Kirche, Kultur und gemeine Gnade

Veröffentlicht am 10. Mai, 2007 von Sebastian Heck im Bereich Kirche, Reformiert | 7,315 Ansichten

rainbow.jpgIn der Verhältnisbestimmung von Kirche zu Kultur ist es unerlässlich, dass wir der Lehre der “gemeinen Gnade” nachgehen.

Die Frage nach der gemeinen Gnade ist ein Versuch, Gottes Haltung gegenüber der Kultur und der Schöpfung allgemein zu beschreiben. Insbesondere ist es ein Versuch zur Beantwortung der Frage, ob denn Gott für eine gefallene Schöpfung und für die unerlösten (das heißt entweder “noch nicht erlösten” oder überhaupt nicht erwählten) Menschen in ihr nur Zorn empfindet und nur Gericht zuteil werden lässt oder ob Gott auch in seinem Zorn und ultimativen Gericht noch eine - vorläufige, nicht rettende - Gnade austeilt.

Für obige Frage bedeutet das: ist Kultur intrinsisch schlecht und deshalb von Christen rundweg abzulehnen? Ist Isolationismus der einzig ganbare Weg für Christen “in der Welt”? Oder ist Kultur neutral oder gar gut? Wie stellen wir uns zu ihr? Was - wenn überhaupt etwas - können wir annehmen oder gar genießen? “Was ist der Zusammenhang zwischen Natur und Gnade, zwischen Schöpfung und Wiedergeburt, zwischen Kultur und Kirche, zwischen der irdischen und der himmlischen Berufung und schließlich dem Menschen und dem Christen?” (Bavinck) Diese und ähnliche Fragen sind untrennbar verknüpft mit der Lehre der GG.

Entscheidend ist hier zu Beginn, dass wir die Unterscheidung zwischen spezieller und gemeiner Gnade Gottes nicht in Gott selbst suchen. Gott, und damit seine Gnade als eine seiner Eigenschaften, ist nicht geteilt, sondern nach der reformierten Dogmatik ein ungeteiltes Wesen. Somit gibt es auch nur eine Gnade Gottes. Diese eine Gnade Gottes manifestiert sich jedoch in den beiden Bereichen des Natürlichen und des Übernatürlichen unterschiedlich und kommt unterschiedlichen Menschen zugute. Sie ist und bleibt aber Ausdruck des einen Willen Gottes.

Schon aus diesem ersten Erklärungsversuch dürfte deutlich werden, dass die ganze Problematik um gemeine Gnade ein zutiefst reformiertes “Problem” ist. Arminianer - also solche, die die absolute Souveränität Gottes sowie seinen unabwendbaren Ratschluss nicht für biblisch halten - haben dieses Problem nicht, da sie einfach sagenb: Gott liebt alle Menschen. Gericht und Verdammnis kommen ursächlich niemals aus Gott, sondern sind dem Menschen selbst zuzuschreiben. Arminianer sehen (meist) kein Problem darin, dass Gott etwa einem nicht erwählten Menschen eine Gnade zukommen lassen könnte - ganz einfach deshalb, weil Arminianer nicht in diesem Sinne an Erwählung glauben.

Doch dieses “Problem” haben wir gerne. Denn es ist immerhin besser ein theologisches “Problem” zu haben und irgendwie lösen zu müssen, als aufgrund einer zutiefst unbiblischen Theologie alle Probleme eliminiert zu haben. So widmen wir uns heute dem klassischen Problem der gemeinen Gnade und fragen zu Beginn: was bedeutet dieser Begriff?

“Gemeine” Gnade ist ein altertümlicher Begriff. Er meint nicht, dass Gott “gemein” ist, wenn er gnädig ist. Vielmehr will er ausdrücken, dass es neben der rettenden Gnade Gottes, die manchmal auch als speziellen Gnade Gottes bezeichnet wird, auch noch so etwas wie eine “allgemeine”, nicht rettende Gnade gibt, die allen Menschen mehr oder weniger stark zukommen kann - abgesehen von ihrem Status im Blick auf die Erwählung Gottes. (“Gemein” ist dann gebraucht wie z.B. in der Botanik, etwa beim “gemeinen Löwenzahn”). Doch der neuere Begriff “allgemeine Gnade” ist m.E. leider auch nicht ganz glücklich, da Gnade natürlich niemals “allgemein” sein kann. Gnade ist ja genau deshalb Gnade, weil Gott sie souverän und frei schenkt - oder eben nicht. In dem Moment, wo Gnade etwas allgemeines wird, was immer “vorhanden ist und jedem Menschen als Mensch sozusagen automatisch zukommt, hört Gnade auf Gnade zu sein. Deshalb halte ich den etwas altertümlichen und schrägen Begriff der “gemeinen Gnade” für ganz brauchbar und halte gerne daran fest.

Wir hatten bereits gesagt, gemeine Gnade (GG) ist das Gegenstück zur speziellen Gnade Gottes. Letztere kommt souverän beim Menschen an, verändert ihn und rettet ihn. Erstere führt nicht zu einer Veränderung des Menschen, dem sie zukommt - zumindet nicht zu einer geistlichen, rettenden. (Wenn überhaupt, dann führt die gemeine Gnade Gottes, die selbst den ruchlosesten Sündern noch völlig unverdient zukommt, aber dort nicht zur Umkehr führt, zu einer umso größeren Verdammnis im Gericht am letzten Tag.)

Nun wollen wir versuchen, die GG noch etwas genauer zu definieren und biblisch zu lokalisieren.

Louis Berkhof schreibt in seiner Dogmatik (Systematic Theology, 1958, S.436):

“Wenn wir von ‘gemeiner Gnade’ sprechen, meinen wir damit entweder (a) das allgemeine Wirken des Heiligen Geistes, wodurch er - ohne dabei das Herz zu erneuern - mittels der allgemeinen oder der speziellen Offenbarung einen solchen moralischen Einfluss auf den Menschen ausübt, dass die Sünde im Zaum gehalten, die soziale Grundordnung erhalten und zivile Aufrichtigkeit gefördert wird; oder (b) die allgemeinen Gaben, wie Regen und Sonnenschein, Essen und Trinken, Kleidung und Obdach, die Gott Menschen unterschiedslos nach seinem Gutdünken zuteil werden lässt. “

Klassische Definitionen von GG enthalten fast alle eine doppelte Richtung oder auch zwei Aspekte - einen negativen Aspekt und einen positiven Aspekt.

