Reformation ja - aber richtig!

Veröffentlicht am 20. Jun, 2007 von Sebastian Heck im Bereich Kirche, Reformiert | 2,659 Ansichten

heidelberg-25.jpgLebensQuellen hat ja das erklärte Ziel, einen Beitrag zur Verbreitung der reformierten Lehre in Deutschland beizutragen.

Wieso das? Ist “reformiert sein” so etwas wie ein elitäres Christentum? Ist es besser als andere Formen des christlichen Glaubens? Nein, “reformiert” zu sein bedeutet, dass man sich theologisch der Reformation verpflichtet weiß - daher “reformiert” - und zwar einem bestimmten Flügel der Reformation, nämlich nicht dem lutherischen oder täuferischen, sondern - wer hätte’s gedacht - dem “reformierten”. Die Bedeutung des Begriffs “Reformation” ist wiederzugeben mit “Rückformung” oder “Rückbesinnung.”

Doch worauf wollte man sich in der magisterialen Reformation1 zurückbesinnen? Inhaltlich war es der Kern des Evangeliums, die Rechtfertigung des Gottlosen aus Glauben allein (sola fide), auf den man sich zurückbesinnen wollte. Deshalb nennt man diese Lehre auch das Materialprinzip der Reformation. Diese Rückbesinnung sollte aber nicht aufgrund eines Autoritäten- oder Traditionsstreits geschehen, sondern durch die formale Rückbindung an die Heilige Schrift allein (sola scriptura), weswegen man dieses Prinzip auch das Formalprinzip der Reformation nennt.

Die reformierte Tradition war sich von Anfang an der ständigen Notwendigkeit der Reformation der Kirche Jesu Christi bewusst. Eine ihrer Maxime lautet: ecclesia reformata semper reformanda est - die reformierte Kirche muss ständig reformiert werden. Und zwar so, dass das Materialprinzip durch das Formalprinzip realisiert wird, d.h., dass das Evangelium rein und lauter erhalten bleibt in der direkten Rückbindung an das inspirierte Wort Gottes. Somit ist Reformation, zumindest theoretisch, in den reformierten Glauben eingebaut.

Nun ist aber Reformation nicht gleich Reformation. Viele unterschiedliche christliche Gruppen schreien und sehnen sich in unseren Tagen nach Reformation der Kirche, doch teilweise aus sehr unterschiedlichen Gründen und mit sehr unterschiedlichen Methoden.

Da gibt es zum einen den Reformkatholizismus des 20. und 21. Jahrhunderts in der römischen Kirche.2 Reformation ist ja nicht nur ein Anliegen oder Wort der Protestanten!

Schon im 16. Jahrhundert war die Rede von der “Gegenreformation” zur protestantischen, magisterialen Reformation. Und das Konzil von Trient (Tridentinum; 1545-1563), später dann aber auch beispielswese das 2. vatikanische Konzil wurden durchaus als “reformatorisch” verstanden von Seiten Roms. Man muss ja neidlos anerkennen, dass heute wieder einen Trek nach Rom gibt. Aus den unterschiedlichsten christlichen Kirchen und Gruppierungen pilgern Menschen bildlich gesprochen wieder nach Rom, springen über den Tiber und konvertieren zum Katholizismus. Die Gründe dafür sind, ebenso wie die Wege nach Rom, viele. Doch oft werden genannt: Frust über die Zersplitterung des evangelischen Glaubens und der Kirchen; Unzufriedenheit mit der platten, fleischlichen, unorthodoxen Praxis der evangelikalen und anderer protestantischer Kirchen; aber auch der Wunsch nach Reformation der Kirche. Doch wie soll der Gang nach Rom Reformation sein? Indem man Reformation als Rückbesinnung auf das Wesen der Kirche und damit als Rückkehr zur alten - oder wie die römische Kirche beansprucht - “apostolischen” Kirche versteht. Man will hinter die Zeit der Reformation, ja hinter das düstere Mittelalter mitsamt der korrupten Praxis der Kirche in Rom zurückspringen um zu einer ursprünglicheren, einheitlicheren, “katholischeren” und traditionelleren, d.h. älteren Kirche zu finden.

