichen, wenn wir einen vollständigen Charakter haben, in dem jede Gnade sich offenbart und in dem keine einzige Sünde gesehen wird, die ihn entstellt. Dieser Art ist das Gebet. Wer kann dies wirken, guter Herr? Wer kann dies in uns wirken? Du kannst es, o Gott des Friedens, denn Du brachtest Deinen Sohn empor aus dem Grabe zum Throne, und Du kannst unsre verstümmelte Natur herauf bringen und sie vervollkommnen, bis sie fähig ist, an dem Erbe der Heiligen im Licht teilzunehmen ewiglich. Der erste Teil des Gebetes ist also um Tauglichkeit zur Heiligkeit.

Der zweite ist um werktätigen Dienst: „und schaffe in euch, was vor Ihm gefällig ist.“ Und hier bitte ich euch zu beachten, wie alle Dinge von Gott sind. Wir hätten denken können, der Apostel würde gesagt haben: „Herr, wenn Du uns tauglich gemacht hast, für Dich zu arbeiten, dann hilf uns, Dir zu dienen;“ aber er sagt das nicht, er spricht sein Gebet in einer demütigen Art aus und bittet den Herrn, in uns zu schaffen. Was für ein schwerer Schlag für allen Selbstruhm! Wie lehrreich für uns! Lieber Bruder, wenn der Herr dich tauglich zu jedem guten Werke macht, so wirst du doch kein gutes Werk tun, wenn Er es nicht in dir wirkt. Sogar derjenige, welcher sich am meisten zur Ausübung der Tugend und Heiligkeit eignet, übt doch diese nicht aus, bis der Herr in ihm das Wollen und Vollbringen nach seinem Wohlgefallen wirket. Außer, dieser Art, in der alle Ehre Gott zugesichert wird, beachtet auch noch den nächsten Zusatz “,durch Jes um Christum.“ Das, was wir tun selbst wenn der Herr in uns wirkt, tun wir nur durch Jesum Christum. Wir sind nichts ohne unsern Herrn, und obwohl wir tun, was vor dem Herrn annehmbar ist, so ist es doch nur annehmbar durch Jesum Christum. Was für ein Nichts sind wir! Selbst wenn der Herr das Beste für uns tut, das getan werden kann, so dass wir vor seinem Angesicht weilen und unsre Handlungen Ihm gefällig werden und Er uns mit Freuden anblickt, selbst dann sind wir nichts. Es ist der Herr, der alles in uns gewirkt hat, der Gott des Friedens, der alles in allem ist. Zu jedem fruchtbaren Zweig spricht Er: „An mir wird deine Frucht gefunden.“ Wenn eure Kleider funkeln wie die Sonne, so ist Er es, der euch verklärt; wenn euer Antlitz glänzt wie Mose’s nach der verborgenen Gemeinschaft auf dem Berge, so ist es Gottes Glanz, der eure Stirn erleuchtet. Unser Gutes ist nicht unser eigen “,denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christo Jesu zu guten Werken, zu welchen Gott uns zuvor bereitet hat, dass wir darinnen wandeln sollen.“

IV.

Unser vierter Punkt geht ganz natürlich aus den andern hervor, denn wir haben schon gesehen, dass das Ganze mit einer sehr angemessenen Lobpreisung schließt: „Welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“ Gott zu verherrlichen ist der Zweck dieses alles. Wir vergessen dies zu sehr. Das Lob ist die Blume, um deren Willen der Stängel des Gebets existiert. Lob Gottes ist die Essenz aller Blumen der Heiligkeit, der höchste Wohlgeruch aller Rosen im Garten der Gemeinde. Gottes Ehre ist die Ernte, für die alles Pflügen und Säen des Predigens und Evangelisierens getan werden muss. Ehre sei Gott in der Höhe und Ehre seinem eingeborenen Sohn von Ewigkeit zu Ewigkeit – dies ist das reine Gold, um deswillen wir in den Bergwerken des Dienstes Gottes graben. Es würde eine sehr schwierige Frage sein, zu entscheiden, auf wen dieser letzte Zusatz geht, ob auf den „Gott des Friedens“ oder auf „unsern Herrn Jesum,“ und deshalb, denke ich, es ist der sicherste Weg, sie beide zusammen zu nehmen, denn sie sind eins. „Welchem,“ das ist Gott; „Welchem,“ das ist dem Herrn Jesu “,sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“ Lasst es so sein, es sollte so sein, es muss so sein, es kann nicht anders sein. Amen. Amen.

Verweilt noch eine Minute, während wir dem dreieinigen Gott die Ehre geben. O, ihr Herzen, die ihr Ihn liebt, rühmt Ihn zuerst als den Gott des Friedens, der Gedanken des Friedens hatte und Absichten des Friedens und einen Bund des Friedens um unsertwillen vollzog. Rühmet Ihn, der heute im Frieden ist mit all seinen Gläubigen. Er legt seinen Donner beiseite, Er hängt. seinen Bogen in den Wolken auf als das Zeichen seiner Liebe; Er legt Spieß und Schild hinweg; Er liebt, Er lächelt, Er spricht in Huld. Er ist der Gott des Friedens, naht euch Ihm mit heiliger Freude; betet Ihn an; rühmet seinen Namen immerdar.. Dann rühmt Ihn ferner, weil Er für uns einen Hirten gefunden hat. Wir waren wie die Schafe, die in der Irre gingen, und Er sandte seinen Sohn als unsern Hirten; Er nahm von seinem Busen seinen Ihm gleichen und ewigen Sohn und sandte Ihn hierher, uns aus der Wüste zu sammeln und uns vor den Wölfen zu retten. Ehre sei Dir, Du Hirte Israels, und Deinem Vater, der Dich zu diesem Zweck sandte.

Rühmt Ihn danach, um des Bundes willen. Was für eine Barmherzigkeit ist es, dass Gott in einen Bund mit den Menschen eintritt! Betet Ihn an wegen des Bundesblutes, dass Er seinen Eingeborenen in den Tod gab, um seinen Bund gewiss zu machen, damit der erkaufte, durch Blut erworbene Besitz niemals wieder einem von denjenigen genommen werden könnte, für die Er sein Leben dahin gegeben. Ehre sei dem Vater, dem Sohne und dem Heiligen Geiste. Preiset Ihn, preiset Ihn, preiset Ihn, ihr bluterkauften Menschen! Erhebet eure Herzen mit Dankbarkeit und Freude, und lobt den Herrn, der den sterbenden Hirten wiederum ausführte, dass Er lebe und herrsche für euch. Und dann betet Ihn an, weil Er die Macht, die Er auf Christum ausübte, jetzt auf euch ausübt. Ihr seid noch nicht vollkommen, aber in eurem Maße seid ihr doch tauglich zu jedem guten Werke. In vieler Weise macht euch der Herr zum Dienste tüchtig. In einigen von euch wirkt Er, zu tun, und in andren, zu leiden nach dem Wohlgefallen seines Willens. Lobt Ihn für jede empfangene Gnade, für Glauben, wie klein er auch sei, für Liebe, auch wenn sie nicht brennt, wie ihr es wünschtet; lobt Ihn für jede besiegte Sünde, lobt Ihn für jede eingepflanzte Gnade, lobt Ihn immerdar. Lobt Ihn, dass Er mit euch durch Jesum Christum verhandelt. Durch den Mittler ist alles Gute zu uns gekommen, und durch den Mittler wird es immer noch kommen bis zu dem Tage, wenn Er das Reich Gott und dem Vater überantworten wird, auf dass Gott sei alles in allem. Inzwischen wollen wir den Mittler loben, und den Vater und den tröstenden Geist erheben. Schon jetzt vereinen wir uns mit Cherubim und Seraphim und beten Ihn an, dem alle Anbetung gebührt. 

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Friedrich Wilhelm Krummacher – Pauli Tränen

22.07.10 (50. Philipper, Krummacher, Friedrich Wilhelm)

Predigt über Phil. 3,17-21.

gehalten am 2. November 1851.

Phil. 3,17-21.

Folget mir nach, meine Brüder, und sehet auf die, die also wandeln, wie ihr uns habt zum Vorbilde. Denn Viele wandeln, von welchen ich euch oft gesagt habe, nun aber auch mit Weinen sage, als Feinde des Kreuzes Christi; welcher Ende ist die Verdammnis, welchen der Bauch ihr Gott ist, und ihre Ehre in ihrer Schande, die nur aufs Irdische denken. Unser Wandel aber ist im Himmel, von dannen wir auch warten des Heilandes, Jesu Christi, des Herrn; welcher unsern nichtigen Leib verwandeln wird, daß er ähnlich werde seinem verklärten Leibe, nach der Wirkung, damit er kann auch alle Dinge sich untertänig machen.

Eine tief ergreifende Erscheinung, geliebte Brüder, die heute in unsern Gesichtskreis tritt; eine Erscheinung, die, wo sie euch ungerührt lassen könnte, euch als Menschen verdammen würde, welche statt des Herzens Erz und Eisen in ihrem Busen trügen. Es ist wahr, mächtig ist das Wort; aber Mächtigeres wirbt diesmal um unsre Seelen. Nicht Sinais Donner sind’s, noch die Posaunenstöße Ebals. Was ist selbst deren Wucht gegen die übermannende Gewalt der Tränen, von welchen das Pergamentblatt feucht ist, auf welchem uns unser heutiger Text begegnet. Paulus weint. Kommt, laßt uns bei diesen Apostelzähren betrachtend weilen, und unsre Blicke richten 1) auf ihre Gegenstände; 2) auf ihre Ursachen; 3) auf ihr Gewicht.

Erblühe uns unter Gottes Segen aus der apostolischen Tränensaat eine Friedens- und Freudenernte!

1.

Paulus weint. Seine Tränen rollen auf die Bande herab, in die er zu Rom um des Namens Christi willen geschmiedet war. Aber nicht ist’s die eigne Bedrängnis, was ihn so weich und so wehmütig stimmt. Ein Gefreiter in dem Herrn steht er hoch über seinem zeitlichen Loos, und trägt seine Fesseln, als wären es Ehrenketten. Sein Schmerz gilt Andern. “Unfehlbar”, werdet ihr denken, “irgend schwer verschuldeten Verbrechern, und hoffnungslos verlornen Auswürflingen des menschlichen Geschlechts!” Nicht, Freunde, wie ihr euch dieselben denken mögt. Unter den Leuten, die ihm vor der Seele schweben, dürfte Mancher euch begegnen, dem ihr unbedenklich den Namen eines Ehrenmannes zuerkennen würdet. Die Apostel messen mit gar andern Maßstäben, als die wir anzulegen pflegen. Hört Paulum. “Viele wandeln”, spricht er, “von welchen ich euch oft gesagt habe, nun aber auch mit Weinen sage: als Feinde des Kreuzes Christi.” Da habt ihr die Gegenstände seines Kummers. Ihr stutzt, und denkt bei euch, ob der Apostel hier nicht etwa zu engherzig und befangen richte, und all’ zu übertriebener Sorge sich überlasse? “Mein Gott!” denkt ihr, “Feinde des Kreuzes Christi trugen Bürgerkronen mitunter, und ernten hin und wieder, von der Anerkennung der Völker auf Marmorsäulen erhöht, als Wohltäter der Menschheit, den Dank der Jahrhunderte; und ein Paulus hat statt Ehrengruß und Lorbeer für sie nur Tränen, und noch dazu Tränen des Bedauerns und des Mitleids?!” – Ja, Freunde, ob ihr ihn hundertmal einseitig scheltet, kleingeistig, beschränkt, oder wie sonst ihr wollt: der Apostel hat für sie nichts Anderes, als eben nur solche Tränen.

Christi Kreuz, müßt ihr wissen, ist dem heiligen Manne viel, sehr viel. Es ist ihm wie das Wahrzeichen, so der Mittelpunkt des ganzen Christentums. Er hat letzteres sich hinweg gedacht, sobald er das Kreuz sich wegdenkt. Alles Heil der Welt strömt ihm vom Kreuze Christi aus, als seinem Urborn. Ein nicht gekreuzigter Christus wäre ihm nur ein anderer, und nur noch schauerlicherer Moses mit Bann und Fluch; aber kein Heiland, kein Retter, kein Friedefürst. Im Kreuze sieht Paulus das Grab seiner Sünden, die Wiege seiner Erlösung. Ja, es fehlte dem Himmel seiner Hoffnungen der tragende Pfeiler, und dem neuen Eden, dessen er sich getröstet, der Baum des Lebens, wenn das blutige Kreuz nicht auf dem Berge ragte. Ihr hörtet ihn schon früher sagen, wie sein ganzes Wissen, seine ganze Weisheit und sein ganzer Ruhm im Kreuz sich konzentriere. Auf dem Kampfplatz ist das Kreuz sein Panier; in seinen Mußestunden der Gegenstand seiner beseligendsten Andachten und Vertiefungen; am Morgen der Herd, an welchem sein Eifer für des Herrn Ehre sich neu entflammt, und am Abende der Altar, an dessen Fuße er gerührt die Opfer seines Dankes niederlegt.

Wer sind ihm nun die Kreuzesfeinde? Ich bemerkte schon, daß sie mitunter hinter ganz ehrsamen Erscheinungen verborgen stecken. Sie gehen vielleicht auf dem Wege der Kirchlichkeit und des Christentums eine weite Strecke mit uns; so weit gewiß, als die Lehrstimme Jesu tönt, als die erhabenen Tugendregeln von seiner Lippe gleiten, als das unvergleichliche Musterbild seines reinen Wandels leuchtet; ja, auch so weit wohl gar, als des “großen Propheten” Wunder und Zeichen strahlen und ihn verherrlichen. Sobald aber seine Straße gen Gethsemane und Golgatha ihre Richtung nimmt, und sein prophetisches Amt dem hohepriesterlichen weicht, sein Lehrstuhl dem Blutgerüste Raum macht, geschieht’s ihnen, als senkte sich hemmendes Blei in ihre Füße. Und wie sie über seiner Marterstätte gar die Inschrift lesen: “Das Allerheiligste”, und neben ihr die Mahnung: “Zeuch deine Schuhe von den Füßen”, und ihnen auf ihr “Warum?” die Antwort wird: “Hier löst der Herr vom Himmel die Hauptaufgabe seiner Sendung; denn hier entreißt er, vermittelnd an der Sünder Stelle tretend, die Welt dem Rachen des Satans und der Hölle, dem sie verfallen war;” da machen sie stutzend und kopfschüttelnd Halt, und schicken sich an, uns Valet zu geben. Und wie nun vollends ihnen zugerufen wird: “Nicht zurück; nein, vorwärts, vorwärts! In dem Blute, das hier fließt, ist euer Leben; an dem Opfer, das hier gebraucht wird, hängt eure Rettung; dies gezuckte Schwert in Gottes Hand, erwürgt’s das Lamm nicht, dann unausbleiblich euch, wider die es geschliffen ward; dieser Blitz des Fluches, der hier vom Himmel fällt, euch müßte er zerschmettern, und zwar auf ewig, wenn nicht der Blutbräutigam, – (küsset ihm die Füße!) – ihn stellvertretend mit seinem heiligen Haupte für euch auffing;” – ich sage, wie solche Kunde vollends an ihr Ohr schlägt, da entfärbt sich ihr Antlitz, da schwillt ihnen das Herz in Unmut; und mit dem Gemurmel: “Pietismus!” – “Bluttheologie!” – “Abergläubischer Unsinn!” wenden sie uns den Rücken, und – gehen hinter sich. – Da habt ihr die Feinde des Kreuzes Christi. Die heutige Welt wimmelt von dieser Art. Der Apostel schauet sie im Geiste, und – die hellen Tränen treten ihm ins Auge. – Ihr fragt: “Warum?”

2.

Paulus giebt die Ursache an. “Welcher Ende”, spricht er, “ist die Verdammnis.” – “Wie, die Verdammnis?” höre ich sagen. “Sollte dies möglich sein?” – Nicht möglich nur, Freunde, sondern nur allzu wahr. Ihr Ende ist der “andre Tod” und das “Bleiben unter dem Zorne Gottes.” – “Die Armen! Vielleicht möchten sie gerne glauben, und können nicht?” – In diesem Falle wären sie keine Feinde des Kreuzes, sondern werdende Freunde. An unserm Orte handelt sich’s von Feinden nur, und diese wollen nicht glauben. Die Gründe, aus denen sie’s nicht wollen, bezeichnet unser Text. Eine verabscheuungswürdige Dreizahl: “Ihr Bauch ist ihr Gott, ihre Ehre ist in ihrer Schande, und sie denken nur aufs Irdische.” Ja, an den Kreuzesfeinden unsrer Tage namentlich, finden sich diese Züge sämmtlich voll ausgeprägt. Diese Menschen haben zuvörderst keinen Gott. sie mögen sagen, was sie wollen: sie glauben und haben keinen persönlichen Gott im Himmel. Ihre Losung, wie heißt sie: “Wie gelangen wir zu Gottes Gemeinschaft; wie ererben wir seine Gnade, wie leben wir ihm zu Gefallen?” O nein; – sondern: “Was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden?” Dies ihre einige Sorge, und die Kapitalfrage ihres Herzens. Hätten sie einen Gott, und ständen nur im ersten Beginn einer lebendigen Herzensbeziehung zu Ihm: unmöglich bliebe ihnen das Kreuz auf Golgatha ein gleichgültiges Zeichen, ein unverstandenes, dunkeles Problem; geschweige ein Ärgernis und Anstoß. Sie würden vielmehr, sobald es in ihnen nur zu den allerersten Anfängen eines herzhaften Glaubens an den persönlichen Gott, und eines wirklichen Verkehrs mit Ihm gekommen wäre, dasselbe erfahren, was Millionen vor ihnen in gleichem Fall erfahren haben. Wenn sie im Gebete dem Hocherhabenen sich nähern wollten, würde alsobald ein beklemmendes Gefühl unendlicher Entfernung von Ihm sie überfallen. Arbeiteten sie sich durch dasselbe im Geiste bis in seines Thrones Nähe durch, so umblitzte sie daselbst, ihre eigne Finsterniß ihnen beleuchtend, der Glanz Seiner Heiligkeit, und erschrocken bebten sie zurücke. Getraueten sie sich, auf den Allmächtigen zu hoffen; sofort würde ihr Gewissen sie fragen, mit welcher Befugnis sie Solches sich vermäßen. Gedächten sie, dem Ewigen ein Anliegen vorzutragen; unter dem dunkeln Bewußtsein ihrer Schuld erstürbe das Wort ihnen auf der Lippe. Begehrten sie Befreiung von irgend einem Leiden, womit der Herr sie heimgesucht, so würde gleich ihr Herz, das sie verdammt, den Beweis von ihnen fordern, daß sie mit Unrecht litten. So fänden sie, welche Anläufe sie auch nähmen, nimmermehr einen freien, offnen Zugang zu der erhabnen Majestät da droben, sondern stießen überall auf Schranken und verschlossene Gitter, und nur ein dumpfes, abweisendes und fremdes “Zurück von dieser Stätte!” würden sie allwärts zu vernehmen glauben. Unter diesem “Zurücke!” aber entwickelte sich dann unfehlbar in ihrem Innern ein Bedürfnis nach Fürsprache, Vermittlung und Versöhnung, das ihnen binnen Kurzem die Stelle des Lichtes bei der Nacht vertreten, und bis zum Kreuze ihnen hinüber leuchten würde. Ein bekannter deutscher Dichter in Paris, gottlos bisher, wie wenige, verkündigt in diesen Tagen von seinem langjährigen Siechbette her der Welt, daß er von seinem Atheismus geheilt worden sei, und nunmehr nicht allein an einen persönlichen Gott, sondern auch ein ewiges Leben glaube, und nur wünsche, unter welchen Qualen es auch immer sei, zwei Jahre noch zu leben, um, “nachdem er lange genug mit den Hegelianern die Schweine gehütet”, vor seinen Zeitgenossen noch weiter Zeugniß von seinem Glauben ablegen zu können. Wenn, was dieser Mann erkannte, nicht eine tote Theorie seines Kopfes nur, sondern, wie wir nicht bezweifeln wollen, eine Wahrheit und Tatsache seines innersten Bewußtseins ist, so bleibt derselbe kein bloßer Theist, sondern wird ein Christ, indem dann der Gott-Vater, dessen er inne ward, ihn unfehlbar zu seinem Sohne weisen, ziehn und drängen wird. – Die Feinde des Kreuzes sind solche eben, weil sie keinen Gott haben, ob sie auch tausendmal des Gegenteils sich rühmen. “Wäre Gott euer Vater”, spricht der Herr, “so liebtet ihr mich;” – und Johannes: “Wer den Sohn leugnet, hat auch den Vater nicht.” Man gehe nur der Sache auf den Grund, und der Apostel wird immer Recht behalten: Der Gott der Kreuzesfeinde ist ihr sinnliches Ich; ja, “ihr Bauch ist ihr Gott”, und irdisches Wohlergehen ihr Himmel. – “In ihrer Schande”, fährt Paulus fort, “ist ihre Ehre.” O, wie trifft auch dies namentlich bei den neuesten Widersachern des Kreuzes zu! Ihr roher, gedankenloser Unglaube ist ihre Schande; sie heften ihn sich unter dem Namen der Aufklärung als ein Ordenszeichen auf die Brust. Der sogenannten “öffentlichen Meinung” zinsbar, ziehn sie blindlings mit dem großen Haufen die breite Gasse; – welche erniedrigende Stellung! Aber sie pochen auf diese ihre Beigehörigkeit zur “Majorität”, als auf ihre Korne; als ob nicht die Edlern der Menschheit jederzeit in der Minderheit gewesen wären, und als eine kleine Auswahl nur aus der großen Masse sich hätten erfinden lassen! – Sie sind Unterjochte des herrschenden Zeitgeistes, unter die Gewalt etlicher kecker Bannerträger des letztern verkauft und an deren Triumphwagen gespannt; wie schmählich dies! Aber sie gloriieren mit dieser Knechtschaft, und tragen in der Firma des einen oder andern der antichristlichen Rädelsführer ihr Sklavenbrandmal mit einer Selbstgefälligkeit, als wäre es ein Diadem, das um ihre Stirne glänzte. Sie besitzen keine Gerechtigkeit, als etwa das besudelte und mit Heuchelei befleckte Gewand des Pharisäers: die Engel ekelt vor ihrem Anblick; aber wie spreizen sie sich in ihren Lumpen, die tief Verblendeten, und wie werden sie zu Narren in ihrem Bettelstolze! Ihr seht, von welcher Seite wir sie betrachten mögen, immer trifft es zu: “Ihre Ehre ist in ihrer Schande.”“Und”, sagt Paulus endlich, “sie denken nur aufs Irdische.” Ja, allewege auf nichts Andres, als dies. Sie leben nur für diese Welt, und pflegen auch solcher Schande als einer Art Bravour, und Erweisung ihrer “Emanzipation” und “männlichen Selbstbefreiung von allerlei dunklen Mächten und aufgedrungenen Autoritäten” sich zu rühmen. Suchten sie, statt des “Irdischen” das, “was droben ist”: ihr Weg führte sie an Golgatha nicht vorüber. Dürstete sie nach Gnade und Vergebung: wie bald umspannten auch ihre Arme das blutige Christuskreuz. Ginge es ihnen um Heiligungskraft und Trost im Leben und im Sterben: unmöglich ließe sie dieser Durst den offnen Brunnen des Kalvarienberges übersehen. Schmachteten sie nach dem Anrecht an eine Friedensstätte in der himmlischen Gottesstadt: nicht bliebe ihrem Herzen der dorngekrönte Mann ein Fremdling, der die Schlüssel nicht bloß der Hölle und des Todes, sondern auch des Paradieses tröget. Aber ihr Eden blüht, wo die Fleischtöpfe Ägyptens dampfen. – Seht, solche Verderbensmasse steckt hinter der Kreuzesfeindschaft; solche Gottentfremdung liegt dem Widerwillen gegen den Artikel von der Versöhnung in Christi Blut zum Grunde. Wie, daß diesen Leuten ein anderes Loos, als das der Verdammnis fallen könnte? Und wären sie auch den menschlich Edelsten auf Erden beizuzählen, und gebührte ihnen selbst der Ruhm eines gewissen sittlichen, ja religiösen Wollens, Strebens und Bemühens; sie verkennen doch im schnödesten Undank die Liebe Gottes, wie sie in dem Werke der Erlösung der sündigen Menschheit sich betätigte, sie unterschätzen gröblich die Anstalt, die der Ewige zur Wiederbringung der Sünder in Christi Blut gegründet hat, und entziehen sich eigenmächtig der Heilsordnung, welche Er in seiner göttlichen Machtvollkommenheit für Alle, die selig werden wollen, festgestellet und von den Dächern herab hat proklamieren lassen: und schon um dieser ihrer Auflehnung gegen Gottes Wege, Ratschlüsse und Veranstaltungen willen kann und darf, wo anders Recht, Recht bleiben soll, nur die Verwerfung und Verdammnis ihr Loos sein.

3.

Ihr seht, Paulus weint nicht um Nichts. Daß er aber weint, statt nur zu rügen und zu schelten, ist ein bedeutsamer, überaus beachtenswerter Umstand. Das Weinen lag diesem Apostel sonst nicht nah. Er war ein Mann, Held, Charakter durch und durch. Er weinte nicht, wo Andre in Tränen zerflossen wären. Wo es mit Verkennung und Schmach, mit Schimpf- und Scheltwort, oder gar mit Knütteln und Steinwürfen über ihn herging, stand er wie ein Fels im Meer, und bezeugte frei und fröhlich: “Wir rühmen uns auch der Trübsal, dieweil wir wissen, daß Trübsal Geduld bringt, Geduld aber Erfahrung, Erfahrung Hoffnung; und Hoffnung läßt nicht zu Schanden werden.” Ja, wo man ihm persönlich etwas wollte, bot er entschlossen seine Stirn, war Jedermann stets zur Verantwortung bereit, und konnte die Ruthe schwingen, – und wie furchtbar waren die Streiche seines ahndenden Ernstes und seiner vernichtenden Ironie! – aber ans Weinen dachte er da nicht. Hier aber, wo er der Kreuzesfeinde gedenkt, ist er seiner Empfindungen nicht mehr Meister. Ja, hier gehen dem sonst so starken Manne die Augen über. Uns aber werden diese seine Tränen zu einem Strome, auf welchem die Schifflein unsrer Gedanken bis in das Innerste und Verborgenste seiner Gemütswelt hinuntergleiten; und wie, daß sie von dort her anders, als schwer und reich befrachtet sollten wiederkehren können!

Paulus weint um die Verächter des Kreuzes. Er muß es mithin für nichts weniger als eine gleichgültige Sache erachten, wie man sich mit seinem Glauben und seiner Liebe zu dem gekreuzigten Christus stelle. Hätte der Apostel für uns arme Sünder noch irgendwo sonst, als in dem Blute Jesu, Hülfe und Rath gewußt, fürwahr, geweint hätte er um diejenigen nicht, die an diesem Blute vorübergingen. Nun aber spiegelt sich in seinen Tränen unzweideutiger noch, als in irgend einem seiner Worte, seine tiefe, allen Zweifeln enthobene Ueberzeugung, daß außerhalb der Glaubensgemeinschaft mit dem Gekreuzigten für die Kinder Adams an eine Seligkeit nicht zu denken sei; daß sich aber des ein Mann so tief und absolut gewiß ist, der, wie unser Paulus, sich nicht allein, wo immer er uns begegnet, als ein durch und durch klarer, nüchterner, besonnener Geist und ruhiger Denker uns bewährt, sondern der auch sein ganzes Leben hindurch, wie Wenige, mit der Religion und dem Trachten nach Gottähnlichkeit einen rechten Ernst gemacht, und alle Kräfte Leibes und der Seelen daran gesetzt hat, um im Wege der Gesetzeserfüllung, der sittlichen Selbstveredlung, und frommer Übungen aller Art, in die Gemeinschaft des Dreimalheiligen sich hineinzubringen: das muß uns doch, wofern wir etwa Pauli Glauben noch nicht teilen, im allerhöchsten Grade belangreich und des tiefsten Nachdenkens wert erscheinen. Ja, fühlt es doch, wie diese Tränen des Apostels über die Kreuzesfeinde so unendlich viel schwerer in die Waagschale der Wahrheit fallen, als alle Ein- und Widersprüche der letztern, welche ja niemals ernstlich gestrebt, mit Gott ins Reine zu kommen, noch je im Schweiße ihres Angesichts getrachtet haben, Gottes Gesetz zu halten. Die Tränen Pauli sind nächst denjenigen, die der Sohn Gottes selber einst über das ungläubige Jerusalem vergoß, das stärkste und mächtigste Zeugniß für die Tatsache, daß es, wie für die Menschheit im Ganzen, so für das einzelne Menschenkind einen Rettungsweg schlechterdings nicht gebe, außer dem einen, der in der rückhaltlosen Herzensübergabe an den Mann der Schmerzen am Kreuzesstamme uns eröffnet ward. Wer an diesem Wege sich ärgern will, und gegen den Rath, ihn einzuschlagen, sich verschließt, der, auf welchen Pfad er sonst den Fuß auch setze, ist unrettbar verloren. Er wird “das Leben nicht sehen”, denn er stößt das Leben von sich. “Er ist schon gerichtet: denn er glaubt nicht an den Namen des Sohnes Gottes.” -

“Welcher Ende ist die Verdammnis”. Der Apostel spricht’s und die hellen Tränen rollen ihm über die Wangen. Die “Verdammnis” muß mithin in seinen Augen etwas mehr doch sein, als ein wesenloses Schattenspiel an der Wand. Wäre sie ein leeres Schreckbild nur, ein Phantasmagorie zu pädagogischen Zwecken, Paulus, – kein empfindsamer Phantasiemann, – hätte bei ihrer Nennung nicht geweint. Selbst dann, vertraue ich, würden dem starken Mann die Tränen gerade noch nicht los geworden sein, wenn er sie die Verdammnis nur als ein einigermaßen noch erträgliches Loos, und etwa als einen Übergangszustand, als eine Art Läuterungsfeuer, als ein zeitweiliges Hades-Leben hätte denken dürfen. Daß er aber weinen muß, damit verrät er uns eine gar andre Anschauung. Mark und Bein erschütternd ist der Blick, den uns seine Tränen in das Feuer der Hölle thun lassen. Furchtbarer, als in irgend einem Worte der Schrift, sehn wir in ihnen die Schauer des Zustandes der Verlorenen wiederscheinen. – “Aber, mein Gott!, höre ich sagen, “allein wegen des Mankos jenes einen Glaubensartikels, daß das Blut Christi rein mache von allen Sünden, und nicht etwa um schuldig gebliebener Pflichterfüllung willen, verloren, verdammt und in die Hölle verwiesen?!” – Nein, Freunde, wie ihr euch die Sache vorstellt, verhält sie sich freilich nicht. Ihr faßt sie ganz beim unrechten Ende an. Das bloße Unterschreiben jenes Glaubensartikels ist nicht der Gegenstand, um welchen sich’s handelt. Eine lebendige, herzinnige Aneignung jenes Artikels gilt’s; an der aber hängt unendlich mehr, als ihr euch träumen lasset. Der Bruch mit der Sünde ist damit verknüpft, und der Tod des alten Menschen, und die Auferstehung des neuen, und die Wiedergeburt, und wie Manches sonst noch. Das faßt ins Auge, und das: “Welcher Ende ist die Verdammnis” wird euch schon nicht mehr so unbegreiflich erscheinen.

Paulus weint. Ja wohl, in seinen Tränen liegt der schlagendste Beweis, daß er wirklich und in vollem Ernste glaubt, es sei, wer dem Gekreuzigten den Rücken kehre, unbedingt verloren. Oft hören auch wir auf die Kreuzesfeinde schelten, und mit großem Aufwand der Stimme und des Affekts wider sie toben, donnern und rumoren. Aber daran ist mit Sicherheit noch nicht zu erkennen, ob die Eiferer in Wahrheit selbst von Herzen glauben, daß, wer zur Kreuzesfahne nicht schwöre, rettungslos dem ewigen Verderben entgegengehe. Ich denke, daß, falls sie in der Tat die Leute, wider welche sie die Geißel schwingen, im Geiste schon am Rande der Hölle schweben sähen, ihre Stimme sich in etwa wandeln, ihre Posaune abwechselnd auch weichere Töne von sich geben, ja ihr Auge zu Zeiten mit Tränen sich füllen würde. Paulus schaut die Kreuzesfeinde in jener Lage, und – schilt nicht, tobt nicht, sondern – weint. Das ist der rechte “Weltschmerz”, wie ihn allein das Christentum gebiert, welches daran zugleich ein starkes Zeugniß für die Göttlichkeit seiner Natur hat. Der “Weltschmerz” der Neuern ist das Gegenteil von jenem, und nur eine Ausgeburt des vollendetsten Egoismus; ein heimlicher Verdruß und Gram darüber, daß sie mit den Plänen ihrer Selbstsucht nicht zum Ziele kommen, und nicht selbst auf den Thronen der Erde sitzen. Der Christ, sein selbst vergessend, betaut seinen Lebenspfad mit stillen, stummen Tränen um eine Welt, die ihn vielleicht nicht kennt, und der er durch nichts Menschliches sich verwandt weiß; aber die er den Irrweg wandeln, und von den Gefahren eines ewigen Untergangs bedroht sieht; und darüber zerschmilzt ihm das Herz in Wehmut und mitleidiger Trauer. – “Er ist ein Narr!” höre ich rufen. – Nein, Freunde, in Gottes Augen, so wie auch in den Augen derer, denen noch nicht im Sumpfe der Gemeinheit aller Sinn für göttlich Wahres und göttlich Schönes verloren ging, und die noch Geistliches geistlich zu richten wissen ist er es nicht. O, seht doch, welche hehre Erscheinung, jener Paulus dort im Kerker zu Rom, bitterlich beweinend das Unglück derer, die ihn hassen, oder gar wider ihn zu Felde liegen; die er aber nichtsdestoweniger so ernstlich und so innig lieb hat, daß er wohl seine eignen, des viel Verkannten, des jetzt in Fesseln und Bande Geschlagenen, Bedrängnisse und Leiden, nicht aber das verschmerzen kann, daß jene auf die holde Stimme Dessen nicht hören wollen, der da ruft: “Kommet her zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.” – sondern Mutwillens ihrem ewigen Verderben entgegentaumeln. O, die Erscheinung dieses, eine fremde, ja feindselige Welt mit den Armen mit erbarmungsvoller Liebe umfassenden Kettenmannes: welch ein Lobebrief ist sie für das Christentum; welch ein gewaltiger Beweis für die wundertätige Macht des Worts vom Kreuze!

Vernehmen wir unter dem Eindruck der Tränen Pauli jetzt das Mahnwort, das er in unserm Textesspruche an uns ergehen läßt; welche Wucht hat es nun gewonnen, und welchen Nachdruck! “Folget mir”, (buchstäblich: seid meine Mitnachfolger, nämlich Christi:) ruft er mit der vollen Zuversicht eines Mannes, dem es göttlich versiegelt ward, und dem es darum außer Zweifel steht, daß er auf der einzig rechten Fährte sich befinde. Damit aber nicht etwa ein Verdacht stolzer Erhebung über seine Brüder auf ihn falle, fügt er, jedoch ohne sich, als dem unfehlbaren Wegweiser in dieser Sache, etwas zu vergeben, bescheiden hinzu: “Und sehet auf die, die also wandeln, wie ihr uns habt zum Vorbilde.” Und in der Tat, es rät Alles uns dazu, ihm ohne Verzug uns anzuschließen. Oder sagte euch nicht euer innerstes Gefühl, daß wir mit diesem Manne unbestritten in der besten und vertrauenswürdigsten Gesellschaft gehen, die auf Erden zu finden ist, und daß, wenn man an seiner Seite das Ziel der himmlischen Berufung verfehlen könnte, dieses Ziel gewiß auf keinem Wege zu erreichen wäre? – Und wenn die Tränen Pauli uns Eile anempfehlen bei dem Anschluß an ihn und seinen Wanderzug, so ist sein in das innerste Geheimnis seines Glaubenslebens uns einweihendes Schlußwort ganz geeignet, diese Eile noch zu beflügeln und zu einer recht freudigen zu machen. “Unser Wandel”, beginnt er, “ist im Himmel.” Das griechische Wort, von Luther “Wandel” verdolmetscht, ist ein sehr gedankenvolles, und kaum übersetzbar. “Unser Bürgerwesen” übersetzen’s Manche treffend. Der Apostel will sagen: “Dort Oben ist der Staat, dem ich angehöre, der König, dem ich diene, die Heimat, der ich entgegenpilgre; und darum droben mein Gedenken, mein Sehnen und mein ganzes Hoffen. Wie dornig hier unten unser Pfad: über freie Bergeshöhen ziehn wir hin, auf Schritt und Tritt entzückende Aussicht vor uns. Wir wandern im Anschaun des offnen Himmels, der unsrer harret, wie wir seiner. Und nicht unserm Geiste nur blüht selige Zukunft: nach Seele und Leib hat der Mann am Kreuze zu seinem Eigentum uns erkauft. Wir warten auch, (so fährt er fort) von dannen des Heilandes Jesu Christi, des Herrn, (hört, wie er Ihm hier wieder als dem Gottgleichen die volle Ehre gibt!) der unsern nichtigen Leib, (den Leib der Demütigung) verwandeln wird, daß er ähnlich werde seinem verklärten Leibe nach der Wirkung, damit er kann auch alle Dinge (der letzte Feind, der aufgehoben wird, das ist der Tod) sich untertänig machen.” – Seht, lauter Hoffnung, lauter goldne Perspektive, selbst für die irdene Hülle, den elenden Staub, den gebrechlichen, damals mit Ketten umschlossenen Gefährten seines Erdenlebens! Aber das Blut des Lammes ist es, aus welchem er alle diese Herrlichkeit, deren Wiederschein ihm schon das Dunkel seiner zeitlichen Wallfahrt so wundersam verklärt, erwachsen sieht. Ja, Himmelsleiter ist ihm Christi Kreuz; es ist ihm das Holz des Lebens, dessen Blätter zur Genesung der Heiden dienen, und der geheimnisvolle, von Gott gepflanzte Pfeiler, von welchem der ganze Bau des Heiles aller Welt getragen wird: was Wunder, daß er der Feinde dieses Kreuzes nicht anders, als mit Tränen gedenken kann?