Der “negative” Aspekt

er negative Aspekt ist deshalb “negativ”, weil Gott hier etwas verhindert, nicht weil er schlecht für den Menschen wäre. Negativ ist GG deshalb, weil sie das völlig maßlose Überhandnehmen der Sünde eindämmt, das wir eigentlich von einer Welt voller völlig verderbter Sünder erwarten müssten.

Ist Ihnen das noch nie durch den Kopf gegangen? Ja, manchmal sind die Nachrichten schon sehr erschreckend und das Böse, was dort über den Menschen deutlich wird. Doch fragen Sie sich nicht auch manchmal, wieso die Welt trotz allem noch so gut ist wie sie es ist? Wer die reformierte Lehre von der völligen Verderbtheit und Durchdringung des Menschen durch die Sünde für biblisch hält - und das tue ich -, der muss sich fragen: woher
kommt es, dass diese Welt nicht aus lauter Mördern und Selbstmördern, Ehebrechern, Vergewaltigern und Lügnern besteht? Denn die reformierte Lehre von der Verderbtheit des Sünders besagt nicht (entgegen mancher Karikaturen!), dass jeder Mensch so schlimm und schlecht ist, wie es nur möglich ist. Sie besagt nur, dass wir alle das Potential haben, so schlimm wie der schlimmste Sünder zu sein.

Wenn Paulus sich selbst als den “ersten” unter den Sündern bezeichnet (1. Tim 1,15), dann meint er damit nicht, dass er in der Tat die schlimmsten Sünden begangen hat. Er meint damit das, was auch unser Herr in der Bergpredigt sagt: wer eine Frau nur lüstern ansieht, ist ein Ehebrecher. Wer zornig auf seinen Bruder ist, ist ein Mörder! (Mt 5,20-32) Im Grunde unseres Herzens sind wir alle gleich - Sünder. Und jede böse Tat wohnt in unserem Busen!

Doch was macht dann den praktischen Unterschied zwischen mir und einem “echten” Mörder aus? Bin ich besser, moralisch höher stehend, anständiger? Das sei ferne! Ich muss demütig anerkennen, dass der Unterschied nicht bei mir liegt, sondern irgendwo bei Gott. Ich habe das Potential zum Mord genau wie jeder andere Sünder. Dass es nicht so weit kommt ist eine glückliche Mischung an Mangel an Gelegenheiten und… Gnade!

Es ist eine Gnade, dass ein Sünder lebenslang mit Zorn in der Brust lebt, aber niemals in die Versuchung kommt deshalb zu töten. Doch ist er deshalb besser als der Sünder, der tötet? Nein. Wird er damit gerecht und gerettet? Auch nicht. Aber ihm wurde eine besondere Gnade zuteil. Das ist die gemeinde Gnade.

Nach Herman Bavinck ist es die GG, die es uns ermöglicht, im Bereich der Moral einen echten Unterschied zu machen zwischen verschieden “schlimmen” Sündern. Obwohl soteriologisch gesehen alle Sünder denselben Stand vor Gott haben, ist es doch legitim (und entspricht der menschlichen Erfahrung), dass wir Unterscheidungen vornehmen zwischen verschiedenen Graden der “manifesten Sündhaftigkeit”.

Eine andere Form wie die GG Sünde eindämmt ist durch die Obrigkeit, also die staatliche Gewalt oder Exekutive. Nach Römer 13 ist diese von Gott selbst eingesetzt um dem Bösen Einhalt zu gebieten.

“Denn die Herrscher sind nicht wegen guten Werken zu fürchten, sondern wegen bösen! Willst du also die Obrigkeit nicht fürchten, so tue das Gute, dann wirst du Lob von ihr empfangen! Denn sie ist Gottes Dienerin, zu deinem Besten. Tust du aber Böses, so fürchte dich! Denn sie trägt das Schwert nicht umsonst; Gottes Dienerin ist sie, eine Rächerin zur Strafe an dem, der das Böse tut. Darum ist es notwendig, untertan zu sein, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen.” (Röm 13,3-5)

Die staatliche Gewalt - das Schwert - ist eine gnädige Erfindung und Gabe Gottes in einer sündhaften Welt, um das Zusammenleben möglich zu machen. Sie ist vergleichbar mit dem Urteil über Kain, der seinen Bruder umgebracht hat, deshalb von Gott verflucht wird, aber um überleben zu können ein Zeichen - das Kainszeichen - bekommt (vgl. Gen 4,10-16). Eine Gnade inmitten des Gerichtes.

Die GG ist überall dort zu finden, wo Gott dafür sorgt, dass auch nach dem Sündenfall menschliches Miteinander möglich ist und bleibt, wo er selbst dafür sorgt, dass die gesellschaftlichen Strukturen nicht so vollständig erodieren, wie dies im Prinzip möglich wäre, ja der Fall sein müsste.

Doch neben dieser negativen, eindämmenden, bewahrenden Funktion der GG gibt es auch noch ein epositivere Seite.
Der “positive” Aspekt

ie GG verhindert nicht nur das schlimmste Übel, sondern ist darüber hinaus auch eine echte Gabe von etwas Gutem. GG ist alles Gute, das dem Menschen von Gott her zukommt, das ihn nicht rettet (also was keine spezielle oder rettende Gnade ist). In diesem Sinne ist GG einerseits die Güte Gottes über alle Menschen.

“Du lässest Gras wachsen für das Vieh und Saat zu Nutz den Menschen, dass du Brot aus der Erde hervorbringst, dass der Wein erfreue des Menschen Herz und sein Antlitz schön werde vom Öl und das Brot des Menschen Herz stärke. (…) Es warten alle auf dich, dass du ihnen Speise gebest zur rechten Zeit.” (Ps 104,14-15.27)

“Gnädig und barmherzig ist der HERR, geduldig und von grosser Güte. Der HERR ist allen gütig und erbarmt sich aller seiner Werke (Ps 145,8-9)

Der zuletzt genannte Vers geht sogar soweit, dass er ausdrücklich von einer Gnade oder einem Erbarmen Gottes (rachamim) spricht gegenüber allen Menschen, ja allen Geschöpfen ohne Unterschied. Dies allein dürfte ausreichen, die Kritiker zu widerlegen, die behaupten, es entspräche nicht dem biblischen Sprachgebrauch, in Bezug auf die nicht-rettende Güte Gottes von “Gnade” zu sprechen. Der Begriff, der hier steht, ist im Allgemeinen ebenso soteriologisch geladen, wie der hebräische Begriff für Gnade (chen).