Am anderen Ende des Spektrums, aber doch aus verschiedenen Gründen gar nicht so weit davon entfernt, finden wir beispielsweise die Emerging Church (EC). Die EC (die es - daran werden mir meine EC-Freunde sogleich erinnern - als einheitliches Phänomen so gar nicht gibt) versteht sich auch als Reformbewegung. Reformation ist auch hier ein Begriff, der häufig auftaucht. Gemeint ist er allerdings nicht im Sinne von einer “besseren Kirche” oder einer “reineren Lehre”, sondern im Sinne von einem Diskurs mit der uns umgebenden Kultur und den entsprechenden notwendig werdenden Veränderungen in der Art und Weise wie wir “Kirche praktizieren”.

Was haben nun diese beiden Reformbewegungen, die ich beispielhaft herausgegriffen habe, gemeinsam? Sie haben beide das Formalprinzip der Reformation aufgegeben.

In der Reformation lautete dieses, wie wir gesehen haben, sola scriptura.

Im Reformkatholizismus, sowie für viele Protestanten, die zum Latholizismus konvertieren, lautet das Formalprinzip wohl eher - sola ecclesia apostolica. Man findet Orientierung für die Reformation, die man sucht, an der traditionellen Form der römischen Kirche. Zu dieser Kirche will man zurück, koste es was es wolle. Diese “Modell Kirche”, ja die Kirche selbst in ihrer historischen Form zusammen mit der in ihr bewahrten Tradition, wird zur Autorität dafür, wie Reformation auszusehen hat. Was die Heilige Schrift sagt (über die Kirche und ihre Praxis und Lehren), ist dabei zunächst eher zweitrangig und nicht bestimmend als Programm für Reformation.

In der EC lautet das Formalprinzip eher - sola cultura. Man beobachtet die Kultur sehr genau und zieht aus dieser Phänomenologie Schlüsse für die Reformation der Kirche. Die Prämisse: Kultur ist das reformatorische Prinzip! Es ist die Autorität, die uns sagt, wie wir Kirche zu praktizieren haben. Selbstverständlich müssen wir Kirche anders “tun” in einer postmodernen Zeit und Kultur als im Mitelalter. Auch hier ist nicht die Heilige Schrift ausschlaggebend für das Programm Reformation.

Reformation der Kirche ist gut und ist zu allen Zeiten notwendig gewesen und wir es bleiben, bis der Herr Jesus wiederkommen wird, bis zur Vollendung der Zeiten. Aber wir haben nicht den Luxus, uns unser Formalprinzip selbst auszusuchen. Das Formalprinzip der Reformation, d.h. das Programm für die Veränderung der Kirche Jesu, ist und bleibt die Heilige Schrift. Wenn eine Praxis oder Lehre der Kirche dem Wort Gottes widerspricht, muss sie verändert oder über Bord geworfen werden. Tut sie das nicht, ist auch kein Anlass für Reformation.

So lautet mein Schlussplädoyer: Reformation ja, aber richtig!


  1. Magisteriale Reformation bezeichnet - im Gegensatz zu dem linken Flügel der Reformation, dem Täufertum - die Reformation, wie sie von den Hauptreformatoren Luther, Calvin, Zwingli, etc. teilweise mithilfe der Magistrate (daher “magisterial”) durchgeführt werden konnte.
  2. Dem aufmerksamen Leser von LQ dürfte bereits aufgefallen sein, dass ich in Bezug auf die Kirche zu Rom nicht von der “römisch-katholischen Kirche” spreche, sondern von der römischen Kirche. Und zwar deshalb weil diese “Kirche” (abgesehen davon, dass wir sie gar nicht als wahre Kirche anerkennen können) keineswegs “katholisch” im Sinne von “allumfassend” oder “allgemein christlich” ist, sondern absolut exklusiv und sektiererisch in der Anerkennung bzw Nichtanerkennung anderer kirchlicher Körperschaften. Die “unam, sanctam, catholicam et apostolicam ecclesiam” (eine, heilige, katholische und apostolische Kirche) des nizänischen Glaubensbekenntnisses ist sie keinesfalls. Dies ist vielmehr die wahre Kirche Jesu Christi, die sich überall dort findet, wo sich die drei biblischen Merkmale (notae) der Kirche manifestieren.

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