Brüder, es galten diese Tränen vielleicht bisher auch Manchen unter uns. Nicht wahr, hinfort sollen sie uns nicht mehr gelten? – Ist’s doch, als stände heute der Herr persönlich vor einem jeglichen unter uns, und fragte, hindeutend auf seinen weinenden Apostel, wie einst der Vater der Rebekka, Angesichts des alten frommen Elieser’s, seine Tochter: “Willst du mit diesem Manne ziehn!” – Und wie, daß uns unser Herz nicht drängen sollte, ein freudiges: “Wir wollen! wir wollen!” Ihm zuzujauchzen? – Brechen wir denn entschlossen durch Alles durch, was uns die Straße zum Kreuze Christi noch verzäunen will; lenken wir, die Hand Immanuels ergreifend, ein in die hohe und heilige Bahn, in welcher wir “der Welt gekreuziget” sind, aber auch “uns die Welt”, und schlagen wir hochsinnig das nichtige Gut der Erde um die ewigen Kronschätze des Himmelreichs los, auf daß bald auch in uns, ja in uns Allen, eine Wahrheit werde, was kürzlich Einer der Unseren singen konnte:

“Und lächelnd, ohne Bitterkeit
Geh’ ich den Pfad der Schmerzen;
Der Friede einer Ewigkeit
Ruht schon in meinem Herzen.
Die Reichen haben keine Zeit,
An ihren Gott zu denken;
Ich kann in hoher Seligkeit
Mein ganzes Herz ihm schenken.
Der Erde Glück, der Erde Tand
Stört nimmer meinen Frieden;
Stracks nach dem trauten Heimatland
Richt’ ich den Lauf hieniden.”

- Amen. -

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unbekannt – Über den Abfall und die Wiederaufnahme der Begnadigten

21.07.10 (unbekannt)

Nach Heb. 6,4-8 und 10,26-31

(Von Br. J.J. in E.) (1)

Der Hebräerbrief ist an Hebräer, d.h. an Christen aus den Juden geschrieben, und zwar an Judenchristen, welche in Jerusalem und in der Nähe Jerusalems wohnten. Die Judenchristen in Jerusalem wurden nun von dem ungläubigen Teil der Judenschaft sehr gehaßt und zum Teil verfolgt. Stephanus wurde gesteinigt (Apg. 7,58); die Apostel legte man in das Gefängnis (Apg. 5,18); in Heb. 10,32-34 ist es deutlich ausgesprochen, daß die Judenchristen viel zu leiden hatten. – Nun muß man sich die apostolischen Gemeinden, auch die Gemeinde in Jerusalem, nicht so vorstellen, als ob jedes Gemeindeglied in Wahrheit und Wirklichkeit aus Gott geboren gewesen wäre. Es wurden freilich nur Gläubige aufgenommen, und wer den Glauben verleugnete, wurde ausgeschlossen. Aber unter ihnen konnte es doch noch verborgene Heuchler geben. Daher in den apostolischen Gemeinden Abfälle und Rückfälle vorkommen konnten und vorgekommen sind, so zum Beispiel hören wir von einem Hymenäus, einem Alexander, Demas, und in Apg. 20,30 sagt es der Apostel, daß solches alles vorkommen werde. Auch Johannes spricht (1. Joh. 2.19) von solchen, die von der Gemeinde ausgegangen sind, und ebenso Petrus in 2.Pet. 2,20-22 von solchen, die entflohen sind dem Unflat der Welt und wiederum in denselben verflochten werden. – Die Frage ist nun die, ob alle die Genannten, die rückfällig geworden waren, und alle die, von denen unsere Stellen handeln, als wirklich wiedergeborene Kinder Gottes zu betrachten seien. In allen Zeiten kommt es vor, daß Leute unserer Meinung nach zum Glauben kommen, bekehrt werden, Frieden gefunden zu haben scheinen, in der Gemeinde für Kinder Gottes gehalten werden, die aber dennoch später, besonders vielleicht in Zeiten der Verfolgungen und Versuchungen, von der Wahrheit abfallen und vielleicht größere Feinde der Wahrheit werden als sie vorher gewesen sind. Den Judas Ischarioth haben die Jünger, solange er nicht als ein Verräter offenbar war, noch nicht gekannt, sie haben ihn sicher für einen echten Jünger Christi gehalten; und doch erwies er sich nachher als unecht. Ist Judas je in Wahrheit ein Kind Gottes gewesen? Sind diejenigen, die Johannes in seinem ersten Brief meint, von denen er schreibt, daß sie in der Gemeinde, aber nicht von den Gläubigen gewesen seien, jemals wahre Christen gewesen? Nein! – Und so gab es auch in der jüdischen Christengemeinde zu Jerusalem solche, die in den Verfolgungen schwankend wurden, und selbst die echten Kinder Gottes hatten einen schweren Stand und bedurften des Trostes und der Mahnung, am Glauben fest zu halten, darum ihnen ja auch im 11. Kapitel die ganze Reihe der Glaubenszeugen aus dem alten Bunde vorgehalten wird. Darum auch die Mahnung in Kap. 12,1: „Lasset uns laufen durch Geduld in dem Kampf, der uns verordnet ist!“ Gewiß können auch wahre Kinder Gottes mutlos werden, können bis zu einem gewissen Grade der Trostlosigkeit und Verzweiflung anheimfallen und können damit versucht werden, wieder in die Welt zurückzufallen, wer aber in Wahrheit wiedergeboren und Gottes Kind ist, wird immer wieder zurecht kommen. Gott läßt es nicht zu, daß eines seiner Kinder verloren gehe. Viele von den gläubigen Juden in Jerusalem wurden durch die Verfolgungen in Jerusalem müde und matt und standen in der Versuchung, die Hoffnung fahren zu lassen. Man muß sich ihre Lage und ihren Stand vergegenwärtigen. Sie, die gläubigen Juden, waren keine Heiden gewesen, sondern der großen Mehrzahl nach fromme Juden; sie hatten Gottes Wort, das Alte Testament und die Verheißungen. Sie kamen durch die Predigt des Evangeliums zum Glauben an Jesum, sie schmeckten die Süßigkeit des Evangeliums, waren freudig im Glauben an Jesum, erduldeten in der ersten Zeit auch mit Freuden die Verfolgungen (10,32). Aber sie hatten nicht geahnt, als sie bekehrt wurden, daß Jesu Jünger hienieden auch seine Kreuzträger sind, sie hatten anfänglich auch noch manche falsche Hoffnungen und Erwartungen von der Wiederkunft Christi und glaubten, der Herr werde sie bald von ihrer Trübsal erlösen; dazu kam, daß auch bald Irrlehrer in der Gemeinde wühlten und sie von Christo abzubringen suchten, indem sie darauf hinwiesen, daß Jesus von Nazareth nicht der rechte Messias sein könne, sonst könne er sie nicht so lange in der Trübsal lassen usw.

Deshalb weist auch der Schreiber des Hebräerbriefes in den ersten 10 Kapiteln des Briefes nach, daß Jesus der rechte Messias sei und der wahre Hohepriester, daß die Opfer und Priester des Alten Testamentes nur Schatten und Vorbilder wären, die Erfüllung aber von allem Jesus. Jesus ist, so ist der Hauptgedanke des Hebräerbriefes, der wahre Messias, und in ihm hat Gott die höchste Offenbarung gegeben. Darum beginnt der Brief: „Gott hat am letzten in diesen Tagen zu uns geredet durch den Sohn.“ In Kapitel 1 wird dann nachgewiesen, daß Jesus höher ist als die Engel, denn es gab in den Aposteltagen Leute, die Jesum für einen Engel oder engelgleich im Rang hielten.

Christus steht auch höher als Moses (3,1-6), so viel die Juden immer von Moses halten mochten. Wie sich an jenes die Mahnung anschloß, des Wortes von Christo um so mehr zu achten, als es eben mehr sei als das durch die Engel gegebene Wort, so an dieses die Mahnung: „Heute, so ihr seine Stimme höret, verstocket eure Herzen nicht!“ Und Vers 12: „Sehet zu, liebe Brüder, daß nicht jemand ein arges, ungläubiges Herz habe, das da abtrete von dem lebendigen Gott, sondern ermahnt euch selbst alle Tage, so lange es heute heißt“; und Vers 14: „Denn wir sind Christi teilhaftig geworden, so wir anders das angefangene Wesen bis an das Ende fest behalten.“ (Aus diesem Worte würde hervorgehoben, daß der Christi teilhaftig geworden ist, der das angefangene Wesen bis an das Ende festbehält; der es nicht festhält, ist Christi niemals teilhaftig geworden.) Darum auch weiter die Mahnung: „So lasset uns nun fürchten, daß wir die Verheißung, einzukommen zu seiner Ruhe, nicht versäumen, und unser keiner dahintenbliebe.“

Gottes Kinder können mutlos, träge und lau werden, besonders wenn sie durch Irrlehrer verleitet sind, sie können durch verderbliche Lehren mitunter dahin gebracht werden, daß sie mit solchen Gedanken geplagt werden: Ist wohl alles, was Gott gesagt hat, wahr? Ist Jesus wohl Gottes Sohn? In solchen Zeiten müssen Gottes Kinder belehrt und ermahnt werden, doch ja an Jesum festzuhalten und sich nicht irre machen zu lassen. Darum der Schreiber des Hebräerbriefes einerseits nachweist, daß Jesus der wahre Messias und seine Versöhnung die wahre Versöhnung ist, und daß wir außer ihm keine Versöhnung bei Gott haben, und andererseits stark ermahnt, doch ja im Glauben an Jesus festzuhalten, damit es den Lesern nicht gehe wie einst dem Volke Israel, das in der Wüste auch Gottes Wort hatte, wenn auch nicht so deutlich, und doch umkam. So ist alles zur Lehre und zur Mahnung geschrieben.

Und nachdem der Verfasser in Kapitel 5 von dem Hohepriestertum Christi geredet, daß Jesus, der Hohepriester, mehr sei als Aaron, geht er in Kapitel 6 über zu einer sehr ernsten Vermahnung. Diese lautet, die Leser möchten bedenken, daß es unmöglich ist, die, so einmal erleuchtet sind und geschmeckt haben die himmlische Gabe und teilhaftig geworden sind des Heiligen Geistes und geschmeckt haben das gütige Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Welt, wo sie abfallen, wiederum zur Buße zu erneuern, als die ihnen selbst den Sohn Gottes kreuzigen und für Spott halten. – Es ist dabei wohl zu beachten, daß der Apostel einen angenommenen Fall hinstellt; er sagt: „Wenn sie abfallen würden …“ Und Vers 9 sagt er dann: „Wir versehen uns aber eines besseren zu euch, obwohl wir also reden.“ Es soll aber seine Mahnung zur ernsten Warnung dienen, doch ja am Glauben an Jesum festzuhalten. Wenn aber der Schreiber auch nur einen angenommenen Fall hinstellt, der bei den Hebräern damals noch nicht eingetreten war, so muß doch gesagt werden, daß solch ein Fall möglich war, daß es eintreten konnte, denn sonst hätte die Warnung keinerlei Kraft gehabt, und sicher ist, daß der Heilige Geist es nicht so macht, daß er mit Drohungen schreckt, die gar nicht möglich auszuführen sind, wie das wohl unweise Eltern mit ihren Kindern tun. Wir kommen somit zu der Hauptfrage, die uns besonders bewegt.

Die Stelle Kap. 6 lautet genauer übersetzt: „Denn es ist unmöglich, die, welche einmal erleuchtet waren, geschmeckt haben die himmlische Gabe und teilhaftig worden sind des Heiligen Geistes und geschmeckt haben das herrliche Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Welt und abgefallen sind, wiederum zur Buße zu erneuern, da sie (als die) den Sohn sich wiederum selbst kreuzigen und zum Spott ausstellen; denn die Erde, die den oftmals auf sie fallenden Regen trinkt und nützliches Kraut hervorbringt, … empfängt Segen von Gott, diejenige aber, welche Dornen und Disteln trägt, ist untauglich und dem Fluche nahe; ihr Ende ist das Verbrennen.“

Zunächst eine Erklärung dieser Textworte. – Der Hauptgedanke ist: Es ist unmöglich, die Abgefallenen wiederum zur Buße zu erneuern. Das Wörtlein „denn“ will etwas begründen. Es begründet, was der Apostel im Vorhergehenden gesagt hat, nämlich daß er nicht abermal Grund legen will mit der Buße von den toten Werken usw., sondern daß er zu dem Vollkommenen sich wenden will. Die hebräischen Christen waren in der Buße von den toten Werken, in dem Glauben an Gott, in der Lehre von der Taufe, der Handauflegung, der Auferstehung der Toten und dem ewigen Gericht genugsam unterwiesen. Die ersten Anfangsgründe der Offenbarungen Gottes hatten sie kennen gelernt. Der Zeit nach hätten sie schon Meister, Lehrer sein können. Aber sie waren in der Erkenntnis und damit in dem geistlichen Wachstum sehr zurückgeblieben. Sie, die schon längst hätten Lehrer sein sollen, bedurften noch Milch statt der starken Speise, siehe Kap. 5,11-14. Aber obschon die hebräischen Christen zurückgeblieben waren, will er doch zu den vollkommenen Lehrstücken, d.h. zu den Lehrstücken für die Vollkommenen (oder um zu der Vollkommenheit zu gelangen) fortfahren. Denn gesetzt dem Fall, daß unter den hebräischen Christen schon welche abgefallen oder rückfällig geworden waren, so wäre es doch unmöglich, sie wiederum zur Buße zu erneuern. Will der Schreiber des Hebräerbriefes nicht fortfahren, die Anfangsgründe zu lehren, sondern zur Vollkommenheit übergehen, ohne damit die Anfänger ganz liegen zu lassen, so spricht er damit die Überzeugung aus, daß es auch in solchen Gemeinden, die nur ein geringes geistliches Leben und nur eine schwache Erkenntnis haben, nicht förderlich sein kann, nur Lehrstücke für die Unvollkommenen vorzutragen; die bereits Abgefallenen werden damit nicht zur Buße erneuert und die Schwachen in der Erkenntnis kommen damit auch nicht weiter.

Das Wörtlein „denn“ begründet also, daß der Verfasser zu den Lehrstücken zur Vollkommenheit fortfahren will. Die Lehrstücke zur Vollkommenheit sind die Lehrstücke von dem ewigen Hohepriestertum und dem vollgültigen Opfer Christi. Wie es im Alten Testament einen Vorhof und ein Heiliges und ein Allerheiligstes gab, und das Heiligtum nur für die Priester war, so sind die Anfangsgründe der Buße von den toten Werken usw. gleichsam der Vorhof zum Heiligtum; aber im Heiligtum, da ist Gott, da ist das Blut, da ist das Räucherwerk, da ist man vollkommen versöhnt, geheiligt und für immerdar in Christo vollkommen gemacht (K. 10, 14). Das alttestamentliche Priestertum, Blut und Opfer konnte nicht vollkommen machen; aber in Christo ist die Vollkommenheit und das Vollkommenmachen, und zwar so sehr, daß unsererseits nichts mehr zu tun übrig bleibt. Und wer in der Erkenntnis Jesu und persönlich in der Gemeinschaft mit Jesu und durch Jesum mit Gott soweit vorgeschritten ist, daß er aus dem Vorhof in das Heiligtum Gottes und Christi eingegangen ist, der gehört auch zu den Vollkommenen. Nicht das levitische Priestertum (K. 7,11) konnte vollkommen machen, denn es konnte nicht in Wirklichkeit Sünde vergeben und kein neues Herz geben, wie sehr es das Gesetz auch lehrte; aber Jesus, der wahre Hohepriester, kann vollkommen selig machen, die durch ihn zu Gott kommen, da er immerdar lebet und für sie bittet (Heb. 7,25).

„Denn es ist unmöglich, die Abgefallenen wiederum zur Buße zu erneuern“. Einige erklären, es sei unmöglich für Menschen, durch Lehre, Vermahnung die Abgefallenen wiederum zu erneuern; aber es sei nicht unmöglich für Gott. Menschen, Prediger, selbst Apostel vermöchten es nicht; aber Gott, dem kein Ding unmöglich sei, könne sie wohl erneuern. Dieser Erklärung kann ich nicht beistimmen. Das Wort „unmöglich“ ist schlechthin bedingungslos zu nehmen. Das bleibt ja wahr, daß Menschen überhaupt niemanden bekehren können, und Prediger und Apostel sind nur Werkzeuge in Gottes Hand. – Auch der Zusammenhang verbietet jene Erklärung. Denn Vers 7 und 8 sind Gleichnisworte, um uns deutlich zu machen, daß solche Abgefallene, die den Sohn Gottes wiederum kreuzigen und zum Spott hinstellen, „unmöglich“ können wiederum erneuert werden. (Wir sprechen hier nicht über Gottes Allmacht, sondern nur darüber, was hier als Gottes Wille geschrieben steht.). Die Worte in Vers 7 und 8 machen es uns deutlich: Denn die Erde, welche oftmals den auf sie fallenden Regen trinkt und nützliches Kraut hervorbringt für die, um deretwillen sie auch bebaut wird, empfängt Segen von Gott; diejenige aber, welche Dornen und Disteln hervorbringt, ist untauglich und dem Fluche nahe; ihre Ernte ist die Verbrennung. Die Leute, will der Verfasser sagen, die erleuchtet worden sind, geschmeckt haben die himmlische Gabe usw. und dann abfallen (so abfallen, daß sie den Sohn Gottes kreuzigen und verspotten, nachdem sie ihn einmal gut erkannt hatten als Sohn Gottes), gleichen einem Acker, der wohl alle Segnungen des Himmels genossen, immerdar genug Regen gehabt hat, an dem auch alles sonstige getan ist und der doch nicht Frucht bringt. Mit einem solchen Acker handelt man schließlich wie mit dem Feigenbaum, um den genug gegraben und gedüngt war, aber der doch nicht Frucht brachte; mit einem solchen Acker handelt man wie mit dem Salze, das dumm geworden und zu nichts nütze ist; ein solcher Acker wird ganz und gar dem Fluche, der Verwüstung und dem Feuer preisgegeben. Mag man nun übersetzen V. 8: Diejenige Erde aber, welche Dornen und Disteln hervorbringt, ist untauglich und dem Fluche nahe, ihr (der Erde) Ende ist die Verbrennung; oder die letzten Worte so übersetzen: des Fluches Ende ist die Verbrennung, so bleibt in beiden Fällen der Gedanke: das Ende eines solchen unfruchtbaren Ackers ist der Fluch und die Verbrennung. Es gibt solche Äcker, die weiter zu nichts mehr nütze sind, als zu Schutt und zum Verbrennen, wie die Städte Sodom und Gomorra. Um Vers 8 abzuschwächen, hat man ihn auch wohl so erklärt: Er, dieser Acker, ist dem Fluche nahe, sein Ende ist die Verbrennung, aber nicht um ihn preiszugeben, sondern um einen solchen Acker durch Verbrennung wieder fruchtbar zu machen. Man fühlt, ein solcher Gedanke ist mehr oder weniger absichtlich in diesen Vers hineingelegt und nicht herausgeholt; man erklärt so, um damit zu beweisen, daß Gott solche Abgefallene noch wohl zur Buße erneuern könne. Ich muß diese Erklärung abweisen, einfach darum, weil sie keine Erklärung und keine Auslegung ist. Der Gedanke des Briefes an dieser Stelle ist einfach der: daß es unmöglich ist, die, welche einmal erleuchtet worden sind usw. und abgefallen sind, wiederum zur Buße zu erneuern, solche Leute sind nach dem Willen Gottes dem Fluch und dem Tode preisgegeben, wie die Erde, die trotz allem Regen des Himmels fortdauernd unfruchtbar bleibt und dem Verbrennen anheimgegeben wird.

Aber wer sind die Abgefallenen, die der Verfasser sich denkt? Sind es wahre Kinder Gottes? Sind es solche, die die Wiedergeburt erfahren hatten? Solche, die bei Gott als Kinder erkannt und angenommen waren? Deren Name in dem Buche des Lebens stand? Die den Geist der Kindschaft hatten? Auf alle diese Fragen müssen wir mit „Nein“ antworten! Es ist wohl zu beachten, daß der Verfasser wohl viele Benennungen gebraucht, um diese Leute zu kennzeichnen. Benennungen, die auch auf wahre Kinder Gottes passen, daß aber unter diesen Benennungen keine ist, womit das wahre Wesen der Gotteskindschaft bezeichnet wird. Hätte der Verfasser an wahre Kinder Gottes gedacht, dann müßte man sich wundern, warum er erst viele Benennungen der Abgefallenen angibt, und warum unter den vielen nicht ein einziges genannt wird, das allein den wahren Kindern Gottes, den Wiedergeborenen zukommt; ja, hätte der Schreiber wahre Kinder Gottes im Auge gehabt, dann hätte er sich kürzer fassen, er hätte solche Wörter gebrauchen können, die der Hebräerbrief auch sonst gebraucht für Kinder Gottes. In Kap. 2,10.13.14 und 12,5.7 gebraucht der Brief das Wort „Kinder“, Kap. 2,12.17 „Brüder“, Kap. 3,1 „Heilige Brüder, die ihr mit berufen seid durch den himmlischen Beruf“, Kap. 4,9 „Volk Gottes“, Kap. 6,17 „Erben der Verheißung“; kurz, es ist kein Ausdruck gebraucht, womit gesagt wäre, daß sie gerechtfertigte, heilige, wiedergeborene Kinder Gottes seien, oder daß sie den Geist der Kindschaft empfangen hätten; bei allen diesen letztgenannten Benennungen wäre es deutlich, daß der Verfasser sich wenigstens wahre Kinder Gottes vorgestellt hatte. Aber gerade daß er keinen von diesen Namen gebraucht, sondern nur allgemeine Benennungen, zeigt, daß hier nicht an wahre Kinder Gottes, nicht an solche gedacht ist, deren Namen in dem Himmel angeschrieben stehen. (2)

Was für Leute sind es denn, die sich der Verfasser als abgefallen denkt?

  • Es sind zunächst solche, die erleuchtet worden sind. Sie haben ihre Sünde, sie haben auch das Unvollkommene und Verkehrte des Judentums erkannt; die Decke Mosis, das Gesetz, welches Jesum verbarg, war ihnen genommen; sie hatten Jesum als Sohn Gottes und als Messias erkannt; also es waren von der Wahrheit des Evangeliums überzeugte Seelen.
  • Sie hatten ferner geschmeckt die himmlische Gabe. Ist bei dem Ausdruck „himmlische Gabe“ an besondere Gaben des Heiligen Geistes, Zungenreden, Sprachenauslegen, Wundertun und dergleichen gedacht? Oder an die himmlische Gabe, die Jesus selber ist? Obwohl ich eher annehmen möchte, daß ersteres darunter verstanden ist, will ich doch zugeben, daß unter der himmlischen Gabe auch Jesus selber verstanden werden kann, weil er sich selbst Joh. 4,10 die Gabe Gottes nennt. Aber dann bleibt es doch stehen, daß es im Text nicht heißt, daß sie die himmlische Gabe in sich aufgenommen und in sich wohnen haben, sondern daß sie die himmlische Gabe nur geschmeckt haben. Sie nippten nur an der Süßigkeit Christi. Gleich den Kriegern Gideons fingen sie einige Tropfen aus dem Strome Gottes mit ihren Händen auf und eilten weiter. Es ist nur ein Schmecken (3), aber keine Vereinigung mit Jesu; Schmecken und kosten ist noch kein Essen, kein fortdauerndes Essen, kein Essen mit Lust und Liebe, zum Lebensunterhalt, so, daß man ohne Jesum nicht mehr leben kann.
  • Sie waren teilhaftig geworden des Heiligen Geistes. Hier kann der Heilige Geist nur gemeint sein in dem Sinne, wie er öfter bei der Taufe und auch sonst auf Personen herabkam und ihnen Gaben verlieh (4). Es ist nicht der Geist der Kindschaft gemeint, der in ihren Herzen das Abba schrie, nicht der Geist der Versiegelung, womit nach Eph. 1,13.14 Kinder Gottes versiegelt werden zu ihrer Erlösung. Es ist hier mehr eine solche Mitteilung des Heiligen Geistes gedacht, wie wir sie Apg. 8 sehen. Als die Apostel den Samaritern die Hände auflegten, empfingen sie den Heiligen Geist; dieser Empfang des Heiligen Geistes war noch nicht für jeden ein Geist der Versiegelung und der Kindschaft, er war vielmehr nur der Geist der verschiedenen Geistesgaben. Aber die verschiedenen Geistesgaben sind noch nicht seligmachend. Geistlich gesinnet sein, vom Heiligen Geist getrieben werden, den Geist der Kindschaft in sich zu haben, das sind deutliche Zeichen der Gotteskindschaft, die Gaben aber des Heiligen Geistes empfangen zu haben, das macht allein noch kein Kind Gottes. Daß die Abgefallenen des Heiligen Geistes seien teilhaftig geworden, das soll nur sagen, daß sie unter die gnädigen Einflüsse des heiligen Geistes gekommen waren (5). Er, der Heilige Geist, hatte sie von der Sünde und der Wahrheit des Evangeliums überführt, hatte mit ihnen gestritten, hatte sie gewarnt, sie innerlich gestraft, sie innerlich zu überreden gesucht, sich Jesu ganz hinzugeben, aber daß sie wirklich zur gänzlichen Übergabe an Jesum gekommen, mit Jesu gestorben und begraben wären, davon ist nicht die Rede.
  • Sie, die Abgefallenen, hatten ferner geschmeckt das herrliche Wort Gottes, nämlich die Aussprüche und Verheißungen Gottes. Aber sie hatten sie auch nur geschmeckt. Sie hatten geschmeckt die Kräfte der zukünftigen Welt in den verschiedenen Krankenheilungen und Totenerweckungen, in den Bekehrungen so mancher Sünder, in den geistlichen Kräften, die auch in ihren Herzen sich regeten, daß sie deutlich inne wurden, es seien Kräfte aus jener Welt, Kräfte, die auch die stärksten und widerstrebendsten Herzen in den Staub beugten. Aber obwohl sie das alles erfahren hatten, waren die, an die der Verfasser denkt, nicht wirklich Wiedergeborene, nicht solche, deren Namen in den Himmel angeschrieben sind und die mit dem Heiligen Geist versiegelt sind.

Diese Stelle lehrt also nicht, daß wahre Kinder Gottes hier als abgefallen zu denken sind, sondern es sind nur solche hier als abgefallen gedacht, die abgefallen sind vom Bekenntnis, von der Erkenntnis und der Überzeugung der Wahrheit. Solche Leute können eine Zeitlang mit den Kindern Gottes mitgehen, in die Versammlungen kommen, vielleicht sogar in die Gemeinde der Gläubigen aufgenommen werden; wenn aber die Zeit der Anfechtung kommt, fallen sie ab vom Bekenntnis, der Gemeinschaft und der Gemeinde, sie werden offenbar, daß sie nie Kinder Gottes gewesen sind, daher sie auch nicht als von Jesu Abgefallene zu betrachten sind, denn sie sind nie wahre Kinder Gottes gewesen.

In dem Sinne, daß es Leute gibt, die eine Zeitlang mitgehen können und dann offenbar werden als solche, die nie richtig zu Jesu gestanden haben, gibt es Abgefallene, nie aber in dem Sinne, daß es einen Abfall der Erwählten gäbe, der wahren Kinder Gottes.

Es gibt ein Abfallen vom äußeren Bekenntnis, ein Abfallen von den ersten Regungen und Rührungen der Gnade (6) und des Heiligen Geistes, ein Abfallen, so daß man nicht wieder zurückkehrt zur Wahrheit, sondern wie ein Hund, der Hund war und Hund geblieben ist bei aller Dressur zurückkehrt zu seinen Gespielen und wie ein Schwein zu seinem Schmutz (7).

Es sind hier solche Abgefallenen gemeint, solche verstockte und verhärtete Menschen, die, nachdem sie die Wahrheit durch den Heiligen Geist erkannt hatten, nun mutwillig (10,26) sündigen, mutwillig wider besser Wissen und Gewissen gegen die Wahrheit angehen, so daß sie den Sohn wiederum kreuzigen und für Spott halten. – Es ist hier nicht ein Straucheln und Fallen eines Kindes Gottes gemeint. Vom Straucheln und Fallen steht man wieder auf. Petrus war gefallen, als er seinen Herrn verleugnete, aber nicht abgefallen. Der Abgefallene verleugnet, kreuzigt seinen Herrn nicht aus Schwachheit, sondern aus Haß, aus Verstockung seines Herzens. Ein solcher, der noch Reue hat über seine Sünden, ist nicht abgefallen und nicht verstockt.

Daß solch ein Fall zwar noch nicht eingetreten war bei den Hebräern gibt der Schreiber Vers 9 zu erkennen, wenn er sagt: „Wir versehen uns zwar, meine Lieben, etwas bessrers zu euch, und daß die Seligkeit näher sei, ob wir wohl also reden.“

Aber der Verfasser hat sich solch einen Abfall für die Gegenwart und für die Zukunft als möglich gedacht.

Wie wir gesehen haben, sind diejenigen, die der Verfasser des Briefes sich als Abgefallene denkt, nicht wahre Kinder Gottes oder wiedergeborene Seelen gewesen, sondern nur solche, die die Wahrheit erkannt und geschmeckt haben, die mit dem Heiligen Geist und den Kräften der zukünftigen Welt in enge Berührung gekommen sind; sie sind nicht abgefallen von Christo, als ob sie schon durch wahren Glauben mit ihm vereinigt gewesen wären, sondern sie sind abgefallen von der Wahrheit und den Wirkungen und den inneren Bezeugungen des Heiligen Geistes; sie sind wider besser Wissen und Gewissen wieder in die Welt zurückgegangen, ja ärgere Feinde des Kreuzes Christi geworden als sie zuvor waren, indem sie wiederum den Sohn Gottes kreuzigen und für Spott halten. Sie sind Spötter geworden; und weil sie so abgefallen sind, solche verstockte und verhärtete Sünder geworden sind, so ist es unmöglich, daß sie wiederum zur Buße erneuert werden.

Dieses wider besser Wissen und Gewissen, oder gegen alle äußere und innere Bezeugungen des Heiligen Geistes wiederum Kreuzigen des Sohnes Gottes, ist im Grunde nichts anders, als die Sünde wider den Heiligen Geist, die nicht mehr vergeben werden soll. Diese können nur solche begehen, die eng mit den Wirkungen des Heiligen Geistes in Berührung gekommen sind. So standen die Juden in Gefahr (Mat. 12,31.32 und Luk. 12,10), die Sünde wider den Heiligen Geist zu begehen. Wer beharrlich allen Regungen und Mahnungen des Heiligen Geistes widerstrebt, ja wider besser Wissen und Gewissen fortwährend den Heiligen Geist schmäht, lästert, da ist Verstockung eingetreten, die nicht mehr vergeben werden soll. Die Verstockung, Verhärtung des Herzens ist einerseits Sünde, weil der Mensch (wie z.B. Pharao) sein Herz gegen Gott und seinen Geist verhärtet, und andererseits ist sie bereits ein Gericht und eine Strafe Gottes über den widerstrebenden Sünder, daher es auch bei Pharao heißt: „Gott verstockte das Herz Pharaos“. Wohl betrüben auch Kinder Gottes den Heiligen Geist, indem sie nicht genug ihm Gehör schenken und etwas tun gegen sein Mahnungen; aber beharrlich und aus Haß gegen seinen Willen angehen, das können Kinder Gottes nicht. Kinder Gottes sündigen aus Schwachheit, bisweilen auch gegen die Mahnungen des Heiligen Geistes, aber beharrlich und ohne Reue können sie nicht sündigen. Wo man aber beharrlich gegen alle Mahnungen und Wirkungen des Heiligen Geistes angehen kann, und ohne Reue, ja aus Haß gegen ihn streitet und den Sohn Gottes und alles Göttliche verspottet, da ist die Sünde wider den Heiligen Geist und da ist Verstockung eingetreten. Das ist die Sünde zum Tode (1.Joh. 5,16), dafür man nicht beten soll.

Zwischen dem Abfall und der Sünde wider den Heiligen Geist oder der Verstockung des Herzens ist nur der Unterschied, daß die Sünde des Abfalls allezeit ein äußerliches Ausgegangensein aus der Welt und ein äußerliches Übergegangensein zum Christentum oder zur sichtbaren Gemeinde voraussetzt; während die Sünde wider den Heiligen Geist auch solche begehen können, die noch nicht äußerlich zum Volke Gottes übergetreten sind. So sündigten viele Juden wider den Heiligen Geist auch ohne, daß sie erst zum Christentum übertraten. Aber dem Wesen nach fällt die Sünde des Abfalls an dieser Stelle mit der Sünde wider den Heiligen Geist zusammen. Darum wird auch 10,26 diese Sünde des Abfalls ein „mutwilliges“ Sündigen genannt. „Denn so wir mutwillig sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, haben wir fürder kein ander Opfer mehr für die Sünden, sondern ein schrecklich Warten des Gerichts und des Feuereifers, der die Widersacher verzehren wird.“

Aber können wahre Kinder Gottes nicht mehr abfallen? Ist Judas, ist Hymenäus usw. nicht abgefallen? Antwort: Wahre Kinder Gottes können fallen, straucheln, aber nicht abfallen und verloren gehen. Judas, Hymenäus und welche der Apostel sonst noch nennt, sind nie wahre Kinder Gottes gewesen. Es verhält sich damit, wie es in 1.Joh. 2,19 heißt: „Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns; denn wo sie von uns gewesen wären, so wären sie ja bei uns geblieben; aber es sollte offenbar werden, daß sie nicht alle von uns sind.“ Mat. 7,22.23: „Es werden viele an jenem Tage zu mir sagen: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt? Haben wir nicht in deinem Namen Teufel ausgetrieben? Haben wir nicht in deinem Namen viele Taten getan? Dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch noch nie erkannt.“ Jesus sagt nicht: „Ich habe eine Zeitlang euch wohl gekannt, aber seitdem ihr aufhörtet in meinem Namen Taten zu tun, von da an nicht mehr“; sondern: „Ich habe euch nie erkannt.“ Solche sind also nie Kinder Gottes gewesen. Und wenn es in 2.Pet. 2,20-22 heißt: „Denn so sie entflohen sind dem Unflat der Welt durch die Erkenntnis des Herrn und Heilandes Jesu Christi, werden aber wiederum in denselben verflochten und überwunden, ist mit ihnen das Letzte ärger worden denn das Erste. Denn es wäre ihnen besser, daß sie den Weg der Gerechtigkeit nicht erkannt hätten, denn daß sie ihn erkennen und sich kehren von dem heiligen Gebot, das ihnen gegeben ist. Es ist ihnen widerfahren das wahre Sprichwort: Der Hund frisset wieder, was er gespien hat; und: Die Sau wälzet sich nach der Schwemme wieder im Kot.“; so will der Apostel damit deutlich genug sagen, daß solche Abgefallene niemals wahre Kinder Gottes gewesen sind; denn wie ein Hund allezeit ein Hund, und eine Sau allezeit eine Sau bleibt, ihre Natur sich nie ändert, so ist es mit den Leuten, die mit einem unwiedergebornen Herzen zum Christentum oder zur äußern Gemeinde sich halten, und hernach dann offenbar werden als solche, die trotz aller äußeren Besserung ein unbekehrtes Herz behalten haben.

Im Gleichnis vom Sämann lehrt Jesus viererlei Acker. Die dem Wege gleichen sind solche, die eine Zeitlang Gottes Wort mit Freuden annehmen und eine Zeitlang Christen scheinen, die aber niemals wiedergeborne erneuerte Herzen gewesen sind. Allein der gute Boden sind bußfertige, gläubige, erneuerte Herzen, die darum auch Frucht bringen. Die dem dornigen und felsigen Boden gleichen, sind solche, die zur Zeit der Anfechtung abfallen; die aber dem guten Boden gleichen sind die, die in Wahrheit und Wirklichkeit neue Kreaturen werden und wiedergeboren sind, und ihre Früchte bringen und beharren.