Das Gute, was dem Menschen durch die GG zukommt, kann unterschiedliche Formen annehmen. Einerseits kann es eine Wohltat Gottes an die gesamte Schöpfung sein, dann kann es eine “Gnade” für alle Menschen unterschiedslos sein und letztens kann es auch eine Wohltat Gottes an das Bundesvolk von Erwählten und nicht Erwählten sein, die aber trotzdem keine spezielle Gnade ist (z.B. eben auch der Regen und Sonnenschein, den sie ja auch empfangen). Neben dem Guten, das Gott selbst dem Menschen durch die GG zukommen lässt, bedeutet GG aber auch, dass Menschen, die zwar unter dem Zorn Gottes stehen und leben, trotzdem etwas “relativ Gutes” vollbringen können. Die Lehre der völligen Verderbtheit bedeutet auch hier nicht, dass ein verworfener Mensch nur Müll produziert. Nein, im Gegenteil, der natürliche Mensch ist hier immer wieder zu erstaunlichen Geniestreichen in der Lage.

Die Lehre von der GG gibt uns eine Möglichkeit, diese Fähigkeit des natürlichen Menschen theologisch zu betrachten und bereitet damit einen Mittelweg zwischen dem römischen Natur/Gnade-Dualismus und einem hypercalvinistischen Reduktionismus auf sola gratia specialis (“spezielle Gnade allein”).

Calvin, einer der Wegbereiter der Lehre von der GG, schreibt in der Institutio über die Fähigkeiten des natürlichen Menschen:

“Diese Erweise be­zeugen klar, daß dem Menschen ein allgemeiner Begriff von Vernunft und Verstand von Natur aus innewohnt. Und dieses Gut ist doch so allgemein vorhanden, daß je­der einzelne darin für sich persönlich eine besondere Gnadengabe Gottes anerkennen muß. Zu dieser Dankbarkeit ermuntert uns der Schöpfer der Natur selbst auf das kräftigste; er schafft nämlich auch Narren, um an ihnen zu zeigen, was für Fähig­keiten eigentlich die Menschenseele auszeichnen, wenn sie nicht von seinem Lichte durchflutet ist — und dies letztere findet von Natur fast in allen Menschen statt, so daß es geradezu für jeden einzelnen ein freies Geschenk seiner Gnade dar­stellt! Nun ist zwar die Erfindung der Künste und die geordnete Unterweisung in ihnen oder auch die ins Innere dringende und weitergreifende Erkenntnis — die nur wenigen eigen ist — nicht etwa ein ausreichender Beweis für allgemeine Erkenntnisfähigkeit. Aber sie kommt doch Frommen und Unfrommen gemeinsam zu und zählt deshalb mit Recht zu den natürlichen Gaben.
(…) Sooft wir heidnische Schriftsteller lesen, leuchtet uns aus ihnen wunderbar das Licht der Wahrheit entgegen. Daran erkennen wir, daß der Menschengeist zwar aus seiner ursprünglichen Reinheit herausgefallen und verdorben, daß er aber doch auch jetzt noch mit hervorragenden Gottesgaben ausgerüstet und geschmückt ist. Bedenken wir nun, daß der Geist Gottes die einzige Quelle der Wahrheit ist, so werden wir die Wahrheit, wo sie uns auch entgegentritt, weder verwerfen noch verachten — sonst wären wir Verächter des Geistes Gottes! Denn man kann die Gaben des Geistes nicht geringschätzen, ohne den Geist selber zu verachten und zu schmähen! Wieso auch? Wollen wir etwa leugnen, daß den alten Rechtsgelehrten die Wahrheit ge­leuchtet habe, wo sie doch mit solcher Gerechtigkeit die bürgerliche Ordnung und Zucht beschrieben haben? Wollen wir sagen, die Philosophen seien in ihrer feinen Beobachtung und kunstvollen Beschreibung der Natur blind gewesen? Wollen wir behaupten, es hätte denen an Vernunft gefehlt, die die Kunst der Beweisführung dargestellt und uns vernünftig zu reden gelehrt.
(…) Es sind also selbst diese Menschen, die doch die Schrift „natürliche Menschen“ nennt, offensichtlich in der Erforschung der niedrigeren Dinge bis zu diesem Grade scharfsichtig und erkenntnisfähig. An solchen Beispielen sollen wir lernen, wieviel Gutes der Herr uns Menschen übriggelassen hat, nachdem wir freilich des wahren Guten verlustig gegangen sind!
(…) Aber wir wollen unterdessen nicht übersehen, daß diese Fähigkeiten herrlichste Gaben des Geistes Gottes sind, die er zum gemeinen Besten des Menschengeschlechts nach seinem Willen austeilt, an wen er will.” (II,2,14-16)
Man beachte wie häufig Calvin selbst hier in Bezug auf den Verworfenen von “Gnade” spricht. Diese ausgewogene Beschreibung ist fern von jenem düsteren Portrait des Calvinisten als eines Menschen, der nur das schlechte, sündhafte, üble in der Schöpfung und an allen Menschen sieht. Ich denke, es sind höchstens die Verleugner der Lehre von der GG, die potentiell solch eine Weltanschauung haben. Ähnlich positiv äußert sich Bavinck:

“Es stimmt, dass der Heilige Geist als Geist der Heiligung nur in den Gläubigen wohnt, aber als Geist des Lebens, der Weisheit und der Kraft wirkt er auch unter denen, die nicht glauben. Kein Christ sollte deshalb diese Gaben des Geistes verachten; im Gegenteil, er sollte die Künste, die Wissenschaften, Musik, Philosophie und vieles mehr zu schätzen wissen.”