Man führet für den Abfall wahrer Kinder Gottes an, daß doch geschrieben steht: „Wer beharret bis ans Ende, der wird selig“. „So ihr bleiben werdet in meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger.“ Gewiß: Wer beharret bis ans Ende, der ist’s, der selig wird. An dem Beharren und dem Bleiben bei Jesu erkennt man den rechten Jünger Jesu. Solche Bibelstellen sollen uns, auch den Kindern Gottes, zur Mahnung und zur Selbstprüfung dienen; aber in solchen Aussprüchen liegt noch nicht, daß es einen Abfall der Heiligen gibt. Aber lehrt nicht das Gleichnis vom Schalksknecht (Mat. 18,23-35) einen Abfall auch der Kinder Gottes? Das Gleichnis vom Schalksknecht ist nicht anders zu verstehen als wie der Schluß des Gleichnisses sagt: „Also wir euch mein himmlischer Vater auch tun, so ihr nicht vergebet von eurem Herzen, ein jeglicher seinem Bruder seine Fehler“; und wie es Kap. 6,15: „Wo ihr aber den Menschen ihre Fehler nicht vergebet, so wird euch euer Vater eure Fehler auch nicht vergeben.“ Wenn der Mensch das Evangelium hört und die Vergebung der Sünden sich zueignen wollte, aber ohne ein gebrochenes Herz über seine Sünden zu haben und ohne durch die große Liebe und Gnade Gottes gerührt und selbst gedemütigt zu werden, und ohne dadurch zur Wiederliebe Gottes, und ohne dadurch zur wahren Nächstenliebe, und ohne auch selbst zur Übung von Barmherzigkeit getrieben zu sein; wer bei der Lehre Gottes ihm gegenüber ein hartes unbußfertiges Herz und Haß und Feindschaft in seinem Herzen gegen seinen Nächsten hält, der beweist damit, daß er kein Kind Gottes ist, niemals in Wahrheit zur Buße und zur Wiedergeburt gekommen ist. Warum heißt der Schalksknecht eben Schalksknecht? Weil er kein Kind Gottes ist, sondern nur ein Schalksknecht, sich anders Menschen gegenüber verhält, wie er es vor Gott tut. Ein solcher ist kein Kind Gottes, nie gewesen.

Die Lehre, daß auch wahre Kinder Gottes von Christo, dem sie einverleibt sind, wieder abfallen könnten, ist auch gegen die Lehre von der Bewahrung.

In 1.Pet. 1,5 ist gelehrt, daß Kinder Gottes aus Gottes Macht durch den Glauben bewahret werden zur Seligkeit.

Das griechische Wort, welches an dieser Petristelle mit „bewahret“ übersetzt ist, bedeutet die sichere Verwahrung derer, die sich in einer verschlossenen und gesicherten Festung befinden; das Wort ist aus diesem Gebiete hergenommen. Es wird an den Stellen 2.Kor. 11,32; Gal. 3,23; Phi. 4,7 gebraucht. In jedem dieser Verse haben wir die Vorstellungen einer bewaffneten Macht zu Grunde liegen. Es ist eine bewahrende und bewachende Macht da, die als Wache und Bedeckung dient; eine Macht, die das, was ihrer Obhut anbefohlen ist, wie eine Umfassungs- und Verteidigungsmauer umgibt.

Die Wache, durch welche Kinder Gottes bewahret werden, ist die Kraft und Macht Gottes selbst. Die gnädige Allmacht Gottes umgibt sie. Sie, die Kinder Gottes, werden von allen Eigenschaften Gottes umgeben, getragen und erhalten: sowohl von seiner Liebe, als von seiner Gerechtigkeit, sowohl von seiner Allwissenheit, als auch von seiner Allgegenwart, sowohl von seiner Weisheit als von seiner Wahrheit und seinem Lichte. Hier ist vor allem die Kraft (oder Macht) Gottes genannt, um den sichern Schutz gegen Feinde und Gefahren anzudeuten; Gott ist nicht allein ein sehr großer Lohn, sondern auch unser Schild. „Ich bin dein Schild und dein sehr großer Lohn.“ Als die Kinder Israels aus Ägypten zogen, war der Herr ihnen des Nachts zur Feuersäule und des Tages zur Wolkensäule, damit er ihnen in der Finsternis ein Licht und Schutz und ihnen am Tage ein Wegbereiter und Schirm gegen die Sonnenhitze sei; und je nachdem die Gefahr bald von vorne, bald von hinten drohte, war der Herr auch in der Wolke bald hinten, bald vorne. Und noch heute gilt Jes. 52,12: „Ihr sollt nicht mit Eile ausziehen, noch mit Flucht wandeln. Denn der Herr wird vor euch herziehen, und der Gott Israels wird euch sammeln“. (…) (8) „Um Jerusalem her sind Berge, und der Herr ist um sein Volk her von nun an bis in Ewigkeit.“ Jes. 26,1: „Mauer und Wehr sind das Heil unseres Gottes.“, Sach. 2,5: „Ich will eine feurige Mauer umher sein und will mich herrlich drinnen erzeigen.“. Ps. 34,8: „Der Engel des Herrn lagert sich um die her, so ihn fürchten.“ Ps. 27,5: „Er decket mich in seiner Hütte zur bösen Zeit, er verbirgt mich heimlich in seinem Gezelt.“ Ps. 31,21: „Du verbirgst, die dich fürchten, heimlich bei dir vor jedermanns Trotz; du verdeckest sie in der Hütte vor den zänkischen Zungen.“ Jes. 27,3: „Ich, der Herr, behüte ihn Tag und Nacht, daß ihm niemand Übels tue.“ Ps. 91,7: „Ob tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen.“

Die Heilige Schrift ist voll dieser köstlichen Verheißungen, daß Gott sein Volk bewahret und es sicher leitet. Die Macht Gottes ist unsere Stärke und in dieser Macht sind wir bewahret. Deshalb sind nicht wir es, die uns selbst bewahren; nein, unsere ganze Seligkeit und Errettung ruht in Gottes Händen. Zu unserem Heil gehört nicht nur Vergebung der Sünden, Gerechtigkeit, ewiges Leben, das uns aus Gnaden geschenkt ist, sondern es gehört dazu auch die Bewahrung. Daß er uns bewahrt, gehört mit zu unserm Heil. Gäbe es keine bewahrende Gnade Gottes, so stünde die Sache des Volkes Gottes noch trostlos, weil wir zu schwach sind, uns selbst zu bewahren.

Gott bewahrt nicht allein gegen Feinde von außen oder innen, gegen Satan, Welt und Sünde; er erhält, ernährt, stärkt und tröstet auch innerlich sein Volk. Seine Bewahrung ist nicht nur Schutz und Schirm, nicht nur Wache und Wehr, sondern auch Erhaltung, Stärkung, Zubereitung und Vollendung. Kinder Gottes werden nicht allein bewahret, sondern auch „tüchtig“ gemacht zum Erbteil der Heiligen im Licht (Kol. 1,12). Der Apostel Paulus ist Phi. 1,6 „in guter Zuversicht, daß, der das gute Werk angefangen hat, es auch vollführen wird bis an den Tag Jesu Christi.“ Jesus sagt zu Petrus (Luk. 22,32): Ich habe für dich gebeten, daß dein Glaube nicht aufhöre.“ Jesus sagt ferner Joh. 10,28: „Ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie mir aus meiner Hand reißen.“ Jesus, der treue Hohepriester seines Volkes bewahrt sein Volk also in Gefahren, so daß sie nimmermehr umkommen werden; er hat seine Schafe in seinen starken Allmachtshänden, so daß niemand sie ihm entreißen kann. Und der Vater (V. 29), der sie ihm gegeben hat, ist stärker denn alles; und niemand kann sie aus seines Vaters Hand reißen. Diejenige Erklärung, welche hier sagt, daß wohl kein Fremder, kein Feind mich aus Jesu Hand reißen kann, wohl ich selber, ist keine Erklärung. Ein wahres Kind kann nicht mit Ernst sich aus Gottes Hand reißen wollen, auch Petrus nicht, als er fiel. Doch wahre Kinder Gottes fallen und straucheln auf mancherlei Weise, unbewußt mehr als bewußt; sie sündigen und straucheln aus Schwachheit manchmal. Daß Kinder Gottes in Jesu Hand bleiben, liegt nicht im Wollen, in der Macht und Teuer der Kinder Gottes, sondern einzig und allein in Gottes Liebe, Treue und Macht. Seine Hand ist die starke Hand, die uns bewahrt, trägt und stärkt. Wie die sieben Sterne, die Aufseher der sieben Gemeinden, in Off. 1,20 in Jesu starker Hand gesehen wurden, so sind alle Kinder Gottes und jedes einzelne Kind Gottes besonders in Jesu und des Vaters Hand. Jes. 49,16: „Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet.“ Kinder Gottes sind in die Hand Jesu eingegraben. Jes. 43, 1-2: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöset, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Denn so du durchs Wasser gehest, will ich bei dir sein, daß dich die Ströme nicht sollen ersäufen, und so du ins Feuer gehest, sollst du nicht brennen, und die Flamme dich nicht versengen.“ Jes. 41,10: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir, weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.“

Kurz, es ist der Herr um uns her, aber auch die Kraft Gottes in uns. Christus und sein Geist wohnen in uns, den Kindern Gottes. Jesus gibt seinen Schafen Leben und volles Genüge; er ist das Brot und Wasser des Lebens; er ist der, der in uns wohnet und regieret, in uns denkt und in uns will. „Ich lebe, aber doch nicht ist, sondern Christus lebet in mir.“

Das Beharren und Bleiben in Jesu ist eine Gabe und Gnade Gottes, eine Gabe, die Christus uns durch sein Leiden und Sterben erworben hat. Christus, der Hohepriester, kann (Heb. 7,25) vollkommen selig machen alle, die durch ihn zu Gott kommen; da er immerdar lebet und für sie bittet. Jesus macht vollkommen selig, indem er sowohl rechtfertigt als heiligt, sowohl Sünden vergibt als auch ein neues Herz schenkt; indem er sowohl uns von außen bewahrt, als auch innerlich stärkt, erhält und tröstet; indem er auch der Zeit nach, also immerdar, bis an unser Ende uns selig macht; und der Grund ist, daß er der wahre und vollkommene Hohepriester ist, der vollkommen selig machen kann und weil er auch immerdar, ewig lebet und für sein Volk bittet. Also, die bewahrende Gnade liegt in Jesu und Gottes Hand.

Doch soll die Lehre von der Bewahrung der Kinder Gottes nicht zur Sicherheit des Fleisches dienen. „Wie wollen wir in der Sünde wollen leben, der wir abgestorben sind.“ Heb. 6,4-8 soll uns zur Selbstprüfung mahnen. 2.Kor. 13,5: „Versuchet euch selbst, ob ihr im Glauben seid; prüfet euch selbst.“ Die Lehre der Bewahrung dient nur zum Troste der Kinder Gottes, wenn sie so recht ihre Ohnmacht fühlen, damit sie allein auf Gott vertrauen und sich seiner Bewahrung überlassen. Aber dieser Glaube an die Bewahrung Gottes, und dieses kindliche Vertrauen und diese Hingabe an Gott hat nichts gemein mit einer fleischlichen Sicherheit, einem Leben in der Sünde, einem Leben auf Kosten der Gnade Gottes. Und darum, weil Kinder Gottes so leicht versucht werden, weltförmig zu werden, sucht derselbe Heilige Geist, der uns bewahrt und tröstet, auch zu mahnen und zu strafen, wenn wir gleichgültig werden.

Die vielen Ermahnungen der Heiligen Schrift sollen zur rechten Zeit und am rechten Ort ihre volle Kraft und ihre scharfen Spitzen behalten, aber sie sind nicht dazu da, um trostlose Kinder Gottes vollends trostlos zu machen und sie niederzuschmettern, sie sind gegen unsern alten Menschen gerichtet, und indirekt auch, um uns gesund im Glauben zu halten. Wie denn auch Leiden und Trübsal in Gottes Gnade Läuterungsfeuer sind, damit alles Unreine wegbrenne und der wahre Glaube geläutert aus dem Feuer hervorgehe, so haben die vielen Ermahnungen an Kinder Gottes den Zweck, den alten Menschen zu strafen und zu töten, die Sünde als Sünde hinzustellen , damit der inwendige Mensch je länger je mehr geläutert werde und sich bewähre als echtes Gold. Wahre Kinder Gottes lassen sich strafen und mahnen; das neue Leben beugt sich unter Gottes Wort und will Gottes Willen klar erkennen und tun; nur das Fleisch will sich nicht beugen vor der Heiligkeit Gottes, und will nicht gestraft und gemahnt sein. Darum lassen wir allen Ermahnungen Gottes ihre volle Spitze behalten.

Aber ebenso sollen wir die Lehre von der vollen Gnade und Bewahrung Gottes nicht antasten. Dadurch, daß man solche Lehre will mit der menschlichen Vernunft in Einklang bringen, bricht man dieser Lehre die Spitze ab. Gottes souveräner Wille und des Menschen Verantwortung bleibt immer für unsern Verstand ein Geheimnis. Dadurch, daß man diese Lehre auf menschliche Weise vereinen will, tut man bald an Gottes souveränem Willen, und bald an des Menschen Verantwortung zu kurz. Der selig wird, wird allein, ja allein aus Gottes Gnaden, sowohl der rechtfertigenden, heiligenden als der bewahrenden Gnade selig; wer verloren geht, ist zwar auch in Gottes Willen, aber die Schuld seines Verlorengehens hat er sich selbst zuzuschreiben, daher auch in der Hölle ein ewiges Sichselbstanklagen ist. Röm. 3,19: „Auf daß aller Mund verstopfet werde und alle Welt Gott schuldig sei.“

Wenn in einer Versammlung der Kinder Gottes der eine Redner mehr die tröstliche Seite der absoluten Gnade Gottes betont, hat ein anderer sich vielleicht mehr an Unbekehrte, oder an Gleichgültige gewendet, oder auch Kinder Gottes mehr in brüderlicher und liebevoller Weise ermahnt hat, dann soll am Schluß ein dritter Bruder nicht noch kommen, und nun beides zu vereinigen suchen. Gewöhnlich ist es, daß beiden die Spitzen abgebrochen werden und man dadurch mehr schadet, mehr abbricht, als aufbaut. Es muß nur beides schriftgemäß vorgetragen werden.

Heb. 13,20.21: „Der Gott aber des Friedens, der von den Toten ausgeführet hat den großen Hirten der Schafe durch das Blut des ewigen Testaments, unsern Herrn Jesum, der mache euch fertig, in allem guten Werk, zu tun seinen Willen, und schaffe in euch, was vor ihm wohlgefällig ist, durch Jesum Christum, welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“

Anmerkungen der Redaktion des Gärtners

1. Anmerkung: Nachstehende Arbeit wurde von einem befreundeten Bruder in Form eines Briefes als Antwort auf eine von Seiten ihm nahestehender Brüder an ihn gerichtete Frage gegeben und uns zur Veröffentlichung angeboten. Wir veröffentlichen sie als Beitrag zur Lösung einer schwierigen Frage gern, behalten uns aber ev. vor, irgend eine Differenz brüderlich auszusprechen.

2. Anm. Manche Brüder werden sich weigern, aus der Tatsache, die der liebe Bruder J. hier zu seiner Beweisführung benutzt, nämlich daß der Briefschreiber die Leute, um deren Abfall es sich handelt, nicht direkt, sondern nur indirekt benennt, allzuweitgehende Schlüsse zu ziehen. Gewiß sind hier lauter Umschreibungen benutzt, um die Abfallenden zu kennzeichnen; es wird sich aber darum handeln, ob die betreffenden Ausdrücke auf Gläubige oder auf Nichtbekehrte zu beziehen sind. Darüber würde denn das Folgende entscheiden.

3. Anm. Diese Auslegung des Wortes „Schmecken“ wird von vielen Brüdern nicht geteilt; auch uns fällt es schwer, sie anzuerkennen. Was soll man dann mit Stellen machen wie 1. Petri 2,3 (Ps. 84,9); Mat. 16,24; Joh. 8,52; Heb. 2,9, wo „Schmecken“ eben doch nichts anderes sein kann als ein gänzliches, wirkliches Erfahren der betreffenden Sachen?

4. Anm. Auch die Auffassung des Ausdrucks „teilhaftig werden des Heiligen Geistes“, wie sie der liebe Bruder J. in dem folgenden als die seinige bekennt, können wir nicht ganz teilen. Wir verstehen die Unterscheidung zwischen einem verschiedenen Empfangen des Heiligen Geistes nicht ganz.

5. Eben das scheint uns bewiesen werden zu müssen, daß der Ausdruck „der Heiligen Geistes teilhaftig werden“ nur so viel bedeutet wie „unter den gnädigen Einfluß des Geistes kommen“.

6. Anm. Die Abfallenden, an die der Hebräerbrief denkt, haben sicher mehr gehabt als erste Regungen und Rührungen der Gnade; das letztere ist eine Abschwächung der Ausdrücke, die der Schreiber oben von ihnen gebrauchte. Sie sind auch nicht nur vom Bekenntnis und der Gemeinde abgefallen.

7. Anm. Wenn man annimmt, daß die Abfallenden, die der Hebräerbrief meint, nur „erste Regungen und Rührungen der Gnade und des Geistes“ gekannt hätten, und daß sie abgefallen sind nur vom Bekenntnis der Erkenntnis und der Gemeinde, so verstehen wir unsrerseits nicht, wie ein derartiger Fall so tief sein könne, daß es kein Aufstehen mehr gibt. Wir befürchten auch, daß viele Seelen, die sich eines derartigen Abfalls von ersten Regungen und vom Bekenntnis usw. Schuld geben müssen, durch eine solche Auffassung in große Not getrieben werden möchten; sie müßten am Ende fürchten, diejenigen zu sein, für die es kein Aufstehen mehr gibt. Und das wäre doch oft sehr schade.

Antwort auf die Anmerkungen durch J.J.

Es war mir die Frage gestellt worden: Ob wahre Kinder Gottes wieder abfallen und verloren gehen könnten? Ob diese Stelle Heb. 6,4-8 diese Frage bejahe?

Die Frage ist nun die: Sind die, die in Vers 4 und 5 der Verfasser beschreibt, und als Abgefallene annimmt, wahre, wirklich wiedergeborene Kinder Gottes? Oder sind es solche, die wohl unter den Gläubigen, also in der Gemeinde waren, und für Kinder Gottes gehalten wurden, die aber doch nicht die Herzenserneuerung und Wiedergeburt erfahren hatten? Und dann meine ich, daß die Beschreibung in Vers 4 und 5 an letztere denken läßt, also an solche, die zwar viel erfahren, viel erkannt hatten, mit Jesu in enge Beziehung gekommen waren; die aber doch nicht Wirklichkeit wiedergeboren waren. Hätte der Apostel sich wahre Kinder Gottes gedacht, würde er auch noch andere, bestimmtere Ausdrücke gebraucht haben. Die Worte, welche der Verfasser gebraucht, sind stark; aber man braucht nicht notwendig an wahre Kinder Gottes dabei zu denken.

Ich habe bei der Erklärung des Wortes „schmecken“ das Wort „nippen“ gebraucht; dieses Wort mag für „kosten“ zu schwach sein, daß aber das Schmecken immer ein gänzliches Erfahren bedeutet, dem kann ich nicht zustimmen. Je nach dem Zusammenhange der Rede und je nach der Sache des Schmeckens ist das Schmecken bald mehr ein gänzliches, und bald mehr ein teilweises und graduell verschiedenes Erfahren.. So kann man den Tod nicht schmecken, ohne auch den Tod ganz zu kosten. Man kann aber wohl eine Speise ganz und teilweise und graduell verschieden kosten. Man kann auch etwas kosten und sich dann davon abwenden. Mat. 27,34: „Da Jesus den Essig schmeckte, wollte er es nicht trinken.“ Doch messe ich dem Schmecken in Heb. 6,4.5 eine große Bedeutung bei; es sagt viel. Und noch weniger will ich das Schmecken in 1.Pet. 2,3 und Ps. 34,9 abgeschwächt haben. Aber auch bei Ps. 34,9 macht Spurgeon in seiner Psalmen-Auslegung eine feine Unterscheidung. Es sagt: “ „Schmecket und sehet!“. Es gibt Dinge, namentlich in den Tiefen des religiösen Lebens, die man nur durch Erfahrung verstehen lernt und die sich auch dann niemals würdig in Worte fassen lassen. Das Schmecken geht dem Sehen voraus, aber zuweilen fällt beides zusammen, so daß unsere Augen, während und in dem Maße, als wir davon kosten, geöffnet werden.“ Hier spricht Spurgeon auch von einem verschiedenen Grade oder von einem verschiedenen Maße des Kostens. Auch macht er das Sehen abhängig vom Schmecken. Das ist auch der Gedanke des Textes. Und kann’s nicht auch geschehen, daß das Schmecken noch nicht immer eine selige und bleibende Frucht hervorbringt? Auch bei wahren Kindern Gottes sollte das Schmecken noch mehr zum Sehen treiben, mehr als es oft der Fall ist. Da sind im geistlichen Leben oft Hindernisse, so daß das Schmecken nicht immer die Frucht hat, die es haben sollte. So kann’s auch geschehen, daß jemand geschmecket hat die himmlische Gabe und das herrliche Wort Gottes und daß doch die Frucht weit hinter dem Schmecken zurückbleibt. Wohl kann es dann noch zu einer äußeren Bekehrung, zu einem anfänglich freudigen Annehmen der Wahrheit und des Herrn Jesu kommen; aber im tiefsten Grunde des Herzens, was dann vielfach kein Mensch ahnt, bleibt ein harter Felsenboden bestehen. Das zeigt sich erst, wenn Versuchung und Trübsale kommen. Ist es dann bloß ein Weichwerden, so ist das der Abfall, der hier gemeint ist, noch nicht. Da ist allemal noch Hoffnung auf Erneuerung zur Buße. Aber wo das Herz nach dem Geschmeckthaben in offene Feindschaft umschlägt, wo eine Verstockung, ein Abfall eintritt, der gleich ist mit dem Kreuzigen und Spotthalten des Sohnes Gottes, da hört alles Schmecken auf, ja das Geschmeckthaben dient dann zu größerer Verdammnis und zum Gericht.

Gewiß ist das Geschmeckthaben viel, sehr viel. Aber wie bei selbst wahren Kindern Gottes nicht alles Schmecken zur seligen Frucht treibt, so kann’s auch geschehen und geschieht es, daß jemand viel, sehr viel geschmeckt hat, so viel, daß er, wenn’s nicht zur nötigen Frucht kommt, sich nicht mehr damit entschuldigen kann, daß noch etwas hätte an ihm geschehen müssen, und daß ein solcher doch trotz alles Schmeckens die innerliche Erneuerung und Heiligung durch den Heiligen Geist und die Einwohnung des Heiligen Geistes nicht als Frucht davonträgt oder herausbringt.

Der Verfasser hat hier Leute im Auge, die so viel gekostet haben, daß, wo sie abfielen, so abfielen, daß sie den Sohn Gottes wiederum kreuzigten und zum Spott hielten, ein nochmaliges Schmecken auch keine selige Frucht mehr bringen würde. Es ist aber das Letzte und Äußerste an solchen geschehen. Es erfüllt sich dann bei ihnen, was wir 2.Pet. 2,12-22 lesen.

Daß die gedachten Abgefallenen in dieser Stelle können des Heiligen Geistes teilhaftig sein und doch vielleicht nicht wiedergeboren sein, verstehe ich so, daß es ein Unterschied ist, ob man den Heiligen Geist innerlich bleibend wohnen hat, so daß er von dem Herzen Besitz ergriffen und darüber die Herrschaft hat, und man den Geist der Kindschaft, den Geist als Pfand des ewigen Lebens und der Versiegelung hat; oder ob man nur insofern des Heiligen Geistes ist teilhaftig geworden, daß man wohl einer Erleuchtung, verschiedener Gaben, Charismatas durch den Heiligen Geist teilhaftig worden ist, und daß der Heilige Geist von außen her durchs Wort und mancherlei Erweisungen, und von innen durchs Gewissen und andere Bezeugungen zu einem spricht, einen mahnt, straft, züchtigt, auch lehrt und hinweist auf Christum; wobei es aber doch zu einer bleibenden, persönlichen Einwohnung des Heiligen Geistes und zu einer inneren Versiegelung nicht kommt. Auch bei den Kindern Israels wohnte der Heilige Geist, redete zu ihnen auf mancherlei Weise, er ließ sich nicht unbezeugt unter und in ihnen. Jes. 63,10-14: „Aber sie erbitterten und entrüsteten seinen Heiligen Geist“ usw. Nun haben die Hebräer, an welche der Brief gerichtet ist, mehr gehabt als Israel hatte; der Heilige Geist hat deutlicher Worte und herrlicher geredet in ihnen und von außen an sie herankommend. Aber ich kann nicht annehmen, daß mit dem Teilhaftigwerden des Heiligen Geistes gemeint ist, was wir Eph. 1,13.14 und Röm. 8,14-16 lesen.

Ich gestehe, daß, wenn ich in meiner Ausführung Seite 334 am Schluß sagte: Es gibt ein Abfallen vom äußeren Bekenntnis, ein Abfallen von den ersten Regungen und Rührungen der Gnade, diese Worte zu schwach sind. Was ich sagen wollte, und will, ist dieses, daß die Abgefallenen hier in dieser Stelle wohl viel empfangen hatten, mehr als augenblickliche Rührungen, und daß das Abfallen nicht nur ist ein Lauwerden oder Kaltwerden, wovon es noch eine Rettung gibt, sondern daß hier Leute gemeint sind, die zwar viel empfangen und erfahren hatten, aber doch trotzdem die Gnade der Wiedergeburt, der gänzlichen Erneuerung und Einwohnung des Heiligen Geistes nicht empfangen hatten, also in Wirklichkeit keine Kinder Gottes waren, wohl unter den Gläubigen waren, auch den Glauben bekannten, und manches, ja viel geschmeckt hatten, und doch nicht wiedergeboren waren. Ich möchte die Worte des Textes am liebsten nicht erklären, sie so stehen lassen und brauchen, wie sie da stehen; nur dieses will ich zur Erklärung sagen, daß ich persönlich in dieser Beschreibung noch nicht in Wahrheit Wiedergeborene, Geheiligte Gottes erkennen kann. Somit ist der Abfall auch mehr als ein Abfall vom Bekenntnis und der erkannten Wahrheit; es ist auch ein Abfall von Christo und seinem Geist; aber so, daß die Abfallenden keine in Christum Einverleibte, keine mit dem Heiligen Geist Besiegelte sind, keine Seelen sind, deren Namen im Himmel angeschrieben sind. Nach ihrem Bekenntnis, nach ihrem Wandel, nach dem, was sie bekannten, erfahren zu haben, mußte man sie für Kinder Gottes oder Gläubige halten, aber bei Gott sind sie nie angeschrieben gewesen, Gott hat sie allezeit durchschaut und gekannt als solche, die nicht aus dem Glauben waren, die nicht ein von Grund aus erneuerte Herz hatten. Wenn man keinen Unterschied in der Gemeinde des Herrn oder der Gläubigen macht zwischen solchen, die in Wahrheit und Wirklichkeit auch bei Gott gekannt sind als echte Kinder Gottes, und solchen, die zwar viel erfahren haben können, aber doch von Grund des Herzens nicht erneuert, nicht wiedergeboren sind, ich sage, wenn man diesen Unterschied nicht macht, sondern alle, welche in der Gemeinde hier auf Erden sind, als wahre, wiedergeborene Seelen ansieht, dann natürlich gibt es einen Abfall der Kinder Gottes nach dieser Stelle. Aber den Unterschied darf man doch machen, daß es auch in der Gemeinde des Herrn auf Erden, also unter denen, die als Gläubige und Kinder Gottes auf Erden gelten und die Gemeinde des Herrn auf Erden ausmachen, immer noch solche geben kann und gibt, die bei Gott nicht als die Seinen gekannt sind.. Es kennt der Herr die Seinen. Ich habe hier keine landeskirchliche Gemeinde im Auge, sondern solche, die nach dem Muster der apostolischen Gemeinden sich bilden.

Würde es geschehen, daß jemand, der bisher als Kind Gottes gelegt und gegolten hat, abfiele, so abfiele, daß er den Sohn Gottes leugnete und für Spott hielte, er, der doch besser überzeugt war, so haben wir unsere Meinung über ihn hintennach zu ändern. Bei dem Herrn ist er allezeit als ein Nichtkind Gottes bekannt gewesen. Irgendwo muß die Sache bei ihm nicht in Ordnung gewesen sein, im tiefsten Grunde seines Herzens ist es nicht zur gänzlichen Wiedergeburt und zur bleibenden Einwohnung des Heiligen Geistes gekommen.

Daß solche, die nach Vers 4 und 5 einmal erleuchtet sind und geschmecket haben die himmlische Gabe und teilhaftig geworden sind des Heiligen Geistes usw., wo sie abfallen, so abfallen, daß sie den Sohn Gottes kreuzigen und für Spott halten, daß solche also nicht wieder erneuert werden können zur Buße: diesen Schluß habe nicht ich gezogen, sondern hat der Verfasser selbst in Vers 6-8 ausgesprochen. Und warum ich die abgeschwächte Erklärung nicht gelten lassen kann, habe ich bereits ausgesprochen: weil es nämlich nicht da steht.

Zum Schluß: In diesem Texte ist nicht von einem Straucheln und Fallen die Rede, wie auch wahre Kinder Gottes wohl straucheln und fallen und von welchem Fallen Kinder Gottes wieder aufstehen und zurecht gebracht werden, sondern hier ist ein Abfall angenommen, von dem es kein Wiederaufstehen mehr gibt, also eine Sünde, für die auch keine Vergebung mehr ist. 1.Joh. 5,16. Dieser Abschnitt ist durch zweierlei gekennzeichnet:

  1. dadurch, daß es ein Abfall ist von einer Stufe der Gnade, wo nichts mehr fehlte, daß die Seele hätte völlig zum neuen Leben und zum bleibenden Einwohnen des Heiligen Geistes durchdringen können;
  2. dadurch, daß es kein Straucheln ist, sondern ein solcher Abfall bis zum Kreuzigen des Sohnes Gottes und ihn für Spott halten. Bei solchem Abfall ist keine Reue, und auch nachher kommt die Reue und Buße nicht zurück.

Diejenigen Seelen, welche aus Schwachheit straucheln und fallen, welche die erste Liebe verloren haben, welche rückfällig geworden sind, aber dabei noch Reue haben, sei es gleich nach der Strauchelung oder später, überhaupt alle, welche betrübt sind über ihre Sünden, die sind es nicht, die so tief gefallen wären, daß sie nicht könnten wiederum erneuert werden zur Buße. Wo dieser Abfall ist, da ist Verstockung, Verhärtung des Herzens und Feindschaft gegen Jesum und seinen Geist eingetreten. Also brauchen die sich nicht durch meine Ausführung zu beunruhigen, die noch Reue über ihre Sünden haben; oder die es beklagen, daß sie noch vielfach straucheln, oder die ersten Regungen und Rührungen verloren haben.

Diese Wahrheit bleibt unangetastet, unbeweglich stehen, und will ich hiermit laut verkündigen: daß, so wir unsere Sünden erkennen und bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Untugend.

(8) Anmerkung des Abschreibers: Hier stand eine Bibelstelle, die an der angegebenen Position nicht zu finden war - sie ist zitiert, aber ohne Stellenangabe.

Quelle: Der Gärtner Eine Wochenschrift für Gemeinde und Haus Organ freier Evangel. Gemeinden in Deutschland und der Schweiz Verantwortlicher Herausgeber: F. Fries in Witten 17. Jahrgang Bonn 1909 Verlag: Johannes Schergens G.m.b.H. Bonn a. Rhein



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Carl Olaf Rosenius – Gerecht in Jesus – Freigesprochen von aller Sünde

20.07.10 (Rosenius, Carl Olaf)

Drei Dinge müssen wir bedenken, ehe wir dieses Thema betrachten. Wer Luther gelesen hat, wird wissen, dass auch er gerade diese Dinge hervorhebt:

  1. Dieses Thema ist das größte und das wichtigste unserer christlichen Lehre.
  2. Es ist auch das schwerste, wenn es gilt, es recht zu fassen und täglich an sich selber anzuwenden.
  3. Es wird dennoch von den meisten als das leichteste angesehen. Die geistlich toten und wenig erfahrenen Menschen fühlen sich davon überzeugt, man werde baldigst mit diesem Thema fertig werden.

Die Vergebung der Sünden – das Wichtigste von allem

Dieser Artikel der Glaubenslehre, der sich mit Gottes Gnade und der Vergebung der Sünden wie auch mit unserer ewigen Gerechtigkeit in Christus befasst, ist also der größte und wichtigste von allen. Es ist das Wort von der Vergebung der Sünden, das uns zu Christen macht.

Es möge mit der übrigen christlichen Erkenntnis eines Menschen stehen wie es wolle. Ist aber das Wort von der Vergebung der Sünden eine lebendige Wirklichkeit für sein Herz geworden, dann ist er bereits ein Christ. Dann hat er bereits Gottes Geist empfangen, der ihn glücklich, froh und selig wie auch willig und geschickt zu allen guten Werken macht.

Wenn ein Mensch dagegen alles andere weiß und kann, in diesem Punkt indessen im Unklaren ist, dann ist er noch nicht ein Christ. Er mag religiös und fromm sein, aber ein Christ ist er nicht, er ist nicht von neuem geboren. Er mag viele Vorsätze fassen und beten und kämpfen, um sie zu erfüllen. Doch alles hat ein Gepräge von Unlust und Trägheit, solange das Wort von der Vergebung der Sünden nicht in seinem Herzen lebendig geworden ist.

Doch siehe auf den, der die Vergebung der Sünden besitzt! Wie froh und demütig und willig ist derjenige, der die Gewissheit der Vergebung seiner Sünden hat.

Ein Prediger mag brennend in heiligem Eifer sein. Er mag predigen und ermahnen. Ja, er kann mit den heißesten Flammen der Hölle seine Zuhörer treiben. Hat er aber nicht Christus und die Versöhnungsgnade zur Hauptsache seiner Predigten gemacht, dann ist alles vergeblich. Die Zuhörer mögen ein ganzes Stück gelernt haben. Sie können in einem gewissen Sinn erweckt sein. Aber ihr Herz ist unverändert, die Sünde behält ihren Griff. Es herrscht Tod, Trägheit und Ungeistlichkeit. Die Arbeit war fruchtlos. Das Herz ähnelt einem Acker, wo man zwar gepflügt und geeggt hat. Aber die Saat ist nicht ausgestreut, und der Regen und die Sonne sind nicht dort hingelangt.

Wendet der Prediger aber das Blatt um und verkündigt Christus den Gekreuzigten denen, die noch unter ihrer Sünde unglücklich daniederliegen, dann fängt es an, sich zu regen. Dann beginnt es zu grünen und zu knospen, und harte Herzen zerschmelzen. Sie werden weich, demütig und froh. Liebe erfüllt ihr Herz, und sie werden tauglich zu allem Guten.

Ja, es ist gerade dies – und nichts anderes – was uns selig macht. Habe ich die Vergebung meiner Sünden, dann bin ich Gottes Kind. Kann ich etwas Größeres werden oder mir etwas Besseres hier im Leben wünschen? Habe ich aber nicht die Vergebung der Sünden, was nützt mir dann alles andere!

Wie unglücklich ist der Mensch, der die Vergebung seiner Sünden nicht hat! Er ist immer unter dem Zorn und dem Fluch Gottes: bei seinem Eingang und Ausgang, im Hause und bei seiner Tätigkeit, in der Freude und in der Sorge, bei der Arbeit und in der Ruhe, im Leben und im Tode, ja, in aller Ewigkeit.

Die Vergebung der Sünden – schwer zu verstehen und zu glauben

Diesen Artikel aber recht zu verstehen ist der Christen aller schwerste Kunst. Gleichermaßen schwer ist es, jeden Tag heran festzuhalten und zu glauben, dass die Sünden wirklich vergeben sind. Wie oft sich ein Christ auch in diesem Stück übt – durch Lesen, Hören und Reden von Christus und von der Gnade, die er in ihm hat – so verbleibt er doch stets ein schwacher Schüler.

Das rührt daher, dass ein Christ täglich seine Sünde fühlt und seine Gebrechen sieht. Er erkennt den großen Mangel in seinem Christentum. Hingegen die Gnade und die Gerechtigkeit, die er in Christus hat, die sieht und fühlt er nicht. Und sein Herz – das früher so selbstsicher, getrost und stark war – ist jetzt zerschlagen, weich und schwach. Jetzt wohnt der Geist, der den Herrn fürchtet, in ihm. Und da sein Glaube jetzt in Wahrheit ein aufrichtiger und selig machender Glaube ist, so ist dieser Glaube den unausgesetzten Angriffen des Teufels ausgesetzt.

Aus alledem kommt es, dass kein wahrer Christ im Glauben so erleuchtet ist, dass er nicht zuweilen an Furcht und Besorgnissen um den Zustand seiner Seele leidet. Sogar diejenigen, die mit Engelszungen vom ewigen Wert des Blutes Christi geredet haben, sind selber oft schwach, angefochten und besorgt gewesen und haben nur mit Mühe glauben können. David, Paulus und Luther u.a.m. sind redende Beispiele hierfür.