Ziel und Zweck der GG

Ziel und Zweck der GG ist, wie bei allem, was Gott tut, einzig und allein seine Ehre. Gottes Ehre findet im Erlösungswerk durch seinen Sohn Jesus Christus seinen höchsten Ausdruck, doch auch im Bereich des “Natürlichen” will Gott seine Ehre manifest machen. Dies tut er durch Erweise seine Güte auch und gerade an den Menschen, die ihn ultimativ ablehnen und auf ewig verloren gehen werden. Somit ist der “Lebensraum” der GG das Natürliche, Materielle. Dieser Bereich ist in der reformierten Theologie niemals auf platonische Art und Weise abgelehnt worden, sondern hat eine besondere theologische Beachtung gefunden. Der Bereich das Natürlich, auch wenn er in sich nichts Geistliches hat, ist doch der Bereich, aus dem die spezielle Gnade hervorsprießt. Die besondere, rettende Gnade trifft den Menschen nicht im luftleeren Raum, sondern als Geschöpf Gottes. GG ist der Anknüpfungspunkt für die spezielle Gnade. Anders gesagt: Geschichte ist der Bereich der GG. Weil aber der christliche Glaube ein historischer (und kein abstrakter) Glaube ist, sich ständig geschichtlich manifestiert, deshalb erhält die GG solch eine große Bedeutung. GG ist notwendigerweise ein wichtiger Bestandteil eines christlichen Geschichtsverständnisses. (Denn Aufgrund des ewigen Ratschlusses Gottes allein, lässt sich Geschichte nicht erklären.)
John Muray betont, dass wir die Unterscheidung zwischen der GG und der speziellen Gnade nicht auflösen dürfen, denn sonst sind wir auf dem Weg nach Rom. Alles, was den Menschen Gutes zukommt, fließt ihnen letztlich vom Kreuz her zu. Daran müssen wir festhalten! Andererseits dürfen wir die Unterscheidung auch nicht verabsolutieren, denn dann wir aus unserem Glauben ein ahistorisches, abstraktes, außerweltliches Geschehen und unser Weltbild wird dualistisch. Die christliche Religion, so Murray, ist die Erneuerung und Vervollkommnung der Natur und nicht die Flucht vor ihr. Dieses Verständnis macht die christliche Religion zu einer Kraft “in jeder Abteilung legitimer menschlicher Interessen und Beschäftigungen”, ja, es erlaubt uns das Gute überall zu schätzen, wo wir es finden und zu sehen, dass Gott in allem wahrhaft Guten durchscheint. Der Kampf gegen die radikale, tiefsitzende Sünde in der Welt, in den Calvinisten aufgrund ihrer Theologie der Sünde besonders intensiv verwickelt sind (bzw. sein sollten), sollte uns nicht blind machen für das Gute in der Welt, in und durch das die Ehre Gottes zum Ausdruck kommt!

Das historische Zeugnis

Der Kirchenvater Augustin hat sich nicht explizit zur GG geäußert. Das allein beweist natürlich nichts, denn er hat sich nicht systematisch zu allen wichtigen Loci der Theologie geäußert. Seine Schriften sind vielmehr Gelegenheitsschriften. Wichtig ist aber, dass Augustin den Terminus Gnade nicht auf die rettende, spezielle Gnade beschränkt - ganz im Gegenteil zu den heutigen Kritikern der GG, die das so tun.
Bei Luther werden problematische Züge seiner Anthropologie deutlich. In seiner Schrift Vom unfreien Willen macht er eine deutliche Unterscheidung zwischen dem nidrigeren irdischen und dem höheren geistlichen Bereich. Im irdisch-natürlichen Bereich kann der Mensch, auch der natürliche Mensch, nach Luther eine ganze Menge positiver Dinge vollbringen; er kann eben nur nicht Gott und den Glauben an ihn “wollen”, da das in den geistlichen Bereich gehört, in dem der natürliche Mensch völlig unfähig ist. Nach Berkhof sind das die Restbestände des “katholischen Sauerteigs” in Luthers Theologie. Er wird somit dem biblischen Menschebnbild nicht ganz gerecht (er tendiert paradoxerweise in Richtung eines Semipelagianismus) und zerstört damit außerdem den Wirkungsbereich der GG Gottes, die eben gerade in jener niedrigeren, natürlichen Sphäre wirksam ist.
Erst Calvin war so konsequent in seiner Anwendung der völligen Verderbtheit des Menschen, dass es sagte, aus sich heraus kann der Sünder keinerlei Gutes bewirken. Dass er es de facto aber dennoch tut, ist also nicht seiner inhärenten Fähigkeit im irdisch-schöpferischen Bereich zuzuschreiben (contra Luther), sondern auch einem besonderen Wirken Gottes - nämlich der GG.

Kritik an der GG

Folgende kritische Anfragen werden gegen die Lehre von der GG geltend gemacht.

1. “Gnade ist nicht Gnade, wenn sie nicht mit Rettung zu tun hat.” - Doch wo in der Schrift finden wir eine solche Engführung des Gnadenbegriffs? Ich habe oben gezeigt, wie gerade alttestamentliche Texte durchaus soteriologisch gehaltvolle Begriffe auch auf die Nichtgläubigen beziehen kann. Ich denke, unsere Definition von Gnade muss so weit sein, wie die Bibel es zulässt. Wenn wir im Voraus Gnade auf das rettende Eingreifen Gottes beschränken, ist es kein Wunder, wenn wir die GG nicht in der Schrift finden.

2. “Die reformierte Lehre der gemeinen Gnade führt unweigerlich zur Allversöhnung.” - Theologen wie David Engelsma zogen diesen Schluss. Die “Christian Reformed Church” in den USA publizierte 1924 die so genannten “drei Punkte” der GG, die da lauten:

“(1) über die rettende Gnade hinaus, die Gott nur denen gibt, die zum ewigen Leben voherbestimmt sind, gibt es auch noch ein gewisses Wohlwollen, ja eine Gnade Gottes gegenüber seinen Geschöpfen ganz allgemein;

(2) seit dem Sündenfall bleibt das gesellschaftliche Miteinander der Menschen doch möglich, da Gott durch seinen Geist die Gewalt der Sünde eindämmt;

(3) Gott beeinflusst Menschen derart - ohne ihr Herz dabei zu erneuern -, dass sie, obwohl sie ansich unfähig zu irgend einem Guten sind, doch im zivilen Bereich Gutes vollbringen.”

Hoeksema und andere Pastoren und Theologen verließen darauf hin die CRC, da sie diese Punkte nicht unterzeichnen konnten, und gründeten die “Protestant Reformed Church” (PRC), die als reformierte Kirche geschlossen die Lehre von der GG ablehnt. Als Folge von der Leugnung der GG verneinen Hoeksema und andere auch das freie, universale Angebot des Evangeliums in der Verkündigung an alle Menschen. Sie sind der Meinung, das Angebot des Evangeliums gelte wirklich und tatsächlich nur den zuvor Auserwählten. Das aber kann meines Erachtens nur als Hypercalvinismus oder zumindest hypercalvinistische Tendenzen bezeichnet werden. Da die GG nicht rettet, sondern sich nur im Bereich des Natürlichen bewegt, kann aus dieer Lehre auch keine Allversöhnung abgeleitet werden. Übrigens führt auch das universale Angebot des Evangeliums nicht zur Allversöhnung, denn das Evangelium wird jeweils nur für die Auserwählten rettend wirksam.

3. “Die Lehre von der GG suggeriert eine wohlwollende Haltung Gottes gegenüber Sündern.!” - Die Prämisse
hinter dieser Kritik ist, dass Gottes Emotionen simple sind und nicht komplex, ja dass Gott nichts als Hass empfinden kann für die Verworfenen. Dies deckt sich jedoch nicht mit der komplexen Emotionalität Gottes, die uns in der Schrift begegnet. Sie lehrt eindeutig, dass Gott unzähligen Segen auf alle Menschen unterschiedslos regnet - und es ist nicht denkbar, dass Gott dies missmutig tut. Gott kann sehr wohl einem Menschen, den er nicht erwählt hat und der ultimativ verloren gehen wird, zeitliche Segnungen zugute kommen lassen - und tut dies auch tausendfach.

4. “Die GG würde bedeuten, dass man in der natürlichen Ordnung der Dinge etwas Gutes auffindet.” - Hier, ebenso wie in der ersten Kritik, geht man davon aus, dass Gnade immer rettend sein muss. Dem ist aber nicht so. Außerdem ist es eine platonische Haltung, davon auszugehen, der Bereich des Irdischen sei seit dem Sündenfall nur schlecht. Von der Sünde beeinträchtigt ist alles, aber alles ist deshalb noch lange nicht so schlecht wie es sein könnte. Vieles ist sogar noch “relativ” gut! Es waren vor allem die Pietisten und Labadisten, aber auch die Brüderbis heute, die diese Kritik vorgebracht haben. Doch auch Karl Barths Leugnung der GG bewegt sich auf ähnlichem Boden. Für Barth ist Geschöpflichkeit gleich Sündhaftigkeit. Diese Gleichung macht die Bibel allerdings nicht, ja, sie ist meines Erachtens eine glatte Leugnung der Schöpfung und Vorsehung Gottes.
Fazit

Nur eine Rückbesinnung auf die biblische Lehre von der GG kann uns helfen einen Mittelkurs zwischen dem römischen Dualismus zwischen Natur und Gnade einerseits und dem hypercalvinistischen schöpfungsverneinenden Platonismus andererseits zu steuern. In der Frage nach dem Verhältnis von Kirche zu Kultur bewahrt uns die Lehre von der GG vor einer unkritischen Adoption der Kultur einerseits und einer hyperkritischen Ablehnung der Kultur (als “Welt”) andererseits. Ersteres ist eher die HAltung des Kulturprotestantismus, zu dem ich manche Auswüchse der “Emerging Church”-Bewegung zähle; letzteres eher die Haltung des fundamentalistischen Evangelikalismus sowie des Anabaptismus (der Amish, der Mennoniten, der Brüderbewegung, etc.). Die Lehre von der GG erlaubt uns außerdem, die uneingeschränkte Souveränität Gottes über alle Bereiche des Lebens, kulturell wie kirchlich, zu bekräftigen.

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6 Kommentare to “Kirche, Kultur und gemeine Gnade”

  1. Joachim Kuhs

    12. Mai, 2007

    Vielen Dank für diesen auch für mich persönlich wichtigen Artikel über die gemeine Gnade. Ich bin so glücklich, dass ich dadurch eine schlüssige Antwort habe, warum es so viel Schönes und Gutes in Gottes großer Schöpfung gibt. Ihm sei Dank dafür!

  2. Jochen

    14. Mai, 2007

    Lieber Sebastian,
    (ich schreibe jetzt einfach mal in Du-Form, weil das hier – wie in allen Blogs – so üblich ist)

    Du hast ja in letzter Zeit einiges über die GG verfasst. Ich konnte dem nie ganz zustimmen (im Gegensatz zu vielem Anderen, was du in deinen Artikeln schreibst), da ich die Lehre der GG höchstproblematisch finde. Das liegt wahrscheinlich zu einem großen Teil daran, dass ich selbst bereits zweimal für einige Wochen bei Christen aus der PRC zu Gast war. Ich habe eine ihrer Schulen besucht, bin sonntags in ihre Kirchen gegangen und habe mich mit ihren Pastoren unterhalten. Um hier eins sicherzustellen: Ich stimme nicht mit allem überein was sie dort lehren, aber ihre Position zur GG und vor allem zum freien, universalen Angebot (free offer) in der Verkündigung des Evangeliums halte ich im Großen und Ganzen für richtig.
    Du schreibst die Lehre der GG sei ein Versuch…das finde ich zunächst einmal einen sehr fairen Ansatz, da der Begriff GG in der Bibel ja so erstmal nicht vorkommt. Ein Versuch die Haltung Gottes gegenüber der Schöpfung und der Kultur zu verstehen.
    Wir sind uns einig daran, dass die Schöpfung durch den Sündenfall gefallen ist. Aber ist es nun Teil der gemeinen Gnade, dass wir die Schöpfung immer noch genießen können? Ich glaube nicht. Für uns, die wir an ihn glauben ist es Gnade, weil wir sehen wie schön und wunderbar doch die gefallene Schöpfung Gottes immer noch ist, wie schön die Schöpfung vor dem Fall wohl gewesen sein muss und wie schön erst der neue Himmel und die neue Erde sein werden. Für die Nichtchristen ist es keine Gnade. Die Schöpfung dient sogar zu ihrer Verurteilung, da sie Gott in der Schöpfung eigentlich erkennen sollten und es doch nicht tun (Röm 1,20). Und die Kultur? Kulturelle Errungenschaften von Ungläubigen gefallen Gott nicht, denn Gott hat keinen Gefallen an den Werken der Ungerechten. Folgt daraus, dass es Gott nicht gefällt, wenn jemand seine Fähigkeiten nutzt mit denen er erschaffen wurde? Nein, denn wenn ein gottesfürchtiger Mensch wie z.B. J.S. Bach Musikstücke zur Ehre Gottes schreibt dann freut sich Gott an den Werken der Gerechten. Das ist die einzige „Kultur“ die Gott gefällt. Meines Wissens gibt es keine Bibelstelle die besagt dass Gott die Taten der Ungerechten (so gut sie auch erscheinen) gut findet.
    Zu dem Text den du von Berkhof zitierst stelle ich eine kurze Gegenfrage: Wie soll Kirche überhaupt funktionieren, wenn nur eines der zahlreichen Gnadenerweise, die er erwähnt, wegfällt? Ohne Eindämmung der Sünde, ohne zivile und soziale Strukturen, ohne Regen, Sonne, Essen, Trinken…würde es heute keine Menschen mehr geben, weil sie wahlweise verhungert, verdurstet oder abgeschlachtet wären. Somit gäbe es auch keine Kirche mehr und Gott könnte seinen Plan mit seinem Volk überhaupt nicht zu Ende führen. Gnade für alle? Oder vielmehr Vorsehung?