Die Vergebung der Sünden – dies zu glauben erscheint manchen leicht

Doch dies können die meisten Menschen nicht begreifen. Nichts erscheint ihnen leichter zu glauben als gerade das Wort von der Gnade Gottes und der Vergebung der Sünden. Diesen Punkt haben sie ausgelernt, sobald sie eine deutliche und schöne Abhandlung darüber gelesen haben. Ja, sie meinen von ihrem eigenen Herzen lernen zu können, wie gnädig Gott ist, so dass sie sich nicht mehr darum zu kümmern brauchen. Jetzt handelt es sich nur darum, wie sie selber leben und tun sollen.

Von solchen redet Luther, wenn er sagt: „Dieser Artikel von der Vergebung der Sünde ist der rechten Christen allergrößte und schwerste Weisheit und Kunst, die sie ihr ganzes Leben hindurch nicht vollkommen auslernen werden; und widerfährt ihr doch die leidige Plage, dass man (die falschen Christen) keine Kunst so bald ausgelernt hat als diese; sondern wenn es jemand einmal gehört oder gelesen hat, so kann er’s und ist bald Meister und suchet darnach etwas Höheres. Ich (Luther) habe nun selbst so viele Jahre darüber gelernt, mehr denn keiner derer, die sich dünken lassen, sie können es, mit Predigen, Schreiben, Lesen usw., noch kann ich mich keiner Meisterschaft rühmen und muss froh sein, dass ich ein Schüler bleibe mit denen, die erst anfangen zu lernen.“

Aber was beweist dies, dass viele in diesem Artikel ausgelernt zu haben meinen? Ja, es beweist, dass sie entweder niemals eine wirkliche Sündenerkenntnis, ein zerschlagenes Herz und ein waches Gewissen gehabt haben, oder dass sie in Sicherheit eingeschlafen sind. Sie haben jetzt einen toten Glauben, der keiner Nahrung bedarf, einen falschen Glauben, den der Teufel anzufechten nicht der Mühe wert erachtet.

Wem das Glauben leicht fällt – der hat allen Grund aufzuwachen. Es steht nicht richtig, wenn mir dieser Artikel wie ein Spiel erscheint, wohingegen andere – auch solche, die sich am meisten im Glauben geübt haben – ihn als die schwerste Kunst erlebt haben. Da muss wahrlich ein Betrug dahinter stecken.

Doch gehen wir nun an die Betrachtung des Themas in diesem Kapitel, nämlich die Vergebung der Sünden. Das einzig Richtige, das wir tun können, ist zu untersuchen, wie der Herr selber davon redet. Was ein Mensch sagt oder meint, tut nichts zur Sache. Gott ist es, der die Sünde vergibt, und Gott „tut mit dem Seinen was er will.“

Und wer sollte – wenn es sich um eine so wichtige Sache handelt – einem anderen glauben oder vertrauen als dem eigenen Worte Gottes? Wer sollte es wagen, auf die Versicherung eines Menschen hin zu sterben und von hinnen zu fahren der geheimnisvollen Ewigkeit entgegen? Ja, wer wollte hier in der Zeit ruhig und über die Gnade Gottes froh sein, wenn er kein Wort von Gott selber besäße, an das er sich halten könne?

Kein Mensch soll uns darum sagen, wie Gott die Sünden vergibt. Das wollen wir aus seinem eigenen Munde hören. Wir wenden uns darum an die Heilige Schrift. Da wird die Vergebung der Sünden in zwei Bedeutungen besprochen: Erstens als erworben und bereits geschehen, zweitens als angenommen von und angewendet auf den einzelnen Menschen.

Die Sünden aller Menschen sind bereits vergeben

In der Heiligen Schrift sehen wir etwas, was vielen vielleicht neu und merkwürdig erscheint. Es ist ebenso wunderbar wie herrlich und ist sehr bedenkenswert, nämlich: dass die Sünden aller Menschen schon vergeben, getilgt, gesühnt sind – und das, ehe sie sich bekehrt haben und zum Glauben gekommen sind. Ihre Sünden sind also vergeben, ehe sie die Vergebung der Sünden, die ihnen erworben und angeboten ist, angenommen haben.

Was will das sagen? Ja, die Schrift sagt, dass der Sinn oder die Bedeutung der Erlösung, so durch Jesus Christus geschehen ist, gerade die Vergebung der Sünden war. Als Christus am Kreuz starb, wurden wir mit Gott versöhnt. Unsere Sünde wurde getilgt, unsere Missetat wurde versöhnt.

Wo steht das geschrieben?

Römer 5, 10 heißt es: „Wir sind mit Gott versöhnt worden durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren.“ Merke: Hier heißt es nicht, dass wir „versöhnt werden“, sondern „versöhnt wurden.“ Hier steht nicht: „Durch unsere Zerknirschung, unsere Reue, unser Gebet, unsere Bekehrung“, sondern „durch den Tod seines Sohnes.“ Es steht nicht: „Als wir seine Freunde wurden“, sondern „da wir noch Feinde waren.“

2. Korinther 5, 19-20 lesen wir: „ Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“

Epheser 1, 7 und Kolosser 1, 14 lesen wir dasselbe: „In Christus haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden.“ Klarer lässt es sich nicht sagen. Die Erlösung durch Christi Tod enthält die Vergebung der Sünden.

Der Prophet Jesaja sagt Kapitel 53, 5-6: „Der Herr warf unser aller Sünde auf Ihn… Er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt…“

So hat der heilige Gott seine Worte aufschreiben lassen. Können wir sie abändern? Seine Worte sind deutlich wie die Sonne und fest wie die Berge. Wir müssen sie nehmen, wie sie lauten. Der Herr will, dass sie bedeuten, was sie wörtlich sagen – nichts mehr und nichts weniger.

Was sagen sie uns? Ja, sie sagen, dass aller Welt Sünden, auch die der Unbekehrten und Ungläubigsten ein für allemal auf Christus geworfen wurden. Das heißt, dass sie ihm als Sünde zugerechnet wurden. Sie wurden auf seine Rechnung geschrieben und von ihm beglichen und getilgt.

Sind sie aber auf ihn geworfen, so liegen sie ja nicht länger auf den Sündern. Wenn man etwas von einer Stelle wegnimmt und auf eine andere Stelle legt, so liegt es ja nicht mehr auf der ersten Stelle. Wenn man eine Schuld von einer Rechnung auf die eines anderen geschrieben hat, so steht sie ja nicht mehr auf der ersten.

Es ist also wahr, was Luther im zweiten Hauptstück des Kleinen Katechismus sagt, „dass Jesus Christus mich verlorenen und verdammten Menschen erlöst hat, erworben, gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels, nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen und teuren Blut und seinem unschuldigen Leiden und Sterben …“ Es steht also nicht, dass er erlösen, erwerben und gewinnen wird, sondern dass er es getan hat.

Hieraus folgt, dass kein Mensch nötig hat, wegen seiner Sünden verloren zu gehen. Die Sünde ist getilgt, weggenommen, vergeben. Wer indessen die Vergebung nicht annimmt, wird nicht am Hochzeitsfest teilnehmen, obwohl die Einladung auch ihm galt.

„Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes“ (Johannes 3, 3). Wohl steht die Tür des Reiches Gottes offen, aber er ist weiterhin feindlich gegen Gott gesinnt und kann nicht und will nicht Gemeinschaft mit den wiedergeborenen Kindern haben. Obwohl Christus alle versöhnt und aller Sünden weggenommen hat, so werden dennoch nicht alle selig.

Diese Vergebung wird demjenigen gegeben, der seine Sünden bekennt

Hierdurch werden wir auf die zweite Bedeutung der Vergebung der Sünden hingewiesen. Sie ist gewöhnlicher und leichter zu verstehen. Hier handelt es sich darum, wie der einzelne Mensch die Vergebung, die für alle erworben ist, annimmt und ihrer teilhaftig wird.

1. Johannes 1, 9 lesen wir: „Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.“ Was dieses Bekennen enthält, können wir aus den Worten Davids im 32. Psalm lernen: „Denn als ich es wollte verschweigen, verschmachteten meine Gebeine durch mein tägliches Klagen…, aber ich sprach: Ich will dem Herrn meine Übertretungen bekennen. Da vergabst du mir die Schuld meiner Sünde.“

Dieses Bekennen geschieht vor dem Herrn. David sagte: Ich will dem Herrn bekennen. Demnach hatte er auch vor dem Herrn seine Sünde verschwiegen. Was will das aber sagen? Wie kann man etwas vor dem Herrn verschweigen? Ist nicht alles vor seinen Augen bloß und offenbar?

Gewiss, aber seine Sünde verschweigen heißt, sich von Gott mit seinem kranken Gewissen fernzuhalten, bis sich das Sündengefühl von selbst abkühlen soll. Erst dann sind wir willig, zum Gnadenthron zu kommen. Erst dann wagen wir es, uns vor Gott zu beugen, zu bekennen und um Vergebung zu bitten. Die ganze tote, unbußfertige Welt verschweigt ihre Sünden vor Gott. Darum ist sie unselig. Sie sieht nicht ihr volles Sündenverderben und kann darum auch nicht bekennen.

Es musste eine schwere Hungersnot in das Land kommen, in dem sich der verlorene Sohn befand. Erst dann dachte er an sein Vaterhaus zurück. Erst dann erkannte er, welche Sünde er begangen hatte, als er seinen Vater verließ und sein Erbe verscherzte. Erst dann sagte er: „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner!“ (Lukas 15, 18-19).

So hat Jesus selber die Worte gesagt, als er das Bild einer wahren Bekehrung geben wollte. Von diesen Worten lernen wir, was ein rechtes Bekenntnis und eine rechte Bekehrung ist. Der verlorene Sohn nannte keine gewisse Sünde, sondern sagte nur: Ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. Er sagte nicht: Die und jene Sünde verdient dein Missfallen. Nein, er sagte: Ich, ich bin unwürdig, hinfort dein Sohn zu heißen.

Was sollen wir daraus lernen?

Ja, es ist keine rechte Bekehrung, wo man die eine oder die andere Sünde erkennt und bekennt, sich aber daneben mit manchen guten Seiten zufrieden gibt. Nein, zu einer wahren Bekehrung gehört, dass man sich ganz und gar der Verdammnis wert fühlt.

Ferner sehen wir, dass der verlorene Sohn nicht im fremden Land verblieb. Er machte sich auf, um zu seinem Vater zu gehen. Solange man in der Sünde verbleiben und sich fern von Gott halten kann, ist die Bekehrung nicht rechter Art.

Doch beachten wir nun, was der Sohn sagte: Mache mich zu einem deiner Tagelöhner. Hier zeigen sich seine Eigengerechtigkeit und sein Unglaube. Er erwartete nicht, dass er aus lauter Gnade sein Kindesrecht wieder erhalten könne. Erst müsse er in seinem Vaterhaus ein Tagelöhner werden. Das trifft noch immer bei denen zu, die Buße tun wollen. Aber der Vater hörte nicht auf die Worte des Sohnes. Es heißt: „Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.“

O, diese unvergleichliche, göttliche Vergebung! Hätte der Vater nicht mit vollem Recht sagen können: Weiche von mir, du unwürdiger und erniedrigter Sohn! Du hast dein Erbe durchgebracht und dein Kindesrecht verscherzt!

Aber nein! Nicht ein einziges Wort des Vorwurfes wird laut. Auch nicht die geringste Form von Entschädigung wurde gefordert. Dafür wurde dem Sohn sofort das beste Kleid angetan. Er erhielt einen Fingerreif an seine Hand und Schuhe an seine Füße. Und sodann wurde ein großes Freudenfest gehalten.

So hat Christus selber die göttliche Vergebung beschrieben. So will Gott erkannt und angesehen werden. Das Vaterherz war die ganze Zeit milde und voll Vergebung auch unter dem Fernsein und der erschrecklichen Versündigung des gefallenen Sohnes. Der Vater wurde nicht durch seine Rückkehr versöhnt. Das Vaterherz war schon vorher hinreichend milde und voller Vergebung. Aber der Weggegangene hatte keinen Nutzen davon, ehe er zurückkehrte.

Hieraus lernen wir, dass Gott versöhnt ist – auch mit den Gottlosen und Unbekehrten. Christus hat auch ihre Sünden an einem einzigen Tag weggenommen. Auch ihnen ist die Gnade und Vergebung erworben. Auch ihnen gilt die helle Seide der Gerechtigkeit und das beste Kleid und wartet darauf, angenommen zu werden.

Der Bericht vom verlorenen Sohn lehrt uns auch, wann die selige Stunde eintrifft, in der ein Sünder wirklich Teil an der Vergebung und Kindesrecht bei Gott bekommt. Dies geschieht, wenn er mit all seinem Eigenen, seiner Reue, seinem Gebet und all seinen Besserungsbemühungen zu kurz gekommen ist. Das ist die Stunde, in der er zum ersten Mal seinen hilflosen Blick auf den gekreuzigten Christus richtet, wenn er zum ersten Mal sieht, dass alles bereit für ihn durch Jesus liegt und er dort genug, ja mehr als genug hat. Dies hat er niemals früher gesehen. Und wenn er dies wirklich sieht, dann hat er nicht nur „das beste Kleid“, sondern auch den „Fingerreif“, d.h. die Besiegelung dafür, dass er jetzt ein Kind im Hause und nicht nur ein Tagelöhner ist.

Wir empfangen also die Gnade, wenn wir zum ersten Mal unseren Blick auf Jesus wenden, wenn wir zum ersten Mal seinen Namen anrufen. Dies zu wissen ist wichtig. Widrigenfalls geraten wir auf einen Irrweg. Wir beginnen dann mit dem unseligen Warten auf wunderbare Gefühle und andere sichtliche Zeichen – und sodann verachten wir das Wort. Beachte deshalb, was Jesus hier sagt: Der Sohn erreichte nicht das Haus, er sprach nicht ein einziges Gebet, nicht eine einzige Träne weinte er, nicht einen einzigen Dienst erwies er, als sein Vater sich seiner erbarmte, ihm entgegen lief und ihm um den Hals fiel. Jesus sagt von sich selber: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinaus stoßen.“

Dies wird in allen vier Evangelien bestätigt. Es gibt nicht ein einziges Beispiel dafür, dass ein Sünder Jesu zu den Füßen fiel und Gnade begehrte, aber die Antwort erhielt: Nicht jetzt! Gehe hin und bekehre dich, bereue und bete noch einige Tage! Sodann kannst du zurückkommen und um Gnade bitten.

Nein, es heißt: „Wie viele ihn aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden.“ Die Wahrheit ist die, dass du alle Stunden gleich würdig und unwürdig bist. Du kannst mit deinem Gebet und deiner Reue nicht Gott dazu bewegen, sein Herz zu dir zu neigen. Der Endzweck der Bekehrung ist der, dein Herz für ihn zu erweichen, dich zu Christus zu treiben. Du hast genügend Buße und Gebet und Zerknirschung, wenn du in diesen Dingen keinen Trost erhalten kannst, sondern deinen Trost in dem suchen musst, was Jesus für dich getan hat. Seine Reue und seine Schmerzen, sein Gebet und sein Opfer geschahen für dich.

Du denkst aber: Das habe ich wohl aus dem Worte gesehen und gehört. In meinem Elend habe ich mich an den Erlöser gewandt und habe Gnade durch ihn gesucht. Ich habe im Ernst die Gnade erfleht. Ich habe sie aber noch nicht erhalten. Ich fühle sie nicht in meinem Herzen.

Wenn du auf solche Weise denkst, sagst du mit anderen Worten: Wohl ist es wahr, was Gott in der Schrift sagt, nämlich dass alle Sünden auf Christus geworfen wurden. Durch seinen Tod wurde die Sünde weggenommen und in die Tiefe des Meeres versenkt. Deshalb sagt Jesus, dass er den nicht hinaus stoßen wird, der zu ihm kommt. Aber ich glaube nicht, dass die Worte Gottes und Christi zuverlässig sind. Ich kann ihren Worten keine Bedeutung beimessen, solange mein Herz und meine Gefühle nicht das gleiche sagen.

Aber was wäre das für ein „schönes“ Bekenntnis für einen Christen? Gib deshalb auf das Wort acht und mache nicht Gott zum Lügner (1. Johannes 5, 10). Das Wort sagt, dass in dem ersten Augenblick, in dem du in deiner Sündennot und Ratlosigkeit dein Auge auf den Erhöhten richtetest, dein Name in das Buch des Lebens geschrieben wurde. Jetzt ist die Frage nur diese, ob du das glaubst. Bitte nicht öfter um die Gnade, sondern glaube an sie. Jedesmal, wenn du um Gnade um Jesu willen bittest, indessen nicht glaubst, dass du sie bereits hast, dann machst du Gott zum Lügner.

Hier ist auch zu bemerken, dass die Sündenvergebung in einer anderen Beziehung doppelt ist, nämlich: die heimliche und verborgene, aber nicht fühlbare, und zweitens die offenbare und fühlbare. Das Wort gibt dir die Zusicherung der „verborgenen Gnade.“ Sie ist ohne jegliches Gefühl. Diese verborgene Gnade erhältst du, sobald du zu Jesus kommst und nach seiner Gerechtigkeit hungerst und dürstest. Du sagst: Gott, ich komme vor deinen Thron, sieh aber nicht mich an, siehe deinen Sohn an. Bei mir ist nur Gebrechlichkeit. Alle meine Würdigkeit ist in ihm. Dann bist du schon bei Gott von allen deinen Sünden freigesprochen. Gott hat dich dann für gerecht erklärt und dich in das Buch des Lebens eingetragen. Du weißt es nur nicht. So ist die verborgene Gnade. Die „geoffenbarte“ erhältst du dann, wenn Gottes Geist zeugt mit deinem Geist, dass du Gottes Kind bist.

Bei Lukas 7, 37-50 lesen wir von der Sünderin, die im Hause Simons zu den Füßen Jesu lag. Sie hatte bereits die verborgene Vergebung, als Jesus sich an Simon mit den Worten wandte: „Ihr sind viele Sünden vergeben.“ Die offenbare Vergebung erhielt sie, als Jesus sich an sie wandte und sprach: „Dir sind deine Sünden vergeben. Gehe hin mit Frieden!“

Die Vergebung der Sünden gilt uns jeden Tag

In dem Vorangehenden haben wir gesehen, dass die Vergebung der Sünden im Tode Christi erworben wurde und durch den Glauben angenommen wird. Wir wollen jetzt eine Sache näher betrachten, die uns große Freude und großen Trost geben kann: Die Vergebung der Sünden ist unser tägliches und ewiges Eigentum. Sie kann nicht erschüttert werden, obgleich die Sünde uns weiterhin anklebt und leider auch ausbricht. Die Gnade ist nicht von unseren Werken abhängig. In uns selber sind wir alle Stunden der Verdammnis gleich würdig. Solange wir uns indessen an Christus halten, sind wir alle Stunden gleich gerecht vor Gott. Wir wollen jetzt sehen, was die Schrift hiervon sagt.

Beim Propheten Jesaja 33 spricht der Herr von dem Gnadenreich, das Christus auf Erden errichten wird. Dort nennt er Zion „die Stadt unseres Stifts“ und sagt, dass „kein Bewohner wird sagen: ‚Ich bin schwach‘; denn das Volk, das darin wohnt, wird Vergebung der Sünden haben.“

Im Psalm 89 spricht der Herr von seinem Bund mit seinem Sohn und sagt: „Wenn aber seine Söhne mein Gesetz verlassen und in meinen Rechten nicht wandeln, wenn sie meine Ordnungen entheiligen und meine Gebote nicht halten, so will ich ihre Sünde mit der Rute heimsuchen und ihre Missetat mit Plagen; aber meine Gnade will ich nicht von ihm wenden und meine Treue nicht brechen. Ich will meinen Bund nicht entheiligen und nicht ändern, was aus meinem Munde gegangen ist“ (Psalm 89, 31-35).

Im Neuen Testament heißt es bei Johannes: „Meine Kinder, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündiget. Und wenn jemand sündiget, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist. Und er ist die Versöhnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt“ (1. Johannes 2, 1-2).

Wieder und immer wieder spricht die Schrift von diesem Thema. Wir wollen uns aber hiermit genügen und es beim Betrachten der angeführten Worte bewandt sein lassen.

In dem ersten sagt der Herr, dass die Einwohner von „Jerusalem“ sich nicht zu ängstigen brauchen und sagen, sie seien schwach. Sie haben ja die Vergebung der Sünden erhalten. Die Vergebung der Sünden setzt voraus, dass Sünden und Gebrechen da sind. Sonst hieße es nicht: Vergebung der Sünden. Die Worte sagen indessen weiter, dass ihnen Sünde nicht zugerechnet werden soll, denn es heißt Vergebung. Keiner braucht sich zu ängstigen, denn was unter der Vergebung steht, an das braucht nicht mehr gedacht zu werden. Hier ist zu beachten, dass das, was mit dem Wort „Schwachheit“ bezeichnet wird, gleichzeitig auf das hinweist, was Sünde ist. Es gibt aufrichtige Gotteskinder, die sich von der Vergebung ihrer Sünden überzeugt fühlen, aber gleichzeitig erleben sie Schwachheit und Gebrechen in ihrem Leben, was sie beunruhigt. Sie vergessen, dass auch dies Sünden sind, für die sie Vergebung erhalten haben. Denn wo gibt es eine Schwachheit, die nicht gleichzeitig Sünde ist? Das Gesetz fordert den ganzen Menschen – das Herz, die Gedanken und die Gefühle. Deshalb verklagt das Gesetz auch alles, was ein Mensch tut, wenn es wider das Gesetz streitet. Alles wird zusammengefasst unter dem Begriff Sünde. Ist Gleichgültigkeit nicht eine Sünde? Ist es nicht sündlich, Unlust zum Lesen des Wortes Gottes und zum Bekennen seines Namens zu fühlen? Alles aber, was Sünde ist, gehört unter die Vergebung der Sünden. Es steht nicht, dass Christus nur die Sünde der Hand und der Zunge versöhnte, sondern alle Sünden des ganzen Menschen, welchen Namen sie auch haben. Deshalb: Solange du durch den Glauben in Christus bleibst, ist „nichts Verdammliches“ an dir (Römer 8, 1), sondern die Vergebung erstreckt sich über alles, was du bist und hast.

Über dieses Thema sagt Luther in einer Predigt am 19. Sonntag nach Trinitatis: „Man soll diese Lehre wohl fassen, dass man es gänzlich dafür halte, dass unsere Frömmigkeit vor Gott heiße: Vergebung der Sünden. Wenn der Mensch mit Gott handeln will, soll er wissen, dass da weder seine Sünde noch seine Frömmigkeit gelte.“ Es ist gewisslich nicht unwichtig, wie ich lebe und was ich tue und sage oder denke. Sobald es sich aber darum handelt, wie ich vor Gott stehe, ob ich seine Gnade habe oder wie ich sie erhalten soll, dann will ich nichts anderes sein als ein Sünder. Sodann gilt nämlich die Vergebung der Sünden auch mir. Dann will ich frisch im Glauben antworten: Habe ich Sünde, so hat Christus Gerechtigkeit. Seine Frömmigkeit ist meine Frömmigkeit. Ich sitze jetzt auf dem Thron, dahin die Sünde nicht gelangen kann. So ist die glückliche Stadt, von deren Einwohnern es heißt, dass sie Vergebung der Sünden erhalten haben.

Der 89. Psalm spricht auf eine wunderbar herrliche Weise vom Messias und seinem Reich, eigentlich vom Bund des Vaters mit seinem Sohn. Dieser Bund ist eine ewige Gnade, die denen zuteil wird, die der Sohn erlöst, erworben und gewonnen hat.

Bitte um das Licht des Geistes, wenn du diesen Psalm liest! Halte still bei jedem Vers und sieh, ob nicht dort eine teure Perle hervorleuchtet. Beachte die vielen herrlichen Namen, die der Vater seinem Sohn gibt. Der Vater sagt, „ich will ihn zum erstgeborenen Sohn machen, zum Höchsten unter den Königen auf Erden“ (V.28). Der Vater nennt seinen Sohn „meinen Auserwählten“ und „meinen Knecht David“, weil David der menschliche Stammvater des Sohnes und in manchen Beziehungen sein Vorbild war. Er sagt, er ist „ein Held“ und „ein Auserwählter aus dem Volk.“ Mit diesem Sohn hat der Herr einen Bund geschlossen – einen Bund der ewigen Gnade, nicht über ihn selbst, denn er war ja selber „der Allerhöchste“, sondern über die Gefallenen und Verlorenen. Diese Gnade sollte er ihnen, den gefallenen und verlorenen Kindern, am großen Versöhnungstage erkaufen.

Und ferner: „Die Kinder“, die an ihn glauben und in seinem Reich unter ihm bleiben und leben sollten, heißen hier „sein ewiger Same“ (V.5), „die Heiligen, die Gemeinde der Heiligen“ (V. 6,8), „die um ihn sind“ und „seine Kinder“ (V.31).

Von diesen Kindern heißt es V.16 und 17: „Wohl dem Volk, das jauchzen kann! Herr sie werden im Licht deines Antlitzes wandeln; sie werden über deinen Namen täglich fröhlich sein und in deiner Gerechtigkeit herrlich sein.“ Wie tröstlich sind diese Worte. Es heißt nicht: Sie werden in ihrer eigenen Gerechtigkeit herrlich sein, sondern in deiner Gerechtigkeit. Aber was ist das für eine Gerechtigkeit Gottes? Kein Mensch kann gerecht und noch weniger erhöht werden durch die Gerechtigkeit, in der Gott selber recht handelt und urteilt, wenn er uns nach unseren Werken richtet. Hier muss von der Gerechtigkeit die Rede sein, von der Paulus Römer 3, 21-22 spricht: „Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben.“

In dieser Gerechtigkeit soll der Gläubige erhöht werden. Denn diese Gerechtigkeit gründet sich nicht auf eigene Werke, sondern auf Christi eigene Gerechtigkeit. Doch nun mag jemand fragen: Wie mag es sein, wenn diejenigen, die die Gerechtigkeit erhalten haben, in Sünde fallen. Verlieren sie dann nicht die ihnen geschenkte Gnade? Wie handelt der Herr mit ihnen?

Hierauf antwortet der himmlische Vater auf folgende bemerkenswerte Weise: „Wenn aber seine Söhne mein Gesetz verlassen und in meinen Rechten nicht wandeln, wenn sie meine Ordnungen entheiligen und meine Gebote nicht halten, so will ich ihre Sünde mit der Rute heimsuchen und ihre Missetat mit Plagen; aber meine Gnade will ich nicht von ihm wenden und meine Treue nicht brechen. Ich will meinen Bund nicht entheiligen und nicht ändern, was aus meinem Mund gegangen ist“ (Psalm 89, 31-35).

Was bedeutet das?

Hier wird davon geredet, dass, wenn die Kinder sündigen und deshalb mit der Rute und mit Plagen heimgesucht werden, die Gnade dennoch nicht von ihm gewendet werden soll. Wer ist dieser „ihm“? Dies ist dem Zusammenhang zu entnehmen. In den Versen 28-30 heißt es: „Ich will ihm ewiglich bewahren meine Gnade, und mein Bund soll ihm seinen Thron erhalten, solange der Himmel währt.“ Die Rede ist also von dem, der im 28. Vers „der erstgeborene Sohn, der Höchste unter den Königen auf Erden“ genannt wird. Aber welcher Zusammenhang besteht zwischen der dem Sohn versprochenen Gnade und der Sünde, der sich seine Kinder schuldig machen?

Antwort: Die Gnade galt eigentlich den Kindern. Es war indessen eine Gnade, die sie durch den Sohn erhalten sollten. Der Bund und der Vertrag über diese Gnade war mit dem Sohn geschlossen. Er ist unser Bürge. Er hat unsere Schuld getilgt und die Forderungen der Gerechtigkeit erfüllt. Deshalb soll die Gnade um seinetwillen unerschütterlich feststehen, auch dann, wenn die Kinder sündigen. Gott wird ihre Sünde mit der Rute heimsuchen, aber seine Gnade wird er nicht von ihnen nehmen. Denn das wäre dasselbe, als sie von ihm zu nehmen, da Gott ja mit ihm seinen Bund geschlossen hat.

Wie Luther sagt: „Wenn Gott mir zu zürnen scheint, als wolle er mich verwerfen, dann will ich antworten: Heiliger Vater! Ehe du mich verwirfst, musst du zuerst deinen geliebten Sohn, Jesus Christus, verwerfen; denn er ist mein Bürge, mein Fürsprecher, ja, mein Lösegeld. Gilt er vor dir, dann muss auch ich frei und behalten sein.“

Dies ist dir gesagt, der du zu Jesus gekommen bist und jetzt sein Kind sein willst. Du hast festgestellt, dass du sündig bist, dass du oft fällst und dich vergehst. Du meinst, Gott müsse dich verlassen und dich in einen verkehrten Sinn gegeben haben. Doch siehe, was er tut: Wohl kann er dich wegen deiner Sünden heimsuchen, zuerst im Gewissen, solange dies genügt, und später auch äußerlich durch Trübsal in mancherlei Anfechtungen. Er kann dich inwendig und äußerlich züchtigen. Aber seine Gnade wird er nicht von dir nehmen. In Bezug auf die Gnade hat er mit dem Sohn und nicht mit dir zu handeln. Seine Gnade ist nicht von deiner Frömmigkeit abhängig und kann folglich nicht von deiner Sünde erschüttert werden. Widrigenfalls wäre es nicht Gnade. Und wenn du die Wahrheit seiner Drohungen erfährst, nämlich Heimsuchungen und Plagen, dann darfst du ebenso gewiss an die Wahrheit seiner Verheißungen glauben. Hast du gesündigt und wirst du mit der Rute und Plagen heimgesucht, darfst du ihn nicht missverstehen. Er zürnt dir nicht. Er hat dir ja im voraus gesagt, er werde dich mit Plagen heimsuchen, ohne jedoch seine Gnade von dir zu nehmen. So ist die Vereinbarung, dass wenngleich Sünden und Plagen sich einfinden, so steht die Gnade dennoch fest.

Es gibt solche, denen die Züchtigung unbekannt ist. Rute und Plagen im Gewissen erfahren sie nicht. Sie leben Tage und Wochen dahin ohne Beschwerde der Sünde. Sie können ohne Bedenken nach Ihrer Natur leben. Aber solche Menschen sind „Ausgestoßene und nicht Kinder“ (Hebräer 12, 8). Solche Menschen sind Heuchler, törichte Jungfrauen, die wohl Lampen mitgebracht haben, indessen kein Öl in denselben haben. Nein, hier reden wir von den „Kindern.“ Ihnen fällt das Glauben oftmals schwer. Sie haben ein furchtsames Gewissen. Sie suchen indessen Zuflucht bei Christus. Deshalb stehen sie unter einer beständigen Gnade, ja, einer ewigen Gnade, solange ihr Mittler Gnade hat und solange ihr Lösegeld gültig ist.

Die dritte Bibelstelle, die wir betrachten wollen, finden wir bei 1. Johannes 2, 1-2. Dort lesen wir: „Meine Kinder, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt. Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist. Und er ist die Versöhnung für unsere Sünden, nicht aber allein für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.“

Hier redet der Apostel die Gläubigen an. „Meine Kinder“, nennt er sie. Er ermahnt sie, „damit sie nicht sündigen.“ Aber gleichzeitig setzt er voraus, dass sie dennoch in Sünde fallen können: „Und wenn jemand sündigt…“

Was sagt er von einem solchen Christen? Was soll ein solcher Mensch denken oder tun? Der Apostel sagt, dass in dem Augenblick, in dem ein Gläubiger sündigt, er einen Fürsprecher bei dem Vater hat. Dessen soll er eingedenk sein. „Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist.“

Der Geist der Worte des Apostels scheint zu sein: Gerade ihr, die ihr in Christi Blut gereinigt worden seid und die Vergebung der Sünden erhalten habt, sollt wider alle Sünden wachen. Ihr sollt beten und wider die Sünde streiten. Doch wie viel ihr auch wacht und betet, so werdet ihr nicht immer feststehen können gegen die List des Teufels, der Welt Versuchungen und die Schwachheit des Fleisches. Dies ist beklagenswert. Aber gerade in einer solchen Lage hast du einen Fürsprecher bei dem Vater. Wer nicht sündigt, hat keinen Mittler und Fürsprecher nötig.

Darum: Gott will keineswegs, dass du sündigst. Er will aber noch weniger, dass du verzweifelst und untergehst. Deshalb hat er selber dir einen Fürsprecher gegeben. Ein herrlicher Trost liegt darin, dass Christus unser Fürsprecher ist, dass er sich für uns wider das Gesetz ins Mittel legt und uns vor dem Zorn beschützt. Dies lesen wir an vielen Stellen der Schrift.

Hebräer 9, 24 heißt es: „Christus ist in den Himmel selbst eingegangen, um jetzt für uns vor dem Angesicht Gottes zu erscheinen.“ Wir haben auch einen Verkläger, der uns verklagt Tag und Nacht vor unserm Gott (Offenbarung 12, 10). Er zählt unsere Sünden auf und fordert ein rechtmäßiges Urteil über sie. Sodann tritt Christus vor und antwortet: Ja, Vater, es ist wahr, dass diese Seele gesündigt hat. Sollten aber ihre Sünden dem Gesetz gemäß bestraft werden, dann muss die Strafe wieder mich treffen. Ich habe ihre Sünden auf mich genommen, und nun verlässt sie sich auf mich. Aber der himmlische Vater wird in Ewigkeit nicht den Tag vergessen, an dem er das Notgeschrei seines Sohnes auf Erden hörte. Niemals wird er dieselbe Schuld zweimal fordern. Somit ist der Sünder frei.

Johannes sagt ferner von Christus, dass er „gerecht“ ist. Was sagt das mir? Ja also: Bin ich sündig, so ist Christus gerecht und heilig. Das darf ich genug sein lassen. Seine Gerechtigkeit ist meine Gerechtigkeit geworden. Und ferner: „Er ist die Versöhnung für unsere Sünden.“ Für welche Sünden? Gewiss für alle Sünden. Sonst wäre Christus von keinem Nutzen für uns. Dann wäre er vergeblich gestorben.

Christus hat durch seinen Tod nicht nur einige Sünden gesühnt, sondern alle Sünden, getilgt. Nicht nur gedachte und erträumte Sünden, sondern wirkliche. Nicht nur geringe, sondern auch große. Nicht nur die Sünden der Hand und der Zunge, sondern auch die des Herzens und die der Gedanken. Nicht nur die vergangenen, sondern auch die gegenwärtigen. Oder wie Luther zu sagen erkühnt:

Nicht nur die überwundenen und getilgten, sondern auch die unüberwundenen und starken, gewaltigen Sünden.

Aber hier magst du vielleicht einwenden: Ja, Christus ist eine Versöhnung für die Sünden der Heiligen, als des Johannes, Petrus, Paulus und anderer solcher, aber darf ich annehmen, dass auch die meinigen vergeben sind? Hierauf antwortet Johannes mit den Worten: „…Nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.“ Zur „ganzen Welt“ gehören nicht nur Petrus, Paulus, Johannes und andere Heilige, sondern der Welt gehört alles an, was Mensch heißt. Untersuche nur, ob du ein Mensch bist, dann darfst du dessen gewiss sein, dass auch deine Sünden durch Christi Tod gesühnt und weggenommen sind.

„Aber“, dürftest du einwenden, „dessen darf ich mich wohl nicht trösten außer wenn ich wirklich fromm gewesen bin und getan habe, was das Wort Gottes fordert? Im Gegenteil, hier sagt der Apostel: Wenn jemand sündigt, dann haben wir einen Fürsprecher beim Vater.

Wir wollen gern die Versöhnungsgnade glauben und hoch schätzen. Doch trösten wir uns der Gnade nur dann, wenn wir ein gelungenes Christentum aufweisen können. Sobald wir indessen gefallen sind und schwere Sünden erkennen müssen, dann lassen wir Christus und seine Versöhnung nichts gelten. Dann ist uns, als sei Christus nur für die Gerechten gekommen. Antwort: Christus kam für die Sünder, und gerade wenn wir gesündigt haben, ist er unser Fürsprecher. Hieraus folgt, dass wir in einer beständigen Gnade sind, die nicht so schwankt und wechselt wie unsere eigene Frömmigkeit.

Dies ist die Lehre von der täglichen und ewigen Vergebung – so wie die Heilige Schrift sie darstellt. Diese Lehre ist so herrlich und tröstlich, dass kein Heuchler oder falscher Christ sie hören sollte. Wenn sie sie hören, führt sie oft zu ihrem Fall. Sie missbrauchen die Freiheit und „ziehen die Gnade unseres Gottes auf Mutwillen.“

Dennoch dürfen wir die Lehre von der Vergebung der Sünden nicht verschweigen. Sie muss zum Trost für alle elenden, schwachen und verzweifelten Herzen verkündet werden. Solche Herzen schöpfen auch aus der überfließenden Gnade nur erneute Lust und Kraft zur Heiligung. Es heißt ja, dass wer von Gott geboren ist, tut nicht Sünde. Er kann sich nicht der Sünde hingeben. Er kann sie nicht entschuldigen und verteidigen. Ihm ist daran gelegen, täglich seine Sünde zu bekennen und somit täglich der Vergebung der Sünde teilhaftig zu werden. Denn „wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.

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Johannes Calvin – Der Sinn der Wege Gottes

19.07.10 (Calvin, Jean)

Aber der Menschengeist ist zu leeren Spitzfindigkeiten geneigt, und deshalb müssen notwendig alle, die den guten, rechten Gebrauch dieser Lehre nicht erfassen, sich in verwirrte Knoten verstricken. Deshalb ist es gut, hier noch kurz zu berühren, zu welchem Zweck denn die Schrift lehrt, es werde alles von Gott angeordnet.

Zunächst ist da zu beachten, daß die Vorsehung Gottes auf die Zukunft wie auch auf die Vergangenheit bezogen werden muß. Ferner müssen wir bemerken, daß sie alle Dinge derart lenkt, daß sie bald unter Einschaltung von Mittelursachen, bald ohne solche, bald gegen alle Mittelursachen wirkt. Und endlich ist als Hauptgesichtspunkt anzusehen, daß Gott zeigen will, wie er für das ganze Menschengeschlecht sorgt, wie er aber besonders über der Regierung der Kirche wacht, die er seines näheren Anschauens würdigt. Zuzufügen ist noch das: Gewiß leuchtet aus dem ganzen Gange der Vorsehung entweder seine väterliche Huld und Wohltätigkeit oder auch der Ernst seines Gerichts oftmals deutlich auf; aber es sind dennoch die Gründe des Geschehens oft unbekannt, so daß die Meinung aufkommt, das menschliche Geschick würde durch den blinden Trieb der Natur gedreht und gewendet, oder daß das Fleisch uns zur Einrede reizt, als ob Gott die Menschen wie Bälle daherwürfe und mit ihnen sein Spiel triebe. Aber es ist doch auch wahr: wenn wir mit ruhigem und gelassenem Herzen zum Lernen bereit wären, so würde uns aus dem Ausgang schon klar werden, wie Gott mit seinem Ratschluß stets den besten Weg einschlägt, um die Seinen zur Geduld zu erziehen, oder um ihre bösen Neigungen zu bessern und ihre Geilheit zu zähmen, oder um sie zur Selbstverleugnung zu bringen, oder um sie aus dem Schlaf zu erwecken, andererseits aber auch, um die Übermütigen zu Boden zu werfen, die Tücke der Gottlosen zunichte zu machen und ihre Ränke zu zerstreuen. Und mögen uns auch trotzdem seine Gründe verborgen und fern sein, so dürfen wir sicher glauben, daß sie bei ihm verborgen sind, und deshalb mit David ausrufen: „Herr, mein Gott, groß sind deine Wunder, und deine Gedanken, die du an uns beweisest, sind nicht zu begreifen, wenn ich versuche, sie auszureden, so übersteigen sie alles Erzählen“ (Ps. 40, 6). Denn obgleich wir in Trübsalen immer unserer Sünden gedenken müssen, und obwohl die Strafe selbst uns zur Buße reizt, so sehen wir doch, wie Christus dem geheimen Ratschluß des Vaters ein noch größeres Recht zuschreibt als bloß, daß er jeden nach seinem Verdienst strafe. Denn er sagt von dem Blindgeborenen: „Weder dieser hat gesündigt, noch seine Eltern, sondern damit Gottes Herrlichkeit an ihm offenbar werde!“ (Joh. 9, 3). Da war das Unglück doch schon vor dem Tage der Geburt da, und das Gefühl sträubt sich, als ob Gott ohne Gnade Unschuldige so hart behandle. Aber Christus bezeugt, daß in diesem Ereignis die Herrlichkeit seines Vaters hervorleuchte, wenn wir nur klare Augen dazu hätten! Wir müssen eben an der Bescheidenheit festhalten, die Gott nicht zur Rechenschaft zieht; wir sollen vielmehr seine verborgenen Ratschlüsse ehren, damit uns sein Wille der gerechteste Grund aller Dinge sei! Wenn dichte Wolken den Himmel bedecken und heftiger Sturm ausbricht, so sehen unsere Augen nur traurige Finsternis, unsere Ohren betäubt der Donner, und all unsere Sinne erstarren vor Schrecken; deshalb scheint uns alles zusammenzubrechen und durcheinanderzugeraten – aber unterdessen bleibt im Himmel stets die gleiche Ruhe und Heiterkeit! So sollen wir auch festhalten: wenn uns in der Welt das Durcheinander alles Urteilen unmöglich machen will, so leitet doch Gott mit dem reinen Lichte seiner Gerechtigkeit und Weisheit selbst alle diese Bewegungen in bestimmter Ordnung und führt sie zum rechten Ziel. Es ist wahrlich eine merkwürdige Sucht, wenn manche Leute mit so großer Selbstsicherheit Gottes Werke vor ihr Gericht fordern, seine geheimen Ratschläge nachrechnen und über unbekannte Dinge jählings ein Urteil abgeben, mehr, als sie es bei Taten von sterblichen Menschen tun würden! Denn was ist verkehrter, als unsersgleichen gegenüber lieber in Bescheidenheit mit unserem Urteil zurückzuhalten, als uns den Vorwurf der Übereilung zuzuziehen, dagegen über Gottes verborgene Gerichte, die wir in Ehrfurcht betrachten sollten, frech abzuurteilen?

Gottes Walten will mit Ehrfurcht betrachtet sein!

Es wird also niemand Gottes Vorsehung recht und mit Nutzen erwägen, der nicht bedenkt, daß er es mit seinem Schöpfer und dem Wirker der Welt zu tun hat, und sich ihm dementsprechend zu Furcht und Ehrerbietung in gebührender Demut unterwirft. Daß heutzutage so viele Hunde diese Lehre mit giftigen Bissen oder wenigstens mit ihrem Gebell angreifen, das kommt daher, daß sie Gott nicht mehr zugestehen wollen, als ihnen die eigene Vernunft gebietet. Auch uns bekämpfen sie mit aller ihnen zu Gebote stehenden Frechheit, weil wir mit den Vorschriften des Gesetzes nicht zufrieden wären, in denen doch Gottes Wille niedergelegt ist, sondern auch noch behaupteten, die Welt werde durch seine verborgenen Ratschlüsse regiert. Als ob diese Lehre ein Gebild unseres Hirn wäre, als ob der Heilige Geist das alles nicht deutlich überall zu erkennen gäbe und es mit unzähligen Umschreibungen immer wiederholte! Aber sie haben eine gewisse Scheu, ihre Lästerungen gegen den Himmel auszustoßen, und deshalb geben sie, um desto freier rasen zu können, vor, es handle sich um einen Streit mit uns! Aber wenn sie nicht zugeben, daß alles Geschehen in der Welt durch Gottes unbegreiflichen Ratschluß gelenkt werde, dann sollen sie doch Auskunft geben, weshalb denn die Schrift sagt, Gottes Gerichte seien ein tiefer Abgrund! (Ps. 36, 7). Denn wenn Mose ausruft, der Wille Gottes sei nicht fern oben in den Wolken, er sei auch nicht im Abgrund zu suchen, weil er ja im Gesetz verständlich dargelegt sei (Deut. 30, 11ff.), so folgt daraus: ein anderer, verborgener Wille wird mit dem Abgrunde verglichen! Davon redet ja auch Paulus, wenn er sagt: „O, welch ein Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes; wie unerforschlich sind seine Gerichte und wie unbegreiflich seine Wege! Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt? Oder wer ist sein Ratgeber gewesen?“ (Röm. 11, 33f). Es ist wahr: Gesetz und Evangelium enthalten Geheimnisse, die weit über unser Verstehen hinausgehen. Aber Gott erleuchtet das Herz der Seinen mit dem Geiste der Erkenntnis, um diese Geheimnisse zu fassen, die er in seinem Worte zu offenbaren für gut befunden hat; und darum ist hier kein Abgrund mehr, sondern ein Weg, auf dem man sicher gehen kann, und eine Leuchte für unseren Fuß, das Licht des Lebens, die Schule gewisser und deutlicher Wahrheit! Die wundersame Art der Weltregierung dagegen heißt mit Recht Abgrund; denn wir sollen sie in ihrer Verborgenheit ehrerbietig anbeten. Beides drückt Mose sehr schön mit wenigen Worten aus: „Das Geheimnis steht bei unserem Gott; aber was hier geschrieben ist, das geht euch und eure Kinder an“ (Deut. 29, 29). Da befiehlt er, wie wir sehen, nicht nur, auf die Beobachtung des Gesetzes eifrig zu halten, sondern auch Gottes geheime Vorsehung in Ehrfurcht zu betrachten. Ein Lobpreis dieser Erhabenheit steht auch im Buche Hiob – und es ist demütigend für uns, was wir da hören! Nachdem der Verfasser das Weltgebäude droben und hienieden betrachtet und dabei großartig von den Werken Gottes geredet hat, fügt er am Ende hinzu: „Wahrlich, das ist der Umkreis seiner Wege, und wie gar wenig haben wir davon vernommen!“ (Hiob 26, 14). In diesem Sinne macht er an anderer Stelle auch einen Unterschied zwischen der Weisheit, die bei Gott wohnt, und der Art des Weiseseins, die er den Menschen geboten hat. Denn nach einer Rede über die Geheimnisse der Natur sagt er, die Weisheit sei Gott allein bekannt, und sie entgehe den Augen aller Lebendigen (Hiob 28, 21. 23). Aber dann fügt er doch gleich hinzu, sie sei kundgetan, damit der Mensch sie erforsche; denn dem Menschen sei ja gesagt: „Siehe, die Furcht des Herrn, das ist Weisheit“ (Hiob 28, 28). In dieser Richtung geht auch der Ausspruch Augustins: „Weil wir nicht alles wissen, was Gott in bester Ordnung an uns tut, so handeln wir bloß in gutem Willen nach dem Gesetz, und in allem übrigen werden wir nach dem Gesetz getrieben – denn seine Vorsehung ist ein unabänderliches Gesetz!“ Da Gott sich das Recht der Weltregierung, das uns nicht bekannt ist, selbst vorbehalten hat, so muß dies das Gesetz unserer Demut und Bescheidenheit sein, an seiner höchsten Befehlsgewalt zu hängen, damit sein Wille für uns die einzige Richtschnur der Gerechtigkeit und die gerechteste Ursache aller Dinge sei! Das ist aber nicht jener „absolute Wille“, von dem die Sophisten schwatzen, die in gottloser und unheiliger Zerspaltung seine Gerechtigkeit von seiner Macht trennen; sondern es ist die Vorsehung, die alle Dinge regiert, von welcher lauter Gutes kommt, so verborgen uns ihre Gründe auch sein mögen!

Gottes Vorsehung nimmt uns die Verantwortung nicht ab

Wem solche Bescheidenheit zuteil geworden ist, der wird weder um der Widerwärtigkeiten vergangener Zeiten willen gegen Gott murren, noch auch die Schuld für die Übeltaten auf ihn schieben, wie es Agamemnon bei Homer tut: „Ich bin dessen nicht schuld, sondern Zeus und das Schicksal!“ Er wird sich auch nicht wie jener Jüngling bei Plautus, wie vom Schicksal dahingerissen, verzweifelt ins Verderben stürzen: „Unbeständig ist das Los der Dinge, nach Willkür handelt das Schicksal am Menschen; ich will mich zum Felsen begeben, um mit meinem Leben der Sache ein Ende zu machen!“ Auch wird er nicht nach dem Beispiel eines anderen mit dem Namen Gottes seine Untaten beschönigen. So spricht es Lyconides in einer anderen Komödie (des Plautus) aus: „Gott war der Anstifter, ich glaube, die Götter haben es so gewollt; denn ich weiß: hätten sie es nicht gewollt, so wäre es nicht geschehen!“ Nein, er wird aus der Schrift forschen und lernen, was Gott gefällt, um unter Führung des Geistes danach sich auszustrecken; er wird zugleich bereit sein, Gott zu folgen, wohin er ihn ruft, und damit zeigen, daß nichts heilsamer ist, als diese Lehre zu kennen.

Gottlose Leute machen mit ihren Albernheiten einen Aufruhr, so daß sie sozusagen beinahe Himmel und Erde durcheinanderwerfen: „Wenn der Herr doch den Zeitpunkt unseres Todes bestimmt hat, so kann man ihm nicht entgehen, und alle Vorsichtsmaßnahmen sind vergebliche Mühe!“ Wenn also der eine einen Weg meidet, den er als gefährlich kennt, um nicht von Räubern umgebracht zu werden, – wenn der andere den Arzt holt und sich um Arzneien bemüht, um sein Leben zu erhalten, – oder wenn wieder ein anderer sich schwererer Speisen enthält, um seine schwache Gesundheit zu schonen, – oder wenn einer Bedenken trägt, ein baufälliges Haus zu beziehen, – oder wenn wir alle miteinander Wege ersinnen und mit großer Anstrengung überlegen, um zu bekommen, was wir begehren – dann sind das (nach ihrer Meinung) lauter sinnlose Mittel, mit denen man Gottes Willen zu ändern begehrt; oder aber Leben und Tod, Gesundheit und Krankheit, Frieden und Krieg und alles andere, das Menschen erstreben oder hassen und deshalb mit großem Fleiß zu erlangen oder fernzuhalten streben, wird gar nicht von seinem gewissen Entscheid bestimmt! Ja, man hält dann auch die Gebete der Gläubigen für verkehrt, ja für überflüssig – da man ja in ihnen um Gottes Leitung in solchen Dingen bittet, die Gott doch seit aller Ewigkeit festgelegt hat! Kurz, alle Vorkehrungen für die Zukunft hebt man auf, als im Widerspruch zu Gottes Vorsehung stehend – da diese auch ohne Rücksicht auf sie schon beschlossen habe, was geschehen soll. Und was wirklich geschieht, das schreibt man der Vorsehung Gottes derart zu, daß man dabei den Menschen entschuldigt, der es doch gewiß mit Überlegung angerichtet hat. Da bringt ein Meuchelmörder einen rechtschaffenen Bürger ums Leben – er hat, so sagt man, Gottes Rat ausgeführt! Da hat jemand gestohlen oder die Ehe gebrochen – er ist ein Knecht der Vorsehung Gottes, denn er hat getan, was von dem Herrn vorgesehen und bestimmt war! Da läßt ein leichtsinniger Sohn seinen Vater sterben, ohne sich um Heilmittel zu bemühen – er konnte ja Gott nicht widerstehen, der es von Ewigkeit her so beschlossen hatte! Auf diese Weise heißen dann alle Untaten Tugenden, weil sie ja der Anordnung Gottes dienen!

Gottes Vorsehung überhebt uns nicht der eigenen Vorsicht

Was das Zukünftige angeht, so bringt Salomo die Überlegungen der Menschen mit Gottes Vorsehung leicht zusammen. Er verspottet zwar die Torheit solcher Leute, die unüberlegt ohne den Herrn alles Mögliche angreifen, als ob sie nicht von seiner Hand regiert würden. Aber ebenso sagt er an anderer Stelle: „Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; und der Herr allein gibt, daß er fortgehe“ (Spr. 16, 9). Damit zeigt er, daß uns Gottes ewige Bestimmung in keiner Weise hindert, unter seinem Willen für uns zu sorgen und alle unsere Dinge zu beschicken. Dafür gibt es auch einen leicht erkennbaren Grund. Denn der, der unserem Leben seine Grenzen gesetzt hat, der hat zugleich uns die Sorge darum anvertraut, hat uns Verstand und Mittel gegeben, es zu erhalten, uns mit den Gefahren bekannt gemacht, die es bedrohen, und uns Vorsicht und Schutzmittel an die Hand gegeben, damit uns jene Gefahren nicht unversehens überfallen. Nun ist klar, was wir für eine Verpflichtung haben: wenn der Herr uns aufgetragen hat, unser Leben zu schützen, so sollen wir es schützen, wenn er uns Hilfsmittel darreicht, so sollen wir sie anwenden, wenn er uns die Gefahren vorher zeigt, so sollen wir nicht unbedacht hineinrennen, wenn er uns mit Heilmitteln zu Hilfe kommt, so sollen wir sie nicht geringschätzen! „Aber“ – so wirft man ein – „alle Gefahr, die mir begegnet, ist doch schicksalhaft (fatale), und da helfen keine Mittel!“ Wie aber, wenn die Gefahren deshalb nicht unvermeidlich sind, weil der Herr dir Mittel gegeben hat, ihnen entgegenzutreten und sie zu überwinden? Sieh nur zu, wie willst du eine derartige Schlußfolgerung mit der Ordnung göttlicher Leitung vereinigen? Du meinst, man solle sich vor der Gefahr nicht in acht nehmen; denn wenn sie nicht schicksalhaft (zum bösen Ausgang) bestimmt sei, dann würden wir ihr auch ohne Vorsicht entgehen. Der Herr aber macht dir die Vorsicht eben deshalb zur Pflicht, weil er nicht will, daß das Unglück dich schicksalhaft überfalle! Solche Narren ziehen eben nicht in Betracht, was doch vor Augen ist, nämlich daß der Herr dem Menschen die Fähigkeit, sich vorzusehen und in acht zu nehmen eingegeben hat, mit der er seiner Vorsehung in der Erhaltung seines Lebens dienen soll! Ebenso zieht sich der Mensch selbst durch Nachlässigkeit und Trägheit die Übel zu, die Gott damit verbunden hat. Ein vorsorglicher Mensch, der sich Hilfe sucht, entzieht sich dadurch auch drohenden Gefahren, der Narr dagegen kommt in seiner Unbedachtsamkeit um. Woher kommt das anders, als daß auch Torheit und Klugheit Werkzeuge der göttlichen Leitung sind, jede in ihrer Weise? Gott hat uns alles Zukünftige verborgen sein lassen, aber so, daß wir ihm gerade als Zweifelhaftem entgegengehen und nicht aufhören, ihm die bereiteten Mittel entgegenzustellen, bis es entweder überwunden ist oder aber sich stärker erwiesen hat als alle Sorgfalt! So habe ich ja auch schon bemerkt, daß uns Gottes Vorsehung nicht immer „bloß“ begegnet, sondern Gott bekleidet sie gewissermaßen mit den dazu angewandten Mitteln.

Gottes Vorsehung entschuldigt unsere Bosheit nicht

Dieselben Leute beziehen in verkehrter, unbedachter Weise auch die Ereignisse der Vergangenheit auf die „bloße“ Vorsehung Gottes. Weil alles, was geschieht, von dieser abhängt, so folgern sie: „Also werden weder Diebstahl, noch Ehebruch, noch Mord vollbracht, ohne daß Gottes Wille dabei wirke.“ „Weshalb also“, fragen sie, „soll ein Dieb bestraft werden, der doch einen Menschen ausplünderte, den der Herr mit Armut schlagen wollte?“ Weshalb soll man den Meuchelmörder bestrafen; er hat doch nur einen Menschen getötet, dessen Leben der Herr ein Ende gesetzt hatte? Wenn derartige Verbrecher allesamt dem Willen Gottes dienen – weshalb bestraft man sie denn?“ Aber ich bestreite ja eben, daß sie dem Willen Gottes dienen. Denn wir werden nicht zugeben, daß ein Mensch, der seinem schlechten Trieb folgt, dem Befehl Gottes seinen Dienst zuteil werden lasse; er dient doch nur seiner boshaften Begierde. Vielmehr leistet der Gott Gehorsam, der seinen Willen kennengelernt hat und dann dahin strebt, wohin er von ihm gerufen wird! Woher aber empfangen wir solche Belehrung anders als aus seinem Wort? Deshalb müssen wir in unserem Handeln den Willen Gottes so ins Auge fassen, wie er ihn uns in seinem Worte zeigt! Nur eins fordert Gott von uns: nämlich, was er geboten hat! Beschließen wir etwas wider sein Gebot, so ist das eben nicht Gehorsam, sondern Verachtung und Übertretung! „Aber wir würden doch gar nicht handeln, wenn er es nicht wollte!“ Ich gebe es zu. Aber sollen wir das Böse tun, um ihm auf diese Weise zu gehorchen? Er gebietet uns dergleichen keineswegs; vielmehr lassen wir uns hinreißen und bedenken dabei nicht, was er will, sondern sind der Unmäßigkeit unserer Begierden so wütend hingegeben, daß wir uns in festem Entschluß gegen seinen Willen stemmen! „Wir dienen doch eben deshalb mit unserem Übeltun seiner gerechten Anordnung; denn er weiß doch in seiner großen Weisheit schlechte Werkzeuge wohl und klug zum Guten zu benutzen!“ Nun sieh doch zu, wie abgeschmackt ihre Schlußfolgerung ist: sie wollen, daß der Frevel seinem Urheber ungestraft durchgehe, weil er ja nur durch Gottes Leitung zustande käme! Ich gebe noch mehr zu: Diebe und Mörder und andere Übeltäter sind tatsächlich Werkzeuge der göttlichen Vorsehung, die der Herr zur Durchführung der Gerichte gebraucht, die er bei sich beschlossen hat. Aber ich bestreite, daß deshalb die Übeltaten dieser Leute irgendeine Entschuldigung verdienen. Denn wie sollten sie eigentlich Gott mit sich in ihre Bosheit verwickeln oder mit seiner Gerechtigkeit ihre Bosheit decken? Sie können doch beides nicht! Damit sie sich nicht reinwaschen können, straft sie ihr eigenes Gewissen; damit sie nicht Gott beschuldigen, finden sie, daß das Böse ganz in ihnen steckt, bei Gott dagegen nur die rechte Benutzung ihrer Bosheit liegt! „Ja, aber er wirkt doch durch sie!“ Da frage ich nun aber: woher kommt denn der Gestank eines Aases, das von der Wärme der Sonne in Fäulnis versetzt und aufgelöst wurde? Jedermann sieht: das rufen die Sonnenstrahlen hervor; aber es wird doch deshalb kein Mensch sagen, die Sonnenstrahlen seien stinkend! Wenn also ein schlechter Mensch die Ursache und die Schuld für das Böse in sich trägt, wie soll sich dann Gott irgendeine Befleckung zuziehen, wenn er ein solches Werkzeug nach seinem Wohlgefallen benutzt? Hinweg also mit der Hundefrechheit, die Gottes Gerechtigkeit zwar anbellen, ihr aber nichts anhaben kann!

Gottes Vorsehung als Trost der Gläubigen

Aber dergleichen Lästerungen, ja wahnsinnige Hirngespinste wird eine fromme und heilige Betrachtung der Vorsehung zunichte machen, wie sie uns die Richtschnur der Frömmigkeit gebietet: so wird uns daraus die beste und lieblichste Frucht erwachsen! Da der Christ in seinem Herzen die unumstößlich gewisse Überzeugung hat, daß alles aus Gottes Führung, nichts aber aus Zufall geschieht, so wird er auf ihn als die höchste Ursache der Dinge stets die Augen richten, die untergeordneten Gründe aber an der ihnen zukommenden Stelle nicht außer acht lassen. Außerdem wird er nicht zweifeln, daß Gottes besondere Vorsehung auf der Wacht ist, ihn zu erhalten; sie wird ja nichts geschehen lassen, was ihm nicht zum Guten und zum Heil gereicht! Da er es aber zunächst mit Menschen, dann auch mit den übrigen Geschöpfen zu tun hat, so wird er gewiß sein: beide regiert Gottes Vorsehung! Was die Menschen, seien sie gut oder böse, betrifft, so wird er anerkennen: ihr Beschließen und Wollen, Versuchen und Vermögen ist in Gottes Hand, und es liegt bei seinem Wohlgefallen, das alles zu wenden, wohin er will, und auch zu hemmen, wenn immer er will!

Daß Gottes besondere Vorsehung über dem Heil der Gläubigen wacht, bezeugen sehr viele ganz klare Verheißungen: „Wirf dein Anliegen auf den Herrn, der wird dich versorgen und wird den Gerechten nicht ewiglich in Unruhe lassen“ (Ps. 55, 23). „Denn er sorgt für uns!“ (1.Petr. 5, 7). „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzet, der bleibt unter dem Schutz Gottes, der im Himmel ist“ (Ps. 91, 1). „Wer euch antastet, der tastet seinen (Gottes) Augapfel an!“ (Sach. 2, 12). „Ich will dein Schild sein (Gen. 15, 1), deine eherne Mauer“ (Jes. 26, 1; Jer. 1, 18). „Ich will feind sein denen, die dir feind sind“ (Jes. 49, 25). „Und ob auch eine Mutter ihres Kindleins vergäße, so will ich dich doch nicht vergessen“ (Jes. 49, 15). Ist es doch der wichtigste Gesichtspunkt in den Erzählungen der Bibel, zu lehren: der Herr behütet die Wege der Heiligen mit solchem Fleiß, „daß sie ihren Fuß nicht an einen Stein stoßen“ (vgl. Ps. 91, 12). Wir haben nun oben („Allgemeine“ und „besondere“ Vorsehung) mit Recht die Meinung derer abgelehnt, die bloß an eine „allgemeine“ Vorsehung Gottes denken, die sich nicht in besonderer Weise zur Fürsorge für jede einzelne Kreatur herablasse. Deshalb ist es erst recht der Mühe wert, diese „besondere“ Fürsorge an uns zu erkennen. So behauptet ja Christus, nicht einmal der geringste Sperling falle zur Erde ohne den Willen des Vaters (Matth. 10, 29), und er wendet das sofort so: da wir ja mehr sind als Sperlinge, so sollen wir uns auch um so mehr der besonderen Fürsorge Gottes versichert halten; er dehnt diese Fürsorge soweit aus, daß wir zuversichtlich glauben sollen, auch die Haare auf unserem Haupte seien alle gezählt (Matth. 10, 30). Was sollen wir uns denn noch anders wünschen, wenn doch nicht einmal ein Haar von unserem Haupte fallen kann ohne seinen Willen? Ich rede hier nicht nur (allgemein) vom Menschengeschlecht, sondern weil sich Gott die Kirche zur Wohnung erlesen hat, so erweist er unzweifelhaft in ihrer Leitung seine väterliche Fürsorge durch besondere Zeugnisse.

Durch solche Verheißungen und Beispiele gestärkt, wird der Diener Gottes auch der Zeugnisse gedenken, welche lehren, daß unter Gottes Macht alle Menschen stehen, ob nun ihr Herz uns günstig gestimmt werden soll oder ihre Bosheit in Schranken gebracht werden muß, damit sie nicht Schaden tue. Denn es ist der Herr, der uns Gnade gibt, nicht nur bei denen, die uns wohlgesinnt sind, sondern auch „in den Augen der Ägypter“ (Ex. 3, 21); die Frechheit unserer Feinde aber weiß er auf mancherlei Weise zu brechen. Zuweilen nimmt er ihnen den Verstand, damit sie nichts Kluges und Besonnenes unternehmen können. So sendet er den Satan, um zur Täuschung des Ahab den Mund aller Propheten mit Lüge zu erfüllen (1.Kön. 22, 22). Oder er führt den Rehabeam durch den Rat der Jungen in die Irre, damit er durch seine Torheit der Herrschaft verlustig ginge (1.Kön. 12, 10. 15). Manchmal läßt er ihnen den Verstand, versetzt sie aber derart in Schrecken und Betäubung, daß sie nicht mehr wollen oder vollbringen, was sie sich vorgenommen haben. Mitunter auch gestattet er ihnen zu versuchen, was ihnen Lust und Wut eingegeben haben, und hemmt dann doch zur rechten Zeit ihr Ungestüm, läßt sie nicht zum Ziele führen, was sie geplant! So macht er den Rat des Ahitophel, der dem David hätte verderblich werden können, vor der Zeit zunichte (2.Sam. 17, 7. 14). So ist es seine Sorge, alle Geschöpfe den Seinen zugut und zum Heil zu leiten, und wir sehen, wie selbst der Teufel ohne seine Erlaubnis oder Anordnung nicht wagte, den Hiob zu versuchen (Hiob 1, 12).

Wer das erkennt, bei dem wird sich notwendig herzliche Dankbarkeit bei glücklichem Erfolg, Geduld im Leiden und eine unglaubliche Gewißheit für die Zukunft einstellen. Er wird alles, was glücklich und nach seines Herzens Wunsch ihm gelingt, Gott allein zuschreiben, ob er nun seine Wohltätigkeit durch den Dienst von Menschen erfahren hat oder ob ihm von den leblosen Geschöpfen Hilfe zuteil wurde. Er wird sich in seinem Herzen sagen: Es ist gewiß der Herr, der mir ihre Seele zugeneigt und sie mir zugeführt hat, damit sie an mir zu Werkzeugen seiner Freundlichkeit würden! Er wird bei reicher Ernte denken: der Herr ist es, der den Himmel „erhört“ hat, damit der Himmel die Erde „erhöre“ und diese wieder ihre Sprößlinge (vgl. Hos. 2, 23ff.). So wird er auch in anderen Dingen nicht zweifeln, daß alles nur durch des Herrn Segen gedeiht – und, durch soviel Ursachen ermuntert, wird er nicht undankbar sein können!

Die Gewißheit um Gottes Vorsehung hilft uns in allen Widerwärtigkeiten

Trifft einen solchen Menschen etwas Widerwärtiges, so wird er auch dann alsbald das Herz zu Gott erheben; denn seine Hand vermag am besten, uns Geduld und Lindigkeit des Herzens zu verleihen. Wäre Joseph dabei stehengeblieben, die Treulosigkeit seiner Brüder zu bedenken, so hätte er ihnen gegenüber nie mehr eine brüderliche Gesinnung gewinnen können. Aber er schaute auf den Herrn, und da vergaß er das Unrecht und wurde zu Sanftmut und Barmherzigkeit geneigt, so daß er gar aus freien Stücken die Brüder tröstete und sagte: „Nicht ihr habt mich nach Ägypten verkauft, sondern Gottes Wille hat mich vor euch hergesandt, damit ich euch das Leben erhielte!“ (Gen. 45, 7ff.; summarisch). „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, Gott aber gedachte es gut zu machen!“ (Gen. 50, 20). Hätte Hiob die Chaldäer angesehen, die ihn quälten, so wäre er sofort zur Rache entflammt worden. Aber er erkennt doch (in dem Geschehen) des Herrn Werk, und da kann er sich mit dem herrlichen Satz trösten: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt!“ (Hiob 1, 21). Hätte David, als ihn Simei mit Schmähungen und Steinwürfen angriff, seine Augen auf den Menschen gerichtet, so hätte er die Seinen aufgefordert, für das (ihm geschehene) Unrecht Rache zu nehmen; aber weil er einsah, daß dieser nicht ohne des Herrn bewegende Kraft handelte, darum besänftigte er sie vielmehr und sagte: „Laßt ihn, denn der Herr hat’s ihm geheißen: Fluche David!“ (2.Sam. 16, 10). Mit dem gleichem Zügel bändigt er auch an anderer Stelle seinen unmäßigen Schmerz: „Ich will schweigen und meinen Mund nicht auftun, denn du hast’s getan“ (Ps. 39, 10). Es gibt keine kräftigere Arznei gegen Zorn und Ungeduld als diese; so hat der gewiß schon viel erreicht, der in diesem Stück Gottes Vorsehung zu betrachten gelernt hat, so daß er sich immer wieder sagen kann: Der Herr hat es gewollt, deshalb muß ich es tragen, nicht nur, weil ich nicht widerstreben soll, sondern auch weil er ja nichts will, als was recht und heilsam ist! Kurz, wenn wir von Menschen unbillig verletzt worden sind, so sollen wir ihre Bosheit nicht weiter beachten, – sie würde nur unseren Schmerz verschärfen und unser Herz zur Rache anreizen! – sondern uns zu Gott erheben und lernen, aufs gewisseste daran festzuhalten: was der Feind uns in seiner Bosheit zugefügt hat, das hat Gott in gerechter Fügung zugelassen, ja geschickt! Paulus erinnert uns, um uns von der Wiedervergeltung des Bösen abzuschrecken, mit Recht daran, daß wir „nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen haben“, sondern mit dem geistlichen Feinde, dem Teufel; gegen den sollen wir uns zum Kampfe rüsten! (Eph. 6, 12). Das aber ist die beste Ermahnung zum Dämpfen aller aufwallenden Rachsucht: daß Gott selbst den Teufel wie auch alle Gottlosen zum Kampfe rüstet und wie ein Kampfrichter thront, um uns in der Geduld zu üben!

Treffen uns ohne Zutun von Menschen Unglück und Elend, die uns drücken, so sollen wir an die Lehre des Gesetzes denken: alles Heilsame fließt aus der Quelle des Segens Gottes, alles Widerwärtige ist sein Fluch (Deut. 28, 20ff.), und es soll uns jene furchtbare Ankündigung schrecken: „Werdet ihr von ungefähr mir ‘zuwider wandeln’, so werde auch ich von ungefähr euch ‘zuwider wandeln’ !“ (Lev. 26, 15ff., besonders V. 24). Mit diesen Worten wird unsere Trägheit gestraft, wenn wir nach gemeiner Fleischesart alles für zufällig halten, was uns Gutes oder Böses begegnet, und uns weder von Gottes Wohltaten zu seiner Verehrung ermuntern, noch durch seine Schläge zur Buße leiten lassen. Aus diesem Grunde schalten ja auch Jeremia und Amos so bitterlich mit den Juden, weil diese meinten, Gutes wie Böses geschehe ohne Anordnung Gottes (Klagel. 3, 38; Amos 3, 6). Darauf bezieht sich auch das Wort des Jesaja: „Ich bin der Gott, der das Licht macht und die Finsternis schafft, ich gebe Frieden und schaffe das Übel, ich bin der Herr, der solches alles tut“ (Jes. 45, 7).

Ohne die Gewißheit um Gottes Vorsehung wäre das Leben unerträglich

Hier aber bewährt sich das unbeschreibliche Glück eines frommen Herzens. Unzählig sind die Übel, die unser menschliches Leben belagern, stets lauert in ihnen der Tod. Wir brauchen nicht über uns hinauszugehen: unser Leib ist ein Nest von tausend Krankheiten, und wieviel Krankheitsursachen trägt und nährt er in sich! Der Mensch kann sich nicht regen, ohne in vielerlei Gestalt sein Verderben in sich zu tragen, und er führt sein Leben sozusagen stets verwoben mit dem Tod! Wie soll man es anders ausdrücken – wo er doch ohne Gefahr weder Frost noch Schweiß erträgt? Und wohin man sich auch wendet: alles, was uns umgibt, ist nicht nur von zweifelhafter Zuverlässigkeit, sondern steht uns schier mit offener Drohung gegenüber und scheint uns des Todes Nähe anzukündigen. Steige in ein Schiff – und du bist nur einen Schritt vom Tode! Setze dich zu Pferd – am Straucheln eines Fußes hängt dein Leben! Gehe durch die Straßen der Stadt – soviel Ziegel auf den Dächern sind, soviel Gefahren bist du ausgesetzt! Ist eine Waffe in deiner oder deines Freundes Hand – der Schade lauert auf dich! Wieviel wilde Tiere du siehst – sie sind gerüstet, dich zu verderben! Und wenn du dich auch in einem ummauerten Garten einschließen willst, wo nichts als Lieblichkeit dir erscheint – auch da lauert zuweilen eine Schlange! Immerzu ist dein Haus der Feuersbrunst ausgesetzt, alle Tage kann es dich arm machen, alle Nächte kann es dich erschlagen! Der Acker ist in Gefahr vor Hagel, Reif, Dürre und anderem Unwetter – und das bedeutet für dich Mißwachs und Hunger! Ich übergehe Vergiftungen, Heimtücke, Räuberei, offene Gewalt, die uns im eigenen Haus oder auch draußen nachstellen! Müßte nicht unter solchen Ängsten der Mensch ganz elend sein, der sein Lebtag halbtot ist und seinen geängstigten und matten Geist ärmlich und kränklich erhält, als ob immerzu über seinem Nacken ein Schwert hinge? Du magst sagen, das alles geschehe immerhin selten oder wenigstens doch nicht immer und nicht allen Leuten, außerdem doch niemals alles zusammen. Das gebe ich zu; aber das Beispiel anderer lehrt uns, daß es auch uns zustoßen kann, und unser Leben macht nicht mehr als das ihrige eine Ausnahme; deshalb müssen auch wir notwendig Furcht und Schrecken empfinden, es könnte auch uns begegnen! Was ist aber unseliger als solches Zagen? Außerdem würde es doch nicht ohne Verachtung Gottes abgehen, wenn man sagen wollte, er habe den Menschen, das edelste seiner Geschöpfe, den blinden und zufälligen Stößen des Schicksals ausgesetzt! Aber ich wollte ja hier bloß vom Elend des Menschen reden, wie er es empfinden müßte, wenn er der Herrschaft des Zufalls unterworfen wäre.