    In Eph 1, 9-11 heißt es:
    Denn Gott hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens nach seinem Ratschluss, den er zuvor in Christus gefasst hatte, um ihn auszuführen, wenn die Zeit erfüllt wäre, dass alles zusammengefasst würde in Christus, was im Himmel und auf Erden ist. In ihm sind wir auch zu Erben eingesetzt worden, die wir dazu vorherbestimmt sind nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt nach dem Ratschluss seines Willens.

    In Christus ist alles zusammengefasst, was im Himmel und auf Erden ist. ALLES – auch wenn du schreibst, dass Geschichte sich nicht allein aufgrund des ewigen Ratschlusses Gottes erklären lässt. Warum eigentlich nicht? Schließlich dienen ALLE Dinge denen zum Besten, die nach seinem Ratschluss berufen sind (Röm 8,28). Auch sagt Paulus zweimal in 1. Kor 3: „ALLES ist euer“ (V. 21 22)…Christus ist das Ziel, ja das Zentrum der Geschichte. In Eph 1 ist also ein Zusammenhang hergestellt zwischen Gottes Volk, Gottes Handeln in der Geschichte nach dem Ratschluss seines Willens und der Person und dem Werk Christi auf Golgatha, das uns zu Erben eingesetzt hat. Alles zielt auf Christus hin. Und das was passiert, geschieht nicht um der vielen Menschen Willen, sondern einzig und allein für Christus und sein Volk. Im Alten Testament sehen wir, das Gott die mächtigsten Männer der Welt eingesetzt und abgesetzt hat, wie er wollte und das nicht einfach so, sondern um ein verschwindend kleines Volk von Rebellen und Untreuen zu segnen und zu strafen, zu beschützen und zu züchtigen. War jetzt die wirtschaftliche und militärische Stärke des babylonischen Reiches wirklich gemeine Gnade oder war sie nicht viel mehr Teil des Ratschlusses Gottes, der sein erwähltes Volk züchtigen wollte? Sind heute die relativ stabilen Demokratien in Europa und Amerika wirklich Produkte einer GG oder sind sie nicht Teil der Vorsehung, so dass Christen in diesen Gesellschaften eigene Schulen, Kirchen und Organisationen aufbauen können und dabei ein relativ ruhiges Leben führen können? Meiner Meinung ist es spezielle Gnade, wenn Gott einen Christen vor schlimmen Sünden bewahrt und es ist die göttliche Vorsehung wenn die Nachbarn rings umher keine Massenmörder sind, weil Gott so die Schöpfung erhält und sein Volk bewahrt.
    Deshalb stellt der Heidelberger Katechismus in Sonntag 10 nicht die Frage: Was verstehst du unter der gemeinen Gnade Gottes? Sondern er fragt:

    Was verstehst du unter der Vorsehung Gottes?
    Antwort: Die allmächtige und gegenwärtige Kraft Gottes durch die er Himmel und Erde mit allen Geschöpfen wie durch seine Hand erhält und so regiert, dass Laub und Gras, Regen und Dürre, fruchtbare und unfruchtbare Jahre, Essen und Trinken, Gesundheit und Krankheit, Reichtum und Armut und alles andere UNS nicht aus Zufall, sondern aus seiner väterlichen Hand zukommt.

    All dies kommt uns zugute. Nicht allen Menschen kommt es zugute, sondern uns, seinem Volk!
    Die Vorsehung dient der Gnade. Sie ist nicht für sich selbst Gnade, da vieles was uns positiv erscheint (z.B. Wohlstand), zu (aus unserer Sicht) negativen Folgen geführt hat (z.B. leere Kirchen und Säkularisierung).
    Gnade und Vorsehung sind also zwei unterschiedliche paar Schuhe. Selbst A. Kuyper (derjenige der die GG zuerst systematisiert und als GG bezeichnet hat) hat dieses Problem erkannt. So nannte er das, was wir im deutschen als spezielle Gnade kennen: „Particuliere Genade“ während er die GG als„Gemeene Gratie“ bezeichnete. Also auch er schreckte davor zurück gewisse irdische Segnungen, die von Gott kommen mit demselben Wort zu bezeichnen, das die völlig unverdiente, wunderbare Errettung der Menschen aus der Dunkelheit der Sünde beschreibt. Ich würde fragen, ob man wirklich wenige positive Dinge für wenige Jahre (auf die eine Ewigkeit in absoluter Gottesferne folgt) mit dem gleichen Begriff bezeichnen kann, wie das absolut unverdiente Geschenk der ewigen Freundschaft zwischen Gott und seinem Volk. Auch Augustinus verwendet zum Beispiel in dem Abschnitt, den du von ihm abgedruckt hast, kein einziges Mal das Wort Gnade. Und wenn John Murray sagt, dass man den Unterschied zwischen spezieller und gemeiner Gnade nicht auflösen dürfe, haben sich doch zahlreiche Theologen nicht daran gehalten. Immer wieder liest man, dass die GG den geistlichen Zustand eines (nicht – wiedergeborenen) Menschen zumindest beeinflusse oder gar als „Wegbereiter“ für die rettende Gnade dienen (z.B. bei Bavinck).
    Die Lehre der GG hat im Laufe der Theologiegeschichte zu den verrücktesten Dingen geführt:

    · Der Antichrist ist ein Produkt der GG. Diese These stellte nicht irgendein Theologe auf, sondern der „Erfinder“ der GG Kuyper selbst. Für ihn findet der Antichrist die perfekten Bedingungen für sein Erscheinen auf, wenn die Menschheit durch GG die Kultur höchstmöglich entwickelt hat. Für Kuyper, einen der ansonsten besten reformierten Theologen überhaupt, ist also der Antichrist ein Produkt der Gnade Gottes?!?!?!

    · Im Jahr 2002 wurde am Calvin College in Grand Rapids (einem College der CRC) ein Konzert von lesbischen Künstlerinnen gegeben. Als Begründung für diesen Schritt eines eigentlich relativ konservativen College, schrieb das Studentenmagazin Chimes einen Artikel mit dem Titel: „[Das] Calvin [College] debattiert die Gemeine Gnade in der Musik“. In dem Artikel heißt es dann unter anderem: „Gott steht zu allem was gut ist, was wahr ist und was sich liebt. (God is behind what is good and what is true and what is loving)“

    · Professor Dennis E. Johnson vom Westminster Seminary widerspricht Generationen von reformierten Theologen mithilfe der GG. Während die reformierte Theologie immer davon ausgegangen ist, dass Paulus in Römer 7 von sich selbst als wiedergeborenem Christen, der immer noch unter der Macht der Sünde steht, spricht, behauptet Johnson tatsächlich, dass hier in Wirklichkeit ein nicht-wiedergeborener Mensch spricht, dessen geistliche Fähigkeit (spiritual ability) die er in diesem Text beschreibt durch das Wirken der Gemeinen Gnade Gottes bekommen habe („Romans 7 … attests the way in which God in his common grace, grants ethical insight and sensitivity even to the unregenerate.“ zit. nach WTJ 64 no. 1 (Frühjahr 2002) Dennis E. Johnson, „Spiritual Antithesis: Common Grace, and Practical Theology.“) Das unterscheidet sich dann (fast) überhaupt nicht mehr von dem, was bereits im 16. Jhdt. von J. Arminius im Bezug auf Römer 7 gelehrt wurde.

    Du behauptest weiterhin, Hoeksema habe behauptet, die Lehre von der GG führe unweigerlich zur Allversöhnung. Diese Aussage habe ich von ihm noch nirgends gelesen. Es war immer Hoeksemas Position, dass die Lehre von der GG sehr schnell hin zum Arminianismus führen kann, aber von Allversöhnung war (meines Wissens) damals noch nicht die Rede. Die Lehre der GG kam bereits um die Jahrhundertwende in der Christian Reformed Church (CRC) auf, da diese in gutem Kontakt mit der Reformierten Kirche in den Niederlanden stand (der Kirche von Kuyper und Bavinck). Hoeksema war seit Beginn seiner Predigerlaufbahn bekannt für seine ablehnende Haltung gegenüber der GG. Aber sowohl Hoeksema und seine Anhänger, als auch die Befürworter der GG taten ihren Dienst in der CRC. Das ging gut bis ins Jahr 1922 als der Professor Ralph Janssen an die theologische Ausbildungsstätte der CRC berufen werden sollte. Janssen war während seines Studiums in Deutschland mit der Entmythologisierungslehre Bultmanns in Berührung gekommen und vertrat von nun an die Lehre, dass es keine Wunder gegeben haben könne, da diese den Naturgesetzen widersprächen. Die Naturgesetze seien Teil der GG und somit nicht von Gott zu überwinden. Hoeksema wurde mit der Überprüfung der Sache beauftragt und währenddessen wuchs seine Ablehnung gegenüber der GG weiter. Unterstützt von allen führenden Theologen der CRC (darunter auch Berkhof) empfahl Hoeksema der Synode von 1922, Janssen nicht ans Calvin Seminary zu berufen. Die Synode stimmte dem zu. Aber nur zwei Jahre später richtete die CRC-Synode von Kalamazoo die 3 Punkte der GG auf. Somit wurde die Lehre systematisiert und popularisiert, die 2 Jahre zuvor beinahe der liberalen Theologie Einzug in die CRC gewährt hätte. Aber die CRC publizierte dese Punkte nicht nur, sondern machte sie in allen Gemeinden verbindlich. Das hieß im Klartext: Jeder Pastor der nicht an die GG glaubt darf nicht mehr in der CRC bleiben. Hoeksema trat daraufhin nicht aus (wie es in deinem Text heißt), sondern wurde suspendiert und später aus der Kirche ausgeschlossen, nachdem er sich geweigert hatte zu unterzeichnen. Neben der Ablehnung der Punkte als solche wehrte er sich zudem dagegen, dass eine Lehre, die aus einigen wenigen Bibelstellen entwickelt wurde, verbindlich in einer Kirche wird, die gar nicht geschlossen dahinter steht. Leider wurde er diesem Prinzip selbst später untreu, als er 1953 selbst eine Erklärung verbindlich in der PRC machte, die nun im Gegensatz die Lehre der GG und einige andere Dinge verbindlich ablehnte (wenn man ihm etwas zum Vorwurf machen kann, dann doch eher das). Ein Vorbild könnte hier viel eher der niederländische Theologe Klaas Schilder sein. Schilder wurde in den Niederlanden aus der reformierten Kirche ausgeschlossen, nachdem er sich weigerte eine vom Prinzip her ähnliche Erklärung wie die 3-GG-Punkte zu unterzeichnen. Schilder gründete daraufhin die sog. „Reformierte Kirche - Freigemacht“ und legte den Grundsatz fest, dass keine Lehre, die nicht explizit in der Bibel oder daraus resultierend in den Bekenntnissen erwähnt ist, verbindlich werden dürfe. Schilder selbst war ein sehr guter Freund Hoeksemas bis letzterer diesem eben beschriebenen Prinzip untreu wurde. Die Freundschaft war auch deshalb zustande gekommen, weil auch Schilder ein starker Gegner der GG war. Aber in seiner Kirche (die heute immerhin die mitgliederstärkste Kirche des ICRC ist) durften und dürfen sowohl Gegner und Befürworter der GG lehren und predigen. Das ist meiner Meinung nach vorbildlich (oder würdest du Schilder auch als Hypercalvinist bezeichnen? – wenn die Ablehnung der GG einen dazu macht, wäre das nämlich die logische Konsequenz).
    Nun zurück zur Lehre der Allversöhnung: Die Beziehung Allversöhnung – GG stammt nicht von Hoeksema oder irgendeinem anderen aus der PRC, sondern von Richard J. Mouw, dem Präsidenten des Fuller Theological Seminary in Kalifornien. Mouw, ebenfalls Mitglied der CRC, schreibt in seinem Buch über die GG („He shines in all that’s fair – Culture and Common Grace“ erschienen 2001 bei Wm. Eerdmans): “For all I know – and for all any of us can know – much of what we now think of as common grace may in the end time be revealed to be saving grace.”