Die Gewißheit um Gottes Vorsehung gibt uns fröhliches Gottvertrauen ins Herz

Aber sobald das Licht der göttlichen Vorsehung einem frommen Menschen aufgeht, wird er nicht nur von jener furchtbarsten Not und Furcht, die ihn zuvor drückte, sondern von aller Sorge befreit und erlöst. Denn wie er mit Recht vor dem „Zufall“ Schauder empfindet, so wagt er sich nun Gott in Gewißheit anzuvertrauen. Das ist eben, sage ich, der Trost, daß er erkennt: der himmlische Vater hält mit seiner Macht alles zusammen, regiert alles mit seinem Befehl und Wink, ordnet alles mit seiner Weisheit, so daß nichts vorfällt ohne seine Bestimmung. Das ist der Trost, daß der Glaubende, seinem Schutz übergeben, der Fürsorge der Engel anvertraut, nun weiß: kein Schaden von Wasser, Feuer oder Schwert kann ihn antasten, als nur soweit es Gott, der im Regimente sitzt, gefallen hat, ihnen Raum zu geben. So singt doch der Psalm: „Er errettet dich vom Strick des Jägers und von der schädlichen Pestilenz. Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und deine Zuversicht wird sein unter seinen Flügeln; seine Wahrheit ist Schirm und Schild, daß du nicht erschrecken mögest vor dem Grauen der Nacht, vor den Pfeilen, die des Tages fliegen, vor der Pestilenz, die im Finsteren schleicht, vor der Seuche, die am Mittag verderbt“ (Ps. 91, 3ff.). Daher haben die Heiligen solche frohlockende Zuversicht: „Der Herr ist mit mir, darum fürchte ich mich nicht, was können mir Menschen tun? Der Herr ist mein Helfer, warum sollte ich zittern? Wenn sich schon ein Heer wider mich legt, wenn ich auch mitten im Schatten des Todes wandle, so will ich doch nicht aufhören zu hoffen“ (Ps. 118, 6; 27, 3; 56, 5 u. a. St.). Woher haben sie, frage ich, diese unerschütterliche Gewißheit? Daher, daß sie, wo doch dem Anschein nach die Welt vom Zufall bewegt wird, doch wissen, daß der Herr überall am Werk ist, und zuversichtlich glauben, sein Werk werde ihnen heilsam sein! Wird ihr Heil vom Teufel oder von verruchten Menschen bedroht, so müßten sie sogleich zusammensinken, wenn nicht die Erinnerung und der Gedanke an die Vorsehung sie aufrechterhielte. Aber gewaltigen Trost empfangen sie, wenn sie daran denken: der Teufel mit der ganzen Rotte der Gottlosen wird ja von allen Seiten von Gottes Hand wie am Zügel gehalten; er kann deshalb gegen uns gar keine Übeltat beschließen, noch das Geplante ins Werk setzen, noch mit äußerster Anstrengung auch nur einen Finger rühren, um es durchzuführen, sofern Gott es nicht erlaubt, ja soweit er es ihm nicht aufgetragen hat; er liegt ja in seinen Banden gefesselt, wird mit dem Zaum gezwungen, ihm Gehorsam zu leisten! Denn wie es bei dem Herrn steht, der Wut der Feinde Waffen zu geben, sie zu wenden und zu lenken, wohin er will, so setzt er auch Maß und Ziel, damit sie nicht nach ihrer Lust ungebändigt losbrechen! Auf dieser Gewißheit beruht es, wenn Paulus von einer Reise an der einen Stelle sagt, sie sei vom Satan verhindert worden, und an der anderen, sie sei von Gottes Zulassung abhängig (1.Thess. 2, 18; 1.Kor. 16, 7). Hätte er bloß geschrieben, das Hindernis sei vom Satan gewesen, so hätte er scheinbar dem Satan zuviel Macht beigemessen, als ob es gar in dessen Hand stünde, Gottes Pläne zunichte zu machen; nun aber stellt er fest, daß Gott der Herrscher ist, von dessen Zulassung alle Wege abhängen, und zeigt damit: der Satan kann nur auf seinen Wink etwas erreichen, was er auch ins Werk setzen mag! Ebenso denkt David, wenn er sich angesichts der vielerlei Wechselfälle, von denen das Menschenleben immerzu gewendet und wie ein Rad gedreht wird, sich auf diese Zuflucht zurückzieht: „Meine Zeiten stehn in deinen Händen“ (Ps. 31, 16). Er konnte gewiß auch „Lebenslauf“ sagen oder „Zeit“ in der Einzahl setzen; aber mit dem Ausdruck „Zeiten“ wollte er zeigen, daß, wie unbeständig auch die Lage des Menschen sei, aller Wechsel, der vorkommen mag, doch von Gott her gelenkt wird. Deshalb werden auch Rezin und der König von Israel, die mit ihren zur Vernichtung Judas verbundenen Streitkräften wie brennende Fackeln erschienen, das Land zu verderben und zu verzehren, von dem Propheten rauchende Feuerbrände genannt, die bloß ein wenig Rauch ausstoßen können (Jes. 7, 4). So wird gar der Pharao, der doch durch Macht, Stärke und Heeresgröße allen furchtbar war, mit einem Meerungeheuer und sein Heer mit Fischen verglichen (Ex. 29, 4). Und Gott kündigt an, er werde den Anführer und das Heer mit der Angel fangen und es ziehen, wohin er wolle. Kurzum, ich will mich nicht länger damit aufhalten; man kann es leicht durchschauen, wenn man es betrachtet: das schlimmste Elend ist es, die Vorsehung nicht zu kennen, das höchste Glück aber, von ihr Kunde zu haben.

( J. Calvin, Institutio, Buch I, Kap. 17, 1-8 u. 10-11)

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Johann Arnd – Von der Erlösung durch Christi Blut

15.07.10 (Arnd, Johann)

Ach, lieber Herr Christe, bekleide meine Seele, die nackt und bloß ist von aller Gerechtigkeit, mit deiner Unschuld und deinem allerheiligsten Gehorsam, dass ich nicht bloß erfunden werde, sondern auf deine himmlische und ewige Hochzeit das rechte hochzeitliche Kleid mitbringe, welches ist Christus selbst, und nicht ewig möge zuschanden werden. Amen.

Den gekreuzigten Christus stellt uns Gott vor Augen als ein Buch des Lebens, aus welchem wir die allerheiligste Weisheit lernen und studieren sollen. Denn in ihm ist die Schrift, alle Propheten und das ganze Gesetz vollkommen erfüllt durch vollkommenen Gehorsam bis in den Tod, durch Erleiden der schrecklichen Strafe und des Fluches für die Sünden der Welt.

Wie heilig ist die Stätte, hie ist Gottes Haus und die Pforte des Himmels, darum gehe hinein, liebe Seele, in dies arme Hirtenhäuslein, setze dich nieder bei dieses edle Kripplein, besser ist hier sein und wohnen in diesem verachteten Stall denn in den güldenen Palästen der Könige, denn hier ist der rechte Schmuck, der aller Welt Herrlichkeit übertrifft, der Schöpfer der Welt, der Herr des Himmels, der herrschet über den ganzen Erdboden.

Das Meer kann nicht eher gestillet werden, es sei denn Jonas ins Meer geworfen. Gottes Zorn ist unendlich und kann ihn kein Mensch mit seinen Werken versöhnen und stillen. Christus muss ins Meer hineingeworfen werden: Christi Tod, Kreuz und Blut allein tut’s.

Wider die schwere Last der Sünden, wider die Kraft und Macht der Sünden, Fluch, Tod, Hölle und Verdammnis ist kein ander Mittel zu finden gewesen denn das teure, allerkräftigste Blut Jesu Christi. Gott hat auch kein ander Mittel nach seiner ewigen Weisheit dazu verordnet denn das Blut seines lieben Sohnes, denn das hat eine allmächtige, ewige, unüberwindliche Kraft von Sünden zu reinigen.

Der Herr Christus hat sein Leiden vollbracht. Er hat nichts mehr gewusst, das übrig wäre zu leiden, er hat an seinem Leibe alles gelitten, an seiner Seele alles, an seiner Ehre alles, auf dass er uns mit Leib und Seele erlösete und in die höchste Würde und Ehre wieder einsetze. Hätte er noch etwas mehr gewusst, er hätte es auch gern gelitten. Darum ist sein Leiden vollkommen.

Wie ein Weinträublein in der Kelter gepresset wird, dass es all sein Vermögen von sich geben muss, also ist Christus, die edle Weintraube aus dem Gelobten Lande, in der Kelter des Zornes Gottes gepresst worden, dass er all sein Vermögen von sich gegeben, daher ist sein Schweiß worden wie Blutstropfen, die fielen auf die Erde.

Wenn ein jeder Mensch aller Welt Sünden allein auf sich hätte und so viel Welten voll Sünde wären, als Menschen sind: so wäre doch Christi Verdienst und Gerechtigkeit größer… So geht Christi königlicher Sieg, Triumph und Überwindung über alle Macht, über alle Menge und über alle Größe der Sünden, über alle Gewalt des Teufels, des Todes und der Hölle. Wie sollte denn Christi Sieg und Überwindung nicht über deine Sünden gehen? Sollte denn deine Sünde allein stärker sein als Christus, der allmächtige König?

Das ist der größeste und vollkommene Gehorsam, ein Fluch werden am Holz und daran sterben, und darum ist auch durch diesen vollkommenen Gehorsam Gott vollkömmlich versöhnet, der Zorn Gottes von uns abgewandt, die Sünde getilget und aller Menschen Ungehorsam gebüßet und die ewige Strafe hinweggenommen.

Christus hat unsre Schuld auf sich genommen und war selbst schuldig worden aus Liebe – darum war er geduldig.

Gott konnte Christum zwar nicht verlassen, denn er war ja selbst Gott, ja er war und blieb Gott, da er am Kreuze hing, da er starb, da er begraben ward; und klagt dennoch, Gott habe ihn verlassen. Aber er hat mit seinem kläglichen Geschrei anzeigen wollen, dass ihm Gott als einem Menschen seinen Trost entzogen, sich vor ihm verborgen, und uns sein großes Elend durch sein klägliches Geschrei offenbaren wollen.

Christus hat müssen von Juden und Heiden gekreuzigt werden, zum Zeugnis, dass er für der ganzen Welt Sünde gelitten und der Juden und Heiden Sünde getragen hat, auf dass sie sich alle zu ihn bekehreten und der Frucht seines Leidens teilhaftig würden. Aller Menschen Sünden haben Christum gekreuzigt, sie sind Juden oder Heiden, auf dass er für alle genug täte und eine Kirche aus ihnen machte durch den Glauben.

Wie die Kriegsleute, die zu einer Fahne geschworen, sich zu derselben halten und versammeln, also ziehet Christi Kreuz alle gläubigen Seelen nach sich. Wie der Herr spricht: Wenn ich erhöhet werde, will ich euch alle nach mir ziehen. Wie ein Magnet das Eisen nach sich zieht, also will Christi Kreuz und Liebe, der himmlische Magnet, unsere eisernen Herzen nach sich ziehen.

Zeuch uns nach dir, so laufen wir, sagt das Hohelied Salomonis. Christus zieht uns durch seine Liebe, durch seinen kräftigen Trost, durch seinen Geist; wenn wir diese Kraft im Herzen empfinden, so umfangen wir das Kreuz Christi und herzen’s aus Liebe und Freude.

Was am Sinai unter Donnern, Blitzen und Erdbeben geschah, das geschieht in den Herzen der Menschen geistlich, da offenbart Gott sein Gesetz auch in Schrecken, Zittern und Zagen, und wo nun das Evangelium, Gottes Gnade und Christus nicht käme und uns errettete aus dieses scharfen Zuchtmeisters Hand, so müssten wir verzagen.

Er ist verworfen, auf dass wir nicht ewig verworfen werden. Er ist verleugnet, auf dass er uns bekenne vor Gott und allen heiligen Engeln. Alles, was er gelitten hat, dienet zu unserm Heil, zur Bezahlung unserer Sünde, zu unserer Gerechtigkeit und Seligkeit, und sein Leiden ist unser rechter Heilbrunn wider alle unsere Sünde und ein rechter Baum des Lebens wider alles Gift der Sünde und des Todes, ein schönes Licht unsers Lebens, dass wenn uns die Welt verwirft und verleugnet und nicht kennen will, so machet sich Gott desto näher zu uns und so werden wir im Himmel bekannt und angenehm.

Sollte ich nicht eher beten, als bis ich mich würdig oder tüchtig finde, so müsst ich nimmermehr beten. Sollte mir Gott nicht eher zu Hilfe kommen oder etwas geben, als bis ich denn heilig oder gerecht vor mir selbst wäre: so müsste er mir nimmermehr etwas geben . . . Deine Würdigkeit hilft nichts. Deine Unwürdigkeit schadet nichts; Christus hat sie zugedeckt und vergeben… Wie ein Tröpflein Wassers vom Meere verschlungen wird, also sind meine Sünden gegen die unbegreifliche Gnade Jesu Christi.

Er hat nicht allein weniger müssen und sollen werden denn ein Engel und sich aller seiner Stärke und Vermögens äußern und verziehen, sondern er hat auch weniger müssen werden denn ein Mensch, der allerelendeste und verachtetste unter allen Menschenkindern, wie er sagt im 22. Psalm: Ich bin ein Wurm und kein Mensch. Ich bin viel geringer denn ein Mensch, ich bin ein Wurm.

Also ist Christus unser geworden, dass wir ihn zu unserer Seligkeit gebrauchen können, wie wir wollen. Darum siehe, lieber Christ, du kannst ihn gebrauchen zu einer Arznei der Seele; zu deiner Speise und deinem Trank, dich damit zu erquicken; zu deinem Brunnen des Lebens wider den Durst deiner Seele; zu deinem Licht in der Finsternis, zu deiner Freude in der Traurigkeit, zu deinem Beistande und Fürsprecher wider deine Ankläger; zur Weisheit wider deine Torheit zur Gerechtigkeit wider deine Sünde; zur Heiligung wider deine Unwürdigkeit; zur Erlösung wider dein Gefängnis; zum Gnadenstuhl wider das Gericht; zur Lossprechung wider das letzte Urteil; zu deinem Frieden und deiner Ruhe wider dein böses Gewissen; zu deinem Sieg wider alle deine Feinde; zu deinem Kämpfer wider deine Verfolger; zu deinem Bräutigam für deine Seele; zu deinem Mittler wider Gottes Zorn; zu deinem Opfer für deine Missetat; zu deiner Stärke wider deine Schwachheit; zu deinem Wege wider dein Irrsal; zu deiner Wahrheit wider die Lüge; zu deinem Leben wider den Tod; zu deinem Rat, wenn du keinen Rat weißt; zu deiner Kraft, wenn du kraftlos bist; zu deinem ewigen Vater, wenn du verlassen bist; zu deinem Friedefürsten gegen deine Widersacher; zu deinem Lösegeld für deine Schuld; zu deiner Ehrenkrone wider deine Verachtung; zu deinem Lehrer wider deine Unwissenheit; zu deinem Richter wider deine Beleidiger; zu deinem König wider des Teufels Reich; zu deinem ewigen Hohenpriester, der für uns bittet.

Wie Christus gar versunken ist in seiner Schwachheit nach menschlicher Weise, dass er in sich selbst kraftlos, ratlos, trostlos und hilflos sich empfunden, darum er auch gezaget hat, also wirst du in deine eigene Nichtigkeit und Elend gar hineinsinken und in dir weder Hilfe noch Rat sehen und finden, ja in dir selbst gar zu Nichte werden. Siehe, wenn du das tust, so wirst du dich in den Grund der Barmherzigkeit Gottes senken, der keinen Elenden lässet versinken. Denn je tiefer du in deiner Schwachheit niedersinkest, je tiefer du dich in Gottes Gewalt und Stärke einsenkest, das ist Gottes Weise, dass er hält alle, die fallen und richtet auf, die niedergeschlagen sind. Je tiefer ein Mensch sich selbst in sein Elend senket, je tiefer er sich in Gottes Gnade und Barmherzigkeit versenket.

Dass ihr ja eure Sünde nicht größer achtet denn Christi Verdienst, und hinwider Christi Verdienst ja nicht geringer achtet denn aller Welt Sünde!

Unser Herr Jesus Christus hat uns mit seinen heiligen Wunden einen geistlichen, verborgenen Schutz und Schirm zugerichtet wider Sünde, Tod und Teufel, da hinein können wir kriechen durch den Glauben in großen geistlichen Nöten und Anfechtungen, in großer Angst unseres Herzens und Gewissens.

Siehe, wenn dich nun deine Sünden betrüben, wenn du dich aber in Christo ansiehest, siehe, so bist du rein, so heilig vor Gott, so gerecht, dass auch deine Gerechtigkeit über alle Engel geht.

Die gnädige Vergebung der Sünden, welche das reuige Herz im wahren Glauben ergreift und empfängt, erstattet alles vor Gott, was wir nicht können oder vermögen wiederzubringen. Da ist denn Christus mit seinem Tode und Blut und erstattet alles. Jetzt ist’s so vollkommen vergeben, als wenn es nie geschehen wäre.

Wenn uns nun das Gesetz anklaget, verdammt und vermaledeit, in unserm Gewissen uns ängstigt und bange macht, und gleichsam in uns lebendig wird mit seiner Vermaledeiung, so sollen wir uns des trösten, dass Christus an unserer Statt das Gesetz erfüllet hat, und sollen unsere Gewissen zu Christo weisen und zu seiner Genugtuung.

Solange der Streit im Menschen währt, solange herrscht die Sünde nicht im Menschen. Denn wider wen man immer streitet, der kann nicht herrschen. Und weil sie im Menschen nicht herrscht, indem der Geist wider die Sünde streitet, so verdammt sie auch den Menschen nicht. Und ob du gleich noch viel Schwachheit des Fleisches fühlst, und nicht alles tun kannst, was du gern wolltest, so wird doch dir als einem bußfertigen Menschen das Verdienst Christi zugerechnet und mit seinem vollkommenen Gehorsam deine Sünde zugedeckt. Und also hat in solcher täglichen Buße, wenn man von Sünden wieder aufsteht, die Zurechnung des Verdienstes Christi allezeit statt. Denn dass ein gottloser, unbußfertiger Mensch, der die Sünde weidlich in sich herrschen lässt, und des Fleisches Lust weidlich nützet, sich das Verdienst wollte zurechnen, ist umsonst und vergeblich. Denn was sollte dem Christi Blut nützen, der dasselbe mit Füßen tritt?

Darum sollen wir diesen Trost wohl fassen, sonderlich in Todesnot, dass wir wissen, es ist nichts mehr not zur Bezahlung für unsere Sünden. Sie sind alle hinweggenommen neben der ewigen Strafe und Pein, und wir bedürfen nichts mehr zu unserer Seligkeit, denn dass wir uns in Christi vollkommenes Verdienst einwickeln durch den Glauben und darin entschlafen.

Wie froh und fröhlich wird unsere Seele sein, wenn sie wieder zu Gott kommt, und der allmächtige Gott ihr alles wirklich überreichen wird, was Christus verdienet und erworben hat; denn aus den Gnadenhänden des allmächtigen Gottes muss es unsere Seele empfangen, darum befehlen wir billig unserem lieben Gott und Vater unsere Seele in seine getreuen Vaterhände.

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Charles Haddon Spurgeon – Das Beharren bis ans Ende

14.07.10 (18. Hiob, Spurgeon, Charles Haddon)

Gehalten am Sonntagmorgen, den 24. Juli 1877

„Der Gerechte wird seinen Weg behalten.“
Hiob 17,9

Der Mann, der vor Gott gerecht ist, hat seinen eigenen Weg. Es ist nicht der Weg des Fleisches, noch der Weg der Welt; es ist ein Weg, der ihm durch göttlichen Befehl vorgezeichnet ist, auf dem er im Glauben wandelt. Es ist die göttliche Landstraße der Heiligkeit; der Unreine soll nicht darüber gehen, nur die Erlösten des Herrn sollen sie wandeln, und diese werden ihn einen Pfad der Absonderung von der Welt finden. Einmal auf dem Weg des Lebens muss der Pilger darauf beharren oder umkommen, denn so spricht der Herr: „Wer da weichet, an dem wird meine Seele keinen Gefallen haben.“ Beharren auf dem Pfad des Glaubens und der Heiligkeit ist eine Notwendigkeit für den Christen, denn nur „wer beharret bis ans Ende, der wird selig“. Es ist vergeblich, rasch aufzuschießen wie der Same, der auf den Fels gesät wurde, und dann nachher zu verdorren, wenn die Sonne aufkommt; es würde nur beweisen, dass solche Pflanze keine Wurzel in sich hat; aber „die Bäume des Herrn sind voll Saft“ und bleiben und bestehen und bringen Frucht, selbst im Alter, um zu zeigen, dass der Herr wahrhaftig ist. Es ist ein großer Unterschied zwischen dem Namen- und dem wahren Christentum, und dieser wird gewöhnlich gesehen in dem Bankrott des einen und der Fortdauer des anderen. Nun, in dem Text wird erklärt, dass der Gerechte seinen Weg behalten soll; er soll nicht zurückgehen, er soll nicht über die Hecken springen und sich rechts oder links verirren, er soll nicht in Trägheit niederliegen, auch nicht ermatten oder aufhören, seine Reise fortzusetzen; sondern „er soll seinen Weg behalten“. Es wird oft schwierig für ihn sein, das zu tun, aber er wird solche Entschlossenheit haben, solche Macht innerlicher Gnade, dass er „seinen Weg behalten wird“, mit festem Willen, als wenn er mit den Zähnen etwas hielte, entschlossen, es niemals fahren zu lassen. Vielleicht wird er nicht immer mit gleicher Eile reisen; es ist nicht gesagt, dass er seinen Schritt behalten soll, sondern seinen Weg. Es gibt Zeiten, wo wir laufen und nicht matt werden, und andere, wo wir dankbar sind, wenn wir gehen und nicht umsinken; ja, und es gibt Perioden, wo wir froh sind, auf allen vieren mit Mühe hinan zu kriechen; aber doch erfahren wir, dass „der Gerechte seinen Weg behalten wird“. Unter allen Schwierigkeiten ist das Angesicht dessen, den Gott gerechtfertigt hat, stracks gen Jerusalem gerichtet; auch wird er sich nicht abwenden, bis er den König in seiner Schöne sehen wird. Dies ist ein großes Wunder. Es ist ein Wunder, dass ein Mensch überhaupt ein Christ ist, und ein größeres, dass er fortfährt, es zu sein. Erwägt die Schwachheit des Fleisches, die Macht des inwendigen Verderbens, die Wut der satanischen Versuchung, die Verführungen des Reichtums und des hoffärtigen Lebens, der Welt und ihres Wesens; all dieses ist gegen uns, und doch seht: „er ist größer, der mit uns ist, als alle, die gegen uns sind“, und Sünde, Satan, Tod und Hölle Trotz bietend, behält der Gerechte seinen Weg.

Ich nehme unseren Text als einen, der genau die Lehre von dem endlichen Beharren aller Heiligen darstellt. „Der Gerechte soll seinen Weg behalten“. Vor Jahren, als ein ernster, selbst bitter Kampf zwischen Calvinisten und Arminianern war, war es die Gewohnheit jeder Partei, die andere zu karikieren. Vieles von der Beweisführung war nicht gegen die wirkliche Meinung der entgegenstehenden Partei gerichtet, sondern gegen das, was ihr beigelegt wurde. Man machte einen Strohmann und verbrannte ihn dann, was ein ziemlich leichtes Ding ist, aber ich hoffe, wir haben diese Dinge hinter uns. Die herrliche Wahrheit von dem endlichen Beharren der Heiligen hat den Kampf überlebt und ist in der einen oder anderen Form der wertgehaltene Glaube der Kinder Gottes. Nehmt euch aber in Acht, dass ihr klar darüber seid, was sie ist. Die Schrift lehrt nicht, dass ein Mensch ans Ziel seiner langen Reise gelangen wird, ohne dass er fortfährt, die Straße zu wandern; es ist nicht wahr, dass ein Glaubensakt alles sei, und dass kein tägliches Glauben, Beten und Wachen nötig tue. Unsere Lehre ist die gerade entgegengesetzte, nämlich, dass der Gerechte seinen Weg behalten soll, oder mit anderen Worten, er soll fortfahren mit Glauben, mit Buße, mit Gebet und unter dem Einfluss der Gnade Gottes. Wir glauben nicht an ein Heil durch äußere Gewalt, die den Menschen wie einen toten Klotz behandelt und ihn, ob er will oder nicht, gen Himmel trägt. Nein, er „behält“, er ist persönlich tätig in der Sache und arbeitet sich vorwärts, Berg auf, Berg ab, bis er das Ziel seiner Wanderung erreicht. Wir dachten nie, träumten nicht einmal, dass ein Mensch bloß, weil er voraussetzt, dass er einmal diesen Weg betrat, schließen dürfe, dass er der Seligkeit gewiss sei, selbst wenn er den Weg sogleich verlässt. Nein, sondern wir sagen, dass der, der wirklich den Heiligen Geist empfängt, so dass er an den Herrn Jesus Christus glaubt, nicht zurück gehen soll, sondern auf dem Glaubensweg beharren. Es steht geschrieben: „Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden“, und dies kann er nicht werden, wenn er zurück ginge und an seiner Sünde Gefallen hätte wie zuvor; und deshalb soll er durch die Macht Gottes bewahrt werden durch den Glauben zur Seligkeit. Obwohl der Gläubige zu seinem Schmerz manche Sünde begehen wird, so wird doch der Grundton seines Lebens „Heiligkeit des Herrn“ sein, und er wird auf dem Weg des Gehorsams beharren. Wir verabscheuen die Lehre, dass ein Mensch, der einmal an Christus geglaubt hat, selig wird, auch wenn er ganz den Pfad des Gehorsams verließe. Wir verneinen es, dass ein solches Abwenden für den wahren Gläubigen möglich ist, und deshalb ist die Vorstellung, die uns beigelegt wird, ganz klar eine Erfindung des Gegners. Nein, Geliebte, ein Mensch wird, wenn er in Wahrheit an Christus glaubt, nicht nach dem Willen des Fleisches leben. Wenn er in eine Sünde fällt, wird es sein Schmerz und Kummer sein, und er wird nie ruhen, bis er von der Schuld gereinigt ist; aber ich will dies von dem Gläubigen sagen, dass, wenn er leben könnte, wie er möchte, so würde er ein vollkommenes Leben leben. Wenn ihr ihn fragt, ob er, nachdem er zum Glauben kam, leben könne, wie es ihm gefalle, wird er antworten: „Wollte Gott, ich könnte leben, wie ich will, denn ich möchte ganz ohne Sünde leben. Ich möchte vollkommen sein, wie mein Vater im Himmel vollkommen ist.“ Die Lehre ist nicht die zügellose Vorstellung, dass ein Gläubiger in Sünde leben dürfe, sondern dass er dies nicht kann und nicht will. Dies ist die Lehre, und wir wollen sie zuerst beweisen und zweitens, in dem puritanischen Sinne des Wortes, wollen wir sie kurz anwenden.

Formularbeginn

Formularende

I.

Lasst uns die Lehre beweisen. Folgt mir, bitte, mit der offenen Bibel vor euch. Die Meisten von euch, liebe Freunde, haben als eine Glaubenssache die Lehre von der Gnade angenommen, und deshalb bedarf die Lehre von dem Beharren bis ans Ende bei euch keines Beweises, weil sie aus allen anderen Lehren folgt. Wir glauben, dass Gott ein auserwähltes Volk hat, dass er zum ewigen Leben bestimmt hat, und diese Lehre schließt notwendig das Beharren in der Gnade ein. Wir glauben an spezielle Erlösung, und diese sichert das Heil und das daraus folgende Beharren der Erlösten. Wir glauben an wirksame Berufung, die mit Rechtfertigung eng verbunden ist, eine Rechtfertigung, die die Seligkeit zusichert. Die Lehren von der Gnade sind gleich einer Kette: Wenn man die eine glaubt, so müsst ihr die andere glauben, denn jede schließt die übrigen in sich ein; deshalb sage ich, dass ihr, die ihr irgendwelche Lehren von der Gnade annehmt, diese auch als darin eingeschlossen annehmen müsst. Aber ich will jetzt versuchen, dieses denen zu beweisen, die nicht die Lehren von der Gnade annehmen; ich wünsche keinen Zirkelbeweis zu führen, um eine Sache, die ihr bezweifelt, durch eine andere, die ihr bezweifelt, zu beweisen, sondern wir wollen uns in dieser Sache „auf das Gesetz und das Zeugnis“, auf die wirklichen Worte der Schrift berufen.

Ehe wir zu dem Beweis schreiten, wird es gut sein, zu bemerken, dass die, die die Lehre verwerfen, uns häufig sagen, dass viele Warnungen vor dem Abfall in dem Wort Gottes sind, und dass diese Warnungen keine Bedeutung hätten, wenn es wahr wäre, dass der Gerechte seinen Weg behalten solle. Aber wie, wenn diese Warnungen in Gottes Hand die Mittel sind, sein Volk vor dem Abirren zu bewahren? Wie, wenn sie gebraucht werden, eine heilige Furcht in den Herzen seiner Kinder zu erregen und so das Böse verhindern, gegen das sie zeugen? Ich möchte euch auch erinnern, dass in der Epistel an die Hebräer, die die feierlichsten Warnungen vor Abfall enthält, der Apostel immer Sorge trägt, Worte hinzuzufügen, die zeigen, dass er nicht glaubte, diejenigen, die er warnte, würden wirklich abfallen. Schlagt Hebräer 6,9 auf. Er hat diesen Hebräern gesagt, wenn die, die einmal erleuchtet wären, abfielen, wäre es unmöglich, sie wieder zu erneuern zur Buße, und er fügt hinzu: „Wir versehen uns aber, ihr Liebsten, Besseres zu euch, und dass die Seligkeit näher sei, obwohl wir also reden.“ Im 10. Kapitel gibt er uns eine ebenso große Warnung, indem er erklärt, dass die, die den Geist der Gnade verachten, härtere Strafe verdienen würden, als die, die Moses Gesetz verachteten, aber er schließt das Kapitel mit den Worten: „Der Gerechte aber wird des Glaubens leben. Wer aber weichen wird, an dem wird meine Seele keinen Gefallen haben. Wir aber sind nicht von denen, die da weichen und verdammt werden, sondern von denen, die glauben und die Seele erretten.“ So zeigt er, was die Folgen des Abfalls sein würden, aber er ist überzeugt, dass sie sich nicht ein so furchtbares Schicksal zuziehen werden.

Wiederum führen die Gegner manchmal Beispiele von Abfall an, die im Worte Gottes erwähnt werden, aber beim genaueren Zusehen entdeckt man, dass dies Fälle sind, wo Leute nur behaupten, Christus zu kennen, aber das göttliche Leben nicht wirklich besaßen. Johannes beschreibt in seinem 1. Brief 2,19 völlig diese Rückfälligen: „Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns; denn wo sie von uns gewesen wären, so wären sie ja bei uns geblieben; aber auf dass sie offenbaret würden, dass sie nicht alle von uns sind.“ Dasselbe gilt von der merkwürdigen Stelle im Johannes, wo unser Heiland von den Reben am Weinstock spricht, die abgeschnitten und ins Feuer geworfen werden; diese werden als Zweige in Christo, die keine Frucht bringen, bezeichnet. Sind dies wirkliche Christen? Wie können sie das sein, wenn sie keine Frucht tragen? „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!“ Die Rebe, die Frucht bringt, wird gereinigt, aber niemals abgeschnitten. Die, die keine Frucht tragen, sind nicht Bilder wahrer Christen, sondern sie stellen sehr passend bloße Namenschristen dar. Unser Herr sagt uns in Mat. 7,22, dass er zu den Vielen, die an jenem Tage „Herr, Herr“ sagen werden, sprechen wird: „Ich habe euch noch nie erkannt.“ Nicht: „Ich habe euch vergessen,“ sondern „Ich habe euch noch nie erkannt“; sie waren nie wirklich seine Jünger.

Aber nun zu dem Beweis selbst. Zuerst beweisen wir das Beharren der Heiligen sehr deutlich aus der Natur des Lebens, das bei der Wiedergeburt mitgeteilt wird. Was sagt Petrus von diesem Leben? (1.Pet. 1,23) Er spricht von dem Volk Gottes als „die da wiederum geboren sind, nicht aus vergänglichem Samen, sondern aus unvergänglichem Samen; nämlich aus dem lebendigen Wort Gottes, das da ewiglich bleibet.“ Das neue Leben, das in uns gepflanzt wird, wenn wir wiedergeboren werden, ist nicht gleich der Frucht unserer ersten Geburt, denn die ist dem Tod unterworfen, sondern es ist ein Göttliches, das weder sterben noch verwesen kann, und deshalb muss der, der es besitzt, ewig leben, muss auf immer sein, wozu der Geist ihn in der Wiedergeburt gemacht hat. So haben wir 1.Joh. 3,9 denselben Gedanken in anderer Form: „Wer aus Gott geboren ist, der tut nicht Sünde, denn sein Same bleibet bei ihm, und er kann nicht sündigen, denn er ist aus Gott geboren.“ Das heißt, die ganze Richtung des Christenlebens geht nicht auf Sünde. Es würde keine richtige Beschreibung seines Lebens sein, dass er in Sünden lebt, im Gegenteil, er streitet und kämpft wider die Sünde, weil ein inneres Leben in ihm ist, das nicht sündigen kann. Das neue Leben sündigt nicht; es ist aus Gott geboren und kann nicht übertreten; und obwohl die alte Natur dagegen streitet, so überwiegt doch das neue Leben in dem Christen, dass er vor dem „Leben in Sünden“ bewahrt bleibt. Unser Heiland in seiner einfachen Belehrung des samaitischen Weibes, sagte zu ihr: „Wer dieses Wasser trinkt, den wird wieder dürsten. Wer aber des Wassers trinken wird, das ich ihm gebe, den wird ewiglich nicht dürsten; sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm ein Brunn des Wassers werden, das in das ewige Leben quille.“ Nun, wenn unser Heiland ein armes, sündiges und unwissendes Weib dies lehrte bei seinem ersten Gespräch mit ihr, so meine ich, dass diese Lehre nicht für einen inneren Kreis von geförderten Heiligen aufbewahrt, sondern allgemein den gewöhnlichen Leuten gepredigt werden soll und als ein seliges Vorrecht gepriesen. Wenn ihr die Gnade empfangt, die Jesus euren Seelen mitteilt, so wird es gleich dem guten Teil sein, das Maria erwählte, sie soll nicht von euch genommen werden; sie soll in euch bleiben, nicht wie das Wasser in einer Zisterne, sondern als ein lebendiger Brunnen, der ins ewige Leben quillt.

Wir wissen alle, dass das in der neuen Geburt gegebene Leben nahe mit dem Glauben verbunden ist. Nun ist der Glaube an sich eine überwindende Kraft. In der ersten Epistel Johannes, die eine große Schatzkammer von Beweisen ist (1.Joh. 5,4), heißt es: „Denn alles, was von Gott geboren ist, überwindet wie Welt, und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. Wer ist, der die Welt überwunden hat, ohne der da glaubet, dass Jesus Gottes Sohn ist?“ Seht also, das, was aus Gott in uns geboren ist, nämlich das neue Leben, ist eine überwindende Kraft; es ist keine Andeutung gegeben, dass es je unterliegen könnte; und der Glaube, der das äußere Zeichen desselben ist, ist auch an sich immer triumphierend, Deshalb schließen wir mit Notwendigkeit, weil Gott ein so wunderbares Leben in uns gepflanzt hat, indem er uns aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht brachte, weil er uns wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, weil der ewige und hochgelobte Gott gekommen ist, um in uns zu wohnen, so wird das göttliche Leben in uns niemals sterben. „Der Gerechte wird seinen Weg behalten.“

Der zweite Beweis, auf den ich eure Aufmerksamkeit lenken will, soll unseres Herrn eigenen ausdrücklichen Erklärungen entnommen werden. Hier wollen wir wieder in das Evangelium Johannes blicken, und in jenem schönen dritten Kapitel, wo unser Herr in der allereinfachsten Art dem Nikodemus das Evangelium erklärt, finden wir ihn großen Nachdruck darauf legen, dass das Leben, was durch den Glauben an ihn empfangen wird, ewig ist. Seht auf jenen köstlichen 14. Vers: „Wie Moses in der Wüste eine Schlange erhöhet hat, also muss des Menschen Sohn erhöhet werden, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben.“ Glauben Menschen denn an ihn und kommen doch um? Glauben sie an ihn und empfangen ein geistliches Leben, das ein Ende nimmt? Es kann nicht sein, denn „Gott hat seinen eingebornen Sohn gegeben, auf dass, wer an ihn glaubt, nicht verloren gehe“; aber er würde verloren gehen, wenn er nicht bis ans Ende beharrte und deshalb muss er beharren. Der Gläubige hat ewiges Leben; wie kann er dann sterben, so dass er aufhört, ein Gläubiger zu sein? Wenn er nicht in Christus bleibt, hat er offenbar nicht ewiges Leben, deshalb soll er in Christus bleiben bis ans Ende. „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingebornen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Hierauf erwidern einige, ein Mensch könne ewiges Leben haben und es verlieren. Worauf wir antworten, die Worte können das nicht bedeuten. Eine solche Behauptung ist ein klarer Widerspruch. Wenn das Leben verloren ist, so ist der Mensch tot; wie könnte er denn ewiges Leben haben? Es ist klar, dass er ein Leben hatte, das nur eine Weile anhielt; er hatte sicher kein ewiges Leben, denn wenn er es gehabt hätte, müsste er ewig leben. „Wer an den Sohn glaubet, der hat ewiges Leben.“ Die Heiligen im Himmel haben ewiges Leben, und niemand erwartet, dass sie umkommen. Ihr Leben ist ewig; aber ewiges Leben ist ewiges Leben, ob der, der es besitzt, auf Erden weilt oder im Himmel.

Ich brauche nicht alle die Stellen zu lesen, in denen dieselbe Wahrheit gelehrt wird; aber weiter hin, in Joh. 6,47, sagt unser Herr den Juden: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben“; nicht „zeitweiliges Leben“, sondern „ewiges Leben“. Und im 51. Vers sagt er: „Ich bin das ewige Brot, vom Himmel gekommen; wer von diesem Brot essen wird, der wird leben in Ewigkeit.“ Dann kommt jene bekannte Erklärung des Herrn Jesu Christi, die, wenn es gar keine andere gäbe, allein genug wäre, diesen Punkt zu beweisen, Joh. 10,28: „Und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Der Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer denn alles, und niemand kann sie aus meines Vaters Hand reißen.“ Was kann er meinen als dies, dass er sein Volk ergriffen hat und beabsichtigt, es sicher in seiner mächtigen Hand zu behalten? Er

„Gibt uns in keines Ander’n Hand,
Er hat zu viel an uns gewandt.“

Neben und über der Hand Jesu, die durchbohrt wurde, kommt die Hand des allmächtigen Vaters wie ein zweiter Griff. „Mein Vater, der sie mir gegeben, ist größer denn alles, und niemand wird sie aus meines Vaters Hand reißen.“ Gewiss, dies muss zeigen, dass die Heiligen vor Allem und Jedem sicher sind, das sie verderben könnte, und deshalb sicher vor gänzlichem Abfall.

Eine andere Stelle spricht dasselbe aus, sie findet sich Mat. 24,34, wo der Herr Jesus von den falschen Propheten spricht, die viele verführen werden: „Es werden falsche Christi und falsche Propheten aufstehen und große Zeichen und Wunder tun, dass verführt werden in den Irrtum, wo es möglich wäre, auch die Auserwählten“; was zeigt, dass es unmöglich für die Auserwählten ist, von ihnen verführt zu werden. Von Christi Schafen heißt es: „Einem Fremden aber folgen sie nicht, sondern fliehen von ihm, denn sie kennen der Fremden Stimme nicht“, aber durch göttlichen Instinkt kennen sie die Stimme des guten Hirten und folgen ihm.

So hat unser Heiland erklärt, so deutlich, wie Worte es nur ausdrücken können, dass die, die sein Volk sind, ewiges Leben in sich haben und nicht umkommen sollen, sondern in die ewige Seligkeit eingehen. „Der Gerechte wird seinen Weg behalten.“

Ein sehr lieblicher Beweis für die Sicherheit des Gläubigen findet sich in unseres Herrn Fürsprache. Ihr braucht die Stelle nicht aufzuschlagen, denn ihr kennt sie gut, die den Zusammenhang zwischen der lebendigen Fürsprache Christi und dem Beharren seines Volkes zeigt: „Daher er auch selig machen kann immerdar, die durch ihn zu Gott kommen, und lebet immerdar und bittet für sie.“ Unser Herr Jesus ist nicht tot; er ist auferstanden, er ist in die Herrlichkeit eingegangen, und nun vor dem ewigen Thron macht er das Verdienst seines vollkommenen Werkes geltend, und wie er da für sein ganzes Volk bittet, deren Namen auf seinem Herzen geschrieben steht wie die Namen Israels auf dem Brustschild des Hohenpriesters, so macht seine Fürbitte sein Volk auf ewig selig. Wenn ihr ein Beispiel dazu wollt, so lest vom Petrus, Luk. 22,31, wo unser Herr spricht: „Simon, Simon, siehe, der Satan hat euer begehrt, dass er euch möchte sichten wie den Weizen; ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre, und wenn du dich dermaleinst bekehrest, so stärke deine Brüder.“ Die Fürbitte Christi rettet sein Volk nicht vor Versuchung und Prüfung und davon, dass sie hin und her geschleudert werden, wie der Weizen in einem Siebe, sie bewahrt sie nicht einmal vor einem gewissen Maß Sünde und Leiden, aber sie bewahrt sie vor gänzlichem Abfall. Petrus wurde bewahrt, und obwohl er seinen Meister verleugnete, so war dies doch eine Ausnahme von der großen Regel seines Lebens. Durch Gnade blieb er auf dem Weg, weil er nicht nur damals, sondern manches Mal außerdem, obwohl er sündigte, doch einen Fürsprecher bei dem Vater hatte, Jesus Christus, den Gerechten.

Wenn ihr zu wissen wünscht, wie Jesus bittet, lest mit Muße zu Hause das 17. Kapitel des Johannes, des Herr Gebet. Was für ein Gebet ist es! „Dieweil ich bei ihnen war in der Welt, erhielt ich sie in deinem Namen. Die du mir gegeben hast, die habe ich bewahret, und ist keiner von ihnen verloren ohne das verlorene Kind, dass die Schrift erfüllet würde.“ Judas war verloren, aber er war Christus nur gegeben als ein Apostel und nicht als eins seiner Schafe. Er hatte einen zeitweiligen Glauben und machte ein zeitweiliges Bekenntnis, aber er hatte nie das ewige Leben, sonst würde er fortgelebt haben. Jene Seufzer und Schreie des Heilandes, mit denen sein Flehen in Gethsemane verbunden war, wurden im Himmel gehört und erhört. „Heiliger Vater, erhalte sie in deinem Namen, die du mir gegeben hast“; der Herr erhält sie durch sein Wort und seinen Geist und will sie erhören; wenn das Gebet Christi in Gethsemane erhört wurde, wie viel mehr das, was nun von dem ewigen Thron hinauf geht! Ach, wenn mein Herr Jesus für mich bittet, kann ich mich vor Erde und Hölle nicht fürchten; jene lebendige, fürbittende Stimme hat Macht, die Heiligen zu bewahren, und der lebendige Herr hat auch Macht, denn er spricht: „Weil ich lebe, sollt ihr auch leben!“

Nun ein vierter Beweis. Wir fassen feste Zuversicht für das Beharren der Heiligen auf Grund der Person und des Werkes Christi. Ich will davon wenig sagen, denn ich hoffe, mein Herr ist euch so wohl bekannt, dass er kein Wort der Empfehlung von mir zu euch bedarf, sondern wenn ihr ihn kennt, so werdet ihr sprechen wie der Apostel 2.Tim. 1,12: „Ich weiß, wenn ich glaube, und bin gewiss, dass er mir bewahren kann, was ich ihm anvertraut habe bis an jenen Tag (engl. Üb.)“. Er sagt nicht, „ich weiß, an wen ich glaube“. Er kannte Jesus, er kannte sein Herz und seine Treue, er kannte sein Sühnopfer und dessen Kraft, er kannte seine Fürsprache und ihre Macht; und er befahl seine Seele Jesu durch den Glauben und fühlte sich sicher. Mein Herr ist so herrlich in allen Dingen, dass ich euch nur einen Schimmer von ihm zu geben brauche, und ihr werdet sehen, was er war, als er unter den Menschen weilte. Am Anfang von Joh. 13 lesen wir: „Wie er geliebt hatte die Seinen, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende.“ Wenn er seine Jünger nicht bis ans Ende geliebt hätte, als er hier war, so hätten wir schließen können, er sei jetzt veränderlich wie damals; aber wenn er seine Auserwählten bis zum Ende liebte in seiner Erniedrigung, so gibt uns das die süße und selige Zuversicht, dass er, nun er im Himmel ist, alle die bis zum Ende lieben wird, die auf ihn vertrauen.

Fünftens schließen wir aus das Beharren der Heiligen von dem Inhalt des Gnadenbundes. Wollt ihr den für euch selber lesen? Dann schlagt das Alte Testament auf, Jer. 32, und da werdet ihr den Gnadenbund ziemlich ausführlich dargestellt finden. Wir können nur den 40. Vers lesen: „Und will einen ewigen Bund mit ihnen machen, dass ich nicht will ablassen, ihnen Gutes zu tun, und will ihnen meine Furcht ins Herz geben, dass sie nicht von mir weichen.“ Er will nicht von ihnen weichen, und sie sollen nicht von ihm weichen – kann es eine größere Zusicherung ihres Beharrens bis ans Ende geben? Nun, dass dieses der Gnadenbund ist, unter dem wir leben, ist klar aus der Epistel an die Hebräer, denn der Apostel führt im 8. Kapitel die Stelle gerade zu diesem Zweck an. Die Stelle lautet so: „Siehe, es kommen die Tage, spricht der Herr, dass ich über das Haus Israel und über das Haus Juda ein neues Testament machen will; nicht nach dem Testament, das ich gemacht habe mit ihren Vätern an dem Tage, da ich ihre Hand ergriff, sie auszuführen aus Ägyptenland. Denn sie sind nicht geblieben in meinem Testament; so habe ich ihrer auch nicht wollen achten, spricht der Herr. Denn da ist das Testament, das ich machen will dem Hause Israel nach diesen Tagen, spricht der Herr; ich will geben meine Gesetze in ihren Sinn und in ihr Herz will ich sie schreiben, und will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein.“ Im Alten Bund war ein „wenn“, und deshalb litt er Schiffbruch; es war: „Wenn ihr gehorsam sein wollt, dann sollt ihr gesegnet sein“; und da kam ein Mangel von Seiten des Menschen und der ganze Bund endete im Elend. Es war der Bund der Werke, und unter ihm waren wir in Knechtschaft, bis wir davon befreit und in den Bund der Gnade gebracht wurden, der kein „wenn“ hat, sondern auf der Verheißung fußt: es ist „Ich will“ und „Ihr sollt“ überall. „Ich will euer Gott sein und ihr sollt mein Volk sein“. Ehre sei Gott, dieser Bund wird nie vergehen, denn seht, wie er erklärt, dass er dauern soll, im Buch des Jesaja 54,10: „Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer!“ Und wieder Jes. 55,3: „Ich will mit euch einen ewigen Bund machen, nämlich die gewissen Gnaden Davids.“ Die Vorstellung von ihrem gänzlichen Fallen aus der Gnade ist ein Überbleibsel des alten gesetzlichen Geistes, es ist ein Weggehen von der Gnade, um wieder unter das Gesetz zu kommen, und ich bitte und ermahne euch, die ihr einst freigelassene Sklave waret und denen die Fesseln gesetzlicher Knechtschaft von den Händen gestreift wurden, tragt nie diese Bande von neuem. Christus hat euch errettet, wenn ihr in der Tat an ihn glaubt, und er hat euch nicht errettet für eine Woche oder einen Monat oder ein Vierteljahr oder ein Jahr oder zwanzig Jahre, sondern er hat euch ewiges Leben gegeben und ihr sollt niemals umkommen, noch soll jemand euch aus seiner Hand reißen. Freut euch in diesem segensvollen Bund der Gnade.

Der sechste sehr starke Beweis ist von der Treue Gottes hergenommen. Blickt auf Römer 11,29, was sagt der Apostel durch den Heiligen Geist? „Gottes Gaben und Berufung mögen ihn nicht gereuen“, das bedeutet, dass er einem Menschen nicht Leben und Vergebung gibt und ihn durch die Gnade beruft und nachher bereut, was er getan hat, und das Gute zurücknimmt, was er verlieh. „Gott ist nicht ein Mensch, dass er lügen solle, noch ein Menschenkind, dass ihn etwas gereuen sollte.“ Wenn er seine Hand ausstreckt, um zu erretten, so zieht er sie nicht ab, bis das Werk vollendet ist. Sein Wort ist: „Ich bin der Herr, ich ändere mich nicht, und es soll mit euch Kindern nicht gar aus sein.“ Mal. 3,6 „Auch lügt der Held in Israel nicht und gereuet ihn nicht.“ Der Apostel will, dass wir unsere Zuversicht des Beharrens auf die Bestätigung gründen, die die göttliche Treue uns sicher verleihen wird. Er sagt 1.Kor. 1,8: „Welcher euch auch fest behalten wird bis ans Ende, dass ihr unsträflich seid auf den Tag unseres Herrn Jesu Christi. Denn Gott ist treu, durch welchen ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes, Jesu Christi, unseres Herrn.“ Und ähnlich spricht er 1.Thess. 5,24: „Getreu ist er, der euch rufet, welcher wird’s auch tun!“ Es war von jeher der Wille Gottes, das Volk zu retten, das er Jesus gab, und diesen änderte er nie, denn unser Herr sagt Joh. 6,39: „Das ist aber der Wille des Vaters, der mich gesandt hat, dass ich nichts verliere von allem, das er mir gegeben hat, sondern dass ichs auferwecke am jüngsten Tage.“ So seht ihr aus diesen Stellen, und es sind viele andere mehr, dass Gottes Treue die Bewahrung seines Volkes sichert und „der Gerechte wird seinen Weg behalten.“

Der siebente und letzte Beweis soll hergeleitet werden von dem, was schon in uns getan worden ist. Ich kann wenig mehr tun, als die Schrift anführen, und es ihr überlassen, sich in eure Herzen einzusenken. Eine köstliche Stelle ist die in Jer. 31,3: „Der Herr ist mir erschienen von ferne; ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.“ Wer er nicht uns ewig lieben wollte, so würde er uns überhaupt nie gezogen haben, aber weil diese Liebe ewig ist, so hat er uns mit Güte gezogen. Der Apostel beweist dies ausführlich Röm. 5,9.10: „So werden wir vielmehr durch ihn behalten werden vor dem Zorn, nachdem wir durch sein Blut gerecht geworden sind. Denn so wir Gott versöhnet sind durch den Tod seines Sohnes, da wir noch Feinde waren, vielmehr werden wir selig werden durch sein Leben, so wir nun versöhnet sind.“ Ich kann nicht dabei weilen, zu zeigen, wie nachdrücklich jedes Wort dieses Spruches ist, aber es ist so: wenn Gott uns versöhnte, da wir seine Feinde waren, so wird er uns sicher retten, nun wir seine Freunde sind, und wenn unser Herr Jesus uns durch seinen Tod versöhnt hat, so wird er uns noch vielmehr durch sein Leben erretten; so dass wir gewiss sein können, er wird die, die er berufen hat, nicht verlassen noch versäumen. Habt ihr noch nötig, dass ich euch in Erinnerung bringe jenes goldene Kapitel, das achte der Römer, das Erhabenste, was je von einer menschlichen Feder geschrieben wurde? „Welche er zuvor versehen hat, die hat er auch verordnet, dass sie gleich sein sollten dem Ebenbild seines Sohnes. Welche er aber verordnet hat, die hat er auch berufen, welche er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; welche er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch herrlich gemacht.“ Es ist keine Unterbrechung in der Kette zwischen Rechtfertigung und Herrlichkeit, und keine solche kann stattfinden, denn der Apostel stellt das Ganze außer Frage, indem er hinzufügt: „Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hie, der da gerecht macht. Wer will verdammen? Christus ist hie, der gestorben ist, ja, vielmehr, der auch auferweckt ist, welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns.“ Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? Dann häuft er alle Dinge auf, die als scheidend gedacht werden könnten, und sagt: „Denn ich bin gewiss, dass weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch keine andere Kreatur mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserem Herrn.“ In derselben Art schreibt der Apostel, Phil. 1,6: „Und bin desselbigen in guter Zuversicht, dass, der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollführen bis an den Tag Jesu Christi.“ Ich kann mich nicht dabei aufhalten, die vielen andern Schriftstellen zu nennen, wo das, was getan ist, als Beweis gebraucht wird dafür, dass das Werk vollendet werden wird, aber es ist die Weise des Herrn, das durchzuführen, was er unternimmt. „Er wird Gnade und Herrlichkeit geben“ und uns vollenden.

Ein wunderbares Vorrecht, das uns verliehen ist, ist von besonderer Bedeutung: wir sind eins mit Christus durch eine enge, lebendige, geistliche Verbindung. Uns hat der Geist gelehrt, dass wir mit Christus Jesus vermählt sind – soll diese Verbindung aufgelöst werden? Hat er je einen Scheidebrief gegeben? Es hat nie einen Fall gegeben, wo er himmlische Bräutigam eine erwählte Seele, mit der er durch die Bande der Gnade vereinigt gewesen, von seinem Herzen schied. Hört die Worte der Weissagung Hosea 2,19.20: „Ich will mich mit dir verloben in Ewigkeit; ich will mich mit dir vertrauen in Gerechtigkeit und Gericht, in Gnade und Barmherzigkeit. Ja, im Glauben will ich mich mit dir verloben und du wirst den Herrn erkennen.“

Die wunderbare Vereinigung ist dargestellt in dem Bild von dem Haupt und den Gliedern; wir sind Glieder des Leibes Christi. Faulen die Glieder seines Leibes ab? Wird Christus verstümmelt? Wird er mit neuen Gliedern versehen, wenn die alten verloren gehen? Nein, da wir Glieder seines Leibes sind, sollen wir nicht von ihm getrennt werden. „Wer dem Herrn anhanget,“ sagt der Apostel, „ist ein Geist mit ihm“, und wenn wir ein Geist mit dem Herrn sind, so gestattet diese geheimnisvolle Einheit nicht die Voraussetzung einer Trennung.

Der Herr hat ein anderes großes Werk an uns getan, denn er hat uns mit dem Heiligen Geist versiegelt. Der Besitz des Heiligen Geistes ist das göttliche Siegel, das früher oder später auf alle Erwählten gesetzt wird. Es gibt viele Stellen, in denen von diesem Siegel gesprochen und es als ein Pfand, ein Pfand des Erbes beschrieben wird. Aber wie ein Pfand, wenn wir, nachdem wir es erlangt, nicht den erkauften Besitz erhalten? Denkt nach über die Worte des Apostels, 2.Kor. 1,21.22: „Denn dieweil die Welt in ihrer Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch törichte Predigt selig zu machen die, so daran glauben, sintemal die Juden Zeichen fordern und die Griechen nach Weisheit fragen.“ Ähnlich spricht der Heilige Geist Eph. 1,13.14: „Durch welchen auch ihr gehöret habt das Wort der Wahrheit, nämlich das Evangelium von eurer Seligkeit; durch welchen ihr auch, da ihr glaubtet, versiegelt worden seid mit dem Heiligen Geist der Verheißung, welcher ist das Pfand unseres Erbes zu unserer Erlösung, dass wir sein Eigentum würden zum Lobe seiner Herrlichkeit.“ Geliebte, wir fühlen sicher, dass, wenn der Heilige Geist in uns wohnt, der, der Jesus Christus von den Toten erweckte, unsere Seelen bewahren wird und auch unsere sterblichen Leiber wieder lebendig machen und uns völlig darstellen wird vor der Herrlichkeit seines Angesichtes am letzten Tage.

Deshalb fassen wir alle Beweise zusammen mit dem zuversichtlichen Ausspruch des Apostels, wenn er sagt 2.Tim. 4,18: „Der Herr aber wird mich erlösen von allem Übel und aushelfen zu seinem himmlischen Reich, welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

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Formularende

II.

Nun, wie sollen wir die Lehre anwenden zum Nutzen für unser Tun und Handeln?

Die erste Nutzanwendung ist zur Ermutigung dessen, der sich auf dem Weg zum Himmel befindet. „Der Gerechte wird seinen Weg behalten.“ Wenn ich eine sehr weite Reise zu machen hätte, wir wollen annehmen von London zu John o’Groats, mit meinen armen, schlotternden Gliedern und einem solchen Gewicht zu tragen, könnte ich anfangen, zu verzweifeln, und nach dem ersten Tagemarsch würde in der Tat schon meine Kraft erliegen; aber wenn ich eine göttliche Zusicherung hätte, die ganz unmissverständlich sagte: „Du wirst auf deinem Weg ausharren und wirst ans Ziel deiner Reise gelangen,“ so würde ich alle Kraft anspannen, die Aufgabe zu vollführen. Man würde kaum eine schwierige Reise unternehmen, wenn man nicht glaubte, sie zu beenden, aber die süße Versicherung, dass wir die Heimat erreichen sollen, lässt uns Mut fassen. Das Wetter ist regnerisch, trübe, stürmisch, aber wir müssen aushalten, denn das Ende ist sicher. Die Straße ist sehr rau und geht bergauf, bergab; wir keuchen nach Luft und unsere Glieder schmerzen, aber da wir ans Ziel gelangen sollen, so streben wir weiter. Wir sind geneigt, in eine Hütte hineinzukriechen und uns vor Müdigkeit niederzulegen und zu sagen: „Ich werde nie meine Aufgabe vollenden“; aber das Vertrauen, das wir haben, richtet uns wieder auf unsere Füße und vorwärts gehen wir wieder. Für den, der die rechte Gesinnung hat, ist die Zusicherung des Erfolgs der beste Antrieb zur Arbeit. Wenn es so ist, dass ich die Welt überwinden soll und die Sünde besiegen, dass ich kein Abtrünniger werden, meinen Glauben nicht aufgeben, meinen Schild nicht wegwerfen, dass ich heimkommen soll als Überwinder – dann will ich ein Mann sein und wie ein Held fechten. Dies ist einer der Gründe, warum die britischen Truppen so oft im Kampf gesiegt haben, weil die Trommelschläger nicht verstanden, zum Rückzug zu schlagen und die Krieger nicht an die Möglichkeit einer Niederlage glaubten. Sie wurden oft von den Franzosen geschlagen, so erzählen diese uns, aber sie wollten es nicht glauben und wollten deshalb nicht weglaufen. Sie fühlten, als wenn sie gewönnen, und standen deshalb wie Felsen unter dem furchtbaren Geschütz des Feindes, bis der Sieg sich für sie entschied. Brüder, wir werden dasselbe tun, wenn wir fühlen, dass wir in Christus Jesus bewahrt sind, gehalten durch Gottes Macht im Glauben zur Seligkeit. Jeder wahre Gläubige soll ein Überwinder sein, und deshalb haben wir Ursache zur guten Kriegführung. Es ist uns im Himmel eine Krone des Lebens vorbehalten, die niemals welkt. Die Krone ist für uns aufbewahrt, nicht für zufällig Kommende. Die Krone, die für uns bewahrt wird, ist so, dass kein Anderer sie tragen kann; und wenn es so ist, dann will ich kämpfen und ringen bis ans Ende, bis der letzte Feind überwunden und der Tod selber tot ist.

Eine andere Nutzanwendung ist dies: Welche Ermutigung ist es für Sünder, die nach der Seligkeit verlangen. Es sollte sie dahin bringen, zu kommen und sie mit dankbarer Freude anzunehmen. Die, die diese Lehre leugnen, bieten den Sündern eine armselige Dreigroschen-Seligkeit an, die des Habens nicht wert ist, und es ist kein Wunder, dass sie sich davon abwenden. Wie der Papst England dem spanischen König gab – wenn er es bekommen könnte – so bieten sie Christi Seligkeit an, wenn ein Mensch sie durch seine eigene Treue verdienen kann. Nach der Meinung einiger ist ewiges Leben schon gegeben, aber es ist vielleicht nicht ewig; ihr könnt abfallen, es mag nur eine Zeitlang dauern. Als ich noch ein Kind war, pflegte es mich zu beunruhigen, weil ich sah, dass einige meiner jungen Kameraden, wenig älter als ich selbst, wenn sie nach London in die Lehre kamen, lasterhaft wurden; ich hörte ihrer Mütter Klagen und sah ihre Tränen darüber; ich hörte Väter den bittersten Schmerz über ihre Söhne aussprechen, von denen ich wusste, dass sie in unserer Klasse eben so gut waren, wie ich je gewesen, und es erfüllte mich mit Grauen, dass ich vielleicht sündigen könnte, wie sie es taten. Sie wurden Sabbatschänder; einer bestahl die Ladenkasse, um zum Sonntagsvergnügen zu gehen. Mir schauderte bei dem bloßen Gedanken; ich wünschte, meinen unbefleckten Charakter zu bewahren, und als ich hörte, dass, wenn ich mein Herz Christus gebe, er mich bewahren würde, so war es gerade das, was mich gewann; es schien eine himmlische Lebensversicherung für meinen Charakter, dass, wenn ich mich wahrhaft Christus anvertrauen wollte, er mich vor den Irrungen der Jugend bewahren würde, mich schützen unter den Versuchungen des Mannesalters und mich bis ans Ende behalten. Ich fühlte hohe Freude bei dem Gedanken, dass ich, wenn ich durch den Glauben an Christus Jesus gerecht gemacht wäre, auf meinem Weg behalten werden sollte durch die Macht des Heiligen Geistes. Das, was mich fesselte in meiner Knabenzeit, ist noch anziehender für mich im mittleren Alter; ich bin froh, euch eine sichere und ewige Seligkeit zu predigen. Ich fühle, dass ich euch heute Morgen etwas vorzustellen habe, das der begierigen Annahme jedes Sünders wert ist. Ich habe weder „Wenn“ noch „Aber“, um das reine Evangelium meiner Botschaft zu verdünnen. Hier ist es: „Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden.“ Ich ließ gestern ein Stück Eis auf den Boden fallen und sagte zu einem, der im Zimmer war: „Ist das nicht ein Diamant?“ „Ah,“ sagte er, „Sie würden es nicht auf dem Boden liegen lassen, wenn es ein Diamant von der Größe wäre, dafür stehe ich.“ Nun, ich habe einen Diamanten hier – ewiges Leben, immerwährendes Leben! Mir scheint, ihr werdet Eile haben, ihn sofort aufzunehmen, jetzt errettet zu werden, errettet im Leben, errettet im Tode, errettet in der Auferstehung, auf ewig und immer, durch die ewige Macht und unendliche Liebe Gottes. Ist dies nicht des Habens wert? Ergreife es, arme Seele; du kannst es haben, wenn du nur an Jesus Christus glaubst, oder mit anderen Worten, ihm deine Seele anvertraust. Lege dein ewiges Geschick in diese göttliche Bank, denn du kannst sagen: „Ich weiß, wem ich glaube, und bin gewiss, dass er das bewahren kann, was ich ihm anvertraut habe, bis an jenen Tag.“ Der Herr segne euch um Christi willen. Amen.

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Charles Haddon Spurgeon – Predigt eines alten Mannes

13.07.10 (19. Psalter, Spurgeon, Charles Haddon)

Gehalten am Sonntag, den 26. September 1857

„Gott, du hast mich von Jugend auf gelehret, darum verkündige ich deine Wunder. Auch verlaß mich nicht, Gott, im Alter, wenn ich grau werde; bis ich deinen Arm verkündige Kindeskindern, und deine Kraft allen, die noch kommen sollen.“
Psalm 71, 17.18.

Ich hoffe, in dieser Woche die Freude zu haben, in Kettering zu predigen, um an diesem Orte das hundertjährige Jubiläum des Predigers Toller und seines Vaters zu feiern. Mein Freund Toller hat ungefähr fünf und fünfzig Jahre lang das Evangelium von der Gnade Gottes an der Gemeinde verkündet und mit den fünf und vierzig Jahren des vorhergehenden Pastorates seines Vaters ist das Jahrhundert voll. Da ich diese sehr angenehme Aufgabe vor mir habe, bin ich darauf geführt, über das Alter nachzudenken und besonders über das Alter der Gläubigen, und bin der Meinung, daß „die Erinnerungen eines alten Mannes“ uns ein passendes Thema für unsere Morgenpredigt geben würden. Ich war um so mehr geneigt, diesen Gegenstand zu wählen, als heute über vierzehn Tage die Kinder und jungen Leute einen Anspruch an den Prediger haben werden, da dieser Tag von dem Sonntagsschul-Verein für spezielles Gebet ausgewählt ist. Um die Rechnung gleich zu machen, laßt uns diesen Morgengottesdienst unsern ernsten und ehrwürdigen älteren Brüdern geben.

David hat hier als ein alter Mann gesprochen, und was er gesagt hat, ist von Tausenden ehrwürdigen Gläubigen wiederholt worden. Seine Erfahrung in der Vergangenheit, sein Gebet für die Gegenwart und seine Wünsche für die Zukunft sind auch bei Andern, die ihm an Jahren gleich sind, dieselben gewesen, und diejenigen unter uns, die in der Mitte des Lebens stehen, werden in Kurzem froh sein, „Amen“ dazu zu sagen. „O Gott, du hast mich von Jugend auf gelehret, darum verkündige ich deine Wunder. Auch verlaß mich nicht, Gott, im Alter, wenn ich grau werde.“ David kann in dieser Stelle als das Muster eines alten Gläubigen angesehen werden, der schon in früher Jugend bekehrt ist, und wir fühlen uns ganz im Rechte, wenn wir alle seine Äußerungen nehmen und sie alten Veteranen des Kreuzes in den Mund legen.

I.

Das Erste, wobei wir heute morgen verweilen wollen, soll sein: seine Lehrzeit oder ein guter Anfang. „O Gott, du hast mich von Jugend auf gelehret.“ Der Psalmist war ein unterrichteter Gläubiger. Er war nicht bloß errettet, sondern auch gelehret worden: Bekehrung hatte zur Belehrung geführt. Ich möchte die Aufmerksamkeit aller jungen Christen hierauf richten. Wie wünschenswert ist es, daß nicht bloß eure Sünden euch vergeben werden und ihr durch den Glauben an Christum Jesum gerechtfertigt werdet und eure Herzen durch das Werk des heiligen Geistes erneuert, sondern daß ihr bei Jesu in die Schule geht, sein Joch auf euch nehmt und von ihm lernt. Wißt ihr nicht, daß dies das gute Teil ist, was Maria wählte und wovon der Herr erklärte, daß es nicht von ihr genommen werden sollte. Sie wählte es, zu seinen Füßen zu sitzen und von ihm zu lernen. Meint nicht, von der Hölle errettet sein sei Alles; ihr habt es auch nöthig, in der Gerechtigkeit unterwiesen zu werden. Wenn ihr sucht, den Herrn mehr und mehr zu erkennen, so wird euch das von tausend Schlingen retten, euch helfen, in der Gnade zu wachsen und euch befähigen, nützlich zu sein. Das Alter, dem eine unterrichtete Jugend vorangeht, wird ein fruchtbringendes sein. Wir sollten die Wahrheit kennen und sie verstehen, denn wenn wir das nicht tun, werden wir immer schwach im Glauben sein. Daß David außerordentlich gut unterrichtet war, ist aus seinen Psalmen klar, die eine Fundgrube von Lehre und einen Reichtum der Erfahrung enthalten, die nie, selbst von andern inspirierten Schriften nicht übertroffen worden sind. Wenn Jemand kein anderes Buch als die Psalmen zu studieren hätte, so könnte er mit dem Segen des Geistes Gottes einer der weisesten Männer werden. Strebt denn, meine Brüder, jetzt Jünger zu sein, damit ihr in eurem Alter mit Freuden auf die Tage zurückblicken könnt, die ihr im Lernen der himmlischen Dinge zugebracht habt.

All’ seinen Unterricht führte der Psalmist auf Gott zurück. „O Gott, du hast mich gelehrt.“ Er war in Christi Schule als ein Schüler eingetreten. Sehr weislich hatte er es gewählt, von ihm zu lernen, der unendliche Weisheit geben kann und göttliches Geschick in der Mittheilung derselben hat. Der Herr versucht nicht nur, zu lehren, sondern er tut es, er weiß es so zu machen, daß seine Kinder lernen, denn er spricht zum Herzen und lehrt uns so, daß wir Nutzen davon haben. „Gott, du hast mich gelehret.“ Wie gut ist es, wenn der heilige Geist uns völlig davon überzeugt hat, daß wir von Gott gelehrt sein müssen, wenn wir irgend etwas recht lernen sollen. Zu Viele scheinen sich einzubilden, daß sie alles, was sie zu wissen brauchen, selbst ausfindig machen können, sie können es durch ihre eignen Gedanken herausbringen oder auf jeden Fall wird die große Gelehrsamkeit ihrer Lieblingsschriftsteller ihnen da hindurch helfen. Mein Bruder, du, der in seines Meisters Dienst grau geworden ist, ich bin gewiß, du hast gelernt, deinem eignen Verstand zu mißtrauen und bist froh, das Himmelreich zu empfangen wie ein kleines Kind. Du weißt aus Erfahrung, daß alles, was du je ohne Gott gelernt hast, eine Lektion voller Schmerz oder Torheit gewesen ist: du hast kein wahres Licht erhalten, ausgenommen von dem großen Vater des Lichtes. Keine himmlischen Wahrheiten werden richtig gelernt, bis der heilige Geist sie der Seele einbrennt. Selig sind die, welche bei einem solchen Meister in die Schule gegangen sind, sie werden unter den Weisen sein, die leuchten sollen, wie des Himmels Glanz.

Der Herr hat David zum Teil durch sein Wort gelehrt, denn wir finden, daß David seine Lust an der Schrift hat und Tag und Nacht darüber nachdenkt. Er lehrte ihn auch durch seine Prediger. Er bekam nicht wenig Unterweisung durch Samuel, und er lernte einige scharfe Lehren von Nathan; während Gad, des Königs Seher, auch unzweifelhaft zu seiner Erbauung mithalf. Gottes Kinder sind willig, sich von Gottes Dienern lehren zu lassen. Er war auch von dem heiligen Geist unterwiesen: manche köstliche Wahrheit war ihm mitgeteilt worden in der Stille beim Hüten seiner Schafe oder in den einsamen Höhlen der Berge, und selbst, als er König geworden war, ward er in der Mitte der Nacht aufgeweckt, um die Stimme des Herrn seines Gottes zu hören. Überdies lehrte ihn der Herr durch Schickungen. Er lernte viel von seinem Hirtenstab, viel von seiner Schleuder und den Steinen, viel von dem Hasse Saul’s, viel von der Liebe Jonathan’s. Er muß später viel von seinem eignen Herzen gelernt haben, von seinen eignen Leiden, Torheiten und Sünden, und er muß viel von der Unwürdigkeit der Menschen gesehen haben an Absalom’s Unwürdigkeit, Ahithophel’s Verrat, Joab’s Rohheit und Simei’s Lästerung. Sein ganzes Leben war ein Kursus für seine Erziehung. Ob er auf dem „Hügel Mizar“ stand oder durch das „Jammerthal“ ging, ob er frohlockte über grüne Weiden, oder in die Tiefen sank, wo alle Gottes Wasserwogen und Wellen über ihn gingen, ob er ein Hallelujah sang oder ein miserere anstimmte, alles übte ihn für ein höheres Dasein ein. Darum konnte er zu dem Höchsten sprechen: „Du hast mich gelehret.“ O, geliebte christliche Freunde, könnt ihr nicht sehen, wenn ihr zurück schaut, wie alles für euch belehrend gewesen ist, wenn ihr willig gewesen seid, zu lernen? Welch’ eine Schule haben unsrer Einige durchgemacht, eine Schule des Leidens und der Liebe. Wir haben auf der harten Strafbank gesessen, wir haben die Rute der Züchtigung gefühlt, und auf der andern Seite haben unsre Augen auch vor Entzücken gefunkelt, wenn das liebliche Bilderbuch der Gemeinschaft mit dem Herrn uns aufgetan ward und wir in das Geheimnis des Herrn blickten, „das mit denen ist, die ihn fürchten.“ In uns ist jene alte Bundesverheißung erfüllt: „Und alle deine Kinder gelehrt vom Herrn.“

David hatte auch das Vorrecht, frühe zu beginnen. „O Gott, du hast mich gelehrt von Jugend auf.“ Ich war ein Schüler in deiner Kleinkinderschule; ich ward zu dir gebracht, um die Buchstaben zu lernen und als ich lernte, deinen Namen als meinen Heiland und Vater zu buchstabieren, war es deine Gnade, die mich das lehrte. Alles wahre Lernen beginnt zu Christi Füßen und es ist gut, dort schon in unsrer Kindheit zu sein. Wenn du ein guter Schüler sein willst, mußt du ein junger Schüler sein. David fühlte, daß er nöthig hatte, von Jugend an von Gott unterwiesen zu werden, denn in einem seiner Psalmen sagt er: „Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend und meiner Übertretung.“ So daß selbst der fromme David Jugendsünden zu betrauern hatte und deshalb ebensowohl als Andere es bedurfte, den Weg der Heiligkeit zu lernen, als er jung war. Der traurigen Nothwendigkeit, welche die Torheit unsrer Natur uns von unseren frühen Tagen an auferlegt hat, kommt die frühe Gnade entgegen. Meine greisen Brüder, ich wollte euch in diesem Augenblick dringend bitten, den Herrn für die Gnade zu loben, die in jungen Tagen Manche von euch bewahrte, in schwere Sünde zu fallen.

Die Sünde, über welche der Psalmist trauerte, konnte er mit Hülfe der göttlichen Unterweisung beherrschen. Er sagt sich selber: „Wie wird ein Jüngling seinen Weg unsträflich wandeln? Wenn er sich hält nach deinen Worten,“ und so hat David getan und deshalb war sein Jugendleben durch große Reinheit und Einfalt des Charakters ausgezeichnet, weil er so gut von Gott gelehrt war. Besonders war er gelehrt worden, auf seinen Gott zu trauen, denn in dem fünften Verse dieses Psalms sagt er: „Denn du bist meine Zuversicht, Herr, Herr, meine Hoffnung von meiner Jugend an;“ und nachdem er so gelehrt worden war, hatte er seinen Glauben durch die That bewährt, denn noch in seiner Jugend schlug er den unbeschnittenen Philister und erlöste Israel im Namen Gottes. Selig ist der Jüngling, der durch kühne Thaten beweist, daß er ein Jünger Jesu ist. Selig ist der alte Mann, welcher, indem er zurückblickt, bekennt, daß er von Jugend an Belehrung nöthig hatte, aber auch sich freut, daß er Unterweisung von dem Herrn empfing und auf den Weg der Gerechtigkeit geführt ward.