    Ich komme jetzt zum freien und universalen Angebot des Evangeliums. Du behauptest dass die Leugnung dieses Angebots (ich werde es im Folgenden einfach als „free offer“ bezeichnen) Hypercalvinismus ist oder hypercalvinistische Tendenzen hat. Klar ist, dass die Bibel von zwei verschieden Arten der Berufung spricht. Der äußerlichen, die jeden Menschen, der das Evangelium hört, mit der Wahrheit konfrontiert und der inneren, durch den Gott die Herzen einiger Menschen, die das Evangelium hören, öffnet. Das ist, was das Westminster Bekenntnis lehrt und wird von niemandem in der PRC (und auch nicht von mir) bestritten. Wenn aber mit free offer das gemeint ist, was John Murray und Ned Stonehouse in ihrem Vortrag “The free offer of the gospel“ vor der General Assembly der OPC erklärten, dann ist das etwas anderes – dann meint man damit, dass Gott sich in Wirklichkeit – obwohl er einige zum Heil ausgewählt und andere verworfen hat – die Errettung aller Menschen wünscht. Ich zitiere mal nicht daraus, denn ich denke du kennst den Vortrag. Ich selbst frage mich: Macht sich Gott nicht dann selbst unglücklich? Und Murray vermischt hier wieder irgendwie die rettende (einzig wahre) Gnade mit der GG, obwohl er sich doch in dem Zitat, das du anführst, dagegen gewehrt hat. Das Folgende trifft die Wahrheit meiner Meinung nach viel eher:

    “As a Calvinist, not associated ecclesiastically with the tiny Protestant Reformed Church and sharply divergent from some of her doctrinal positions, I feel it absolutely necessary to hold with her here where she stands, almost alone today, and suffers massive vituperation and ridicule from Calvinists (no less) for her faithfulness at this point to the gospel of God. […] It is absolutely essential to the nature of the only true God and Jesus Christ Whom he has sent that whatever His sovereign majesty desires or intends most certainly - without conceivability of failure in one iota thereof – must come to pass! Soli Deo Gloria! Amen and amen forevermore! God can never, ever desire or intend anything that does not come to pass, or He is not the living, happy God of Abraham, Isaac, and Jacob but an eternally miserable being weeping tears of frustration that He was unable to prevent hell and can never end it thus destroying Himself and heaven in the process.”

    Ich weiß nicht ob dem zustimmen würdest. Das Zitat stammt zumindest nicht von irgendeinem hypercalvinistischen, grand-rapids-ghetto-reformierten (um einmal John Piper zu zitieren) Hinterwäldler, sondern von keinem Geringeren als dem bedeutenden presbyterianischen Theologen John H. Gerstner (aus seinem Vorwort zu David J. Engelsmas Buch: Hyper-Calvinism and the Call of the Gospel). Ist Gerstner – immerhin ehemaliges PCA-Mitglied ;-) – nun auch ein Hypercalvinist?

    Sicher dürfen diese Fragen einmal diskutiert werden. Aber viel wichtiger erscheint mir, dass wir uns über solche Fragen nicht unnötig streiten (oder gar spalten). Ich denke, dass diese Frage nicht zu den Dingen gehört die in einer Kirche (auch nicht in einer Reformierten Kirche) zu Spaltungen führen sollte. Für den Fall, dass es in Deutschland irgendwann einmal eine bekennende reformierte Denomination geben sollte, dürfen diese Punkte meiner Meinung nach nicht zentral stehen. (weder so, dass sie verbindlich werden, noch so, dass sie verbindlich abgelehnt werden). Dazu sind wir zu wenige und dazu ist auch die Frage zu nebensächlich (im Vergleich zu den zahlreichen anderen Hauptsächlichkeiten).

    Eigentlich hatte ich noch vor auf einige andere Argumente, die du genannt hast einzugehen, aber mein Text ist so schon lang genug und wir können ja vielleicht bei Gelegenheit mal darüber sprechen.

    Bitte entschuldige, wenn ich an der einen oder anderen Stelle zu hart war oder mich sonst wie im „geschriebenen Ton“ vergriffen habe!

    Liebe Grüße,
    Jochen

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  4. Dr. Rolf-Rüdiger Zirpel

    04. Jul, 2008

    Mich würde sehr interessieren, von wem die wunderbare Erkenntnis stammt:

    “Was ist Gnade? Was nicht?!”

    Dank und Gruß

    RR Zirpel

  5. Sebastian Heck

    04. Jul, 2008

    Herr Zirpel, das müssen Sie mir genauer erläutern. Diese Frage verstehe ich so nicht. Beziehen Sie sich auf etwas, das ich geschrieben habe?

  6. Eduard Schäfer

    10. Sep, 2008

    Lieber Sebastian!
    Vielen Dank für diesen Beitrag, der für mich sehr lehrreich ist.
    Natürlich, man kann noch über dies und jenes streiten, aber in allgemeinem sind deine Ausführungen zu der Lehre von GG schlicht und nüchtern.
    Nochmals, danke.
    P.S.: Wie kann ich ein persönlichen Kontakt zu dir aufnehmen, da dein Kontaktformular funkzioniert nicht?

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