Bemerkt ferner, David sagt uns, daß er mit Lernen fortgefahren hat. Er sagt, „O Gott, du hast mich gelehrt von Jugend auf,“ darin liegt, daß Gott fortgefahren hat, ihn zu lehren; und so hatte er es in der That getan. Der Lernende hatte keine andere Schule gesucht, und der Meister hatte seinen Schüler nicht fortgeschickt. Einige machen wenig Fortschritte, weil sie gut anzufangen scheinen, aber sich nachher Torheiten zuwenden. Sie sagen, daß sie einst von Gott gelehrt sind, aber sie werden des einfachen Evangeliums Jesu überdrüssig und nehmen ihre Zuflucht zu denen, die in Ketzereien „machen“ und sonderbare Lehren erfinden. Gut ist es für das Herz, in der Wahrheit gegründet zu sein und sich keinem Lehrer hinzugeben, als dem Herrn. Greiser Bruder, ich hoffe, du kannst sagen: „Gott, du hast mich von Jugend auf gelehret. Ich habe meine Seele nicht vor jedem Wind der Lehrmeinungen gebeugt und mich zu einem Schilf gemacht, das sich vor jedem vorüberwehenden Lufthauche neigt, sondern ich bin fest, unbeweglich gewesen und habe an dem Wort der Wahrheit festgehalten.“

Es ist ebenso klar, daß er noch immer lernte. Der älteste Heilige geht noch immer zur Schule bei dem Herrn Jesus. O, wie wenig wissen wir, wenn wir am meisten wissen. Die weisesten Heiligen sind diejenigen, welche am leichtesten bereit sind, ihre Torheit zu bekennen. Der Mann, der Alles weiß, ist der Mann, der Nichts weiß. Einer der nichts mehr lernen kann, ist Einer, welcher nie irgend etwas auf rechte Art gelernt hat. Christum und die Kraft seiner Auferstehung zu erkennen, erzeugt einen unauslöschlichen Durst nach einer noch näheren Bekanntschaft mit ihm. Unser sehnlicher Wunsch ist, ihn noch mehr „zu erkennen.“

Ich wünschte halb ,ich könnte die Kanzel verlassen und irgend ein ehrwürdiger Bruder träte vor und erzählte euch, wie Gott mit ihm begann, und wiederholte euch die ersten Lektionen, die er gelernt. Ich möchte ihn gern erzählen hören, wie Gott Geduld mit ihm gehabt und ihn stets noch gelehrt hat; wie er zuweilen unter der Rute zu leiden hatte, ehe er überhaupt nur dahin gebracht werden konnte, zu lernen, und der Herr doch sanft mit ihm gewesen ist. Ich möchte, daß ein solcher, „nämlich ein alter Paulus“, euch erzählte, wie durch alles, was geschah, Böses und Gutes, Helles und Dunkles, seine Erziehung weiter gefördert ward; und ich möchte, daß er euch sagt, wie froh er ist, noch immer ein Lernender zu sein, obgleich jetzt so weit in Jahren vorgeschritten. Die best unterrichtetsten unserer älteren Brüder sind diejenigen, welche stets am dringendsten rufen: „Was ich nicht weiß, lehre mich;“ und: „Öffne mir die Augen, daß ich sehe die Wunder an deinem Gesetze.“ Obgleich mein ehrwürdiger Freund sich einen guten Doktorgrad erworben hat, so bleibt er doch bei seinem alten Lehrer. Obgleich jetzt im Stande, auch andere zu lehren, ist er darum nicht weniger ein Jünger, der zu den Füßen Jesu sitzt; ja, das, was er schon weiß, macht ihn nur um so gelehriger.

So, Brüder, haben wir gesehen, daß das Vorbild der alten Gläubigen ein unterrichteter Heiliger ist, der Alles, was er weiß, der göttlichen Belehrung verdankt, der früh zu lernen begann und seine heiligen Studien fortgesetzt bis auf diesen Tag.

„Du hast, o Herr, erzogen mich
Von meiner frühsten Jugend an,
Und bis zu dieser Stund’ rühm’ ich
Die Wahrheit, die du kund getan.“

II.

Wir gehen zweitens dazu über, seine Beschäftigung zu betrachten. Seine Lehrzeit war ein guter Anfang, seine Beschäftigung war ein guter Fortgang, – „darum verkündige ich deine Wunder.“ Dies war David’s Hauptbeschäftigung. Es ist wahr, er hatte andere Arbeit zu tun, denn er war zuerst ein Hirte, dann wurde er ein königlicher Harfenspieler, später ein Krieger, und erklomm zuletzt einen Thron; doch seines Lebens Hauptrichtung und Zweck war, den Herrn zu erheben, indem er seine Wunder verkündigte. Ihr und ich, Brüder, wir haben jeder unsern Beruf, und wenn es ein erlaubter Beruf ist, laßt uns darin bleiben, und laßt uns nicht träumen, daß es Gott ehren würde, wenn wir unsere tägliche Arbeit verließen unter dem Vorwand, ihm auf eine geistlichere Weise zu dienen, indem wir auf anderer Leute Kosten leben. Jedoch ist unser irdischer Beruf nur die Schale unseres himmlischen, welcher der Kern in dem Streben unseres Lebens ist. Unser zeitliches Geschäft muß unserer geistlichen Arbeit dienstbar sein und wir müssen auf die eine oder andere Weise die Ehre Gottes verkündigen. David erhob den Herrn durch seine Psalmen. Wie lieblich hat er in diesen Gottes Wege der Barmherzigkeit und der Treue erklärt! Er verherrlichte Gott durch sein Leben, besonders durch jene Heldenthaten, die dem ganzen Israel zeigten, was für mächtige Werke Gott durch einen schwachen, aber treuen Mann tun kann. Er verkündete ohne Zweifel oft die Wunder Gottes im Privatgespräch mit Gläubigen und Ungläubigen, indem er seine persönliche Erfahrung von des Herrn Gnade erzählte. Ihr und ich müssen, wenn wir in Gottes Schule gewesen sind, dieselbe Beschäftigung ergreifen. Einige von uns können predigen; laßt uns darin fleißig sein. Andere von euch lehren in der Schule; ich bitte euch, legt euer ganzes Herz in dieses Segenswerk hinein. Ihr Alle könnt durch geschriebene Briefe und Privatgespräche und besonders durch ein eurem Glauben entsprechendes Leben, die Wunder Gottes verkündigen und den Menschen die Herrlichkeit des gnädigen Gottes kund tun; laßt uns eifrig in diesem heiligen Werke sein. Die Menschen kümmert es nicht, ob sie ihren Gott kennen, aber wir müssen ihnen nicht erlauben, unwissend zu bleiben. Sagt ihnen von seiner Liebe, gegen die sie täglich sündigen und von seiner Bereitschaft, ihre Beleidigungen zu vergeben. Predigt und verkündigt die Seligkeit aus Gnaden. Es ist süß, euch im Alter daran zu erinnern, daß ihr dies thatet.

Bemerkt hier, liebe Freunde, daß David einen göttlichen Gegenstand gewählt hatte. „Darum verkündige ich deine Wunder.“ Gottes Werke hatte er verkündigt, nicht der Menschen. Er hatte nicht davon geredet, was der Mensch tun könne oder getan hätte. Bemerkt Vers sechzehn: „ich greife deine Gerechtigkeit allein.“ Weder die Tugenden der Heiligen, noch die Vorrechte der Priester, noch die Unfehlbarkeit der Oberpriester, noch irgend etwas der Art hatte des Psalmisten Lippen entehrt, diese Lippen waren Gottes Ruhm allein geweiht. „Mein Mund soll verkündigen deine Gerechtigkeit, täglich dein Heil.“

Wir sollen reden von dem, was Gott in der Schöpfung, Vorsehung und in der Gnade getan hat, und besonders sollen wir auf die wunderbare Natur dieser Werke hinweisen, denn ein Wunder ist in allen. Gewiß, Brüder, hier ist ein großer Gegenstand für uns, – die Wunder der erwählenden Liebe, die Wunder der erlösenden Gnade, die Wunder der bekehrenden Kraft des heiligen Geistes, die Wunder der Heiligung, die Wunder der besiegten Sünde und der eingepflanzten Gnade; solche Wunder hören nie auf. Wunder der Gnade gehören Gott an und es sollte euer Geschäft und das meine sein, im Geiste heiliger Ehrfurcht Anderen zu erzählen, was Gott getan hat, daß auch sie bewundern und anbeten. David hatte ein gesegnetes Thema, ein Thema, dessen Hauptpunkt die Vereinigung der Gerechtigkeit mit dem Heil war. Beachtetet ihr den fünfzehnten Vers: „Mein Mund soll verkündigen deine Gerechtigkeit, täglich dein Heil.“? Das ist die große christliche Lehre, – medulla theologiae, Kraft und Saft der Theologie – die Versöhnung, in welcher Gnade und Gerechtigkeit sich in dem Opfer Jesu vereinen. O Geliebte, ich könnte wünschen, gar keinen anderen Gegenstand meiner Rede zu haben und daß meine Zunge mit einer glühenden Kohle vom Altar berührt wäre, um alleine von der Stellvertretung zu predigen. Ich wünsche, davon zuerst und zuvörderst und vor allem Anderen zu sprechen: ich möchte täglich verkündigen, wie Gott gerecht ist und doch den gerecht macht, der an Jesum glaubt; wie er die Sünde schlägt und doch den Sünder nicht schlägt; wie er strenge ist, nichts von der Strafe erläßt, und doch keine Strafe auf die Schuldigen legt, weil der Unschuldige sie alle getragen hat. Macht es, liebe Freunde, zu eurer Lebensaufgabe, die Menschen in dieser seligmachenden Wahrheit zu unterweisen; lehrt sie dieses, ob auch nichts Anderes. Wenn es einige Lehren gibt, die ihr nicht verstehen könnt, so haltet doch diese mit festem Griff. Wenn einige für euch zu hoch sind, so laßt doch dies euer tägliches Thema sein – Christus, der gekreuzigte, vor dessen Kreuz Gerechtigkeit und Friede sich küssen. Dies war David’s Beschäftigung. Meine greisen Brüder in Christo, dies ist auch eure Beschäftigung gewesen, und ihr bedauert es nicht, euer einziger Wunsch ist, daß ihr eifriger darin gewesen wäret.

Nun beachtet, wenn David’s Thema göttlich war, so war es zu gleicher Zeit auch gleichförmig. Er sagt: „Bis hierher habe ich deine wunderbaren Werke verkündigt.“ (Engl. Ueb.) Es ist eine traurige Sache, wenn ein guter Mensch in Irrtum gerät, selbst wenn es nur auf eine Zeit lang ist. Einige Prediger haben buntscheckig gepredigt; ich sollte meinen, sie wissen selbst nicht, was sie gelehrt haben, denn sie sind von einer Denkweise zu einer anderen gegangen und haben sich hundertmal widersprochen. Hütet euch vor Menschen, die zum Wechsel geneigt sind und von jeder neuen Krankheit ergriffen werden. Ich bekenne, ich fühle Bewunderung für einen Mann, der sagen kann: „Was ich in meiner Jugend lehrte, das lehre ich in meinem Alter. Was meine Hoffnung und Zuversicht war, als Gottes Geist zuerst meinem Mund öffnete, das und nichts Anderes ist noch jetzt meine Hoffnung und Zuversicht.“ Wenn die Menschen an Jahren zunehmen, so sollten sie tiefer denken, klarer verstehen und mit größerer Zuversicht sprechen, und es ist weise von ihnen, manche Irrtümer in einzelnen Dingen zu verbessern, welche die Unreife ihrer jungen Tage verursacht hat; aber dennoch ist es etwas Großes, die Grundwahrheit vom ersten Beginn an festzuhalten. Es gibt nicht zwei Christi, und auch nicht zwei Evangelien; wenn ein anderes Evangelium da ist, „so ist doch kein anderes, ohne daß etliche sind, die uns verwirren.“ O nein, Bruder, wenn der Herr dich von Jugend auf gelehrt hat, bleibe bei dem, was du gelernt hast, halte es fest, nun dein Haar grau ist. Laßt uns sehen, daß „die alte Garde stirbt, aber sich nie ergibt.“ Selbst wir, die jünger sind, als ihr, haben uns entschlossen, bei der großen, alten Wahrheit zu bleiben; unsere Fahne ward schon vor langer Zeit an den Mast genagelt; gewiß, die Veteranen werden dasselbe sagen. All’ mein Heil und all’ mein Verlangen hat seinen Mittelpunkt in dem Gnadenbund und dem Evangelium von der Erlösung durch Jesu Blut, und was die neuen Lehren betrifft, da habe ich eine Antwort für sie alle.e

„Wenn jeder Menschenschund und Trug
Den Glauben auch bekämpft voll Spottes,
Ich nenn’ es Eitelkeit und Lug,
Und schließ’ in’s Herz die Wahrheit Gottes.“

Das ist ein gutes Wort der Ausdauer – bis hierher; „bis hierher habe ich deine wunderbaren Werke verkündigt.“ Bis hierher sind auch unsere greisen Väter gekommen, und halten fest „an den Dingen, die zuversichtlich unter uns geglaubt werden.“ (Luk. 1, 1. engl. Ueb.)

Aber, liebe Brüder, bemerkt, daß die Art und Weise des David sehr empfehlenswert war. Bis hierher habe ich verkündigt, sagt er. Nun verstehe ich unter Verkündigung etwas Positives, Deutliches und Persönliches. David hatte nicht von seinem Gott gelehrt mit einem „Wenn“ und einem „Aber“, und einem „mag sein,“ sondern es war gewesen: „So und so spricht der Herr;“ er hatte die Wahrheit offen verkündigt; seine Lehre war nicht neblig und dunstig gewesen, so daß die Leute durchaus machen konnten, was ihrem Geschmack zusagte; ebenso wenig war sie mystisch, metaphysisch, transzendental und philosophisch gewesen, sondern er hatte sie verkündigt, sie klar gemacht, sie ausgelegt und hatte es so deutlich hingestellt, daß es „lesen könne, wer vorüber läuft.“ Er hatte es auch verkündigt, wie es von ihm selber erkannt und durch eigene Erfahrung bestätigt war. Es ist ein Segen dabei, wenn wir unserem Zeugnis eine persönliche Färbung geben, indem wir sagen: „So und so habe ich es erfahren und so hat der Herr an mir getan.“ Hierin liegt viel von dem Interesse, daß unser Zeugnis erweckt. Lieber Bruder, der du ein reifes, gutes Alter erreicht hast, ich hoffe, du bist im Stande, beim Rückblick sagen zu können: „Ja, ich habe redlich für Gott gesprochen und aus dem innersten Herzen und deshalb habe ich mit Entschiedenheit gesprochen und durch meine persönliche Erfahrung die Wahrheit der göttlichen Verheißung bewiesen.“ Gott ist stets wahrhaftig gegen mich gewesen, und wenn Einige meinen, daß ich zu viel von mir selber rede, so kann ich den Tadel ertragen, denn ich bin unfähig, meine dankbare Anerkennung zurückzuhalten. Wahrlich, wenn ich nicht spräche, würden die Steine schreien; ich muß die Treue des lebendigen Gottes verkündigen.

In David’s Redeweise ist sehr viel heilige Ehrfurcht und liebende Andacht, denn er sagt: „Deine wunderbaren Werke,“ was anzeigt, daß er selber bewundert hat, während er sprach. Ich höre gerne einen frommen Mann von Gottes Liebe reden, wenn er fühlt, daß sie zu tief für ihn ist, wenn er mit Tränen von ihr spricht, als wenn sie ihn überwältigte; wenn er redet, als wenn sie weit wunderbarer für ihn wäre, als er sie seinen Hörern darstellen könnte. David hat sein Werk mit anbetendem Erstaunen und dankbarer Liebe getan, denn, meine Brüder, er hatte immer diesen Einen Zweck im Auge, Gott in der Menschen Gedanken groß zu machen. Darf ich euch, die ihr in vorgerückteren Jahren seid, fragen, macht ihr dies zu eurer Hauptbeschäftigung? Und wenn ihr vielleicht Prediger oder Lehrer seid, lehrt ihr den Heilsweg Gottes mit dem alleinigen Zweck, Gott zu verherrlichen? O, es muß dahin kommen, denn aller Dienst Gottes, der nicht aus diesem Beweggrunde geschieht, ist nicht annehmbar und eitles Werk. Wenn wir mit Menschen- und Engelszungen predigen könnten, so daß wir Appollos überträfen, und unsere Absicht wäre, in den Augen der Menschen zu glänzen, so wären wir wie tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Wenn irgend ein fremdartiges in dem Beweggrund ist, so sind tote Fliegen in der Salbe des Apothekers, und sie gibt einen üblen Geruch von sich; aber wenn dies unser Einer, alleiniger Wunsch ist, Gott zu verherrlichen, indem wir die Menschen sehen lassen, was für ein großer und hochgelobter Gott er ist, so wird unsere Arbeit sein wie der Weihrauch auf dem goldnen Altar. Auf solchen Dienst werden wir in unserem Alter mit Dankbarkeit zurückblicken können. Wie ist es mit dir, mein Bruder, meine Schwester, wenn du die Vergangenheit durchblickest? Und wie stehen die Sachen bei euch, die ihr in der Blüte eurer Kraft seid – seid ihr mit Gottes Werk beschäftigt und lebt ihr für Gott in allem, was ihr tut? O, dann werdet ihr glücklich sein, wenn graue Haare euer Haupt mit einer Ehrenkrone schmücken werden, denn das Silber wird nicht nur auf eurem Haupte ruhen, sondern seinen Freudenglanz auch auf euer Herz werfen, wenn ihr daran gedenkt, daß ihr bis hierher seine wunderbaren Werke verkündet habt.

III.

So gehe ich zum Dritten in unserem Text über, nämlich, sein Gebet, welches ein gutes Anzeichen war, – „Auch verlaß mich nicht, Gott, im Alter, wenn ich grau werde.“ Was für ein klagendes Gebet ist es. Es zeigt euch, Brüder, daß David sich seines früheren Vertrauens nicht schämte.

Er fühlte, daß er nicht so weit gekommen wäre, wenn Gott ihn nicht geführt hätte. Er sah seine völlige Abhängigkeit von Gott in der Vergangenheit, aber ich bin gewiß, Abhängigkeit ist ein Gefühl, das immer wächst. Christen, die in der Gnade zunehmen, halten sich selber für nichts; völlig erwachsene Christen halten sich für weniger als nichts. Gute Menschen sind wie Schiffe, je voller sie sind, desto tiefer sinken sie in den Strom. Je mehr Gnade ein Mensch hat, desto mehr klagt er über den Mangel an Gnade. Gnade ist keine Speise, die das Gefühl der Sättigung erzeugt, sondern, wie ich von einigen Gerichten gehört habe, daß man sie essen kann, bis man hungrig wird, so ist es mit der Gnade, je mehr ihr empfangt, desto mehr verlangt ihr. David kannte die geheimen Quellen, aus denen alle seine Segnungen flossen, und er bittet den Herrn, nie den göttlichen Quell der Allgenugsamkeit zu verstopfen, sonst müßte er verschmachten und sterben.

Dies beweist, liebe Freunde, daß David sich nicht einbildete, daß vergangene Gnade für die Gegenwart genügen könne. Vergangene Erfahrung ist gleich dem alten Manna, es erzeugt Würmer und wird stinkend, wenn man sich darauf verläßt. Den Augenblick, wo jemand anfängt, sich zu brüsten mit der Gnade, die er vor sechs Jahren zu haben pflegte, könnt ihr euch darauf verlassen, daß er jetzt sehr wenig hat. Wir brauchen jeden Tag neue Gnade. Daß Gott mir gestern gegenwärtig war, genügt mir nicht für den jetzigen Augenblick; ich muß nun Gnade haben. David erkannte seine gegenwärtige Abhängigkeit an und es war weise, so zu tun. Man stolpert immer, wenn man zu gehen versucht, während man die Augen rückwärts wendet. Es ist sehr merkwürdig, daß alle Sündenfälle, die in der Schrift erzählt sind, so weit ich erinnere, bei alten Leuten stattgefunden haben. Dies sollte eine große Warnung für uns sein, die wir denken, daß wir an Weisheit und Erfahrung zunehmen. Lot und Juda und Eli und Salomon und Assa waren alle in vorgerückten Jahren, als sie vor dem Herrn schuldig befunden wurden. Kühle Leidenschaften sind kein Schutz gegen feurige Sünden, wenn nicht die Gnade mehr als die Abnahme der Natur sie abgekühlt hat. David hatte sehr nöthig zu sprechen: „Verlaß mich nicht, o Gott,“ sein eigner Fall bewies es. Ich habe diejenigen, welche viel fahren, sagen hören, daß Pferde öfter am Fuße eines Hügels fallen als irgendwo anders. Wo der Fuhrmann denkt, er brauche sie nicht länger anzuhalten, da fallen sie nieder; und so mögen Viele die Versuchung Jahre lang tapfer ertragen haben und gerade, wenn die Prüfung vorüber war, und wir meinten, sie wären in Sicherheit, so wandten sie sich seitwärts auf krumme Pfade und betrübten den Herrn. Ihr seid sehr überrascht, ihr würdet es von jedem Andern eher geglaubt haben, als von ihnen, aber es ist so. Nehmt dies denn, als eine Warnung, damit wir nicht einen lebenslangen guten Ruf durch Eine elende, sündige That verderben. Mein ganzes Herz ruft: „O Gott, verlaß mich nicht.“

Der Psalmist sah, daß viele Feinde ihn beobachteten, deshalb bat er: „Verlaß mich nicht.“ Er hatte viele Versuchung, in seines Meisters Dienst müde zu werden, und er betete: „Verlaß mich nicht.“ Er fühlte auch die natürliche Abnahme seiner körperlichen Kraft und er rief: „meine Kraft wird schwach,“ und darum flehte er: „Verlaß mich nicht.“

„Von vieler Jahre Müh’ gebückt,
Verlassen, krank und tief gedrückt
Fleh’ ich vor deinem Angesicht,
Zu dir heb’ ich die welke Hand,
Das matte Aug’ zu dir gewandt:
O Gott, mein Gott, verwirf mich nicht.“

Der Psalmist bekennt durch dies Gebet seine Unwürdigkeit. Er fühlte, daß Gott ihn um seiner Sünden willen wohl verlassen könnte. Darum das Gebet im 51. Psalm: „Verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir.“ Aber er beschloß in Demut, nicht verlassen zu werden, er konnte es nicht ertragen, er hielt seinen Gott mit Heftigkeit und rief mit Angst: „O Gott, verlaß mich nicht.“ Sein Herz hatte sich vorgenommen, an seiner Einen Hoffnung bis auf’s Äußerste fest zu halten und so flehte er, wie Einer, der um sein Leben fleht.

Ihr habt nun das Gebet vor euch; was, meint ihr, Brüder, wird der Herr darauf antworten? Ihr, die ihr Abnahme eurer Kraft durch das Alter fühlt und gebetet habt: „O Gott, verlaß mich nicht:“ was, denkt ihr, wird der Herr auf euer Gebet antworten? Ah, daß er es nicht will! Es ist nicht möglich für ihn, etwas Anderes zu tun. Glaubt ihr, es sähe unserem Herrn gleich, einen Mann zu verlassen, weil er alt wird? Würde Jemand von uns das tun? Sohn, würdest du deinen Vater verlassen, weil er zitternd im Hause umher schwankt? Bruder, würdest du deinen ältesten Bruder verlassen, weil er nun alt und schwach ist? Verläßt Einer von uns, so lange er ein menschliches Herz in der Brust hat, erbarmungslos die Alten? O nein, und Gott ist viel besser, als wir sind und will nicht die verachten, die sich in seinem Dienst aufgerieben haben. Die leisen Klagetöne der am meisten Leidenden und Schwächsten werden von ihm, nicht mit Ermüdung, sondern mit Mitleid vernommen. Meint ihr, der Herr wird seine alten Diener fortjagen? Würdet ihr das tun? Unter den Menschen kommt es häufig genug vor, daß sie armen, alten Leuten es überlassen, sich selbst zu helfen. Den Soldaten, der die Blüte seines Lebens im Dienste des Vaterlandes verbracht, hat man am Wege betteln oder vor Mangel sterben sehen. Selbst die Retter einer Nation hat man in ihrem greisen Alter in Dürftigkeit schmachten lassen. Wie oft haben Könige und Fürsten ihre treusten Diener fortgesandt und sie nackend ihren Feinden überlassen! Wenn die Zeit das hübsche Gesicht gerunzelt hat und die gerade Haltung gebeugt, so hat der alte Mann nicht länger einen Platz im Gedränge der Höflinge gefunden. Aber der Herr handelt nicht so. Der König der Könige verstößt seine Veteranen und seine alten Hofleute nicht, sondern erfreut sie mit besonderen Gunstbezeugungen. Wir haben ein Sprichwort, daß alter Wein und alte Freunde die besten sind, und wahrlich, wir brauchen nicht weit umher zu blicken, um zu sehen, daß die alten Heiligen oft am höchsten von dem Herrn geschätzt werden. Er verließ Abraham nicht, als er hochbetagt war, noch Isaak, als er blind war, noch Jakob, da er „sich gegen seines Zepters Spitze neigte.“

Wer unter uns würde einen alten Diener hinausstoßen? Einige Geizhälse, die kein Gefühl der Scham haben, mögen so tun, aber sie sind eine Schande ihres Geschlechts. Ich weiß, mein Herr und Meister wird nie handeln, wie sie, denn er ist die Liebe und seine Barmherzigkeit währet ewiglich. Wenn er uns in der Jugend und im mittleren Alter gesegnet hat, wird er seinen Weg nicht ändern und uns verlassen, wenn unsere Kräfte schwinden. Nein, gelobt sei sein Name, um den Abend wird es licht sein, und er wird sich freundlicher denn je gegen uns erzeigen, denn er hat gesprochen: „Ja, ich will euch tragen bis in’s Alter, und bis ihr grau werdet. Ich will es tun, ich will heben und tragen und erretten.“

Nein, meine Brüder, Jesus wird keinen alten Barsillai vergessen, und auch, wenn Andre uns, wie den Petrus, gürten sollten und führen, wohin wir nicht wollen, wird er sein Angesicht nicht von uns wenden, sondern uns bis an’s Ende lieben.

Wie, Brüder, wenn der Herr uns zu verstoßen meinte, würde er das nicht schon lange getan haben? Wenn er eine Gelegenheit wünschte, um uns aus seinem Dienst zu entlassen, hat er nicht deren viele gehabt? Mein Herr hat Gründe genug gehabt, mich hundertmal fortzuschicken, wenn er dazu Willens gewesen wäre. Er hat nicht all’ diese Jahre gewartet, um zuletzt einen Streit mit euch anzufangen, des bin ich gewiß, denn er hätte euch gerechterweise schon vor Jahren aus seinem Hause entfernen können. Wenn er gewillt gewesen wäre, euch zu verderben, hätte er euch solche Dinge gezeigt, wie er es getan hat? Wenn er Willens gewesen, euch zu verlassen, würde er euch nicht vor zwanzig Jahren in eurer Noth verlassen haben? Er hat soviel Geduld und Mühe an euch gewandt, daß er sicher beabsichtigt, es nun mit euch durchzuführen. Warum sollte er nicht? Hat er zu bauen begonnen und ist nicht fähig, zu vollenden? Zitternder Freund, denke, daß dein Schiff siebzig Jahre auf dem Ocean des Lebens gelenkt worden ist und gewiß, du kannst dem Herrn zutrauen, daß er es für die wenigen übrigen Jahre noch steuern wird. Sagtest du, du seiest beinahe achtzig, und zweifelst du noch an deinem Gott? Wie lange erwartest du, zu leben? Noch zehn Jahre? Kannst du ihm die nicht anvertrauen? Wie, aller Wahrscheinlichkeit nach wirst du hier nicht einmal so lange sein, und da der Herr so lange gut gegen dich gewesen ist, zweifelst du jetzt an ihm? O, tue es nicht. Es ist beinahe Samstag Abend, das Werk der Woche ist fast getan und du wirst bald den ewigen Sabbath feiern; kannst du dich nicht auf deinen Gott verlassen, bis der Tag anbricht und die Schatten fliehen? „Ah,“ sagst du, „du bist nur ein junger Mann, du hast gut sprechen.“ Ich weiß es; ich weiß es und doch glaube ich, ich werde dann im Stande sein, zu sagen: „Er, der mich von Jugend auf gelehrt und mich bis auf diesen Tag erhalten hat, wird mich nicht verlassen.“ O, mein Bruder, wenn du auch im Gebet ausgerufen hast: „O Gott, verlaß mich nicht,“ sinke nicht so tief, daß du dir einbildest, er könnte dich verlassen, denn das hieße, seinem königlichen Worte zu mißtrauen, in welchem er sagt: „Ich will dich nicht verlassen, noch versäumen.“

IV.

Unser letzter Punkt ist dieser: sein Wunsch oder ein gutes Ende. „Verlaß mich nicht, bis ich deinen Arm verkündige Kindeskindern, und deine Kraft allen, die noch kommen sollen.“ Er hatte seines Lebens Zeit damit zugebracht, Gottes Evangelium zu verkünden, aber er wollte es noch einmal tun. Greise Heilige hören nicht gern mit tätigem Dienst auf. Viele sind gleich dem alten Johannes Newton, der, als er zu schwach war, die Kanzeltreppe hinauf zu steigen, auf seinen Platz sich tragen ließ und fortfuhr, zu predigen. Seine Freunde sagten: „Wirklich, Sie sind so schwach, Sie sollten es aufgeben,“ aber er sagte: „Was? Soll der alte Afrikanische Lästerer je aufhören, die Gnade seines Meisters zu predigen, so lange noch Odem in seinem Körper ist? Nein, niemals.“ Es ist schwerer , aufzuhören, als fortzufahren, denn die Liebe Christi dränget uns noch stets und brennt mit junger Flamme in einem alten Herzen. So sehnt sich hier der fromme Mann, noch einmal Gottes Kraft zu verkünden. Ich meine, ich höre Jemanden zu dem alten Manne sagen: „Du bist nicht geeignet, Gottes Kraft zu verkünden, denn deine Kraft hat mit den Jahren abgenommen.“ Aber solche Rede würde töricht sein, denn Der, welcher keine eigene Kraft hat, ist gerade der Rechte, um Gottes Kraft zu verkünden. Es ist nichts Geringes, in einer Lage zu sein, in der man viel Hülfe braucht und deshalb bereit ist, sie zu empfangen und befähigt, darzutun, wie Großes die göttliche Macht vollbringen kann. Mein greiser Freund, deine Schwachheit wird als Folie dienen, um den Glanz der göttlichen Kraft darauf erscheinen zu lassen. Der „beredte Greis“ fühlt, wenn er noch ein Zeugnis mehr ablegte, so würde Jeder wissen, es sei nicht die Kraft seines natürlichen Geistes oder seine gute jugendliche Constitution, die ihn aufrecht hielte. Wenn er für seinen Schöpfer spräche, so würden Alle sagen: „Dieser schwache alte Mann, der so kühn für seinen Herrn zeugte, ist selber das beste aller Zeugnisse für die Macht der göttlichen Gnade, denn wir sehen, wie sie ihn stärkt.“

Überdies dachte er, wenn er für seinen Herrn zeugte, so würden die jungen Leute die Kraft der göttlichen Gnade sehen, die so viele Jahre überdauern könnte; sie würden sehen, daß viele Wasser die Liebe nicht auslöschen und die Fluten sie nicht ertränken könnten; sie würden die Kraft der vergebenden Barmherzigkeit Gottes sehen, die so lange Zeit seine Sünden ausgetilgt hatte und die Macht der Treue Gottes, die gegen seinen Diener sich gleich blieb, bis an’s Ende. Um all’ dieser Gründe willen wünschte er sehnlich, noch Ein Zeugnis mehr abzulegen.

Und bemerkt ihr die Versammlung, vor welcher er zu reden wünschte? Er wollte zeugen vor dem Geschlecht, das um ihn herum aufwuchs (Im Engl: „bis ich deinen Arm verkünde diesem Geschlecht.“ A. d. U.). Er wünschte, Gottes Kraft seinen Nachbarn kund zu tun und ihren Kindern, so daß das Licht auch zu künftigen Geschlechtern hinüber geleitet würde. Dies sollte Allen, die vom Schauplatz der Tätigkeit abtreten, am Herzen liegen; sie sollten an diejenigen denken, die nach ihnen kommen werden und für sie beten und ihnen helfen. Die Gedanken eines Greises sollten auf die geistlichen Vermächtnisse gerichtet sein, die er hinterlassen will; und wie der alte Jakob sich „stark machte,“ und dann seinen Segen seinen Söhnen erteilte, so sollte der ehrwürdige Gläubige Segnungen austeilen. Dein Werk ist beinah getan, es bleibt dir nur noch übrig, ein Denkmal zu hinterlassen, bei dem man sich deiner erinnert. Marmor und Erz werden vergehen, aber die Wahrheit wird bleiben; errichte einen Denkstein von treuen Zeugnissen. Nicht lange mehr wirst du unter den Menschenkindern dich bewegen; dein Sitz wird leer sein und der Ort, der dich heute kennt, wird „dich nicht mehr kennen;“ gib den seligen Schatz des Evangeliums denn weiter. Du stirbst, aber Gottes Sache darf nicht sterben. Sprich jetzt, so daß, wenn du gegangen bist, es von dir gesagt werden möge, „er redet noch, wiewohl er gestorben ist.“ Rufe deine Kinder und Kindeskinder zusammen und sage ihnen, was für einem guten Gott du gedient hast; oder wenn du keine solche Lieben hast, sprich zu deinen Nachbarn und deinen Freunden, oder schreib’ es nieder, daß andere Augen es lesen mögen, wenn deine im Tode gebrochen sind. Strecke deine Hand aus nach den zukünftigen Zeitaltern und bringe ihnen dar die köstliche Perle. Bitte Gott, dich fähig zu machen, dein Zeichen auf das kommende Geschlecht zu setzen und dann versuche, die Jugend für Jesum zu gewinnen durch ein heiteres, kühnes, rückhaltloses Zeugnis für seine Liebe und Macht. Willig zu gehen sollten wir Alle sein, aber wir sollten kaum unser Abscheiden wünschen, ehe wir die Sache Gottes für die kommende Zeit gesichert sehen. Wenn noch eine Seele mehr zu retten, ein Herz mehr zu trösten ist, ein Kleinod mehr für des Erlösers Krone zu gewinnen, so wirst du sagen, lieber Freund, des bin ich gewiß: „Laß mich warten, bis mein volles Tageswerk getan ist.“

„Selig, wenn mit dem letzten Hauch
Ich deinen Namen flüstern kann,
Dich Allen pred’gen und im Tode auch
Noch sprechen: Sehet, Gottes Lamm.“

Mit dem letzten praktischen Gedanken sende ich meine greisen Brüder und Schwestern hinweg, und bitte sie, Sorge zu tragen, daß ihre Abendzeit glühe von dem besondern Lichte ihres reichlichen fruchtbringenden Zeugnisses. Ich möchte des Herrn Veteranen auffordern, Thaten noch größerer Tapferkeit zu tun. Wenn du, gleich David, den Löwen und den Bären und den Philister geschlagen hast, da du jung warst, auf, Mann, und tue eine andere kühne That, denn der Herr lebt noch und sein Volk hat dich nöthig. Obgleich deine Gelenke etwas rostig sind und deine Glieder dich kaum auf’s Schlachtfeld tragen können, so hinke doch zum Kampf, denn auch die Lahmen werden rauben. (Jes. 33, 23.) Der, welcher dir half, da du nur ein Jüngling und „bräunlich“ warst, wird dir jetzt helfen, obgleich du alt und schwach bist, und wer weiß, was du noch tun kannst! Eins der schönsten und rührendsten Gemälde, das ich je sah, war das Bild des alten Dandalo, des Dogen von Venedig, der einen Angriff zur See auf die Feinde der Republik leitete. Er war weit über das gewöhnliche Alter der Menschen hinaus, und blind, und doch, als die Anstrengungen Anderer sein Land nicht retten konnten, ward er der Anführer und war der Erste, der die feindlichen Schiffe enterte. Die jungen Männer fühlten, daß sie nicht zurück bleiben konnten, als sie den Heldenmut des blinden, graubärtigen Mannes sahen. Sein tapferes Beispiel schien ihnen zu sagen: „Soldaten von Venedig, wollt ihr je den Rücken wenden?“ und die Antwort war der Herausforderung würdig. O, meine Brüder, die ich ehre, die ihr ehrwürdig seid um eurer Jahre willen, zeigt uns euren Mut. Laßt die Jungen sehen, wie Siege gewonnen werden. Benehmt euch männlich, und laßt uns sehen, wie der, welcher im Blute Jesu gewaschen ist, nicht anstehen würde, sein eigenes Blut in des Erlösers Sache zu vergießen. Euer Eifer wird uns anspornen, euer Mut. wird uns stählen, und auch wir werden tapfer für den Gott Israels streiten. Möge der heilige Geist so in euch und in uns wirken. Amen.

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